Kapitel 1
Ich erwachte von meinem eigenen Schrei.
Ruckartig setzte ich mich mit rasendem Herzen im Bett auf und versuchte mich zu orientieren. Mir war unglaublich warm und mit fahrigen Bewegungen versuchte ich mich aus der Bettdecke zu befreien, in die ich mich im Schlaf unbewußt verstrickt hatte.
Tammy. War sie tatsächlich da gewesen? Nein, natürlich nicht. Meine Schwester saß immer noch zu Hause in unserem kleinen Häuschen und ich war hier, in LA bei AJ. Wenigstens das war kein Traum.
Bei diesem Gedanken angekommen blickte ich auf die andere Seite des Bettes. Sie war leer, das Kissen zu einer undefinierbaren Form zusammengeknüllt und die Bettdecke zerwühlt.
Sanft fuhr ich mit der flachen Hand über das Laken und mein Blick streifte dabei das Ziffernblatt des Weckers. Kurz nach vier Uhr morgens. Kein Wunder dass ich mich fühlte, als sei ich gerade erst eingeschlafen.
Inzwischen hellwach und mit einigermaßen normal klopfendem Herz stieg ich aus dem Bett. Sonst würde ich mich doch nur die verbleibenden Stunden im Bett herum wälzen und über Tammy und mich nachdenken, um dann schließlich mit Kopfschmerzen und wie erschlagen doch aufzustehen.
Ich nahm meinen Morgenmantel vom Fußende des Bettes und zog ihn mir über. Im Vorbeigehen warf ich einen kurzen Blick in den Spiegel und das sanfte Mondlicht, das durch die Fenster fiel, enthüllte mein angespanntes Gesicht. Ich machte mir nicht die Mühe genauer hin zu sehen. Ich wußte auch so um die Ringe unter meinen Augen und die eingefallenen Wangen. Ich brauchte dafür kein Spiegelbild, das mir die Wahrheit ins Gesicht schrie.
Ohne Licht zu machen tastete ich mich durch den Flur und die Treppe hinunter. Inzwischen war mir der Weg in den Keller vertraut. Ich wußte, dass ich im Flur auf der Galerie einen kleinen Bogen um die Kommode machen mußte, wenn ich nicht die nächsten zwei Wochen mit einem blauen Fleck an der Hüfte herum laufen wollte, dass ich am Fuße der Treppe aufpassen mußte, dass ich nicht gegen die kleine Couch stieß, die rechts davon stand, dass ich gut daran tat, nach dem Handlauf zu tasten, bevor ich mich die etwas rutschigen Holzstufen nach unten tastete und das mich dort der warme Lichtschein aus dem Studio empfangen würde.
Auch heute Nacht war es so. Als ich den letzten Schritt auf die angenehm kühlen Bodenfliesen im Keller machte, hörte ich auch schon die Gitarre und AJs wundervolle, samtige Stimme. Er bastelte nun schon seit drei Tagen an diesem Lied. Die Melodie hatte er in einer Nacht geschrieben, die Worte brauchten wohl noch etwas. Immer wieder hörte ich zwischen einzelnen Sätzen sein leises Summen, so als versuche er in seinen Kopf hinein zu hören, ob sich dort nicht doch die richtigen Worte befanden.
Einen Moment blieb ich vor der nur angelehnten Tür zum Studio stehen, aus der ein schmaler Keil warmen, gelben Lichtes sickerte. Schließlich entschied ich mich dagegen, AJ jetzt zu stören und rutschte an der Wand gleich neben der Tür hinunter, schlang die Arme um meine angezogenen Knie und legte den Kopf darauf.
Ich schloß die Augen und lies mich von seiner Nähe und seiner Musik trösten. Die einzelnen Noten schienen mich zu streicheln. Sie gesellten sich zu mir und hüllten mich in pure Liebe ein.
Manchmal war das Leben schon seltsam. Um mit ihm zusammen sein zu können hatte ich alles aufgeben: Tammy. Lenny. Mein zu Hause.
An dem Abend, als wir sämtliche Zurückhaltung aufgaben und uns unsere Liebe gestanden, in der Nacht, als wir das erste Mal mit einander schliefen und damit unser Schicksal und das von Tammy besiegelten, hatte ich ganz bewußt alles hinter mir gelassen.
Ich hatte oft darüber nachgedacht, wie ich wohl reagiert hätte, wenn die Situation umgekehrt gewesen wäre. Wenn AJ mein Freund gewesen wäre und Tammy hätte ihn mir ausgespannt. Hätte ich sie auch aus meinem Leben gejagt? Sie auch angebrüllt, ihr versucht weh zu tun?
