Kapitel 9

Als ich in die Straße einbog, in der unser Haus stand, sang ich immer noch laut das Lied, das Sam mir beigebracht hatte. Die Melodie war wirklich nicht sehr schwierig, trotzdem hatte ich beinahe eine halbe Stunde gebraucht, bis ich es das erste Mal fehlerfrei hinbekommen hatte.
Angefangen hatten wir mit Tonleitern. Immer wieder rauf und wieder runter. Und noch einen Ton höher und noch einen und noch einen. Dann waren seltsame Atemübungen gekommen, bei denen ich komische Zischlaute und abgehackte Uhms und Ahs von mir gab und bei denen ich mir unglaublich dämlich vorkam. Doch Sam hatte keine Sekunde so ausgesehen, als amüsierte er sich über mich, also hatte ich es so hingenommen.
Als ich jetzt den Wagen abstellte und langsam zum Haus hinüber schlenderte, hatte ich das befriedigende Gefühl einen ganzen Schritt weiter gekommen zu sein.
Ich schloss die Haustür auf und rief im Hineingehen „Hallooooohoooo! Jemand zu Hause?“
Im Durchgang zum Wohnzimmer entstand Bewegung und Tammy tauchte im Flur auf.
„Hallo Robin. Na, wie ist es gelaufen?“
„Großartig! Wenn auch etwas seltsam,“ grinste ich, hängte meine Jacke an die Garderobe und ging dann mit Tammy zurück ins Wohnzimmer.
„Wo ist Lenny?“ fragte ich, als ich ihn nirgends entdecken konnte.
„Er sprang plötzlich auf, murmelte etwas vonwegen „Ich brauche jetzt etwas chinesisches“ und schon war er weg,“ antwortete Tammy schulterzuckend und kuschelte sich wieder auf die Couch, auf der sie wohl bis eben gesessen und gelesen hatte. Zumindest lag ein aufgeschlagenes Buch auf dem Couchtisch.
„Das ist so typisch für ihn,“ grinste ich und schüttelte den Kopf. Ich setzte mich in einen Sessel Tammy gegenüber, zog meine Schuhe aus und machte es mir gemütlich.
Das erste Mal seit ihrer Ankunft waren wir wirklich alleine und dieser Umstand freute mich zum einen, machte mich zum anderen aber auch etwas nervös.
„Tja, Lenny ist eben etwas ganz besonderes,“ lächelte Tammy. „Kein Wunder, dass ihr euch so gut versteht.“
„Ja, er hat mir ganz schön gefehlt. Ich kann es kaum glauben, dass ihr beide jetzt hier seid. Am liebsten würde ich euch für immer bei mir behalten.“
„Nun, das dürfte etwas schwierig werden,“ grinste Tammy.
„Wohl wahr. Trotzdem ... ich möchte, dass du weißt, dass du hier jederzeit willkommen bist. Egal was ist. Wir sind immer für dich da.“
„Uhm,“ nickte Tammy und der Blick den sie mir dabei zu warf, lies mich auf eigenartige Weise frösteln.
„Ist ... ist wirklich wieder alles in Ordnung zwischen uns?“ hakte ich deshalb nach. Die Frage hing für meinen Geschmack schon viel zu lange im Raum und ich wartet ängstlich auf ihre Antwort.
„Hm ... ,“ machte sie, was in meinen Ohren nicht wirklich aufbauend klang. „Sagen wir es mal so ... ich habe inzwischen kapiert, dass du mit AJ zusammen bist und dass es wohl etwas Ernstes ist. Am Anfang war ich noch fest davon überzeugt, dass er dich irgendwann wie ein heiße Kartoffel fallen lassen würde um zu mir zurück zu kommen.“
„Aha,“ war alles, was ich darauf sagen konnte.
