Kapitel 10
Der Wagen fand seinen Weg von ganz alleine durch die Nacht, während ich hinter dem Steuer saß und aufgebraucht vor mich hin fluchte. Inzwischen wußte ich nicht, auf wen ich mehr wütend war: Auf Tammy, weil sie sich so unverschämt benahm oder auf AJ, dem es scheinbar komplett egal war was ich dachte und fühlte.
Zu allem Überfluss war die einzige CD, die sich in meinem Auto finden lies, ein altes Album von City High und während die traurige Stimme von Ryan Toby mit Why should we screw, if we can get along den dunklen Innenraum des Wagens ausfüllte, fühlte ich, wie meine Wut langsam verrauchte und einer unbestimmten Traurigkeit Platz machte.
Wie hatte Tam so schön gesagt? Dein schönes, perfektes Leben ist hiermit vorbei. Ich wollte nicht, dass sie recht behielt, ich wollte diese dunkle Wolke über meinem Kopf nicht ertragen müssen und ich wollte um nichts auf der Welt, dass AJ sich zu fragen begann, ob er sich tatsächlich die richtige Schwester zum Heiraten ausgesucht hatte.
Nach einer Weile, in der ich ziellos durch die Stadt kurvte, lenkte ich den Austin schließlich auf einen Parkplatz vor einem der zahlreichen Cafes, die die Hauptstraße säumten.
Ich brauchte einen starken Kaffee, eine Zigarette und ganz dringend andere Musik. So war es auch mein Ohr, das mich schließlich in eines der Lokale dirigierte. Aus den Lautsprecherboxen drangen beruhigende Jazz-Klänge, im Inneren war es angenehm dunkel, bequem aussehende Ledersofas und Sessel umstanden niedrige, quadratische Tische und der Schein von flackernden Kerzen in Windlichtern lies mich langsam ruhiger werden.
Mit dem Rauchen hatte ich vor einer ganzen Weile aufgehört, aber heute war mir das herzlich egal. Ich bestellt bei der freundlichen Kellnerin einen großen Milchkaffee, eine Schachtel Lucky Strike und Streichhölzer und lehnte mich dann in die weichen Polster zurück.
Wie hatte mir diese ganze Situation nur so entgleiten können? Eben war meine Welt noch perfekt und harmonisch gewesen und kaum war Tammy aufgetaucht herrschte das totale Chaos. Lenny glaubte mir nicht mehr, in Tammys Augen war ich sowieso der Feind und mit AJ hatte ich mich auch gestritten.
Ich wußte, dass es ihm nicht passte, wenn ich einfach so davon lief, doch manchmal konnte ich nicht anders. Ich hatte das Gefühl, in eine Ecke gedrängt zu werden, meine Worte schienen ihn nicht zu erreichen und alles was ich in diesem Moment wollte war ihn anzuschreien, zu schütteln, oder noch schlimmer, ihm weh zu tun. Ich wußte mir dann keinen anderen Ausweg mehr als zu verschwinden, eine Zeit lang tief durch zu atmen um danach reumütig zurück zu kehren. Allerdings war ich mir nicht ganz sicher, ob das heute auch wieder so sein würde.
Klar, zurück mußte und wollte ich, aber ob dabei auch nur die Spur von Reue zu spüren sein würde, bezweifelte ich doch stark.
Die Bedienung brachte meinen Kaffee und einen kleinen Teller auf dem die bereits geöffnete Schachtel Zigaretten und die Streichhölzer lagen. Vorsichtig zog ich einen der Glimmstengel hervor, riss ein Streichholz an und führte es an die Zigarettenspitze. Ich schloss die Augen, als der Rauch brennend und angenehm kratzig in meine Lungen strömte. Für einen winzigen Moment meldete sich mein schlechtes Gewissen. Ich hatte es bis hier her auch ohne Nikotin geschafft und doch spürte ich eine unbändige Befriedigung, als ich erneut an der Zigarette zog.
In solchen Momenten versuchte ich mir immer vorzustellen, wie AJ wohl mit seiner Alkoholsucht umging. Er konnte nicht einfach mal einen kleinen Schluck nehmen um sich an den leckeren Geschmack und das angenehme Gefühl zu erinnern. Es war eine Sucht, die ihn an den Rand eines Abgrunds geführt hatte und er würde für den Rest seines Lebens nicht sehr weit davon entlang gehen. Eine seltsame Vorstellung.
Robin? Robin Duncan? Ich fasse es ja nicht!
