Kapitel 2

Einige Zeit später saßen wir eng aneinander gekuschelt auf der Terrasse unseres Hauses. Wir hatten uns in eine Wolldecke gewickelt, da es so früh am Morgen noch recht kühl war und die sanfte Briese, die vom Meer herüber wehte, ihr übriges tat.
Nachdem wir Boston verlassen hatten waren wir nach Florida gezogen, zurück zu AJs Mum, in dieses große Haus, auf dessen Balkon mich AJ damals zum zweiten Mal geküsst hatte.
Doch so sehr mir das Haus auch gefiel und so gut ich mich auch mit Denise verstand, das Haus barg einfach zu viele Erinnerungen. Ich konnte mich nicht damit anfreunden im gleichen Bett zu schlafen, in dem zuvor AJ und Tammy glücklich gewesen waren, ich wollte mir die Fragen nach Tam von AJs Freunden und Verwandten nicht mehr anhören und ich wollte etwas Eigenes, das nur ihm und mir gehörte.
Wir hatten eine Weile überlegt und hatten uns schließlich für Kalifornien entschieden. Für AJ war es wichtig, in der Nähe des Meeres zu leben und er liebte L.A..
Also hatten wir zwei Wochen mit der Suche nach dem richtigen Haus verbracht und hatten schließlich dieses hier gefunden. Noch bevor ich es überhaupt betreten hatte, war ich verliebt: Verliebt in genau diesen Ort, an dem wir uns jetzt befanden.
Das Haus war an einem Hang gebaut, dahinter lag das Meer. Die Terrasse ruhte auf dicken Pfählen über dem Strand. Sie war aus breiten, hellen Holzbohlen gezimmert und wenn man barfuß darüber lief, hatte man das Gefühl, man liefe auf Samt.
Als sei dies noch nicht genug, hatte man von hier einen atemberaubenden Blick über den weißen Pudersand des Strandes, an den sich nur ab und an einige vereinzelte Jogger verliefen und über das Meer, das manchmal glatt wie ein Spiegel und dann wieder rau und kämpferisch vor uns lag.
Und jeden Morgen konnte man das wundervolle Schauspiel des Sonnenaufganges von hier genießen. Wir hatten so zu sagen Logenplätze im Theater der Natur.
Ein paar vereinzelte Möwen kreisten über dem Wasser und schrieen der aufgehenden Sonne entgegen.
AJ und ich genossen die Wärme und Geborgenheit unter unserer Decke und betrachteten fasziniert, wie sich die Sonne aus den Tiefen des Meeres erhob.
„Also ich sag’ Dir,“ murmelte ich etwas schläfrig „ich würde mit Dir in der letzten Bretterbude hausen, wenn sie diesen Ausblick hätte.“
AJ lachte leise. „Und ich würde in der letzten Bretterbude hausen, wenn ich wüßte, dass Du bei mir bist.“
„Das hast Du schön gesagt,“ erwiderte ich leise, richtete mich in seinen Armen auf und küsste ihn sanft auf die Lippen.
Für einen Moment sah er mich nachdenklich an, hinter seiner Stirn schien es zu arbeiten, dann schlug er unvermittelt die Decke zurück.
„Ich bin gleich wieder da,“ verkündete er und beeilte sich, ins Haus zu kommen, da er sicherlich, nur mit seinen Boxershorts bekleidet, erbärmlich fror.
Ich beeilte mich, die Decke wieder um mich zu wickeln, da der Wind mit meinem Nachthemd spielte und mir eine Gänsehaut über den Rücken trieb.
Was hatte er jetzt wieder vor?
Wenig später hörte ich, wie die große Glasschiebetür zum Wohnzimmer geöffnet und gleich darauf wieder geschlossen wurde und schon kam AJ auf mich zu gelaufen.
„Lass mich schnell wieder unter die Decke,“ rief er schon von weitem und mit einem Satz kuschelte er sich wieder zu mir auf die gepolsterte Liege und unter die Decke, die ich einladend für ihn anhob.
Wir rutschten ein wenig hin und her, bis wir die bequemste Position gefunden hatten und ich umarmte ihn fest, einfach weil ich so glücklich war, dass er wieder bei mir war und mir Wärme gab. Wärme für mein Herz, meine Seele und meinen Körper.
„Was hast Du so Dringendes erledigen müssen, dass Du mich so einfach in dieser arktischen Kälte Kaliforniens zurück gelassen hast?“ fragte ich gespielt schmollend und er kicherte.