„Doch nun ... ihr werdet bald heiraten, ihr scheint glücklich zu sein. Dieses Haus, die Verlobungsparty ... es scheint alles ziemlich perfekt.“
Sie machte eine kleine Pause in der sie so aussah, als lege sie sich ihre nächsten Worte ganz genau zurecht. „Ich bin zum einen hier her gekommen um mich mit euch wieder zu versöhnen, das ist richtig. Aber das ist nicht alles.“
„Hat es etwas mit deinem Job zu tun?“ fragte ich hoffnungsvoll.
„Nein,“ sie schüttelte den Kopf. „Es hat mit AJ zu tun. Weißt du, ich habe lange darüber nachgedacht, was in unserer Beziehung schief gelaufen ist und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es so schlecht gar nicht war. Klar haben wir auch des öfteren miteinander gestritten, aber im Großen und Ganzen waren wir glücklich. Ich habe mich also gefragt, warum er sich dann für dich entschieden hat.“
„Ich glaube nicht, dass das etwas mit dir zu tun hatte,“ versuchte ich sie zu beruhigen.
„Eben. Zu diesem Entschluss bin ich auch gekommen. Also ... woran lag es?“
„Er ... hat sich in mich verliebt,“ sagte ich leise. „Daran hatte niemand Schuld.“
„Genau. Und wenn es einmal geschehen ist, kann das sicherlich auch ein zweites Mal passieren.“
„Wie meinst du das?“
„Ich bin hier,“ sagte sie und breitete die Arme aus „um ihn mir zurück zu holen.“
Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz in meiner Brust und völlig entgeistert starrte ich sie an. „Ist das dein Ernst?“
„Mein voller Ernst. Du mußt das verstehen ... das hat nichts mit dir zu tun. Ich liebe dich. Du bist meine Schwester. Aber ich liebe auch ihn. Mehr als mein Leben und ich werde nicht einfach kampflos zusehen, wie er dich heiratet.“
„Aber Tam ... ,“ ich wußte nicht was ich sagen sollte. Scheinbar hatte sie auf unangenehme Weise ihren Sinn für die Realität verloren.
„Im Gegensatz zu dir bin ich fair. Ich sage dir von vorneherein was Sache ist. Er war in einer glücklichen Beziehung und hat sich in eine andere verliebt. Warum sollte das nicht noch einmal funktionieren? Ich bin nur hier um mir zurück zu holen, was eigentlich mir gehört.“
„Tammy, das kannst du nicht machen! AJ und ich lieben uns, wir werden heiraten. Es wird dich nur unglücklich machen.“ Mein Magen fühlte sich hart wie Stein an. Was war nur in sie gefahren?
„Bist du so sehr davon überzeugt, dass AJ gegen meine Annäherungsversuche immun ist?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem wissenden Lächeln auf dem Gesicht.
„Ja, das bin ich und selbst wenn nicht. Du kannst doch nicht ernsthaft annehmen, dass du hier in unser Haus kommst und mit AJ im Arm wieder verschwindest.“
„Im Moment nehme ich gar nichts an. Ich lasse das alles auf mich zukommen. Immerhin habe ich noch zwei Monate Zeit.“
Ich konnte nur den Kopf schütteln. Was dachte sie sich eigentlich dabei, sich hier so selbstgefällig aufzuführen? Es hatte nichts mit mir zu tun? Ha, das ich nicht lache. „Vielleicht ist es unter diesen Umständen besser, wenn du wieder nach Hause fährst,“ sagte ich eisig und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nein. Ich werde nicht nach Hause fahren. Ich finde es hier sehr gemütlich. Und falls du vorhast AJ von unserem Gespräch zu erzählen, so werde ich alles abstreiten. Glaub mir, auch ich kann die kleine, naive Schwester spielen. Ich werde ihm sagen, dass du Angst vor mir hast, auch wenn ich nicht genau weiß wieso und dass ich doch nur möchte, dass wir uns alle wieder vertragen und gemeinsam glücklich sind.“ Ihr Gesichtszüge wurden weich und ihre Augen ganz groß. „Aber AJ, ich weiß gar nicht, wie Robin darauf kommt. Wirklich, ich bin nur hier um mich endlich wieder mit euch zu versöhnen und um mit euch gemeinsam die Hochzeit zu feiern. Ich mag euch beide. Robin ist meine Schwester, du mein bester Freund. Ich möchte euch nicht noch einmal verlieren.“ Flötete sie und ich schluckte. Ich kannte AJ. Er würde ihr glauben, einfach weil er es so gerne glauben wollte. Er war glücklich darüber, dass Tam wieder hier war und uns vergeben hatte und sein schlechtes Gewissen war lange noch nicht besänftigt.
