Kapitel 12

Das Atelier, das mein Hochzeitskleid schneidern sollte, lag im Herzen LAs. Ich war lange durch sämtliche Brautmodengeschäfte gezogen und hatte Unmengen von Kleidern anprobiert, doch keines hatte mir wirklich gefallen. Als ich dies AJ gegenüber erwähnte, hatte er mich erstaunt angesehen und gefragt: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass wir es uns durchaus leisten können, ein Kleid nach deinen Vorstellungen entwerfen zu lassen?“
Vielleicht war dies der Zeitpunkt, an dem ich wirklich verstand, in welchem Reichtum wir eigentlich lebten. AJ verdiente seit seinem achtzehnten Lebensjahr mit seiner Musik nicht gerade wenig und stellte damit natürlich meine Einnahmen von „Spurensuche“ in den Schatten.
Doch so wirklich hatte ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Vielleicht ging ich etwas öfter Klamotten und CDs einkaufen, doch wir fuhren beide keine wirklich großen, teuren Autos, ich kaufte immer noch in einem kleinen Supermarkt in der Nachbarschaft ein und abgesehen von einem kurzen Urlaub auf den Bahamas, der mir tatsächlich wie der pure Luxus vorgekommen war, war unser Haus wahrscheinlich das Einzige, für das wir wirklich viel und unbekümmert Geld ausgegeben hatten.
Genau so verhielt es sich nun mit der Hochzeit und allem, was dazu gehörte. Von Anfang an hatte ich Zahlen, Rechnungen und Kostenvoranschläge im Kopf, bis zu dem Tag, als die Sprache auf mein Hochzeitskleid kam.
AJ war aufgestanden, in sein Büro hinauf gegangen und wenig später mit einem Stapel Konto- und Depotauszügen zurück gekehrt.
Die Zahlen, die darauf ausgewiesen wurden, machten mich beinahe schwindelig und AJ hatte gelacht, als er mein ungläubiges Gesicht gesehen hatte.
„So viel zu deinem Kleid,“ hatte er geschmunzelt und mir ein paar Tage später die Visitenkarte von Emily Stuart in die Hand gedrückt.
Als ich nun vor ihrem Atelier aus dem Auto stieg, mußte ich bei dem Gedanken an unser Gespräch leise schmunzeln. Manchmal benahm ich mich wirklich wie ein einfältiges Schaf.
Emily Stuart war eine kleine, rundliche Frau Ende fünfzig. Ihr braunes, kurzes Haar wurde von blonden Strähnen durchzogen und wirkte immer wie frisch frisiert. Sie trug immer Röcke, die ihr bis zu den Knöcheln reichten, eine dazu passende Bluse darüber und immer hing eine feine Perlenkette um ihren Hals. Das beeindruckenste an ihr waren wohl ihre hellen, grauen Augen, die intelligent hinter einer randlosen Brille funkelten.
Als ich sie das erste Mal aufsuchte, hatte sie mich innerhalb von einer halben Stunde davon überzeugt, dass meine Suche nach dem perfekten Kleid hiermit beendet war. Sie hatte meinen gesamten Körper von oben bis unten peinlich genau vermessen, sich unzählige Notizen und kleine Skizzen von meinen Wünschen gemacht und mir ein paar Wochen später einen ersten Entwurf zugeschickt.
Heute sollte die erste Anprobe stattfinden und angesichts meiner bisherigen, misslungenen Versuche, etwas zu finden was meinen hohen Ansprüchen gerecht werden konnte, schien diese Nervosität durchaus angebracht zu sein.
Als ich den kleine Verkaufsraum betrat, wurde ich sofort von dem Duft nach Lavendel und Vanille eingehüllt. Vom ersten Moment an hatte ich mich hier wohl gefühlt, was nicht zu letzt an dem freundlichen Wesen von Emily lag, die nun aus dem hinteren Teil des Ladens kam und mich freudestrahlend begrüßte.
„Robin, ach wie schön, da sind sie ja. Wie geht es ihnen?“
„Danke gut Emily. Was macht das Kleid?“
„Es ist wunderschön und fast fertig,“ strahlte sie und bedeute mir, ihr nach hinten zu folgen.
