Kapitel 6

Am Morgen der Verlobungsparty erwachte ich und blinzelte in das helle Sonnenlicht, das durch die Fenster mit den weißen Vorhängen herein fiel. Ein kurzer Blick auf den Wecker verriet mir, dass es sieben Uhr morgens war. So lange hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen und ich fühlte mich frisch, ausgeruht und auch ein wenig aufgekratzt.
Ich wandte den Kopf und blickte direkt in AJs schlafendes Gesicht. Sein Arm lag locker über meiner Hüfte, sein Gesicht war halb in den Kissen vergraben und er wirkte so unglaublich friedlich, das ich mich eine ganze Weile nicht von seinem Anblick losreißen konnte.
Wieder einmal wurde ich mir bewußt, welch überaus großes Glück ich hatte. Neben mir lag der Mann, den ich über alles liebte und bald würde ich seine Frau werden. Nichts konnte uns trennen und diese Gewissheit machte mich unglaublich friedlich.
Ich gestattete mir noch eine halbe Stunde, in der ich vor mich hin döste, meine Gedanken zu der bevorstehenden Hochzeit schweifen lies und mir ausmalte, wie es wohl sein würde umgeben von meinen alten Freunden und Nachbarn vor den Traualtar zu treten.
Als sich schließlich Tammys wutverzerrtes Gesicht in meine Gedanken schlich, schlug ich die Bettdecke zurück, wandt mich vorsichtig unter AJs Arm hervor und zog mir meinen Morgenmantel über. Leise verließ ich das Zimmer und ging hinunter in die Küche um mir einen Kaffee zu kochen und einfach ein bißchen die Ruhe vor dem Sturm zu genießen.
In den letzten Tagen hatte ich mit Denises tatkräftiger Unterstützung alles vorbereitet. Das Haus war mit Wildblumen und Girlanden aus roten Herzen geschmückt, auf dem Strand standen weiße Zelte, deren Stoffbahnen sich im sanften Wind blähten und zwischen denen riesige Palmen in großen Holzkübeln standen. Fackeln waren in den weichen Sand gebohrt worden und würden uns in der Nacht Licht spenden. Auf der Terrasse standen auf der einen Seite bereits die langen Tische, auf denen später die Cateringfirma das Buffett aufbauen würde und auf der anderen eine Bar, die sogar über mehrere Kühlschränke und ein Eisfach verfügte. Dazwischen waren riesige, leuchtendgelbe Sonnenschirme aufgespannt.
Barfuß, mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand setzte ich mich auf die Stufen, die hinunter zum Stand führten und lies mich von dem sanften Rauschen der Wellen begrüßen. Die Sonne wärmte bereits das Holz unter meinen Fingern, kein Wölkchen zeigte sich am strahlendblauen Himmel und ich war glücklich. Ein perfekter Tag.
Ich schloss die Augen und streckte das Gesicht in die Sonne. Erneut sah ich Tammy vor mir. Sie war das einzige, was mir heute fehlte. So lange ich mich zurück erinnern konnte, war sie immer bei mir gewesen. Wir hatten alles miteinander geteilt und obwohl wir so grundverschieden waren, war es mir manchmal so vorgekommen, als bildeten wir eine unüberwindliche Einheit. Waren wir zusammen, konnte uns niemand etwas anhaben.
Doch nun war ich alleine, mußte ohne ihre Stärke und ihre Zuversicht auskommen und an einem Tag wie heute vermisste ich sie mehr denn je. Sie sollte jetzt hier sein, an meiner Seite. Sie hätte sicherlich Spaß daran gehabt das Servicepersonal herum zu kommandieren, jedes noch so kleine Detail zu überwachen und mir immer wieder zu versichern, dass alles perfekt organisiert war und nichts schief gehen konnte. Ich vermisste ihre Nähe, ihr strahlendes Lächeln und das Funkeln in ihren Augen, wenn sie mich an sah. Sogar die Streiterein mit ihr fehlten mir.