„Aber Tam, das bringt doch nichts. AJ wird sich niemals von mir trennen, verstehst du das denn nicht?“ versuchte ich es noch einmal mit Nachdruck.
„So, wird er nicht? Weißt du, diese Gewissheit hatte ich auch einmal. Aber im Endeffekt ist das alles nichts wert. Sie sind nur so lange glücklich und mit dir zusammen, bis eine andere Frau kommt, die sie daran erinnert, dass sie mal ein wirklicher Hengst und Frauenmagnet waren. Sie fangen an zu grübeln, überlegen, ob sie sich wirklich schon so fest binden wollen, oder ob es nicht doch amüsanter wäre, noch ein bißchen um die Häuser zu ziehen und Spaß zu haben. Er wird zu mir zurück kommen, glaub mir.“
Die Gewissheit in ihrer Stimme lies mich frösteln. Wie konnte sie mir das nur antun? Sie war meine Schwester. Ich liebte sie und sie liebte angeblich mich. Das alles ergab keinen Sinn.
„Aber ich habe ja gesagt, dass ich fair bleibe,“ fuhr sie fort. „Sollte ich es bis zur Hochzeit nicht schaffen, ihn zurück zu bekommen, werde ich euch nicht länger im Weg stehen. Du magst mich jetzt vielleicht für herzlos halten, aber ich weiß, was sich gehört. Ich pfusche nicht in Ehen hinein.“
„Na, da bin ich aber beruhigt,“ entgegnete ich sarkastisch und stand auf. „Weißt du Tam. Ich dachte wirklich, wir würden das alles irgendwie wieder in den Griff bekommen. Es tut mir leid, dass wir dir weh getan haben und ich bedaure sehr, dass du scheinbar immer noch darunter leidest. Aber AJ ist tabu für dich, hast du mich vertanden? Er ist mein Freund, mein Verlobter, die andere Hälfte meines Selbst. Und du wirst diese Bindung nicht zerstören, so sehr du dich auch anstrengen magst. Was mich betrifft, bist du in diesem Haus nicht mehr willkommen. Pack deine Sachen und verschwinde. So schnell du kannst, oder ich kann für nichts mehr garantieren.“
Meine Rede entlockte ihr nur ein mitleidiges Lächeln. „Du hast es immer noch nicht verstanden Robin. Ich gehe erst, wenn AJ ebenfalls seine Koffer packt. Keine Sekunde früher. Also gewöhn dich schon einmal daran. Dein schönes, perfektes Leben ist hiermit vorbei. Ich werde ab jetzt nicht mehr von seiner Seite weichen und du kannst überhaupt nichts dagegen tun.“
„Na, das werden wir ja noch sehen!“ Ich war laut geworden. Was bildete sie sich überhaupt ein? Kam hier her in mein Haus und verkündete mir einfach so und ohne mit der Wimper zu zucken, dass sie meinen Mann haben wollte.
„Ja, das werden wir wohl,“ lächelte sie und ihre Ruhe machte mich fuchsteufelswild.
„Du bist so erbärmlich Tam! Was soll das? Hast du das wirklich nötig? Die Männer liegen dir doch sicherlich reihenweise zu Füßen. Such dir von denen einen aus und lass uns in Ruhe.“
„Du wiederholst dich Robin.“
„Das ist mir SCHEISSEGAL!!!“
In diesem Moment hörte ich, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde und unendlich erleichtert lief ich in den Flur hinaus. AJ würde dieser unwirklichen Geschichte sicherlich gleich ein Ende machen.