Irritiert blickte ich auf und sah eine strahlende Lucie vor meinem Tisch stehen. In der Hand hielt sie ein Longdrinkglas, ihre schlanke Gestalt steckte in hautengen Jeans und einem ebenso engen Top und ein Glorienschein aus feuerroten Locken umrahmte ihr Gesicht.
Hey Lucie, begrüßte ich sie und hoffte, dass man mir meine fehlende Begeisterung nicht all zu deutlich anhörte.
Darf ich mich zu dir setzen? fragte sie, während sie sich bereits in den ledernen Sessel zu meiner Linken nieder lies.
Klar, sagte ich etwas verspätet und kramte bereits in meinem Kopf nach einer guten Ausrede um hier schnellstens wieder verschwinden zu können.
Ist AJ auch hier? fragte sie lächelnd, was ich mit einem Kopfschütteln beantwortete.
Ach, verstehe. Ein bißchen Abstand tut jedem mal gut.
Hm, klar. In der Welt von Lucie war das vielleicht so. In meiner verhieß Abstand nichts wirklich Gutes.
Wie geht es dir? fragte sie weiter und nahm einen Schluck aus ihrem Glas.
Bestens, gab ich zurück und griff ebenfalls nach meiner Kaffeetasse. Nur schnell austrinken und dann nichts wie weg.
Du siehst aber nicht danach aus, stellte sie fest und musterte mich aufmerksam.
Ach, nur ein bißchen Stress wegen den Hochzeitsvorbereitungen, du weißt ja wie das ist, entgegnete ich lahm.
Oh ja, das weiß ich. Wie geht es deiner Schwester? Und Lenny? Sie sind beide wirklich reizend.
Uhm ... , nickte ich und wußte dann nicht, was ich sagen sollte.
Ist wirklich alles in Ordnung? fragte sie mich noch einmal, nachdem offensichtlich war, dass ich nicht wirklich zum Reden aufgelegt war.
Ach ... , ich schüttelte den Kopf. Im Moment ... ist alles etwas schwierig.
Was ist schwierig?
Ich blickte zu ihr hinüber. Ich wußte nicht warum, aber eigentlich erwartete ich so etwas wie Sensationslust auf ihrem Gesicht zu sehen. Das war es doch, worum es in dieser Welt ging: Man mußte unbedingt jemanden finden, dem es noch schlechter ging als einem selbst.
Doch sie wirkte auf eine wohltuende Art interessiert und auch ein wenig mitfühlend und wahrscheinlich war es dieser Gesichtsausdruck, der mich ohne darüber nachzudenken weiter reden lies. Meine Schwester hat mir heute eröffnet, dass sie AJ zurück haben will. Und er ... nun ja ... ich hätte mir wohl gewünscht, dass er sich riesig darüber aufregt und sie ohne weiter zu fragen aus dem Haus wirft.
Was hat er stattdessen getan?
Er hat mir versucht zu erklären, dass es ihm egal ist, was Tam will und dass er nur mich liebt, sie aber nicht rauswerfen will, weil er sich dann Sorgen um ihr Wohlergehen macht.
Ist es denn so? Ich meine ... muß man sich Sorgen um sie machen?
Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte jetzt ein ganzes Jahr lang überhaupt keinen Kontakt zu ihr. Das letzte Mal als wir uns sahen, hat AJ ihr verkündet, dass er lieber mit mir zusammen sein will und sie hat entsprechend reagiert.
Sie ist ausgeflippt, stellte Lucie fest.
Und das ist noch milde ausgedrückt, bestätigte ich.
Sie kann einem fast leid tun, sinnierte Lucie und ich seufzte.
Klar, gab ich lediglich zurück und fischte eine neue Zigarette aus der Schachtel.
Was nicht heißen soll, dass sie das Recht hat in euer Haus zu kommen und solche Sachen zu sagen. Ich hätte sie auch sofort hinaus geworfen, da kannst du aber Gift drauf nehmen!
Wirklich? Es war beinahe unheimlich wie glücklich ich darüber war, dass endlich mal jemand auf meiner Seite stand.
Natürlich! Hallo? Das ist das unverschämteste, was ich seit langem gehört habe. Du solltest schnellstens nach Hause fahren und ihr einen Tritt in ihren süßen Knackarsch verpassen.
Ich seufzte erneut. Das ist nicht so einfach.
Weil?
Weil AJ nicht möchte, dass sie geht.
Findest du nicht, dass es sowohl deine wie seine Entscheidung ist? Im Grunde eigentlich nur deine. Er mag sich ja geschmeichelt fühlen, aber dir tut sie damit weh.