Seufzend nippte ich an meinem Kaffee. Es hatte wohl keinen Sinn mir weiter darüber den Kopf zu zerbrechen. Nicht heute.
„Welche unangenehmen Gedanken gehen dir denn schon am frühen Morgen durch den Kopf?“ hörte ich plötzlich Denise und als ich aufsah, stand sie, ebenfalls mit einem Becher Kaffee bewaffnet neben mir und lächelte auf mich hinunter.
„Ach, nicht so wichtig. Setz dich doch.“ Ich rutschte ein Stück zur Seite und Denise lies sich neben mir nieder. Sie trug noch ihren Pyjama, ihre Augen hinter der Brille wirkten etwas verschlafen und ihre Haare standen ihr wild in alle Himmelsrichtungen vom Kopf ab.
„Ein großer Tag, was?“ bemerkte sie und blies in ihre dampfende Tasse.
„Oh ja. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben. Es ist alles so aufregend.“
„Das glaube ich dir,“ nickte sie. „Als ich damals geheiratet habe fühlte ich mich ähnlich. Bis zu dem großen Tag steckt man so tief in den Vorbereitungen, dass man kaum einen klaren Gedanken fassen kann, aber wenn dann der erste Moment der Ruhe kommt, so wie jetzt, dann empfindet man das alles fast als unwirklich.“
„Ja,“ ich nickte und lächelte dankbar.
„AJ liebt dich,“ sagte sie und wirkte dabei etwas verträumt. „Ich glaube, ich habe ihn noch nie so erlebt. Irgendwie ... ich glaube, er war immer auf der Suche nach seinem wahren zu Hause. Nachdem sein Vater uns verließ, hatten wir beide eine ziemlich schwere Zeit. Dann ging die Sache mit der Band los und ab da ... ich weiß auch nicht ... manchmal kommt mir das Ganze rückblickend betrachtet wie eine rasante Achterbahn vor.“
„Bereust du es, dass du ihn darin unterstützt hast?“ fragte ich.
„Nein,“ sie schüttelte entschieden den Kopf. „Er hat sicherlich viel durchgemacht. Der ganze Stress, die Depressionen, der Entzug ... aber trotz allem ist sein Beruf das, was ihn glücklich macht. Und du natürlich.“ Sie lächelte mich an. „Du tust ihm gut. Er scheint ... ich weiß nicht ... ruhiger geworden zu sein. Ich weiß das klingt schrecklich,“ lachte sie, als sie meinen skeptischen Gesichtsausdruck sah. „Er wirkt einfach so, als hätte er endlich den Ort gefunden, an dem er wirklich und komplett glücklich ist. Er ist so zufrieden und ausgeglichen und ich bin mehr als glücklich, dass er endlich gefunden hat, wonach er so lange suchte.“
Gerührt starrte ich auf meine nackten Zehen hinunter. Ich verstand, was sie meinte, auch wenn ich nicht so ganz glauben konnte, dass ich der einzige Grund für AJs Zufriedenheit sein sollte.
„Ich bin auf jeden Fall froh,“ sagte sie schmunzelnd, während sie mir einen Arm um die Schulter legte „dass ich so eine sympathische Schwiegertochter bekomme. Wenn ich mir seine anderen ... uhm ... Freundinnen so betrachte ... ich hatte immer gefürchtet, er könnte eines von diesen oberflächlichen, gierigen Mädchen heiraten. Aber Gott sei Dank habe ich ihm scheinbar doch ein bißchen Geschmack und gesunden Menschenverstand mitgegeben.“
Ich mußte lachen. „Dem ist nichts hinzuzufügen.“
„Auf die Liebe,“ lachte sie und wir stießen mit unseren Kaffeebechern an.
Eine Weile saßen wir noch zusammen, redeten über dies und das, bis es schließlich Zeit wurde uns anzuziehen und mit den restlichen Vorbereitungen zu beginnen.