Doch es war Lenny, der mit mehreren Tüten beladen, denen der Geruch nach Essen entströmte, das Haus betrat.
„Hey Robin. Ich dachte, wir könnten alle etwas zu essen vertragen,“ grinste er.
„Danke, mir ist der Appettit vergangen,“ schnaubte ich, rauschte an ihm vorbei und hinauf ins Schlafzimmer.
Nachdem ich die Tür geräuschvoll hinter mir zugeschlagen hatte, lief ich wie ein Tieger auf und ab und schimpfte vor mich hin. Was fiel dieser Person nur ein? Wie konnte sie nur? Hatte sie jetzt vollständig den Verstand verloren?
Und was, wenn AJ tatsächlich auf ihre Anmache herein fiel? Immerhin waren sie eine ganze Zeit lang glücklich gewesen. Er hatte sie einmal geliebt. Was, wenn von dieser Liebe mehr übrig geblieben war, als ich bisher gedachte hatte? Im Endeffekt war auch er nur ein Mann, der auf weibliche Reize reagierte. Und Tammy kannte ihn ganz genau. Sie wußte, wo sie ansetzen mußte, kannte seine, und vor allen Dingen auch meine Schwachstellen. Und davon gab es mehr als genug.
Es klopfte leise an der Tür und gleich darauf hörte ich Lennys Stimme. „Alles in Ordnung Prinzessin?“
„Das solltest du meine Schwester fragen,“ gab ich schneidend zurück.
„Auch auf die Gefahr hin, dass du nichts an hast komme ich jetzt rein,“ warnte er. Gleich darauf öffnete sich die Tür und er streckte den Kopf herein. „Nur noch mal zum Mitschreiben: Ist bei dir alles in Ordnung?“
„Oh, alles bestens,“ schnaubte ich. „Abgesehen davon, dass Tammy mir gerade verkündet hat, dass sie nur hier her gekommen ist, um mir meinen Freund auszuspannen!“
„Moment,“ Lenny schob sich nun ganz in den Raum hinein und schloss die Tür hinter sich. „Was soll das heißen sie will dir deinen Freund ausspannen?“
„Das soll heißen, dass sie AJ wieder haben will. Aber sie ist ja großzügig,“ setzte ich hinzu, während ich die Augen verdrehte. „Wenn wir erst einmal verheiratet sind, wird sie die Finger von ihm lassen. Ist sie nicht nett?“
„Ich glaube, ich verstehe das immer noch nicht,“ sagte Lenny mit gerunzelter Stirn und lies sich auf das Bett fallen.
„Nur weil du nicht glauben kannst, dass Tammy so etwas tun würde,“ sagte ich, während ich immer noch mit langen Schritten den Raum durchmaß. Andernfalls wäre ich wahrscheinlich auf der Stelle explodiert.
„Aber ... das kann ich mir gar nicht vorstellen,“ sagte Lenny vorsichtig. „Du hast da sicherlich etwas falsch verstanden.“
„Was gibt es an dem Satz „Ich bin nur her gekommen um mir zurück zu holen was mir gehört“ nicht zu verstehen?“ frage ich ihn aufgebracht, während ich mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihm stehen blieb.
„Aber ... ,“
Es klopfte erneut und gleich darauf streckte Tammy den Kopf herein. Ich war kurz davor auf sie loszugehen, doch ich beherrschte mich im letzten Moment. Stattdessen sagte ich „wage es ja nicht dieses Zimmer zu betreten, sonst bist du tot!“
„Robin, also wirklich,“ sagte Lenny.
„Tut mir leid,“ entgegnete Tammy und wirkte selbst auf mich geknickt. „Ich habe keine Ahung, was ich dir getan habe. Aber wenn du es so willst ... ,“ sie zog sich bereits wieder von der Tür zurück, doch Lenny hielt sie auf.
