Kapitel 8

Einige Tage später holte uns der Alltag wieder ein. Davor hatten wir Denise, Lenny und Tammy durch LA geführt und ihnen alles gezeigt was man hier gesehen haben mußte, waren abends schick essen gegangen, hatten uns an einem anderen Abend einen Film im Kino angesehen und einfach die Zeit gemeinsam genossen.
Doch nun mußte Denise zurück nach Florida, während Lenny und Tammy bis zur Hochzeit bleiben würden. Außerdem begannen AJs Studioaufnahmen und er freute sich darüber wie ein kleines Kind an Weihnachten. Entsprechend ungeduldig war er auch, als sich Denise bei der Verabschiedung jede Menge Zeit lies.
„Mom, wir kommen noch zu spät,“ drängelte er.
„Du kannst mich wohl nicht schnell genug los werden, was?“ fragte sie mit gerunzelter Stirn.
„Nein, das weißt du doch. Aber dein Flieger geht bald und ich muß ins Studio. Die warten da auf mich.“
„Ich weiß,“ seufzte sie. Sie drückte mich noch einmal an sich und ich konnte spüren wie schwer es ihr fiel, von hier fort zu gehen. Auch wenn dies nicht ihre Heimat war, so war hier doch ihre Familie. Ich konnte sie gut verstehen.
„Es ist ja nicht für lange,“ tröstete ich sie. „In nicht einmal zwei Monaten bist du wieder hier.“
„Ja, das stimmt,“ nickte sie, tätschelte mir noch einmal den Arm und wandte sich dann zu ihrem Sohn um. „Also dann los, bevor du mich in Ketten legst und mit Gewalt ins Auto schleppst.“
„Ach komm schon Mom,“ lächelte er und legte ihr versöhnlich einen Arm um die Schulter.
Sie verabschiedete sich von Lenny und Tammy und folgte dann AJ hinaus zum Wagen.
Wir sahen ihnen hinterher, bis sie um die nächste Biegung verschwunden waren, dann schloss ich die Tür und drehte mich zu Lenny und Tammy um, die hinter mir im Flur standen.
„Ihr werdet heute leider auch ohne mich auskommen müssen,“ sagte ich und ging an ihnen vorbei ins Wohnzimmer.
„Wieso das denn?“ fragte Lenny.
„Heute ist meine erste Gesangsstunde,“ gab ich unbehaglich zurück und versuchte das Kribbeln in meiner Magengegend zu ignorieren.
„Du nimmst Gesangsunterricht?“ fragte Tammy überrascht.
„Ja,“ entgegnete ich gequält. „Ich hatte da so eine wundervolle Idee für AJs Hochzeitsgeschenk, aber ... nun ja ... das wird sicherlich eine Katastrophe. Aber eigentlich sollte mich das auch nicht mehr wundern.“
„Ach komm schon Prinzessin. Das wird toll, warte es ab. Tammy und ich machen es uns hier gemütlich und wenn du nach Hause kommst kannst du uns gleich präsentieren, was du gelernt hast.“
„Nur über meine Leiche,“ grinste ich.
„Ach, ich würde mir das aber auch sehr gerne anhören,“ schloss sich Tammy Lenny an.
„Hauptsache ihr habt euren Spaß,“ grummelte ich, ging hinaus in den Flur und zog meine Schuhe an. Wie war ich nur auf diese überaus dämliche Idee gekommen? Wie sollte ich in so kurzer Zeit einigermaßen vernünftig singen lernen? Einfach unmöglich.