Wir hatten noch eine gute Stunde, bis die ersten Gäste eintreffen würden und Nervosität begann wie brodelnde Lava durch meine Adern zu fließen. Hoffentlich würde nichts schief gehen. Lenny, Denise und AJ hatten zwar bereits mehrmals versichert, dass überhaupt nichts schlimmes passieren konnte, doch das beruhigte mich in keinster Weise.
Im Haus wuselte bereits das Serivcepersonal herum, das wir für heute Abend engagiert hatten. Junge Frauen und Männer in schwarzen Hosen und weißen Dinnerjackets breiteten blütenweiße Tischdecken über die langen Tische in den Zelten, die Bar wurde aufgefüllt und mit Gläsern und Flaschen bestückt und in der Küche war Denise dabei, letzte Anweisungen zu geben und die Vorbereitungen zu koordinieren. Sie war es auch, die mich schließlich in ihrer resuluten Art nach oben schickte und mir unmissverständlich klar machte, dass sie auch ohne mich zurecht kam.
Also hatte ich ausgiebig geduscht und stand nun in der champagnerfarbenen Spitzenunterwäsche, die mir AJ zu unserem einjährigen Jubiläum geschenkt hatte, und einem Handtuchturban auf dem Kopf vor dem Badezimmerspiegel und versuchte auf Zehenspitzen festzustellen, ob mein Bauch von vorne auch so schlaff aussah, wie von oben.
„Baby, hast du meine Uhr gesehen?“ AJ streckte den Kopf herein und lächelte, als er mich vor dem Spiegel stehen sah.
„Uhm ... auf der Kommode?“ vermutete ich, ohne in meiner Betrachtung inne zu halten.
„Nein, da habe ich schon nachgesehen,“ erklärte er, schob sich dann ganz in das Bad hinein und trat hinter mich. Er war bereits fertig umgezogen und roch unglaublich gut nach Aftershave und Seife.
Er schlang die Arme um mich und grinste mir aus dem Spiegel entgegen.
„Suchst du die ersten Falten?“ fragte er mich neckend.
„Nein,“ ich schüttelte den Kopf „aber findest du nicht, dass mir ein bißchen Sport ganz gut tun würde?“
„Hm ... lass mal sehen,“ er drehte mich zu sich herum und betrachtete mich ausgiebig von oben bis unten. „Hier vielleicht,“ meinte er grinsend und fuhr aufreizend langsam mit den Fingerspitzen über meine Oberschenkel. „Oder hier,“ seine Hände glitten über meine Pobacken und wanderten weiter über meine Taille. „Und hier ganz sicher,“ nickte er grinsend und umfasste zärtlich meine Brüste.
Ich seufzte leise und schmiegte mich dann an ihn. „Ich hab’s gewußt,“ mumelte ich. „Ich werde noch vor meinem dreißigsten Geburtstag fett und hässlich sein und dann suchst du dir eine neue, junge Schönheitskönigin, die dich wirklich glücklich machen kann.“
„Nur Pech für die junge Schönheitskönigin, dass ich ganz verrückt nach dir bin,“ lachte er leise. „Außerdem brauchst du dir überhaupt keine Gedanken machen. Du bist perfekt so wie du bist.“
„Ehrlich?“ fragte ich ihn lächelnd.
„Ganz ehrlich,“ nickte er. Dann beugte er sich zu mir hinunter und hauchte mir einen Kuß auf die Lippen. „Du hast noch nie schöner ausgesehen,“ sagte er dann leise und in seinen Augen erschien ein warmes Funkeln.
„Du auch nicht,“ gab ich lächelnd zurück und küsste ihn dann leidenschaftlich, wobei mir das Handtuch vom Kopf rutschte und sich die nassen Haare kühl auf meine Schultern legten.
Ich spürte, wie er mich hochhob und auf den Wachtisch setzte.