Sie hatte mir eindeutig zu Verstehen gegeben, dass sie keine Schwester mehr hatte, dass ich mit meinem Verrat an ihr und ihrer Beziehung zu AJ alles kaputt gemacht hatte.
Ich wußte nicht, ob ich so konsequent hätte sein können. Sicher, im ersten Moment wäre ich ebenfalls am Boden zerstört gewesen, hätte sie beide abgrundtief gehasst. Doch dann?
Ich wußte nicht, ob ich so standhaft hätte bleiben können. Seit einem dreiviertel Jahr kein Ton von ihr. Kein Anruf. Kein Brief. Nichts!
Auf der anderen Seite ... wenn ich mir vorstellte, dass mir AJ irgendwann sagen könnte, dass er mich nicht mehr liebte und, noch schlimmer, sich in eine andere Frau verliebt hatte, wüßte ich wohl auch nicht, was ich tun würde. Diesen Schmerz konnte ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen und wenn man bedachte, dass Tammy zudem noch meine Schwester war, war der Verrat wohl gleich drei Mal so groß.
So saß ich also hier und wartete auf ein Lebenzeichen von zu Hause. Einzig und alleine meine Schriftstellerei war mir geblieben. Obwohl ich zu geben mußte, dass ich, seit ich hier im sonnigen Kalifornien war, kein einziges Wort geschrieben hatte. Diese Schreibblockade hielt jetzt schon seit einem halben Jahr an und so langsam aber sicher machte ich mir Sorgen deswegen.
Nicht, weil ich nicht in der Lage war die Miete zu bezahlen - mit Spurensuche hatte ich zumindest so viel verdient, dass ich mir mit AJ locker die Kosten für die Lebenshaltung teilen konnte - eher um meinen Seelenfrieden.
Ich erinnerte mich daran, was AJ damals in der Nacht der Preisverleihung zu mir gesagt hatte: Also wenn du nicht voller Energie steckst, dann weiß ich aber auch nicht. Eine Weile habe ich mich gefragt, wie du das mit der Schriftstellerei vereinbaren kannst ... immer ruhig vor der Tastatur hocken ... das passte irgendwie nicht. Heute weiß ich, dass das die einzige Möglichkeit ist, deine Unruhe in geregelte Bahnen zu lenken.
Er hatte recht, auch wenn ich das erst jetzt richtig verstand. Ich wurde mit jedem Tag nervöser und unruhiger. Ich brauchte meinen Schreiberei um mich ab zu lenken, um zu entspannen, um etwas sinnvolles zu tun zu haben. Das alles war mir genommen worden und ich hatte noch keinen blassen Schimmer, wie ich es zurück bekommen sollte.
Als wir damals hier her gekommen waren, hatte mich noch die Hoffnung beseelt, dass ich nach einer Zeit gewisse Dinge zu Hause würde vergessen können.
Den Streit mit meiner Schwester, zum Beispiel. Ich hatte mir eingeredet, dass es mit der Zeit bestimmt erträglicher werden würde ihr so weh getan zu haben. Doch das Gegenteil war der Fall. Ich dachte fast pausenlos an sie. Wie es ihr ging, was sie jetzt wohl machte und ob sie mir irgendwann verzeihen konnte.
Lenny und auch AJ hatten mich versucht zu beruhigen. Wobei Letzterer nicht wirklich eine Hilfe war, da er sich im Stillen die gleichen Gedanken machte. Er versuchte seine Besorgnis vor mir zu verstecken, was ihm aber nicht wirklich gelang. Er konnte einfach nichts vor mir verbergen. Ich brauchte nur einen ausgiebigen Blick in seine Augen zu werfen und schon wußte ich, was in ihm los war.
Er nannte mich deswegen manchmal scherzhaft seine kleine Hexe und irgendwie gefiel mir das.
Überhaupt, manchmal dachte ich, dass ein einzelner Mensch niemals so viel Liebe verdient haben konnte und das ich deshalb die ganze Sache mit Tammy aufgebürdet bekam. Mit AJ fühlte ich mich, als sei ich erst jetzt wirklich vollkommen. Wir verstanden uns meist auch ohne große Worte, genossen die Zeit, die wir gemeinsam verbrachten und mit jedem Tag wuchs das Gefühl der Verbundenheit. Vielleicht war Tammy der Preis, den ich dafür hatte zahlen müssen. Er war ohne Frage unvorstellbar hoch, doch das, was ich dafür bekommen hatte, schaffte zumindest eine Art Ausgleich. Fast.
Die Musik im Studio brach unvermittelt ab und ich hörte, wie AJ die Gitarre beiseite stellte. Noch immer rührte ich mich nicht von meinem Platz gleich neben der Tür.