Ja, ich weiß. Aber ... ich weiß auch nicht ... manchmal scheint es mir unmöglich etwas zu tun von dem ich weiß, dass es ihm überhaupt nicht passt. Ich will nicht, dass er sich Sorgen um sie macht, aber ich will auch nicht, dass sie weiterhin bei uns wohnt und mir damit das Leben zur Hölle macht.
Du solltest anfangen ein bißchen egoistischer zu werden, sonst gehst du unter, sagte Lucie bestimmt und legte eine Hand auf meinen Arm. Glaub mir, du wirst es bereuen, wenn du jetzt nicht handelst. Du wirst dich immer fragen, was die beiden wohl gerade machen wenn du nicht da bist und ob AJ dir wirklich treu ist.
Er ist mir treu, dafür lege ich meine Hand ins Feuer! gab ich etwas heftiger als beabsichtigt zurück und entzog ihr meinen Arm.
Hm ... und warum dann der Aufstand? fragte sie sanft.
Weil ... weil ... weil es unmöglich ist, wie sie sich aufführt. Weil man so etwas einfach nicht macht und weil ich ihr nicht über den Weg traue.
Gut, ist angekommen. Du hast also zwei Möglichkeiten: Entweder, du schmeißt sie raus und riskierst damit, dass AJ damit nicht einverstanden ist und der Haussegen bis zur Hochzeit ein bißchen schief hängt, oder du lässt sie da wo sie ist und ignorierst sie in Zukunft, was eventuell ins Auge gehen könnte.
Ich weiß, sagte ich gequält.
Also wenn du mich fragst ... schmeiß sie raus. Sofort. Glaub mir, danach kannst du ganz bestimmt besser schlafen.
Ich schüttelte den Kopf. Was für ein Chaos.
Weißt du, sagte ich dann das Schlimme an der Sache ist, dass ich so unglaublich glücklich war, dass sie wieder da ist. Ich ... ich hatte sie so sehr vermisst. Jahrelang haben wir zusammen gelebt, alles miteinander geteilt. Sie war immer da für mich und hat mich sogar finanziell unterstützt als das mit der Schreiberei noch nicht so lief. Sie hat alles für mich getan und irgendwie ... ich weiß, dass sie hinaus zu werfen die einzige, richtige Entscheidung wäre, aber ein anderer, kleinerer Teil in meinem Hirn sagt mir auch, dass ich es nicht tun sollte. Sie ist meine Schwester und ich liebe sie. Trotz allem. Verrückt oder?
Hochgradig verrückt, stimmte Lucie mir nickend zu.
Tja, so bin ich wohl. Total verrückt, nicht egoistisch genug und zu ... nett ... irgendwie.
Ja, das stimmt wohl. Aber wichtig ist doch nur, dass du dich mit deiner Entscheidung wohl fühlst. Wenn sie bleibt, machst du AJ und sie glücklich, wenn sie geht nur dich. Deine Entscheidung. Zur Bekräftigung breitete sie die Arme aus.
Ich nickte langsam. Ich muß darüber nachdenken.
In Ordnung. Vielleicht möchtest du mir bis dahin erzählen, was deine Hochzeitsvorbereitungen machen?
Ich war so unglaublich dankbar für diese Art von Ablenkung, dass ich die nächste Zeit nicht aufhörte zu reden. Ich berichtete über Kleideranproben, Hochzeitstorten, Hochzeitsessen, Blumengestecken, Einladungen, Brautjungfernkleider und je mehr ich erzählte, um so mehr schien mir die Sache über den Kopf zu wachsen.
Ruf Amanda an, meinte Lucie zum Schluß grinsend. Es ist noch nicht zu spät. Sie kann dir ganz sicher einiges abnehmen. Und du hättest mehr Zeit mit AJ und deiner Schwester. Vielleicht hilft es ja, wenn sie sieht, dass ihr ein glückliches Paar seid und euch nichts auseinander bringen kann. Eine gestresste Braut passt da nicht so ganz ins Konzept.
Vielleicht hast du recht, gab ich zu, auch wenn mir die Vorstellung nicht sonderlich behagte die Planung und Organisation meiner unserer Hochzeit aus den Händen zu geben. Aber so wie es aussah hatte ich kaum eine andere Wahl.
Ich habe immer recht, lachte Lucie, dann deutete sie auf meine inzwischen leere Kaffeetasse. Noch einen?
Nein. Sei mir nicht böse, aber ich glaube, ich sollte nach Hause fahren.
