Kapitel 3

**Drei Monate später**

Ich stand in der Ankunftshalle des Flughafens und hielt in der Menge der eintreffenden Passagiere nach einem roten Haarschopf Ausschau.
Wie lange war es her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten? Fast ein Jahr?
Mein Herz klopfte vor Freude und Aufregung schnell und heftig und ich hatte das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können.
Lenny ... nach so langer Zeit würde ich meinen besten Freund endlich wieder in die Arme schließen können. Telefon und Internet hin oder her, aber sie waren eben doch kein guter Ersatz für körperliche Nähe und das strahlende Lächeln auf seinem Gesicht.
Nervös trippelte ich von einem Bein auf das andere. Wo blieb er bloß? Die Ankunftshalle leerte sich merklich und von Lenny war immer noch keine Spur zu sehen.
„Suchst Du jemanden bestimmten Prinzessin?“ tönte es plötzlich hinter mir und ich fuhr herum.
Und da stand er. Breit grinsend und mit einem Wagen auf dem sich zwei riesige Reisetaschen türmten.
„Was machst Du denn hier?“ fragte ich entgeistert, zu perplex um ihn richtig zu begrüßen. Wie hatte ich ihn nur übersehen können?
„Ist das vielleicht eine Begrüßung nach einem Jahr?“ fragte er lachend, lies den Wagen los und breitete die Arme aus.
Ich flog förmlich zu ihm und presste ihn ganz fest an mich.
„Mein Gott ... wie konnten wir nur so viel Zeit verstreichen lassen,“ murmelte ich, nachdem ich meine Sprache wieder gefunden hatte. Immernoch wagte ich es nicht, ihn los zu lassen. Ich hatte das unwirkliche Gefühl, dass er wie eine Fatamorgana verschwinden würde, wenn ich auch nur einen Augenblick nicht aufpasste.
„Tja, das fragst Du mich,“ lachte er gutmütig und schob mich ein Stück von sich. Er versuchte sein Stirnrunzeln hinter einem Lächeln zu verbergen, doch es gelang ihm nicht wirklich.
„Wie geht es Dir?“ fragte er auch sofort und ich schüttelte den Kopf.
„Immer noch der Alte, was?“
„Na ja, das sieht doch ein Blinder mit nem Krückstock, dass Du nicht wirklich entspannt bist.“
„Nicht wirklich entspannt ist die Untertreibung des Jahrhunderts, aber danke für Dein Taktgefühl,“ gab ich schmunzelnd zurück.
„Taktgefühl? Wo?“ fragte er erstaunt und sah sich demonstrativ nach allen Seiten um.
Ich lachte und knuffte ihn freundschaftlich in die Seite.
„Lass uns einfach gehen. Sonst gibt AJ noch ne Suchmeldung raus.“
„Wie Madam befehlen,“ grinste er und gemeinsam begaben wir uns Richtung Ausgang.
„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich zu Eurer Verlobungsparty eingeladen bin.“
„Du bist mein bester Freund. Warum um Gottes Willen sollte ich Dich nicht einladen?“ fragte ich erstaunt, während ich den Kofferraum meines Wagens öffnete.
„Nicht das ich eingeladen bin wundert mich, ich meine DAS ist ja wohl selbstverständlich.“ Grinsend stieg er in den Wagen ein.
Ich setzte mich hinter das Steuer, startete und fuhr langsam aus der Parklücke.
„Ich meinte eher den Umstand, dass ihr tatsächlich heiraten wollt. Ich kann mir das irgendwie nicht wirklich vorstellen.“
„Wieso nicht? Wir haben uns gesucht und gefunden. Seelenverwandte wenn Du es so nennen willst. Was liegt da näher, als das Ganze durch eine Heirat zu besiegeln?“
„Ich weiß nicht. Wie lange seid ihr jetzt zusammen? Ein gutes Jahr?“
„13 Monate, 20 Tage und ...,“ ich sah auf meine Armbanduhr „15 Stunden.“
Lenny lachte laut auf. „Okay ... ich glaube ich nehme das mit dem Heiraten wieder zurück.“
„Nein, nein, sag mir, was Du denkst.“
„Es kam irgendwie alles ein bißchen plötzlich. Ihr seid noch nicht mal richtig in das neue Haus eingezogen und schon findet darin eine Verlobungsparty statt.“
„Na, so schnell ging das ja nun auch nicht. Wir wohnen jetzt schon neun Monate in dem Haus. Außerdem ... wer sagt denn, dass man erst Ewigkeiten zusammen sein muß um zu heiraten? Es kann genau so gut schief gehen, wenn Du jemanden jahrelang kennst.“
„Mag sein ...“
Ich hatte das Gefühl, dass er noch etwas sagen wollte, deshalb warf ich einen schnellen Blick zu ihm hinüber. Er starrte konzentriert nach vorne auf die Straße und schien über irgendetwas nach zu grübeln.