„Wir haben noch etwas Zeit, oder?“ fragte er mit rauer Stimme.
„Dafür ist immer Zeit,“ entgegnete ich atemlos, während ich bereits dabei war ihm das T-Shirt über den Kopf zu ziehen.
Seine Hände glitten über meinen Körper und schoben sich dann unter meinen Slip.
In diesem Moment hallte das Leuten der Türklingel durch das Haus.
„Nein, nein, nein,“ protestierte ich. „Wer auch immer das ist, er ist zu früh und muß warten.“
AJ grinste nur, während ich mein Hinterteil anhob und er mir langsam den Slip abstreifte.
„Robin? AJ?“ hörten wir plötzlich Denise von unten rufen.
„Was ist denn Mom?“ rief AJ ungehalten zurück, während er mit einer Hand seinen Gürtel öffnete.
„Ihr habt Besuch!“
„Wir kommen gleich!“ rief AJ zurück, was mich in haltloses Gekicher ausbrechen lies. „Und das ist die volle Wahrheit,“ sagte er leiser lachend an mich gewandt. Seine Jeans glitten zu Boden, genau so wie seine Shorts.
In diesem Moment hämmerte es an die Schlafzimmertür und erschrocken fuhren wir auseinander. „Was ... ?“ Setzte AJ wütend an, zog in einer heftigen Bewegung seine Hosen wieder hoch und trat aus dem Badezimmer.
„Ich hoffe für dich es ist wirklich wichtig,“ setzte er an, während ich vom Wachtisch herunterglitt und ebenfalls meinen Slip wieder anzog. Die Lust auf Sex war mir auf jeden Fall gründlich vergangen.
Ich hörte, wie er die Tür aufriss und dann laut mit seiner Mutter schimpfte.
„Wirklich Mom. Das hätte doch auch noch fünf Minuten Zeit gehabt, oder?“
Denise antwortete etwas, das ich nicht verstand und ich wartete eigentlich auf AJs lautstarke Reaktion, doch sie blieb aus. Stattdessen hörte ich, wie er die Schlafzimmertür wieder schloss und wenig später kam er zurück ins Badezimmer. Er wirkte angespannt und nervös und augenblicklich durchfuhr mich ein eisiger Schrecken. War irgendetwas passiert?
„Was ist?“ fragte ich.
„Ähm ... meine Mom sagt ... also ... Tammy ist unten.“
Die Welt schien still zu stehen. Ich hörte meinen Herzschlag in den Ohren hämmern, meine Hände begannen zu zittern und mir wurde es abwechselnd heiß und kalt.
„Sie ist hier?“ fragte ich beinahe flüsternd nach und AJ nickte langsam.
„Ich ... oh Gott, ich muß mir was anziehen.“
Hektisch drückte ich mich an AJ vorbei und lief hinüber ins Schlafzimmer. Auf dem Bett lag bereits das kurze, cremefarbene Sommerkleid mit den kleinen, blauen Blüten darauf. Mit leicht zitternden Hände schlüpfte ich hinein und drehte dann AJ den Rücken zu, damit er mir den Reißverschluss schließen konnte. Er hatte mittlerweile sein T-Shirt wieder übergezogen und er brauchte viel zu lange, um den sich immer wieder verhakenden Reißverschluss zu zu ziehen.
„Sie ist hier,“ flüsterete ich und konnte es immer noch nicht glauben. Ein erstes, zaghaftes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. „Sie ist hier,“ wiederholte ich und das Lächeln wurde breiter. Dann griff ich nach seiner Hand und zog ihn hinter mir her.
Ich flog förmlich die Stufen hinunter und blieb dann unten im Flur einen Moment stehen um mich zu orientieren. Stimmen drangen aus der Küche, also wandte ich mich dort hin. Immernoch hielt ich AJs Hand fest umschlossen, denn ich hatte das Gefühl ich könnte mich einfach auflösen wie ein Geist, wenn ich nichts hatte, was mich im Hier und Jetzt hielt.