Klar, tu das. Und sei nicht so streng mit AJ. Er ist eben der Meinung es immer allen und jedem Recht machen zu müssen. Er hasst Konfrontationen. Die pure Harmoniesucht, wenn du mich fragst. Und mit dir hat er sich wohl das gleiche Kaliber an Land gezogen.
Sieht ganz so aus, nickte ich grinsend.
Wenn du mal jemanden brauchst, der sich für dich in die Schlacht wirft, dann ruf mich an. Ich streite mich ganz gerne, lachte sie.
Ich werde es mir merken.
Ich stand auf, verstaute die Schachtel Zigaretten in meiner Hosentasche und legte zehn Dollar auf den Tisch.
Es war auf jeden Fall schön dich zu sehen und näher kennen zu lernen, sagte Lucie zum Abschied.
Fand ich auch, entgegnete ich und war erstaunt, das dies die volle Wahrheit war.
Ruf mich doch demnächst einmal an. Wir könnten zusammen zu Mittag essen und über die Männer herziehen.
Vielleicht mache ich das wirklich. Aber ich muß dich warnen: Wahrscheinlich hast du bald keine Lust mehr auf so ein Weichei wie mich.
Sie lachte und warf dabei den Kopf in den Nacken. Wir werden sehen wer hier wen zu erst fertig macht.
In Ordnung. Also dann bis bald?
Ja bis bald.
Wir umarmten uns, dann wandte ich mich dem Ausgang zu. Als ich schließlich wieder im Auto saß lächelte ich immer noch vor mich hin. Irgendwie hatte es gut getan mit ihr zu reden. Sie war so direkt, sagte was sie dachte und war dabei immer bemüht fair zu bleiben. Und sie schien AJ ziemlich gut zu kennen, was es für mich irgendwie einfacher machte.
Mit etwas leichterem Herzen fuhr ich durch die Nacht nach Hause in banger Erwartung, was dort wohl auf mich zukam.
Als ich die Haustür aufschloss, erwartete mich gespenstige Ruhe. Das Haus lag weitgehend im Dunkeln, nur im Wohnzimmer brannte eine Stehlampe und lies undeutliche Schemen aus der Dunkelheit auftauchen. Ob AJ schon im Bett war? Mit Tammy? Setzte eine biestige Stimme in meinem Kopf sofort hinzu und ich vertrieb sie mit einem ungehaltenen Kopfschütteln. Das würde er nicht wagen.
Ich hängte meine Jacke an die Garderobe und blieb einen Moment unschlüssig stehen. Unvermittelt drang ein Lachen an mein Ohr.
Tammy.
Im Keller.
Ganz eindeutig.
Langsam stieg ich die Holzstufen hinunter, schlich den kurzen Flur entlang und blieb dann vor der halb geöffneten Tür zum Studio stehen.
Es war auf jeden Fall die Show des Jahrhunderts, hörte ich Tammy kichern.
Oh ja. Und er hat dabei auch noch so verkniffen ausgesehen. Als hätte er einen Besenstil verschluckt, entgegnete AJ und sie lachten gemeinsam.
Ein schmerzhaftes Ziehen machte sich in meiner Magengegend breit und unfähig zu den beiden hinein zu gehen, lehnte ich mich neben der Tür an die Wand und lauschte.
Ja, es waren schon seltsame Zeiten damals, hörte ich Tammy sagen und sie klang dabei ziemlich wehmütig.
Das kannst du laut sagen.
Fehlt es dir nicht manchmal? Ich meine ... der Hausmann passt so gar nicht zu dir.
Findest du? Ehrlich gesagt fühle ich mich damit mehr als wohl. Ich habe endlich den Platz gefunden, wo ich hingehöre.
Trotzdem freust du dich auf die Aufnahmen und die Tour, also kann es so perfekt wohl auch nicht sein, oder?
Das eine hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun, widersprach AJ. Die Musik ist mein Job, den ich über alles liebe. Aber davor und vor allem anderen kommt Robin.
Du würdest deinen Job für sie aufgeben? fragte Tammy skeptisch.
Wenn sie das von mir verlangen würde, wäre sie nicht mehr die Robin, die ich liebe. Also muß ich diese Frage wohl mit einem nein beantworten.
Was glaubst du, hält sie von der Tour und dass du so lange weg sein wirst? fragte Tammy weiter.
