Kapitel 11

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, wußte ich bereits, das AJ nicht mehr neben mir lag. Als ich den Kopf drehte war seine Bettseite zerwühlt, das Kopfkissen zerknautscht und die Laken kalt unter meinen Fingern. Ich seufzte leise. So würde es die nächste Zeit wohl jeden Morgen sein. Er stahl sich im Morgengrauen zu seinen Bandmitgliedern und den Studioaufnahmen davon und ich hatte die Planung der Hochzeit vor mir.
Ich hatte mich in der letzten Nacht dazu durchgerungen, die Weddingplanerin Amanda Fields anzurufen. Es konnte nicht schaden, wenn ich in nächster Zeit ein bißchen mehr Zeit mit AJ, Lenny und auch Tammy verbrachte. Einmal ganz abgesehen davon, dass ich Angst hatte, irgendetwas wichtiges zu vergessen und somit unseren großen Tag zu ruinieren.
Als ich wenig später geduscht und einigermaßen wach in die Küche hinunter kam, saß lediglich Lenny am Tisch, vor sich ein aufgeschlagenes Comic, um ihn herum die Reste von benutztem Frühstücksgeschirr, Brotkrümeln und Saftgläsern.
„Guten Morgen,“ sagte ich und bediente mich ersteinmal von der Thermoskanne mit Kaffee, bevor ich mich zu ihm setzte.
„Guten Morgen,“ entgegente er lächelnd, legte sein Comic beiseite und musterte mich aufmerksam. „Wie geht es dir?“
„Ganz gut eigentlich. Wo ist Tammy?“
„Sie ist mit AJ gefahren. Sie wollte wohl den Jungs Hallo sagen.“
„Sie ist ... ,“ meine Hand, die die Kaffeetasse umkrampfte, hielt Zentimeter vor meinem Mund inne und ich sah Lenny sprachlos an.
„Ja. Sie kam heute Morgen runter und hat ihn gefragt, ob er sie mitnimmt.“
„Und er hat ja gesagt?“
Lenny nickte.
„Aha.“ Mein Magen krampfte sich zusammen und mein Herzschlag beschleunigte sich. Sie überließ scheinbar nichts dem Zufall.
„Hey,“ sagte Lenny sanft. „Jetzt mach dir doch keine Sorgen. AJ weiß was er an dir hat.“
„Das mag ja sein, aber ich traue ihr nicht über den Weg.“
Lenny schwieg und begann mit dem Zeigefinger einige Brotkrümel aufzusammeln, die er danach feinsäuberlich in seinen Teller fallen lies.
„Es tut mir übrigens leid wegen gestern,“ sagte er schließlich.
„Was genau meinst du?“ fragte ich zurück.
„Das ich dir nicht geglaubt habe. Ich meine ... wenn man mal genauer darüber nachdenkt, wäre es Tammy durchaus zuzutrauen, dass sie sich so etwas ... unvernünftiges in den Kopf setzt.“
„Nun ja. Es zeigt wohl ganz deutlich, wie weit wir uns voneinander entfernt haben,“ entgegnete ich traurig.
„Denkst du das wirklich?“ fragte Lenny ganz ruhig.
Ich zuckte mit den Schultern. „Du hast einfach im letzten Jahr sehr viel Zeit mit ihr verbracht. Ich denke, da ist es wohl ganz normal, dass du ihr eher glaubst als mir.“
„Auf jeden Fall zeigt mir deine Aussage, dass du nicht ganz unrecht zu haben scheinst, wenn du so etwas von mir denkst. Wieso sollte ich ihr eher glauben, nur weil ich sie öfter gesehen habe? Du und ich, wir sind Freunde und daran hat sich nichts geändert. Ich war für sie da, ja. Aber ... das ändert in meinen Augen nichts zwischen uns.“
Ich zuckte erneut mit den Schultern.
„Du hast dich verändert,“ sagte er und verwundert sah ich zu ihm auf. „Wo ist dein Elan hin? Deine Begeisterung? Deine Stärke? Schau dich an. Du sitzt hier wie ein Häufchen Elend, vermutest überall um dich herum irgendwelche Angreifer die dir böses wollen und haderst mit deinem Schicksal.“
„Du mußt aber zugeben, dass Tammys Aktion nicht unbedingt normal ist.“
„Na und? Dann wirf sie raus, oder lass sie hier und kämpfe um deinen Mann. Wie auch immer ... tu irgendetwas, anstatt hier zu sitzen und dich selbst zu bemitleiden.“
„Siehst du mich so? Das klingt ja grässlich!“
Lenny schmunzelte. „Naja ... sagen wir es mal so ... im Moment scheinst du ziemlich durch den Wind zu sein, was ich ja irgendwie auch verstehen kann, aber vielleicht ... ich weiß auch nicht ... du brauchst dringend eine Beschäftigung. Etwas, auf das du stolz sein kannst. Etwas, was dir dein Selbstwertgefühl zurück gibt. Du kannst doch nicht tagein, tagaus hier sitzen und dein gesamtes Leben auf AJ ausrichten.“
„Aber das tue ich doch garnicht!“ Widersprach ich heftig. Tammys Worte von gestern Nacht fielen mir wieder ein. Konnte es sein, dass es in meinem Leben wirklich nichts mehr gab außer AJ? Dieser Gedanke erschreckte mich zutiefst.