Durch einen kleinen Durchgang betraten wir einen großzügigen Raum, der in Creme und Pastell gehalten war. Ausladende Sofas standen an der Stirnseite, ihnen gegenüber verbargen hellgelbe Vorhänge den Eingang in das Allerheiligste: Das eigentliche Atelier, oder auch Werkstatt, wie Emily den hellen, luftigen Raum bezeichnete, in dem sie zusammen mit drei Angestellten die Wünsche und Vorstellungen ihrer Kundschaft in die Realität umsetzte.
Zu meiner Linken standen deckenhohe Spiegel, die Seitenflügel auseinander geklappt und so aufgestellt, dass man sich mühelos von allen Seiten betrachten konnte. Davor konnte man ein Podest über zwei Stufen erreichen. Schon oft hatte ich mir vorgestellt wie es wohl sein mußte dort hinauf zu steigen und wie eine Ballerina auf einer dieser wunderschönen Spieluhren auszusehen. Heute würde ich dieses Gefühl also endlich kennen lernen.
Zu meiner Rechten führte eine Schwingtür in den großzügigen Umkleideraum. Ich folgte Emily, die die Tür dienstbeflissen für mich offen hielt und unvermittelt sah ich mich einem Traum aus cremefarbener Seide gegenüber.
„Oh mein Gott,“ entfuhr es mir und schlug etwas verlegen die Hand vor den Mund.
Mein Kleid wurde im Moment von einer Art Schaufensterpuppe ohne Kopf getragen. Die weiche, kühle Seide fiel sanft bis zum Boden. Am Oberkörper schmiegte es sich eng an den Körper, der Rock war etwas weiter und sah so aus, als würde er wundervoll beim Gehen schwingen. Am Saum konnte ich die kleinen, dunkel schimmernden Perlen erkennen, die sich jeweils in der Mitte der winzigen, schwarzen, aufgestickten Sonnen befanden. Auch die Corsage war auf diese Art verziert und schimmerte in dem sanften Licht, das einige in die Decke eingelassene Strahler spendeten.
„Gefällt es ihnen?“ holte mich Emilys Stimme zurück in die Wirklichkeit.
„Es ist wunderschön,“ hauchte ich.
Emily lächelte. „Sie sollten es erst einmal von hinten sehen.“
Ich folgte ihr um die Schaufensterpuppe herum und blieb dann wieder fasziniert stehen.
Wir hatten uns gegen eine meterlange Schleppe entschieden, da mich diese nur beim Gehen und Tanzen behindert hätte. Stattdessen war der Rock des Kleides hinten etwas länger, so dass er etwa einen halben Meter des Bodens bedeckte. Eine wunderschöne, riesige Sonne, ebenfalls in schwarz, war auch hier aufgestickt und mit kleinen, schimmernden Perlen besetzt. Der Rücken war frei und ich konnte den rauen Stoff sehen, mit dem die Schaufensterpuppe bespannt war, wohl, damit die edlen Stoffe nicht einfach an ihr hinunter rutschten. Zwei schmale Bänder, an deren Ende auch wieder zwei schwarze Perlen befestigt waren und die im Nacken verknotet wurden, sollten das Kleid an ihrem Platz halten.
„Das ist wirklich fantastisch Emily,“ sagte ich. „Genau so, wie ich es mir vorgestellt habe ... nein ... eigentlich noch viel besser.“
„Das freut mich zu hören,“ nickte sie lächelnd. „Der Schleier ist noch in der Werkstatt für die letzten Feinarbeiten, den können wir nachher aber auch gleich anprobieren. Jetzt sollten sie erst einmal in das Kleid schlüpfen.“
In windeseile hatte ich mich ausgezogen und Emily half mir, in das Kleid zu steigen. Es fühlte sich kühl und unglaublich sexy auf meiner Haut an, so dass ich die ganze Zeit mit einem seligen Grisen auf dem Gesicht herum stand, während Emily die Bänder in meinem Nacken zusammenband und hier und da noch etwas herum zupfte.
Dann reichte sie mir Schuhe mit hohen Absätzen.
„Ziehen sie die hier mal an. Sie haben sicherlich ihre eigenen, aber für die Anbrobe tun es diese auch erst einmal.“
Nachdem ich also auch noch in die Schuhe geschlüpft war, führte mich Emily hinaus in den Vorfürraum. Das Kleid raschelte trocken und fühlte sich angenehm steif und gleichzeitig weich auf meinem Körper an. Ich raffte den Rock um nicht aus Versehen darauf zu treten und erklomm die zwei Stufen des Podestes. Oben angekommen lies ich den Stoff vorsichtig sinken und hob dann langsam den Blick.