„Warte Tam. Bitte, komm’ doch rein.“
„NEIN!“ fuhr ich ihn an.
„Wir werden das hier und jetzt klären Robin.“
„Nein! Nein! Nein!“ wiederholte ich.
„Also gut, dann gehen wir eben alle nach unten.“
„Ich will das aber nicht klären, verstehst du das denn nicht? Sie will mir meinen Mann wegnehmen. Nur deshalb ist sie hier.“ Ich deutet mit zitternden Fingern auf Tammy, die immer noch seelenruhig in der Tür zum Schlafzimmer stand und aussah, als hätte man ihr gerade einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet. Fast erregte sie selbst in mir Mitleid.
„Robin, kann es sein, dass du dich da in etwas hinein steigerst?“ fragte Lenny vorsichtig..
„Du warst nicht dabei, okay? Sie hat mir ganz genau gesagt, was sie vor hat. Das ... ,“
„Was soll ich denn vorhaben?“ fragte Tammy die Unschuldige spielend.
„Das weißt du ganz genau!“ fuhr ich sie an.
„Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich habe dir nur gesagt, dass AJ mir fehlt. Natürlich, das ist doch auch ganz normal und dass ich mir manchmal wünsche, es wäre wieder wie früher. Aber ... ich meine ... es ist doch offensichtlich, dass das vorbei ist, oder?“ Sie brachte es tatsächlich fertig, einige Tränen hervor zu quetschen und ich stand kurz davor die Kontrolle zu verlieren.
„Tam, bitte. Wein doch nicht. Das ist sicherlich nur ein Missverständnis,“ sagte Lenny, stand auf, warf mir einen missbilligenden Blick zu und legte Tammy einen Arm um die Schulter.
„Ich kann doch auch nichts dafür, dass es noch weh tut,“ schluchzte sie. „Ich bin hier her gekommen, um diesen Streit aus der Welt zu schaffen und ich habe mein bestes gegeben, damit wir uns wieder vertragen. Ich verstehe das einfach nicht!“
„Robin?“ wandte sich Lenny wieder an mich.
„Du glaubst mir doch sowieso nicht,“ fuhr ich ihn an, dann trat ich entschlossen auf die beiden zu, gab ihnen einen nicht gerade sanften Stoß vor die Brust und schloss dann eilig die Tür. Ich hatte den Schlüssel gerade herum gedreht, als Lenny schon an dem Türknauf rüttelte.
„Robin! Jetzt hör doch endlich auf, dich wie eine Sechsjährige zu benehmen und lass uns darüber reden.“
„Nein, verdammt noch mal. Ich werde mit ihr kein einziges Wort mehr reden, so lange sie in MEINEM Haus ist!“ brüllte ich durch die geschlossene Tür, dann drehte ich mich einmal um mich selbst, weil ich das Gefühl hatte, plötzlich nicht mehr atmen zu können und einen Ausweg aus meinem Gefängnis suchte.
Ich fand ihn schließlich in Form meines mp3 Players, System of a Down und dem Blick von unserem Balkon hinunter auf das Meer, das in stetiger Gleichmäßigkeit gegen den feinen Sandstrand rollte.
Die beiden würden noch sehen, was sie davon hatten. Niemand legte sich mit Robin Duncan an und schon gar nicht, wenn es um AJ ging. Da verstand ich nämlich absolut keinen Spaß. Wenn er nur schon hier wäre! Er würde mir ganz bestimmt glauben.
Obwohl ... meine Überzeugung war nach Lennys Auftritt etwas ins Wanken geraten. Wenn mein bester Freund schon glaubte, ich hätte da etwas missverstanden ... Andererseits hatten wir uns auch eine ganze Weile nicht gesehen. Vielleicht hatten wir uns tatsächlich weiter von einander entfernt, als mir das bisher bewußt gewesen war. Immerhin hatte Lenny im letzten Jahr sehr viel Zeit mit Tammy verbracht. War es da verwunderlich, wenn er eher auf ihrer Seite stand?