„So, tust du nicht? Was machst du denn den ganzen Tag? Klar, im Moment bist du mit der Hochzeit beschäftigt, aber ... wann hast du das letzte Mal deinen Laptop eingeschaltet? Wann hast du wenigstens versucht, wieder etwas zu schreiben?“
„Im Moment geht das einfach nicht. Ich kann mich nicht konzentrieren. Alles was ich anfange wird Mist.“
„Aber du versuchst es doch noch nicht einmal. Seit neun Monaten bist du jetzt hier und hast kein Wort geschrieben, stimmts?“
„Doch, am Anfang schon,“ murmelte ich.
„Und wie lange ist das jetzt her?“
„Keine Ahnung. Sieben Monate?“
„Sieben Monate? Robin, das ist ja schlimmer, als ich dachte!“ Lenny schien ehrlich entsetzt.
„Ach komm’ schon. Das ist doch nicht der Weltuntergang,“ ereiferte ich mich. „Jeder braucht mal ne kleine Schaffenspause um sich wieder auf das zu besinnen, was ihm wichtig ist.“
„Das streite ich doch gar nicht ab. Aber ohne deine Schreiberei bist du nur ein halber Mensch. Das weiß ich, das weiß AJ und das weiß auch Tammy. Ich denke einfach, dass es dir gut tun würde. Es könnte dich ein bißchen von den Gedanken ablenken, die du dir wegen AJ und Tam machst und es ... keine Ahnung ... es würde dich wieder vollkommen machen.“
Ich sah Lenny lange an. Seine ausdrucksstarken, großen Augen, die meinen Blick liebevoll erwiderten, die Sommersprossen auf seiner Nase, die mir so vertraut waren und sein Lächeln, das jetzt langsam auf seinen Gesichtszügen erschien.
„Hör zu. Ich verlange doch nichts unmögliches von dir. Keiner stellt irgendwelche Erwartungen an dich. Setz dich einfach hin, tipp ein bißchen und schau, was dabei heraus kommt. So wie früher. Und wenn es dir nur dabei hilft, die Sache mit Tam irgendwie auf die Reihe zu bekommen.“
Es war, als hätte er mir ein dunkles Tuch von meinen Augen gezogen. Ich sah plötzlich ganz klar und spürte die Sehnsucht, die ich so lange in mir vergraben hatte.
Das Schreiben war einmal mein Lebensinhalt gewesen. Es verging damals kein Tag, an dem ich nicht irgendwelche Wörter vor mich hin tippte, egal ob dabei nun etwas sinnvolles heraus kam oder auch nicht. Mich beruhigte alleine schon der Prozess vor einer leeren Seite zu sitzen und sie ganz langsam mit Wörtern, Gedanken und Geschichten zu füllen.
Doch seit ich hier in LA lebte, waren immer andere Dinge wichtiger gewesen: Das Einrichten des Hauses, das Zusammenleben mit AJ, die Hochzeitsvorbereitungen, die Sorgen um Tam. Die Schreiberei hatte ich in den hintersten Winkel meines Denkens verbannt. Wie ein Hobby, das man mal eben für eine Weile vernachlässigte, weil dafür keine Zeit blieb. Doch das Schreiben war für mich mehr. Viel mehr.
„Du hast recht,“ nickte ich langsam.
„Ich weiß,“ grinste Lenny breit.
„Und das ist furchtbar,“ schmunzelte ich.
„Auch das weiß ich.“ Nun lachte er.
„Gut. Nachdem wir das jetzt geklärt haben ... ,“
„Noch nicht ganz,“ unterbrach er mich. „Du denkst also immer noch, wir hätten uns voneinander entfernt?“
„Ich weiß es nicht Lenny. Im Moment ... ist es fast so wie früher, aber gestern ... es hat mir weh getan, dass du mir nicht geglaubt hast.“
„Und du meinst, das wäre früher nicht vorgekommen? Ich meine ... das klingt ja fast so, als hätte ich früher keinen eigenen Willen gehabt und dir immer recht gegeben. Du weißt, dass es so nicht war.“
„Das stimmt schon ... aber in diesem Fall stand Aussage gegen Aussage und mir kam es so vor, als hättest du ohne darüber nachzudenken ihre Partei ergriffen.“
„Das war aber nicht „ohne darüber nachzudenken“, so weit solltest du mich doch kennen. Und sei doch mal ehrlich: Es ist schon schwer vorstellbar, dass Tammy dir direkt ins Gesicht sagt, dass sie AJ wieder haben will. Dass sie sich Gedanken darüber macht bestreite ich ja gar nicht, aber was bringt es ihr, dass du weißt, was sie vor hat? Das ist nicht logisch.“
„Tammy ist immer noch verletzt. Außerdem ... sie hat genau das erreicht, was sie wollte. AJ und ich haben uns gestritten. Du und ich haben uns gestritten. Ich bekomme Herzflattern, wenn sie ihm auch nur zu nahe kommt und ich könnte AJ im Moment erwürgen, dass er sie so einfach ins Studio mitgenommen hat, obwohl er genau weiß, dass mich das fertig macht. Könnte es in ihren Augen besser laufen?“
„Wohl kaum,“ gab Lenny zu.