Samuel Becket – Gesangslehrer stand auf einem Schild neben der unscheinbaren, braunen Haustür. Das vierstöckige Wohnhaus stand in einem heruntergekommenen Viertel von LA. Hier und da blätterte der Putz von den Wänden, neben dem Eingang lehnte ein ganzes Batallion an Fahrrädern und das Schreien eines Babys drang an mein Ohr. Irgendwie wirkte dieses Haus beruhigend auf mich, auch wenn ich nicht sagen konnte wieso.
Ich drückte also entschlossen auf den Klingelknopf und als der Summer ertönte schob ich die Tür auf. Der Geruch nach Essen und Putzmittel stach mir augenblicklich in die Nase und etwas unbehaglich trat ich in das dunkle Treppenhaus.
„Sie müssen leider ganz nach oben kommen,“ hörte ich eine männliche Stimme rufen und als ich das Treppengeländer heran trat und nach oben blickte, sah ich ein Paar Füße, die weit über mir durch die Stäbe des Geländers ragten und zwei Hände, die sich um den Handlauf darüber schlossen.
„Kein Problem,“ rief ich zurück und machte mich an den Aufstieg.
Außer Atem kam ich schließlich oben an. Mr. Becket erwartete mich mit einem breiten, freundlichen Lächeln. Sein Gesicht zierte ein voluminöser Vollbart, der von einigen silbernen Strähnen durchzogen war, dunkle Locken umrahmten sein rundes Gesicht und um seinen Hals hing eine Lesebrille an einer goldenen Kette. Ich schätzte ihn auf Mitte Fünfzig, was leider nicht einmal annähernd der Wahrheit entsprach. Er war beinahe fünfundsechzig, aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Seine rundliche Gestalt steckte in einem Paar ausgebeulter Kordhosen, darüber trug er eine graue Strickjacke, ein blaues Hemd und eine ebenfalls graue Krawatte.
„Hallo,“ Mr. Becket lächelte und streckte mir eine feingliedrige Hand entgegen.
„Mr. Becket? Angenehm, ich bin Robin Duncan.“
„Nennen sie mich Sam, das tun alle,“ lächelte er und bedeutete mir dann, ihm in die Wohnung zu folgen.
Wir gingen durch einen langen, schmalen Flur, dessen Wände von Partituren hinter Glas gesäumt wurden. Ich warf einen flüchtigen Blick in eine winzige Küche und ein Wohnzimmer, das zur Straße hinaus lag und deren dreckige Fensterscheiben das Sonnenlicht filterten.
Am Ende des Flures betraten wir schließlich sein Heiligtum und eine ganze Weile sah ich mich staunend und mit offenem Mund um. An allen vier Wänden zogen sich Regale bis unter die Decke und sie waren bis in den kleinsten Winkel vollgestopft mit Büchern, Notenheften, Aktendeckeln und Schallplatten. Unmengen von Schallplatten.
Der Raum selbst wurde von einem wunderschönen, glänzend schwarzen Flügel dominiert. Davor stand ein kleiner Klavierhocker, auf den sich Sam nun setzte. Er bedeutete mir, auf einem Stuhl zu seiner Linken Platz zu nehmen und faltete dann die Hände im Schoß.
Das Licht, das hinter ihm durch ein rechteckiges Fenster fiel, erhellte den Raum nur notdürftig und ich hatte das unwirkliche Gefühl, in einer Art Höhle gelandet zu sein.
„Nun Robin, ich darf sie doch Robin nennen?“
„Aber natürlich,“ nickte ich sofort.
„Nun, was genau haben sie sich denn vorgestellt?“
„Also ... ich werde in zwei Monaten heiraten ... ,“
„Meinen Glückwunsch!“
„Danke sehr. Uhm ... nun ja ... und ich hatte eigentlich vor, meinem zukünftigen Mann ein Lied zu singen. Sie wissen schon ... so ganz romantisch am Altar oder so ähnlich.“
„Warum sagen sie „eigentlich“?“ fragte Sam mit leicht schräg gelegtem Kopf nach.
„Nun jaaaa ... ,“ entgegnete ich gedehnt. „Ich befürchte, ich besitze keinerlei gesangstechnisches Talent.“
Er schmunzelte. „Um das heraus zu finden sind sie doch schließlich hier, oder?“
„Das stimmt. Ich wollte sie wohl nur entsprechend vorbereiten.“
„Keine Sorge. Ich bin zwar ehrlich, aber fair. Sicherlich kann ich sie nicht innerhalb von zwei Monaten zur Sopranistin ausbilden, aber es sollte reichen, um ihnen ein paar wichtige Grundlagen mit auf den Weg zu geben.“
„Das klingt gut,“ nickte ich ein wenig entspannter.
„Dann wollen wir doch gleich mal sehen, was sie können,“ lächelte er. Er zog den Hocker etwas näher an den Flügel heran und legte die Hände auf die Tasten.
„Kennen sie „Der Mond ist aufgegangen“?“
„Uhm ... ich denke schon.“
„Gut. Stehen sie auf und stellen sie den Stuhl ruhig zur Seite. So ist es gut. Und nun hören sie genau auf die Töne, in Ordnung?“
Ich nickte und fühlte mich so vor ihm stehend wie auf dem Präsentierteller. Doofe Idee, total doofe Idee hier her zu kommen.
Sam begann die Melodie zu spielen. Federleicht und nur mit einer Hand gespielt, erfüllten die einzelnen Klänge das kleine Zimmer.
„So, und nun versuchen wir es zusammen,“ nickte er, schlug einen Ton an und begann in der gleichen Tonlage zu summen. Ich tat es ihm nach, wenn ich auch einige Anläufe brauchte um ihn richtig zu treffen.
„So ist es gut,“ lobte er. Dann zählte er langsam bis vier, hob dann den Kopf und gemeinsam mit dem Klavier begann ich dünn, kläglich und nicht immer richtig zu singen.