Dieser Gedanke entlockte mir ein trockenes Schluchzen. Nicht nur, dass ich Gefahr lief meinen über alles geliebten Mann zu verlieren ... sie hatte sich bereits Lenny einverleibt, hatte ihn außerhalb meiner Reichweite hinter eine undurchdringliche Glasscheibe gezerrt. Ich konnte ihn zwar noch sehen und mich dem Trugbild hin geben, dass wir uns nahe waren, aber im Grunde war er bereits innerlich von ihr vergiftet worden.
Ich bekam damit einen kleinen Vorgeschmack darauf was mich erwartete, wenn auch AJ mich verließ. Das Gefühl, das man mir etwas sehr wichtiges geraubt hatte, lies mich anfangen zu zittern. Nein, so weit durfte es niemals kommen. Ich würde kämpfen! Ich würde ihr zeigen, dass ich nicht so leicht aufgab. Sie würde nie, niemals gewinnen. Niemals!

Es dauerte Ewigkeiten, bis AJ schließlich nach Hause kam. Ich hörte, wie die Haustür sich öffnete und wieder schloss und AJs fröhliche Stimme, während er ein lautes „Hallo“ rief. Danach wurde es still und ich fragte mich, ob ihm Lenny und Tam gerade berichteten, wie unvernünftig ich mich in ihren Augen benahm. Robin, mit ihrem aufbrausenden Temperament, die kleine Schwester, die schon früher dazu neigte, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen und die sich nun beleidigt und schmollend im Schlafzimmer verbarrikadiert hatte.
Nach fünf Minuten überlegte ich ernsthaft, meinen Schutzraum zu verlassen und zu den dreien hinunter zu gehen, als ich schnelle Schritte auf der Treppe hörte. Gleich darauf wurde an die Schlafzimmertür geklopft.
„Robin?“ fragte AJ.
Ich drehte den Schlüssel herum und während er die Tür aufschob, rollte ich mich wieder auf dem Bett ein.
„Hey mein Schatz,“ begrüßte er mich, krabbelte zu mir auf das Bett und küsste mich auf die Stirn. Dann machte er es sich neben mir bequem, stützte den Kopf in seine Hand und sah aus dunklen Augen auf mich hinunter.
„Na, haben die beiden schon gepetzt?“ fragte ich mürrisch.
„Sie haben seltsame Dinge von sich gegeben,“ bestätigte er mit einem Nicken.
„Und?“
„Ich habe, ehrlich gesagt, nicht so ganz verstanden um was es hier eigentlich geht. Nur, dass du wohl schon seit einer Weile hier oben bist und schmollst.“
„Pfh,“ schnaubte ich.
„Erzählst du es mir?“ fragte er schließlich, nachdem ich immer noch schwieg.
Plötzlich kam ich mir ziemlich dämlich und kindisch vor. Ich hatte Tammy und Lenny angebrüllt, ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen und mich auch ansonten nicht wirklich erwachsen und vernünftig verhalten. War es da ein Wunder, dass zumindest Lenny glaubte, ich sei verrückt geworden?
„Tam ... sie hat ... also ...,“ ich seufzte und machte mich noch etwas kleiner. Würde AJ auch denken ich hätte mich verhört? Würde er mir glauben oder Tammys Partei ergreifen? Und wenn ja, was sollte ich dann tun?