Bevor wir allerdings die Küche betreten konnten, entzog er mir seine Hand. Ich wollte mich zu ihm herum drehen und ihn fragen, warum er das tat, doch da standen wir bereits in der Küche und alle weiteren Gedanken verflüchtigten sich in diesem Moment.
Tammy stand mit Denise und Lenny nahe beim Fenster, hatte sich an die Arbeitsplatte gelehnt und hielt ein Glas Wasser in der Hand. Ihre blauen Augen, die meinen so ähnlich waren, hefteten sich augenblicklich auf mich, dann huschten sie weiter zu AJ und danach wieder zurück zu mir.
Wie in Zeitlupe stellte sie ihr Glas ab und drehte sich dann ganz zu mir herum. Die Sonne lies ihre blonden Locken aufleuchten und erhellte ihr hübsches Gesicht mit den ebenmäßigen Zügen. Sie sah einfach wundervoll aus, auch wenn sie ein wenig zu dünn wirkte.
Mein Herz klopfte hektisch in meiner Brust und das erste Mal fragte ich mich ängstlich, ob sie wirklich hier her gekommen war um Frieden zu schließen. Vielleicht wollte sie mir auch nur noch einmal ins Gesicht sagen, dass sie mit dieser Hochzeit zum einen überhaupt nicht einverstanden war und dass sie mich zum anderen immer noch abgrundtief hasste.
„Hi Tam.“ AJ hatte scheinbar als erster seine Sprache wieder gefunden.
„Hallo AJ,“ entgegnete sie. Alleine der Klang ihrer Stimme trieb mir die Tränen in die Augen. Gott, ich hatte sie so sehr vermisst!
„Hey,“ sagte ich leise und machte einen Schritt auf sie zu.
„Hallo Robin,“ nickte sie, doch ihrem Gesicht war nicht anzusehen, was sie in diesem Moment dachte und fühlte. „Es ... ist so schön dich zu sehen,“ hauchte ich und wußte nicht, was ich tun sollte. Alles in mir schrie danach, zu ihr hinüber zu gehen und sie in die Arme zu schließen, doch ich wußte nicht, ob sie das ebenso empfand, also blieb ich unentschlossen mitten in der Küche stehen.
Die Spannung war beinahe mit Händen zu greifen, niemand sagte ein Wort, alle starrten sie Tammy und mich an.
„Na kommt Leute, machen wir uns ein bißchen nützlich,“ sagte Denise schließlich, schob Lenny vor sich her und griff im Vorbeigehen nach AJs Arm.
„Mom, ich glaube nicht ... ,“
„Wir sollten den beiden ein bißchen Zeit für sich geben,“ unterbrach sie ihn lächelnd und widerstrebend lies AJ sich aus der Küche führen.
Augenblicklich kehrte wieder Stille ein.
„Ich kann gar nicht glauben, dass du wirklich hier bist,“ sagte ich schließlich, nachdem ich meine Sprache wieder gefunden hatte.
„Ich, ehrlich gesagt, auch nicht,“ gestand sie.
„Hm.“
„Ihr ... habt es wirklich ... schön hier,“ sagte sie stockend und rührte sich nicht von ihrem Posten vor dem Fenster.
„Ja. Es ist wirklich ein Traum.“
Wir nickten beide und schwiegen.
Wie oft hatte ich mir ausgemalt, was ich zu ihr sagen würde, wenn sie vor mir stand? Wie oft hatte ich genau dieses Szenario in meinem Kopf durchgespielt? Leider hatte ich nicht bedacht, dass mir in genau diesem Moment sämtliche Gehirnwindungen ihren Dienst versagen würden.
„Wie geht es dir?“ fragte ich schließlich, weil mir nichts besseres einfiel. Langsam ging ich zu dem kleinen Esstisch hinüber und lies mich auf einen der Stühle sinken. Höchstwahrscheinlich hätten mich meine zitternden Knie keine Sekunde länger getragen.