„Ich glaube, sie hat sich ganz genau überlegt, was und wie sie es tut und vielleicht war ihr klar, dass sie mich so am ehesten ... verunsichert. Denn im Endeffekt hat sie nur die Möglichkeit AJ von mir zu trennen, wenn er mich nicht mehr will und wie könnte man das besser hinbekommen, als mich mit ihrer Kampfansage so sehr zu erschüttern, dass ich die nächste Zeit unausstehlich AJ gegenüber werde.“
„Irgendwie fällt es mir immer noch schwer, ihr so viel Berechnung zu unterstellen.“
„Wie auch immer,“ ich zuckte mit den Schultern. „Fakt ist, dass ich in nächster Zeit gezwungen bin, mit ihr auszukommen und ich noch keine Ahnung habe, wie ich das anstellen soll.“
„Lass es einfach auf dich zukommen,“ riet Lenny.
„Ja, ich habe wohl keine andere Wahl.“
„Du kannst AJ vertrauen. Er liebt dich. Das mit Tammy ist vorbei.“
„Ja, das hoffe ich.“
„Du weißt es,“ entgegnete Lenny mit Nachdruck.
„Ja, ich weiß es,“ nickte ich lächelnd.
„So gefälltst du mir schon viel besser,“ grinste er.
„Hm,“ nickte ich.
Lenny stand auf, drückte mir kurz die Schulter und schenkte sich dann noch etwas Kaffe nach.
„Was hast du denn heute so vor?“ fragte er, während er sich wieder zu mir setzte.
„Ich will diese Weddingplanerin anrufen, die Lucie mir empfohlen hat.“
„Jetzt doch?“ fragte Lenny erstaunt.
„Ja, ich denke, es kann nicht schaden, wenn mir ein wenig Arbeit abgenommen wird. Außerdem habe ich heute die erste Anprobe für mein Hochzeitskleid und ich bin schon total gespannt,“ grinste ich.
„Gott, ich kann mir das noch gar nicht wirklich vorstellen. Wetten ich werde heulen wie ein Schlosshund, wenn ihr euch das Ja-Wort gebt?“
„Na, da bestehe ich aber drauf!“ lachte ich.
„Dürfte kein Problem sein,“ grinste Lenny.
„Möchtest du mitkommen?“ fragte ich ihn.
„Zur Anprobe?“
„Hm. Ich könnte eine unabhängige Meinung gebrauchen.“
„Ähm ... um ehrlich zu sein ... ich glaube nicht, dass ich dir da eine große Hilfe bin. Mit Brautkleidern kenne ich mich nicht besonders gut aus und einen Nachmittag zwischen Tüllbergen und aufgeregten Frauen zu verbringen, entspricht nicht unbedingt meiner Vorstellung von einem angenehmen Tag. Wieso rufst du nicht Lucie an? Die hätte sicherlich viel Spaß bei sowas und außerdem hat sie bereits Erfahrunge mit drei eigenen Brautkleidern gesammelt,“ grinste er.
„Ja, vielleicht hast du recht,“ nickte ich ein bißchen enttäuscht.
„Wirklich Robin, ich würde dir nur im Weg herum stehen.“
„Ist schon in Ordnung. Die Idee mit Lucie dort hin zu gehen gefällt mir.“
„Das ist gut.“
„Ich habe sie gestern Abend getroffen, als ich ... nun ja ... von hier geflüchtet bin.“
„Sie ist nett, nicht wahr?“
„Ja ... wobei ... nett ist, glaube ich, nicht der richtige Ausdruck für sie.“
„Sondern?“
„Uhm ... mir fällt im Zusammenhang mit ihr immer der Begriff „Kugelblitz“ ein, frag mich nicht warum.“
Lenny lachte. „Kugelblitz klingt gut.“
„Ja, finde ich auch,“ grinste ich.
„Und wann wirst du dich wieder ans Schreiben machen?“
„Mal sehen. Vielleicht heute Abend. Ich brauche dafür Ruhe.“
„Das ist in Ordnung, denke ich.“
„Denkst du?“ frage ich mich hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja, denke ich,“ grinste Lenny.
„Na, dann ist ja gut.“
„Eben. Sag ich doch.“

Kapitel 12