Eine fremde Frau blickte mir aus den Spiegeln entgegen. Die hohen Schuhe strafften meine Schultern und gaben meiner Haltung etwas majestätisches. Die helle Seide schmiegte sich an meinen Körper, der Rock fiel fließend hinunter bis auf den Boden und die schwarzen Stickereien bildeten einen wunderschönen Kontrast zu der hellen Seide. Als ich mich leicht zur Seite drehte sah ich die kurze Schleppe, die jeder meiner Bewegungen folgte.
Emily trat auf mich zu und betrachtete stirnrunzelnd meine Taille.
„Sie sollten aufhören zu hungern Kind,“ sagte sie in leicht tadelndem Tonfall, dann streifte sie sich ein Nadelkissen über das Handgelenk und begann den überschüssigen Stoff an der Seite zusammen zu heften. „Das letzte Mal, als ich sie gemessen habe, hätten sie noch wunderbar hier hinein gepasst und jetzt sehen sie sich das an. Da muß mindestens ein halber Zentimeter weg.“
„Tut mir leid,“ murmelte ich.
„Ist ja nicht so schlimm,“ sie lächelte bereits wieder „aber ... nun ja ... ich erlebe das recht häufig bei Brautkleidern. Die Braut ist so versessen darauf, möglichst kein Gramm an ihrer Hochzeit zu viel zu wiegen, so dass wir noch mindestens drei Änderungen bis zum großen Tag vornehmen müssen. Dabei haben sie das gar nicht nötig. Sehen sie hier,“ sie kniff mich sanft in die Taille. „Nur noch Haut und Knochen. Wenn sie noch weniger essen, sehen sie bald wie eine Vogelscheuche aus. Wollen sie das?“
„Ehrlich gesagt war das nicht beabsichtigt. Ich habe in letzter Zeit einfach ein bißchen viel Stress.“
„Das kann man wohl laut sagen,“ meldete sich plötzlich eine vertraute Stimme hinter mir und als ich in den Spiegel aufsah, betrat gerade Lucie den Vorführraum.
„Hey,“ begrüßte ich sie strahlend. „Du hast es ja doch noch geschafft.“
„Oh ja. Aber frag nicht. Es war eine ganz schöne Arbeit die Frauen vom Wohltätigkeitskomitee hinaus zu befördern,“ grinste sie und trat dann auf Emily zu.
„Guten Tag, ich bin Lucie Allister. Miss Stuart nehme ich an?“
„Emily, ja,“ nickte Emily und schüttelte Lucies ausgestreckte Hand. „Vielleicht können sie ihre Freundin dazu überreden in nächster Zeit ein bißchen mehr zu essen. Sonst ist an ihr nichts mehr dran, was das Kleid ausfüllen kann.“
Lucie sah stirnrunzelnd zu mir auf. „Emily hat recht Kleines. Du könntest ein bißchen mehr auf den Rippen durchaus vertragen.“
„Wenn ihr mir jetzt auch noch sagt, wie ich das anstellen soll,“ maulte ich und wandte mich wieder meinem Spiegelbild zu. Wieder einmal wurde mir bewußt, wie ausgelaugt und schmal ich aussah. Die eingefallenen Wangen, die Augen, die von dunklen Schatten umrahmt wurden und der blasse Taint machten mich nicht gerade attraktiver.
„Ich lade dich nachher zum Essen ein, das ist doch schon einmal ein Anfang,“ grinste Lucie.
„Oh ja. Hab ich dir eigentlich gesagt, dass Amanda Fields uns Gesellschaft leisten wird?“
„Du hast sie angerufen? Sehr gut! Hach, ich freue mich darauf sie wieder zu sehen. So lange man in den Hochzeitsvorbereitungen steckt kommt sie dir beinahe wie deine beste Freundin vor, aber sobald das große Fest dann vorbei ist, scheint sie wie vom Erdboden verschluckt. Immer Termine, immer im Stress. Ein Wunder, dass sie so schnell Zeit für dich hatte.“
„Sie hat gesagt, ich hätte Glück. Eine ihrer Kundinnen wäre gerade vor einer halben Stunde abgesprungen.“
„Oh, oh. Das klingt, als wäre da eine Hochzeit geplatzt.“
„Ich habe keine Ahnung, aber ... nun ja ... des einen Pech des anderen Glück, oder wie heißt das?“
Wir kicherten, während Emily stillschweigend ettliche Nadeln in mein Kleid steckte, hier noch etwas herum zupfte, dort mit einem kritischen Blick die Nähte überprüfte und in einer komplett anderen Welt zu sein schien.