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.

Nach der ersten Strophe verstummte das Klavier und ich wartete auf das vernichtende Urteil, das jetzt ganz sicher gleich kommen würde. Ich zog mir den Stuhl wieder heran und lies mich darauf fallen.
„Und? Furchtbar, oder?“ fragte ich.
„Nun ja. Sagen wir so, wenn sie so vor dem Altar singen, wird ihr Mann sich das mit der Hochzeit vielleicht noch einmal überlegen,“ grinste Sam und ich sah meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt.
„Das dachte ich mir,“ nickte ich geknickt.
„Wir haben also ein hartes Stück Arbeit vor uns, aber wenn sie ordentlich motiviert sind und bereit sind zu üben, kann daraus sicherlich etwas wundervolles werden.“
Ich sah ihn entgeistert an. „Ist das ihr Ernst?“
„Natürlich. Sie haben ein Gefühl für Rhythmus und das ist schon einmal die Grundvoraussetzung. Die Töne zu fühlen und sie zu treffen, die richtige Atmung und das „aus dem Bauch heraus“ singen, kann ich ihnen beibringen.“
„Ich ... das ist ... toll,“ brachte ich irgendwie heraus.
Sam lachte. „Das finde ich auch.“
Dann stand er auf, setzte seine Lesebrille auf, ging zu einem der vollgestopften Regale hinüber und suchte eine Weile darin herum, bis er schließlich fand was er suchte. Er zog einen Stapel Noten ganz unten aus einem unordentlichen Haufen, der auch sofort bedenktlich zu schwanken begann. Sam hielt einen Moment innne, die Hand vorsichtshalber erhoben, sollte das ganze Gerüst vielleicht doch in sich zusammen stürzen. Schließlich drehte er sich zufrieden schnaubend herum und legte einige Blätter auf den Flügel.
„Das hatte eben schwer was von Houdini,“ grinste ich, was Sam zum Lachen brachte.
„Reine Übungssache,“ entgegnete er und setzte sich wieder auf seinen Klavierhocker.
„Das hier ist kein besonders anspruchsvolles Stück, aber für den Anfang ist es genau richtig,“ kommentierte er, während ich die Blätter zu mir heran zog und skeptisch darauf schaute. Jede Menge Punkte verteilten sich auf unzähligen Notenlinien. Davor standen seltsame Zeichen und Schnörkel, mit denen ich noch wengier anfangen konnte. Etwas verzweifelt sah ich zu Sam hinüber.
„Keine Sorge, sie sollen jetzt nicht auch noch Noten lesen lernen. Es soll ihnen nur ein Gefühl für die Melodie vermitteln. Wenn die Noten auf den Linien nach oben klettern, dann tun sie das auch mit ihrer Stimme und umgekehrt. Es ist nicht schwer.“
„Wenn sie es sagen,“ gab ich immer noch skeptisch zurück. Zum wiederholten Male fragte ich mich, worauf ich mich da eigentlich eingelassen hatte, doch Sams Gewissheit, das aus mir vielleicht doch noch eine einigermaßen annehmbare Sängerin werden könnte, machte mir ein wenig Mut. Auf alle Fälle war er unglaublich nett und ich fühlte mich bei ihm wohl. Das war zumindest ein vielversprechender Anfang, mit dem ich so nicht gerechnet hatte.

Kapitel 9