Kapitel 5
AJs Mom Denise traf drei Tage später ein. Während AJ sie vom Flughafen abholte, saßen Lenny und ich gemeinsam auf der Terrasse und genossen das Gefühl, ein bißchen Zeit nur für uns zu haben. Es war beinahe wie früher. Wir redeten, lachten und scherzten und verstanden uns oft auch ohne viele Worte.
Bist du nervös, wenn AJs Mom hier gleich auftaucht? fragte Lenny.
Nein, eigentlich nicht. Wir verstehen uns wirklich gut. Ich mag sie und ich glaube, sie mag mich auch. Manchmal ist es etwas schwierig. Sie ... hm ... sie ist es gewohnt die Fäden in den Händen zu halten, verstehst du? Und ich ... nun ja ... mir fehlt manchmal etwas die Durchsetzungskraft. Aber AJ vermittelt da ganz gut, lächelte ich.
Ja, ja. Die lieben Schwiegermütter ... , grinste Lenny.
Als ob du Erfahrungen mit dieser besonderen Spezies Mensch hättest, lachte ich.
Nun ja, nicht wirklich. Aber irgendwo müssen diese Vorurteile doch her kommen.
Wahrscheinlich hast du recht, aber wie gesagt: Sie ist wirklich richtig nett und witzig. Ihr Sohn hat viel von ihr geerbt.
Na, dann kann ja nichts mehr schief gehen.
Wohl wahr.
Wir schwiegen einen Moment, während wir die Wellen beobachteten, die behäbig dem Strand entgegen rollten.
Was ist eigentlich mit dir? fragte ich schließlich.
Was soll mit mir sein?
Hast du schon die Frau fürs Leben gefunden?
Wenn dem so wäre, wüßtest du es, schmunzelte er.
Auch wieder wahr.
Ich habe da eigentlich ein wenig auf eure Hochzeit spekuliert. Meinst du nicht, da gibt es ein paar enttäuschte, gut aussehende Frauen, die sich von mir trösten lassen wollen?
Ich mußte lachen. Ich weiß nicht. Aber ich kann AJ gerne mal fragen.
Hey, ihr seid jetzt neun Monate hier. Hast du noch niemanden kennen gelernt?
Es ist schwierig, gab ich ausweichend zu.
Wieso?
Ich weiß auch nicht, ich zuckte mit den Schultern. AJ hat da weniger Schwierigkeiten. Manchmal kommt es mir so vor, als würde er jedes Mal wenn er aus dem Haus geht einen neuen guten Freund anschleppen.
Also gehst du nicht aus dem Haus? witzelte Lenny.
Nein, natürlich nicht, ging ich auf den Scherz ein. Ich verbarrikadiere mich hier und führe ein Einsiedler Dasein.
Hach, wie tragisch, entgegnete Lenny und warf mir einen mitleidigen Blick zu.
Ach was, winkte ich ab. Natürlich habe ich auch schon Leute kennen gelernt, aber es war noch nicht ... der oder die richtige dabei. Villeicht fällt es mir auch einfach schwerer jemanden an mich heran zu lassen.
Hm ... möglich, nickte Lenny während er mich aufmerksam musterte.
Wie sind wir überhaupt auf das Thema gekommen? fragte ich entrüstet.
Ich habe keine Ahnung, lachte er. Erzähl mir doch mal, was du AJ zur Hochzeit schenkst.
Ohje, da sagst du was, entgegnete ich seufzend und spürte das altbekannt ziehen in der Magengegend, das mich jedesmal bei diesem Thema überkam.
Ist schwierig jemandem etwas zu schenken, der schon alles hat, was? vermutete Lenny.
Ja. Aber ... also ... ich habe da schon ... einen Plan sozusagen.
Oh ja, ich liiiiiebe geheime Pläne, erzähl mir mehr, grinste Lenny und beugte sich gespannt in seinem Stuhl nach vorne.
Also, begann ich und spürte, wie mein Herz ein paar Takte schneller zu schlagen begann. Ich habe mir gedacht, ich könnte etwas für ihn singen.
Lenny runzelte erst die Stirn, sah mich dabei an, als wäre ich nicht ganz bei Trost und begann dann zu lachen. Das ist nicht dein Ernst, oder?