„Na komm schon, raus damit. Du kannst es sowieso nicht für Dich behalten,“ forderte ich ihn auf und ich hörte ihn neben mir seufzen.
„Warum läßt Du mich nicht erst mal richtig ankommen? Die tief schürfenden Gespräche sollten wir uns vielleicht für später aufheben.“
„Wie Du meinst,“ gab ich nach, aber nur weil ich wußte, dass er genau so stur sein konnte wie ich. Wenn er jetzt nicht wollte, dann war kein weiteres Wort aus ihm heraus zu kriegen.
„Erzähl mir von zu Hause,“ sagte ich und biß mir im nächsten Moment auf die Zunge. Mein zu Hause war doch hier! Was redete ich da eigentlich?
Lenny schien in die gleiche Richtung zu denken, denn ich bemerkte aus den Augenwinkeln, wie er mir einen überraschten Blick zu warf. Doch er ging nicht näher darauf ein.
„Da ist alles soweit prima. Carrie und Frank lassen Dich herzlich grüßen. Ich soll Dir ausrichten, dass sie immer noch auf eine Einladung in das sonnige Kalifornien warten.“
Ich lächelte. „Die kommt wahrscheinlich schneller, als sie sich das gedacht haben.“
„Du willst sie zur Hochzeit einladen?“
„Aber ganz sicher! Und Freddy und Olivia auch. Und ob Du es glaubst oder nicht, ich habe mich von AJ überreden lassen, sogar die alte Misses Schumaker einzuladen. Kannst Du Dir das vorstellen?“
Lenny lachte. „Wenn ich ehrlich bin nicht wirklich. Da muß er aber einen ganz schwachen Moment bei Dir erwischt haben.“
„Wem sagst Du das,“ seufzte ich, als ich daran dachte wie es wohl sein würde, diese mir so verhasste, neugierige Person in meinem Haus willkommen zu heißen.
Unwillkürlich stieg ein weiteres, runzliges Gesicht aus meiner Vergangenheit vor meinem geistigen Auge auf.
Molly hatte sich sehr gut mit ihr verstanden. Sie hatte sogar versucht mir zu erklären, dass Misses Schumaker eine alte, einsame Dame war und einfach ein wenig Aufmerksamkeit brauchte.
Ich seufzte leise bei dem Gedanken an meine alte Freundin, die meine Hochzeit leider nicht mehr mit erleben konnte. Wie oft hatte ich mir gewünscht sie anrufen zu können? Sie um Rat zu fragen oder einfach nur ihre weiche, warme Stimme hören zu können?
Aber es half ja nichts. Molly war tot und kein noch so verzweifelter Gedanke an sie, würde sie mir zurück bringen.
„Woran denkst Du?“ fragte Lenny.
„An Molly, verrückt, oder?“
„Finde ich nicht. Sie war Dir sehr wichtig. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie Dir sehr fehlen muß.“
„Ja, das tut sie. Genau so wie meine Eltern. Ich finde es so unglaublich traurig, dass sie nicht mit erleben können, wie ihre kleine Tochter doch noch erwachsen wird.“
„Glaub mir, sie wissen es. Davon bin ich fest überzeugt!“
Ich langte zu ihm hinüber und drückte kurz seine Hand, die locker auf seinem Knie lag.
Danach konzentrierte ich mich wieder auf die Straße und wartete, dass Lenny weiter sprechen würde. Nachdem er die gesamte Nachbarschaft erwähnt hatte hoffte ich auf Nachrichten von Tammy. Ging es ihr gut? Wie kam sie alleine zurecht? Hatte sie etwas zur Hochzeit gesagt? Immerhin hatten wir ihr eine Einladung zur Verlobungsparty zukommen lassen, doch sie hatte sich nicht gemeldet. Im Grunde hatte ich auch nicht wirklich damit gerechnet, doch mein wundes Herz hatte bis zu letzt gehofft, von ihr irgendeine Reaktionen zu bekommen. Ich hatte schon so ewig nichts mehr von ihr gehört, dass es mir sogar recht gewesen wäre, wenn sie mich durch den Telefonhörer beschimpft hätte.
Lenny schwieg und ich warf einen kurzen Blick zu ihm hinüber.
„Ich werde nichts sagen,“ sagte er, als hätte er meine Gedanken erraten und starrte weiterhin durch die Frontscheib hinaus.
„Warum nicht?“
„Erstens weil wir dafür noch lange genug Zeit haben und zweitens, weil es nichts wirklich neues gibt.“
„Hast du sie mal wieder gesehen?“ fragte ich wider besseren wissens nach.
„Ja, habe ich, aber wirklich Robin, belassen wir es für den Moment einfach dabei, ja?“ Er sah mich an und mir blieb nichts weiter übrig als zu nicken. „In Ordnung. Später.“
„Später,“ nickte er und lächelte dann sein unverkennbares Lenny Simson Lächeln. „Sag mir lieber, wann wir endlich da sind, ich komme nämlich um vor Hunger.“
Ich mußte gegen meinen Willen lachen. Wie war ich nur so lange ohne ihn ausgekommen?

Kapitel 4