Kurz darauf wurde sie langsam auf geschoben und AJ blickte mit einem zärtlichen Lächeln auf mich hinunter.
Wie lange willst Du noch da unten auf dem kalten Boden sitzen bleiben Robin? fragte er und ging vor mir in die Hocke.
Ich wollte Dir ein bißchen zu hören. Das ist soooooo schön.
Er lächelte liebevoll und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Dann komm mit rein und hör von dort zu. Durch Dich finde ich bestimmt die noch fehlenden Worte.
Willst Du mir damit etwa sagen, dass ich so etwas wie Deine Muse bin? neckte ich ihn lächelnd.
Du bist mehr als das, flüsterte er und hob mich hoch. Er gab mir einen sanften Kuß auf die Lippen und ging dann mit mir hinein ins Studio.
Er lies sich in seinen alten, durchgesessenen, braunen Ledersessel sinken und ich machte es mir auf seinem Schoß gemütlich.
So wirst Du keine einzige Note mehr spielen können, schmunzelte ich, während ich meine Stirn an seinem Kinn rieb.
Momentan ist mir auch nicht nach Gitarrenspielen, lachte er leise und seine Hand verschwand unter meinem Morgenmantel.
Du bist ja ganz naß geschwitzt, stellte er bestürzt fest, als er mir über den Rücken strich und lehnte den Kopf ein wenig nach hinten um mir in die Augen sehen zu können.
Ist eben eine ziemlich warme Nacht, gab ich leichthin zurück und versuchte, mich wieder enger an ihn zu kuscheln.
Sieh mir in die Augen, forderte er, während seine Hand unter meinem Morgenmantel wieder auftauchte und stattdessen sanft mein Kinn umfasste.
Schicksalsergeben sah ich also zu ihm auf und seine Stirn legte sich sofort in besorgte Falten.
Du hast wieder von ihr geträumt, stellte er fest und sein Blick sagte mir, dass Widerrede zwecklos war.
Ja ... ist aber nicht so schlimm, ich komme schon klar damit.
Ich sehe es ganz deutlich, stellte er ironisch fest. Hast Du in letzter Zeit mal in einen Spiegel gesehen? Du hast dunkle Ringe unter den Augen und du bist so furchtbar dünn geworden.
Ich weiß, aber das wird schon wieder vorbei gehen ...,
Ich mache mir Sorgen um Dich Hexlein. Du machst Dir pausenlos um Tam Gedanken, das tut Dir nicht gut.
Und was soll ich Deiner Meinung nach dagegen tun?
Ich habe keine Ahnung, aber so kann das auch nicht weiter gehen. Wie viele Stunden hast Du heute Nacht geschlafen?
Ich weiß nicht so genau ... vielleicht vier oder fünf.
Es waren ziemlich genau drei einhalb. Du hast Dich ewig neben mir hin und her gewälzt. So kann das nicht weiter gehen, wiederholte er.
Ich seufzte. Was sollte ich schon dazu sagen? Er hatte ja recht, aber das lies sich eben nicht auf Kommando abstellen.
Wir sollten noch einmal probieren sie anzurufen, sagte AJ Gedanken verloren.
Ach was, das bringt doch nichts. Warum sollte sie jetzt mit uns reden? Sie hat es die vielen anderen Male auch nicht getan.
Wir müssen einfach hartnäckig bleiben. Sie soll wissen, das wir uns durchaus Gedanken darum machen wie es ihr geht und das wir sie vermissen.
Du weißt genau, dass wir es gar nicht erst so weit bringen. Wenn sie unsere Stimmen erkennt, legt sie sofort auf. Abgesehen natürlich von dem einen Mal, als sie mich durch den Hörer lautstark beschimpft hat. Nein ..., ich schüttelte den Kopf um meinen Worten Nachdruck zu verleihen wir können nichts anderes tun als Warten und hoffen, das Lenny irgend etwas erreicht.
Ich hasse das ...,
Wem sagst Du das.
AJ seufzte und kitzelte mich dabei mit seinem Atem in der Halsbeuge. Ich kicherte leise und zog die Schulter hoch.
He, das kitzelt.
So? entgegnete AJ mit hoch gezogener Augenbraue Du weißt ja gar nicht, was kitzeln überhaupt ist, lachte er und als seine Hand wieder unter meinem Morgenmantel verschwand, quitschte ich laut auf.
Ahhhhh, nicht! Lachend wand ich mich unter seinen Fingern, die über meinen Körper krabbelten.
Irgendwann wurde aus dem Kitzeln ein angenehmes Kribbeln, das mir von den Zehenspitzen bis in die Haarwurzeln schoß und schließlich landeten wir auf dem altersschwachen Sofa, das in der Ecke des Studios stand.