Ja, ja, ich weiß, das klingt total bescheuert. Aber ... , ich hob eine Hand, bevor Lenny mich unterbrechen konnte ... ich habe das alles bestens organisiert und geplant. Ab nächste Woche bekomme ich Gesangsunterricht. Du wirst nicht glauben, wie viele Gesangslehrer es in LA gibt. Jedenfalls ... ich weiß noch nicht so genau, was ich singen werde, aber ich dachte, dass es eine schöne Idee ist, da ja nun bekannter Maßen die Musik AJs größte Leidenschaft ist.
Du meinst die zweite nach dir, grinste Lenny.
Oder so, nickte ich.
Hm ... ich weiß nicht. Lenny war immer noch skeptisch, was ich ihm nicht verdenken konnte. Die Idee war mir in einer meiner schlaflosen Nächte gekommen und auch wenn ich sie im ersten Moment als absolut grotesk weit von mir geschoben hatte, hörte der Gedanke nicht mehr auf in meinem Kopf zu kreisen. Schließlich hatte ich kurzentschlossen zum Telefonbuch und zum Hörer gegriffen und hatte mir einen Gesangslehrer gesucht.
Wenn mir mein Lehrer sagt, dass das eine total blödsinnige Idee ist, weil ich nun mal absolut überhaupt nicht singen kann, womit er sicherlich recht hätte, dann lasse ich es bleiben und denke mir eben etwas anderes aus.
Man kann dir auf jeden Fall nicht nachsagen, dass du keinen Ehrgeiz hättest, grinste Lenny.
Nein, das auf keinen Fall, entgegnete ich ebenfalls grinsend.
Hm ... vielleicht ist das wirklich gar keine so schlechte Idee. Sing mir doch mal etwas vor.
Um Gottes Willen, lachte ich. Was meinst du, warum ich mir einen Lehrer gesucht habe?
Ich möchte nur die Ausgangssituation beurteilen können!
Aber ... ,
Na komm schon. Auf deiner Hochzeit wirst du vor viel mehr Menschen singen müssen und ich bin wenigstens dein Freund.
Aber du wirst mich trotzdem auslachen, entgegnete ich mit einem schiefen Grinsen.
Ich kann nichts versprechen, aber ich werde mich zusammen nehmen. Versprochen!
Ich schüttelte den Kopf. Wie kam ich nur aus dieser Nummer wieder heraus?
Jetzt mach schon, drängte Lenny gutmütig und ich gab mich geschlagen.
One - youre like a dream come true
Two - just wanna be with you
begann ich also leise zu singen. Meine Stimme klang beinahe kläglich dünn und ich traf selbst bei diesen zwei kurzen Zeilen nur jeden dritten Ton, so dass Lenny gequält das Gesicht verzog.
Also ... dein Lehrer wird richtig viel Arbeit mit dir haben, prophezeite er.
Ich weiß, nickte ich seufzend. Vielleicht ist das wirklich eine total blöde Idee und ... ,
Hey, du wirst doch nicht etwa aufgeben wollen, oder? Die Robin Duncan die ich kenne, hat sich doch niemals so schnell unterkriegen lassen.
Ja, ja. Also wirklich. Vor ein paar Sekunden hast du mich noch ausgelacht.
Ich beginne mich für die Idee zu erwärmen, gestand er lächelnd.
Schön für dich. Ich bin leider noch nicht so wirklich davon überzeugt. Ich meine ... die Idee ist wahrscheinlich wirklich nicht mal so schlecht, aber bei der Ausführung sehe ich doch einige Probleme auf mich zukommen.
Wir sahen uns einen Moment an und begannen dann gleichzeitig zu kichern.
Das wird der Höhepunkt der Feier, japste Lenny schließlich.
Ich sollte möglichst spät singen, sonst können wir am Ende noch ganz alleine feiern, lachte ich.
Ach, das macht nichts. Dann bleibt mehr zu essen für uns übrig.
Dieser Satz verursachte bei mir einen weiteren Heiterkeitsausbruch und wir saßen noch minutenlang auf der Terrasse und versuchten uns wieder einigermaßen einzukriegen.