Ich glaube, sie hat ein bißchen Angst davor, hörte ich AJ leise sagen. Seit wir zusammen sind, war ich eigentlich immer zu Hause, mal von ein paar kurzen Wochenenden abgesehen. Es wird eine ganz schön große Umstellung für sie werden. Aber ich bin mir sicher, dass sie damit gut zurecht kommt. Immerhin kann sie mich auch jederzeit besuchen, wenn wir uns zu sehr vermissen.
Sie hat noch nicht wieder mit dem Schreiben angefangen, oder?
Nein.
Beunruhigt dich das?
Inwiefern?
Naja ... ich frage mich, was ihr Lebensinhalt ist, außer dir natürlich. Ist es nicht seltsam, dass sie ihr ganzes Leben nur auf dich ausrichtet? Keine Freunde, kein Job, kein Ausgleich. Ich stelle mir das anstrengend vor.
Anstrengend? Für mich?
Ja. Ich meine ...,
Nein, unterbrach er sie. Es tut mir leid für sie, weil ich glaube, dass ihr das Schreiben sehr fehlt, aber ... wie soll ich das sagen ... ihre Aufmerksamkeit tut mir gut. Ich ... ich glaube, ich habe sehr lange nach so einem Menschen gesucht. Jemand, für den ich das Wichtigste bin und nicht nur irgendein Mann, der zufällig ganz gut in das eigene Leben passt.
So wie bei uns?
Ich weiß nicht. War es so?
Für mich nicht.
Und trotzdem haben wir uns immer über meinen Job, über Fans, Termine, die Band und was weiß ich noch alles gestritten.
Und du glaubst, mit ihr ist das anders? Ich meine ... wo ist sie jetzt? Sie ist schmollend aus dem Haus gerannt, weil sie in meine Worte etwas hinein interpretiert hat, was nicht da ist und ist sauer auf dich, weil du nicht sofort gesprungen bist, wenn sie etwas verlangt. Das klingt in meinen Ohren nicht wirklich so, als wärt ihr so unglaublich glücklich und eure Beziehung perfekt.
AJ schwieg eine Weile und ich wartete ängstlich auf seine Antwort.
Robin und du, ihr seid in so vielen Dingen unglaublich verschieden. Dazu gehört auch eure Streitkultur. Du bist erst einmal wie eine Furie auf mich losgegangen und meine Argumente waren dir in diesem Moment herzlich egal. Ein Dickschädel eben und mir damit vielleicht nicht unähnlich.
Robin ... Robin denkt viel nach. Manchmal fällt es ihr dann eben schwer sofort und angemessen zu reagieren und ich glaube, sie hat einfach Angst, dass sie zu weit gehen könnte. Also läuft sie davon und kommt erst wieder, wenn sie sich abgeregt hat und weiß was sie will.
Ich gebe zu, in diesen Momenten könnte ich sie umbringen. Ich hasse es, wenn sie mich einfach so stehen lässt. Aber wenn sie dann wieder da ist, finden wir immer eine Lösung und verdrängen die Probleme nicht, in dem wir einfach zusammen ins Bett steigen und uns dabei einreden, alles wäre wieder in Ordnung.
Hast du das so damals empfunden? Tammy klang entsetzt.
Nicht immer. Aber manchmal schon, ja.
Tammy schwieg und ich hatte das Gefühl, einen wichtigen Sieg errungen zu haben, auch wenn das vollkommen irrational und gemein war.
Entschlossen stieß ich mich von der Wand ab und schob die Tür auf. Der Anblick, der sich mir bot, hätte mich wahrscheinlich entsetzt, wenn ich nicht gerade gehört hätte, wie AJ mich und unsere Beziehung verteidigte. Trotzdem blieb da ein leichtes Brennen in meiner Herzgegend und ich schluckte schwer.
Tammy saß auf einem Sideboard, mit dem Rücken an die Wand gelehnt und hatte ihre Füße in AJs Schoß gebettet, der in seinem Lieblingssessel vor ihr saß und ihre Knöchel mit einer Hand umfangen hielt.
Sie zuckten beide zusammen, als ich so unvermittelt im Raum stand. AJ lies sofort Tammys Beine los, sie nahm sie, viel zu langsam für meinen Geschmack, aus seinem Schoß und lies sie gleich darauf in die Tiefe baumeln.
Sie musterte mich von oben bis unten und wirkte dabei nicht so, als würde sie sich freuen mich zu sehen. AJ hingegen lächelte sanft und streckte die Arme nach mir aus.
Hey. Da bist du ja wieder, sagte er, während ich zu ihm hinüber ging.