„Ganz gut eigentlich. Der Job stresst wie immer, aber ansonsten komme ich zurecht. Ich habe einen Gärtner engagiert, der sich um diese vertrocknete Pflanzenwüste gekümmert hat. Es sieht jetzt richtig schön aus.“
Ein wehmütiges Lächeln schlich sich auf mein Gesicht, als ich an den Wintergarten und den unansehnlichen Garten dahinter dachte. Mein zu Hause.
„Warum ... warum bist du hier?“ fragte ich schließlich leise.
„Ich ... weiß es nicht so genau,“ entgegnete sie, kam dann auf mich zu und zog sich ebenfalls einen Stuhl unter dem Tisch hervor, auf den sie sich gleich darauf fallen lies.
„Du fehlst mir,“ sagte ich. „Jeden Tag denke ich an dich. Was du wohl machst. Wie es dir geht. Ich wünschte ... ,“
In diesem Moment hob sie die Hand. „Sag jetzt nicht du wünschtest, dass das alles nicht passiert wäre, denn das ist nicht wahr,“ sagte sie. „Du bist mit ihm glücklich. Ihr habt ein tolles Haus. Ihr werdet heiraten.“
„Ja, schon. Aber ... ,“ ich seufzte, weil ich nicht wirklich ausdrücken konnte, was ich empfand. „Ich liebe dich, verstehst du? Ich wollte dir niemals weh tun.“
„Nun, das hast du aber.“
„Ich weiß. Und es tut mir auch unendlich leid.“
„Das weiß ich,“ sagte sie zu meiner Verblüffung und ich starrte entgeistert zu ihr hinüber.
„Aber nur, weil ich das weiß heißt das noch lange nicht, dass ich es auch akzeptieren konnte. Ich ... es hat verdammt weh getan ... tut es irgendwie immer noch. Aber ... ,“ sie schüttelte den Kopf, seufzte abgrundtief und lehnte sich mit den Unterarmen auf den Tisch. „Du bist meine einzige Schwester, das letzte Bißchen Familie, das ich noch habe. Ich denke, es wird langsam Zeit mit dem Wüten und Schmollen aufzuhören und vernünftig zu sein. Normaler Weise war das immer dein Part, aber in diesem Fall ... ,“ ein erstes zaghaftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und nun rollten mir doch einige Tränen über die Wangen.
„Ich bin so froh,“ hauchte ich. Dann stand ich auf und warf mich in ihre ausgebreiteten Arme. „Ich bin sooooo froh,“ wiederholte ich.
„Ich auch,“ hörte ich sie, ebenso leise sagen.
Eine ganze Weile standen wir so mitten in der Küche, hielten uns im Arm und weinten leise.
Ein leises Räuspern holte uns schließlich in die Gegenwart zurück. Als ich mich herum drehte, stand AJ in der Küche und sah uns lächelnd an.
„Es sieht so aus, als hättet ihr euch wieder vertragen,“ sagte er.
„Ja, das haben wir,“ strahlte ich und wischte mir dabei die Tränen aus dem Gesicht.
„Ziemlich tränenreich, wie ich hinzufügen möchte,“ grinste Tammy.
„Das freut mich. Das freut mich wirklich,“ nickte AJ und wußte dann scheinbar nicht mehr, was er sagen sollte.
„Es ist schön dich wieder zu sehen,“ sagte Tammy und machte zwei vorsichtige Schritte auf ihn zu.
„Es ist auch schön dich wieder zu sehen,“ entgegnete er und kam ihr ein Stück entgegen. Sie blieben voreinander stehen und sahen sich eine Weile nur an und ich wartete gespannt, was als nächstes passieren würde. Sie hatte mir vergeben, würde sie sich AJ gegenüber auch so großzügig zeigen?
„Komm’ her,“ sagte sie schließlich leise und zog AJ an sich.