Schließlich hörten wir, wie vor dem Haus Autotüren zugeschlagen wurden und immer noch leise kichernd ging ich durch das Haus um AJ und seiner Mom die Tür zu öffnen.
Als ich auf die Veranda hinaus trat, kamen sie beide gerade auf das Haus zu. AJ zog einen riesigen Koffer hinter sich her und hatte einen schwarzen Kleidersack über die Schulter gehängt.
Dennis lächelte schon von weitem. Sie trug Jeans und ein hellblaues T-Shirt, was das leuchtende Rot ihrer kurzen Haare betonte. Sie war nicht viel größer als ich, strahlte dabei aber eine Energie aus, die sich kaum jemand entziehen konnte. Schließlich hatte sie mich erreicht und zog mich in eine fest Umarmung.
Hallo Robin, begrüßte sie mich strahlend. Ist das schön dich zu sehen! Ich kann gar nicht glauben, dass ich endlich hier bin.
Geht mir genau so, lächlte ich. War der Flug arg schlimm?
Viel zu lang und zu voll, kommentierte sie.
AJ hatte mittlerweile den Koffer auf die Veranda hochgehievt und drückte mir einen schmatzenden Kuß auf die Lippen.
Ich stand erst am falschen Gate, gestand er.
Oh ja. Und dann kam er im Dauerlauf angerannt, als würde ich jede Sekunde wieder in den Flieger einsteigen und zurück fliegen, grinste Denise und tätschelte ihrem Sohn den Arm.
Ich sag ja, total planlos der Junge, grinste ich.
Ich bedeutete ihr, mir ins Haus zu folgen, wo uns bereits Lenny entgegen kam.
Das ist mein allerbester Freund Lenny. Er gehört sozusagen zu Familie. Und das ist AJs Mom Denise, stellte ich die beiden einander vor.
Freut mich sie kennen zu lernen, lächelte Lenny und streckte ihr die Hand entgegen.
Das ist also der berühmte Lenny, grinste Denise, übersah seine ausgestreckte Hand und zog ihn stattdessen ohne Umschweife in eine herzliche Umarmung.
Wow, grinste Lenny, als Denise ihn wieder losgelassen hatte. AJ kann unmöglich ihr Sohn sein. Sie sind so nett.
Können wir uns bitte darauf einigen, dass ich nicht für die restliche Zeit derjenige bin, auf dessen Kosten die Witze gemacht werden? meldete sich AJ zu Wort, was uns in Gelächter ausbrechen lies.
Och, mein armer Held, lächelte ich und zog ihn an mich.
Uhm, schon besser, schnurrte er, während er mir sanft den Rücken streichelte und einen Kuß auf die Wange hauchte.
Komm Lenny, lass uns in die Küche gehen. Ich könnte einen starken Kaffee vertragen, grinste Denise, während sie Lenny vor sich her schob.
Aber gerne doch, entgegnete Lenny. Uhm ... eine Frage: Können sie kochen?
AJ kicherte und schüttelte belustigt den Kopf.
Bist du froh, dass deine Mom hier ist? fragte ich leise, während ich das Gefühl seiner starken Arme um meine Taille genoss.
Ja. Sehr. Und du und Lenny? Das Dreamteam wieder vereint?
Hm, stimmte ich ihm zu.
Das ist schön. Du wirkst so glücklich wie schon lange nicht mehr.
Das bin ich auch, nickte ich.
Ich habe nicht zufällig auch etwas damit zu tun? fragte er den Beleidigten spielend.
Du bist der Grund, lächelte ich. Du und niemand sonst. Ich liebe dich.
Ah, das wollte ich hören, lachte er leise, richtete sich auf und küsste mich zärtlich. Robin und AJ gegen den Rest der Welt, was?
Oh ja, nickte ich.
Dann folgten wir Denise und Lenny in die Küche. Lenny saß auf dem Küchentisch, lies die Beine baumeln und sah Denise dabei zu, wie sie wie selbstverständlich in den Küchenschränken nach dem Kaffee suchte.
Zum ersten Mal nach langer Zeit fühlte ich mich annähernd vollkommen. Meine Familie war unter einem Dach vereint und in nicht einmal zwei Monaten würde ich mit AJ vor den Traualtar treten.