„Das wirst Du jetzt gleich sehen.“
Dann spürte ich, wie sich sein Körper anspannte, ich hörte, wie er tief Luft holte und mein Ohr, das an seiner Brust ruhte registrierte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann.
Ich richtete mich auf und sah ihn aufmerksam an.
„Was ist los?“ fragte ich vorsichtig. Er wirkte aufgeregt, nicht beunruhigt. Oder doch, vielleicht ein bißchen, tief unter der Oberfläche seiner braunen Augen, die heute besonders dunkel zu sein schienen.
Erneut holte er tief Luft, sah mir tief in die Augen und begann dann leise und eindringlich zu sprechen. Die Worte schienen tief aus seinem Herzen zu kommen und ich schien sie auch mit meinem Herzen zu hören.
„Eigentlich wollte ich warten ... auf den günstigsten Moment, auf einen richtigen romantischen Abend oder so ... aber gerade eben finde ich, dass es, na ja, perfekt ist.
Ich ... Ich liebe Dich. Ich liebe Dich so sehr, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals wieder ohne Dich zu sein.
Ich möchte jeden Morgen neben Dir aufwachen und jeden Abend mit Dir einschlafen. Ich möchte für Dich da sein, Dich beschützen, mit Dir Freude, Glück und Schmerz teilen.
Ich möchte, dass Du nie wieder aus meinem Leben gehst und deswegen ...,“ er zog seine Hand, die er um einen Gegenstand geschlossen hielt, unter der Decke hervor, holte erneut tief Luft und öffnete dann seine Faust.
Ein schwarzes samtenes Kästchen kam zum Vorschein. Er öffnete es vorsichtig und darin lag der schönste Ring, den ich jemals gesehen hatte.
Es war ein breiter, flacher Silberring, der jetzt matt in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne schimmerte. Dunkle Ornamente schienen auf ihm zu tanzen und machten ihn damit lebendig. In der Mitte war eine winzige, flammende Sonne eingraviert worden.
Mir stockte der Atem. Er würde doch nicht wirklich ... also ... er konnte doch nicht ...
„Robin Duncan ... möchtest Du mich heiraten?“ flüsterte er leise und brachte mich damit wieder ins Hier und Jetzt.
Ich sah von dem Ring auf, wieder in seine Augen, die mich jetzt etwas unsicher, aber voller Liebe ansahen.
Der Mann, für den ich alles tun würde, der mir das wichtigste in meinem Leben war, den ich mit fast körperlichem Schmerz vermisste, wenn er nicht bei mir war. Der Mensch, der mir Halt gab, der mich ohne viel Worte verstand, für mich da war, mir Kraft und Mut gab ... genau dieser Mann fragte mich, ob ich den Rest meines Lebens mit ihm verbringen wollte.
Mein Herz schien sich vor Freude und Glück in die Luft zu erheben, über unseren Köpfen zu schweben und ich fühlte mich seltsam leicht und unglaublich friedlich.
„Ich ... ja ... natürlich ...,“ stammelte ich, zu mehr war ich in diesem Moment einfach nicht fähig.
Ihm schien ein riesiger Felsbrocken vom Herzen zu fallen, denn er zog mich fest an sich und küsste mich sanft und zärtlich. Dann zog er den Ring aus dem Kästchen, suchte nach meiner Hand unter der Decke und steckt mir den Ring an den Ringfinger meiner rechten Hand.
„Ich liebe Dich,“ flüsterte ich „ich liebe Dich so sehr, dass es fast weh tut. Ich möchte keinen Tag, keine Minute, keine Sekunde mehr ohne Dich sein. Das ... das Alles ist irgendwie ... verrückt und doch so wunderschön.“
Er lächelte liebevoll auf mich hinab, gab mir einen sanften Kuß auf die Stirn und rieb dann seine Nase an meinem Haar.
Ich warf noch einen kurzen Blick auf den Ring an meiner Hand. Er wirkte, als wäre er schon immer dort gewesen, als hätte er schon immer dort hin gehört.
Dann verschwand meine Hand wieder unter der Decke, legte sich um seine Hüften, zogen ihn eng an mich und ich küsste ihn sanft auf seine nackte Brust.
„Versprichst Du mir, dass es immer so sein wird wie jetzt?“ fragte ich in kindlicher Einfalt und er küsste mich erneut auf die Stirn.
„Für Dich soll immer die Sonne scheinen und ich werde alles in meiner Macht stehende dafür tun,“ entgegnete er mit rauer Stimme.

Kapitel 3