Er schlang seine Arme um sie und drückte sie fest an sich. Seine Augen waren geschlossen und er versenkte für einen Moment sein Gesicht in ihrem Haar.
„Oh Mann, so eine rühselige Szene habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen!“ Lenny war plötzlich in der Küche aufgetaucht und strahlte über das ganze Gesicht.
AJ löste sich von Tammy und drehte sich zu ihm herum, während er sich verstohlen über die Augen wischte.
„Tja Kumpel, bei uns bekommst du eben für jede Stimmung etwas geboten.“
Lenny lachte. „Ja, das sehe ich. Es ist schön, euch endlich wieder alle vereint zu sehen.“
Er ging auf Tammy zu und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Und, was habe ich dir gesagt? Sie haben dich nicht gefressen.“
„Nein, haben sie nicht,“ grinste Tammy, drehte sich dann zu mir herum und streckte eine Hand nach mir aus. Sofort war ich bei ihr und kuschelte mich glücklich an ihre Schulter.
„Du hast davon gewußt?“ fragte ich Lenny und runzelte missbilligend die Stirn.
„Sagen wir mal so ... die Chancen, das genau das hier passiert, standen fünfzig zu fünfzig. Deshalb konnte ich nichts sagen.“
„Sei nicht böse auf ihn,“ sagte Tammy. „Ich wußte bis gestern Abend selbst noch nicht ob ich kommen würde oder nicht.“
„Und, bist du froh, dass du es doch getan hast?“ fragte AJ.
„Ja,“ sie nickte. „Ich denke schon.“
„Du bist die Größte,“ sagte ich liebevoll.
„Ach was,“ sie winkte ab und entwandt sich dann aus Lennys und meiner Umarmung. „Ich habe nur das getan, was ich schon vor ein paar Monaten hätte tun sollen. Aber mit Stolz ist das eben so eine Sache. Es fällt nicht leicht ihn hinunter zu schlucken.“
„Ich finde, dass du ungeheuer mutig und großherzig bist. Und darauf kannst du zurecht stolz sein,“ sagte AJ lächelnd.
Vorsichtig schob ich mich an ihn heran. Ich wollte ihn umarmen, wollte ihm nahe sein, doch ich war unsicher, ob ich das wirklich vor Tammys Augen tun sollte. Dass sie hier war hieß noch lange nicht, dass es ihr nicht immer noch weh tat uns zusammen zu sehen.
Anstatt ihn zu umarmen griff ich also nach seiner Hand und drückte sie leicht. Sie fühlte sich kalt und freucht an und etwas verwundert blickte ich zu ihm auf.
„Ich hab mir beinahe in die Hose gemacht vor Angst,“ gestand er grinsend, als er meinen fragenden Blick bemerkte. „Immerhin hätte es durchaus passieren können, dass ihr jeden Moment mit den Küchenmessern aufeinander los geht.“
„Nein, das haben wir hinter uns,“ entgegnete Tammy, doch sie wirkte etwas angespannt und ihr Blick huschte unstet hin und her.
„Also ... ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich glaube, bevor die große Party steigt, sollten wir uns wohl alle noch einmal vor einen Spiegel stellen, was meint ihr?“ fragte Lenny plötzlich und erst jetzt fiel mir ein, dass meine Haare wie schleimige Spaghetti von meinem Kopf herunter hingen und ich noch kein Make-Up trug.
„Keine schlechte Idee. Tam, ich zeig dir dein Zimmer, ja?“
Sie nickte lächelnd, ich griff nach ihrer Hand und gemeinsam liefen wir hinauf in den oberen Stock. Dabei schaute ich immer wieder verstohlen zu ihr hinüber. So ganz konnte ich noch nicht glauben, dass sie tatsächlich wieder hier bei mir war und sie uns verziehen hatte. Ich hätte die ganze Welt umarmen können!

Kapitel 7