„Hey,“ sagte er sanft, rutschte ein Stück an mich heran und legte seinen Arm um mich. Sein Gesicht war meinem ganz nahe und ich spürte die Wärme, die von ihm ausging. „Jetzt sag’ schon. So schlimm kann es doch gar nicht sein.“
„Sie hat gesagt, dass sie ... also ... sie sagt, sie wäre nur hier her gekommen, um dich zurück zu holen.“
Jetzt war es heraus und ängstlich wartete ich auf seine Reaktion. Für einen Augenblick schwieg er, dann begann er zu lachen.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“
„Du meinst wohl ihr Ernst?“
„Nein, ich meine ... glaubst du wirklich es interessiert mich, ob Tammy mich zurück haben will?“
„Selbst wenn nicht,“ ich entwandt mich aus seiner Umarmung und setzte mich auf. „Ich finde es das allerletzte, dass sie hier her kommt, so tut, als wolle sie sich wieder mit uns versöhnen und mir dann die Kampfansage direkt ins Gesicht schleudert. Das ist doch krank!“
„Vielleicht ist es das,“ AJ setzte sich ebenfalls auf. „Aber sie wird damit niemals Erfolg haben. Ich liebe dich. Ich will dich heiraten und den Rest meines Lebens mit dir verbringen. Nicht mit ihr. Und wenn sie das nicht akzeptieren kann, dann tut es mir sehr leid für sie. Aber das ändert doch nichts zwischen uns.“
„So, findest du? Für mich ändert das sehr wohl etwas.“
„Inwiefern?“
„Sag mal ... ist dir das denn völlig egal? Stell dir vor, irgendein Typ würde in unser Haus einziehen und dir erzählen, dass er mich dir ausspannen will. Wärst du nicht auch wütend?“
„Ich weiß nicht ... ich glaube, ich würde ihn auslachen, ihm viel Glück wünschen und ab da nicht mehr von deiner Seite weichen.“ Er grinste während er das sagte und in mir krampfte sich alles zusammen. Er sollte nicht so gelassen bleiben. Er sollte sich empören, mit mir gemeinsam auf Tammy schimpfen und sie dann hinaus werfen!
„Sie kann auf jeden Fall nicht hier bleiben,“ sagte ich bestimmt.
AJ seufzte. „Robin, ich halte das für keine gute Idee.“
„Wie bitte?“ Ich rückte ein Stück von ihm ab und starrte verständnislos zu ihm hinüber.
„Sieh mal ... wir haben uns jetzt ein ganzes Jahr verrückt gemacht, uns gefragt, was sie wohl macht, ob sie uns noch böse ist, ob es ihr gut geht und so weiter und so weiter. Jetzt ist sie hier. Vielleicht ... nun ja ... ist sie noch nicht ganz über diese Geschichte hinweg, aber ... ich finde, wir sollten sie nicht gleich wieder vor den Kopf stoßen und wegschicken.“
„Ach, sollten wir nicht, ja? Aber wie es mir dabei geht und ob ich das gut finde, das ist dir vollkommen egal?“
„Nein, natürlich nicht,“ er versuchte nach meiner Hand zu greifen, doch ich entzog sie ihm. Ich hätte es im Moment nicht ertragen, wenn er mich berührte. In meinen Ohren klang das, was er sagte nach Verrat. Verrat an mir, unserer Beziehung und allem, was wir uns aufgebaut hatten. Wie konnte er auch nur eine Sekunde darüber nachdenken, sie weiterhin in unserem Haus wohnen zu lassen?
„Vielleicht hast du noch nicht ganz verstanden, was da vorhin passiert ist,“ sagte ich in einem letzten Versuch ihm den Ernst der Situation begreiflich zu machen. „Sie saß da auf unserem Sofa, in unserem Haus und hat wortwörlich gesagt, dass sie dich zurück haben will und dass sie nichts unversucht lassen wird. Sie hat gesagt, wenn sie das bis zur Hochzeit nicht schafft, dann lässt sie uns in Ruhe, aber erst dann. Bis dahin will sie hier bleiben und erst gehen, wenn du auch deine Koffer packst und sie begleitest.“
„Das hat sie so gesagt?“ fragte AJ skeptisch.
„Genau so und nicht anders,“ nickte ich.
„Hm.“ Er runzelte die Stirn und malte mit dem Finger gedankenverloren das Muster der Bettdecke nach.
„Also?“ hakte ich nach.