Hm, bestätigte ich, während ich mich auf seinen Schoß ziehen lies, wo ich mich sofort an ihn kuschelte.
Geht es dir jetzt besser? fragte er leise.
Etwas, gab ich zu.
Ich werde dann wohl mal ins Bett gehen, meldete sich Tammy zu Wort und sprang mit einem elgeanten Satz auf den Boden.
Tu das. Wir sehen uns morgen, nickte AJ.
Gute Nacht, sagte sie, wobei sie mich ansah, doch ich spürte nicht die geringste Lust auch nur ein einziges Wort mit ihr zu reden. Also verharrte sie noch einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern und verlies das Studio.
Wo warst du? fragte AJ.
Unterwegs. Ich habe Lucie getroffen.
Und?
Sie sagt, ich solle Tammy so schnell wie möglich vor die Tür setzen. Dann könnte ich sicherlich besser schlafen.
Denkst du immer noch genau so?
Eigentlich schon.
Und uneigentlich?
Ich weiß es nicht. Ich ... ich möchte dich nicht verlieren.
Das wirst du nicht. Robin, wirklich. Ich liebe dich. Und nur dich. Tammy kann daran überhaupt nichts ändern.
Vielleicht. Es ist nur ... ich mache mir eben so meine Gedanken. Und ... es macht mich rasend.
AJ seufzte leise.
Du würdest dich nicht wohl dabei fühlen, sie hinaus zu werfen, oder? fragte ich nach.
Nein. Ich spürte wie er den Kopf schüttelte. Sie ist ... ziemlich verletzt und ... keine Ahnung. Sie erzählt so seltsame Sachen. Auf welchen Partys sie war, wie viel sie dabei getrunken und welche Typen sie kennen gelernt hat. Das alles ... es klingt so sehr nach Selbstzerstörung, verstehst du? Und gerade ich weiß, wie das enden kann. Ich glaube, ich würde mich einfach wohler fühlen, wenn ich sie ein bißchen im Augen behalten könnte.
Nun war es an mir zu seufzen.
Können wir nicht einfach ..., AJ zögerte kurz .... so weiter machen wie bisher und abwarten, was passiert? Wenn es für dich wirklich so unerträglich ist, dann muß sie eben nach Hause fahren, aber vielleicht ... vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm. Vielleicht hat sie das alles gar nicht so ernst gemeint und wollte dich nur ein bißchen schocken.
Das glaubst du doch selber nicht, ereiferte ich mich und rückte ein Stück von ihm ab. Schon wieder war da dieser Zweifel in seiner Stimme zu hören. Die Art von Zweifel, die Lenny veranlasst hatten, ihr statt mir zu glauben, die Art von Zweifel, die ein nervöses Bauchkribbeln bei mir auslösten.
Ich weiß es nicht Robin. Ich weiß nur, dass du mir wichtiger bist als alles andere und wenn du immer noch der Meinung bist, dass du es mit ihr zusammen unter einem Dach nicht aushältst, dann muß sie wohl oder übel ihre Koffer packen.
Wirklich?
Wirklich.
Danke, sagte ich leise.
Wofür?
Dafür, dass du diese Möglichkeit in Betracht ziehst.
Hey, das ist doch wohl Ehrensache. Ich hole dir die Sterne vom Himmel, wenn du das möchtest.
Nun, das wird wohl nicht nötig sein, lächelte ich.
Ich bin trotzdem bereit, gab er grinsend zurück.
Wir schwiegen einen Moment, während ich seine Worte auf mich wirken lies. Vielleicht hatte er recht. Was wußte ich schon davon, wie es in Tammy momentan aussah?
Du hast geraucht, stellte AJ schließlich fest.
Ja, gab ich zu.
Nicht gut.
Sagt der Mann, der täglich eine ganze Schachtel in die Luft bläst, schnaubte ich gutmütig.
Ja, ich weiß, ich darf eigentlich nichts sagen, grinste er. Aber du hast dich so sehr gequält und wirfst das jetzt alles wieder über den Haufen.
Ich weiß. Betrachten wir es als Ausnahme.
Hm, nickte er.
Ich liebe dich, sagte ich leise und küsste ihn sanft. Das Gefühl seiner Lippen auf meinen, die Geborgenheit, die mir seine, um mich geschlungenen Arme vermittelten, sein Geruch, der mich einhüllte wie in eine warme Decke, löschten vorerst sämtliche Gedanken an Tammy aus. Egal was sie tat, sie würde damit keinen Erfolg haben. Nicht bei ihm.