„Jetzt lass dich erst einmal richtig ansehen,“ sagte Lucie, trat noch einen Schritt näher, während ich mich herum drehte und mich von ihr gebührend mustern lies. „Wow Robin, das ist einfach umwerfend,“ sagte sie schließlich mit glänzenden Augen. „Das mit den schwarzen Sonnen und den Perlen ... etwas ausgefallen, aber ... Gott, das ist so wundervoll. AJ wird Augen machen.“
„Meinst du wirklich?“ fragte ich etwas verlegen. Als Emily und ich die Entwürfe besprachen war mir die Idee mit den schwarzen Sonnen noch unglaublich romantisch erschienen. Ich wollte dazu den Schmuck tragen, den AJ mir damals zu meinem Geburtstag und Weihnachten geschenkt hatte. Dieses Kleid war sozusagen das Verbindungsstück von unserer Vergangenheit zur Zukunft. Doch nachdem Emily die Arbeit aufgenommen hatte, hatte ich mehr als genug Zeit gehabt, noch einmal über meine Idee nachzudenken und je länger es dauerte um so unsicherer war ich geworden.
Das Ergebnis nun live und in Frabe zu sehen machte mich unheimlich glücklich und bestärkte mich darin, das Richtige getan zu haben. Trotzdem war es mir unglaublich wichtig, das auch andere meine Meinung teilten.
„Es ist fantastisch,“ wiederholte Lucie. „Es passt zu dir und AJ. Vor allen Dingen zu AJ. Der Hauch des Außergewöhnlichen hat ihn schon immer umweht und jetzt bekommt er die perfekte Braut dazu.“
„Das hast du schön gesagt,“ grinste ich. Der Hauch des Außergewöhnlichen. Ja, das gefiel mir.
Lucie nickte noch einmal, dann entledigte sie sich ihrer Jacke und der Handtasche, die sie einfach auf eines der Sofas warf, und sah sich dann suchend um. „Kein Champagner?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
Emilys Kopf ruckte nach oben, doch statt, wie ich erwartete, Lucies unverschämten Kommentar zu rügen, huschte ihr Blick zu einem kleinen Beistelltisch neben dem Sofa. „Also das ist doch ... ,“ murmelte sie, entschuldigte sich und verschwand durch den Vorhang in ihre Werkstatt. Gleich darauf kehrte sie mit einem Sektkühler und zwei Gläsern zurück.
„Verzeihen sie bitte. Meine Angestellte hat da wohl etwas übersehen,“ und sie wirkte dabei beinahe unterwürfig.
„Aber das macht doch .... ,“ setzte ich an, doch Lucie unterbrach mich. „Ja, ja. Man bekommt heutzutage nur noch selten gutes Personal. Fragen sie nicht die wievielte Putzfrau ich in diesem Jahr schon eingestellt habe.“
Lucie griff nach der Flasche und bedeutete Emily damit, dass sie sich selbst um das Öffnen kümmern würde.
Wenig später drückte sie mir ein gefülltes Glas mit perlendem Champagner in die Hand. „Auf die Braut,“ verkündete sie. „Auf das du ewig mit deinem Traumprinzen glücklich sein wirst.“
Wir stießen an und ich nahm einen kleinen Schluck. Champagner um diese Uhrzeit und das, wo ich doch AJ zu Liebe normaler Weise keinen Alkohol anrührte. Ich mußte also vorsichtig sein. Doch Lucie schien sich da weniger Gedanken zu machen. Sie leerte ihr Glas mit einem Zug bis zur Hälfte und schenkte sich gleich noch etwas nach.
Mein Blick kehrte zurück zu der fremden Gestalt im Spiegel. Was AJ wohl sagen würde, wenn er mich so sah? Ein leises Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
Er würde es lieben, da war ich mir sicher.
Ungewollt schob sich Tammy in meine Gedanken.
Wenn er bis zur Hochzeit überhaupt noch bei mir war.
Das Lächeln verflüchtigte sich.
Verdammt! Wie hatte sie es nur geschafft mir mit ein paar wenigen Sätzen schon jetzt die Hochzeit zu vermiesen?

Kapitel 13