„Also was? Was erwartest du von mir Robin? Ich meine ... sie ist deine Schwester und meine Ex-Freundin. Wir lieben sie beide und möchten, dass es ihr gut geht.“
„Vielleicht möchtest du das. Ich für meinen Teil wäre wirklich sehr dankbar, wenn sie hier verschwindet. Sie ist einfach zu weit gegangen!“
„Vertraust du mir nicht?“
Seine Frage traf mich unvorbereitet, obwohl ich eigentlich damit hätte rechnen sollen. „Es geht hier nicht um mich und dich, verstehst du das denn nicht? Es geht um Tam und was sie vor hat.“
„Trotzdem. Nur weil sie meint, sie könne mich zurück erobern, heißt das doch noch lange nicht, dass ich das auch will. Ich will nur dich und das weißt du.“
„Na und? Ich vertraue dir, aber ihr nicht mehr. Ich könnte es nicht ertragen zu wissen, dass sie Zeit mit dir verbringt, dass sie in deiner Nähe ist und versucht, sich an dich heran zu machen. Das geht einfach nicht!“
AJ seufzte erneut. „Möchtest du nicht noch einmal darüber nachdenken?“
„Ich habe schon lange genug darüber nachgedacht.“
Er nickte. „Nun gut. Wenn es dein Wunsch ist, dann werde ich mich diesem natürlich nicht widersetzen.“
„Was soll denn das jetzt bitte schön heißen?“
„Das soll heißen, dass wir ihr wohl sagen müssen, dass sie sich eine neue Unterkunft suchen muß. Das willst du doch, oder etwa nicht?“
„Ja, das will ich. Aber du solltest es auch wollen.“
„Warum? In meinen Augen stellt sie keine Gefahr dar. Vielleicht hat sie sich irgendetwas in den Kopf gesetzt, das würde wirklich zu ihr passen, aber das alles ändert nichts daran, dass ich dich liebe, dass wir zusammen sind und dass wir in zwei Monaten heiraten. Ich glaube, dass du sie in den nächsten Wochen sehr gut brauchen kannst. Sie könnte dir mit den Vorbereitungen helfen und irgendwann würde sie vielleicht einsehen, dass wir einfach zusammen gehören und sie ihr eigenes Leben wieder aufnehmen muß. Wenn du sie jetzt vor die Tür setzt, habe ich Angst um sie und die solltest du auch haben.“
Ich schüttelte den Kopf, weil ich nicht glauben konnte, was er mir da erzählte. Sah er denn nicht, wie sehr es mir zusetzte, dass sie hier war? Konnte er nicht erkennen, dass es mir damit besser gehen würde wenn sie ging? Warum sorgte er sich so um Tammy und nicht um mich? Es sollte ihm egal sein, was mit ihr passierte.
„Ich verstehe dich nicht,“ sagte ich also, erhob mich vom Bett und ging zur Tür.
„Wo willst du hin?“
„Keine Ahnung. Nur raus hier,“ gab ich zurück, öffnete die Tür, hastete nach unten und ging hinüber ins Wohnzimmer, wo immer noch meine Schuhe neben dem Sessel lagen.
„Hey Prinzessin. Alles klar bei euch?“ fragte Lenny und erhob sich vor der Couch. Tammy war nirgends zu sehen.
„Alles bestens,“ schnaubte ich, schlüpfte in meine Schuhe und ging zurück in den Flur. Lenny blieb mir auf den Fersen, während AJ die Treppe herunter kam.
„Was heißt „alles bestens“, hm?“
„Frag doch AJ,“ gab ich sarkastisch zurück, nahm dann die Autoschlüssel und meine Handtasche und zog die Tür auf.
„Und du meinst, weglaufen nützt irgendetwas?“ hörte ich Lenny noch rufen, dann fiel die Tür hinter mir ins Schloss und so schnell ich konnte stieg ich in meinen Wagen und setzte mit quitschenden Reifen rückwärts aus der Auffahrt. Sollten sie sich doch mit Tammy verbrüdern. Aber ohne mich!

Kapitel 10