Kapitel 42
Zwei Monate später
Das Haus stand in einem Vorort von LA. Ein üppiger Garten zog sich um das gesamte Grundstück. Jede Menge Spielzeug, ein Dreirad und ein Fahrrad lagen in der Einfahrt und auf dem Rasen vor der Veranda herum und ein nagelneuer Lexus stand in der geöffneten Garage.
Ich wechselte den MaxiCosi, in dem meine Tochter lag und friedlich schlief, von einer Hand in die andere und ging langsam den kleinen Weg hinauf, der zur Veranda und damit zur Eingangstür führte.
Als ich die Stufen hinauf stieg, war ich beinahe versucht wieder kehrt zu machen. So sehr ich auch von meinem Entschluss überzeugt war, es fiel mir trotzdem schwer nicht einfach davon zu laufen und mich vor meiner Verantwortung zu drücken.
Mit leicht zitternder Hand drückte ich den Klingelknopf und wartete. Ich hörte eine weibliche Stimme und das Trappeln von Kinderfüßen, dann schwang die Haustür auf und eine Frau Ende dreißig mit kurzen, blonden Haaren und einem offenen Lächeln öffnete mir die Tür.
Sina? fragte sie freundlich.
Ja. Hallo. Meine Nervosität erreichte ein nie gekanntes Ausmaß, doch ich versuchte mich zu beherrschen. Schon um meiner Tochter willen mußte ich es wenigstens versuchen.
Ich bin Sabrina, sagte die Frau freundlich und schüttelte meine ausgestreckte Hand. Komm doch herein. Wir freuen uns alle sehr, dass Du vorbei gekommen bist. Ethan ist hinten im Garten und schon unglaublich nervös.
Ich betrat das angenehm kühle Haus und sah mich gleich darauf zwei Kindergesichtern gegenüber die neugierig im Flur standen und mich anstarrten.
Hallo, sagte ich lächelnd, stellte den mittlerweile schwer gewordenen MaxiCosi ab und ging vor den beiden Kindern in die Hocke.
Ihr müsst Marie und Phillip sein, richtig?
Die Kinder nickten und das Mädchen schlug kichernd eine Hand vor den Mund.
Ich bin Sina, sagte ich und streckte ihnen die Hand entgegen.
Marie ergriff sie, schüttele sie kurz und rannte dann davon. Phillip folgte ihr, ohne ein einziges Wort gesagt zu haben.
Sie sind etwas aufgeregt. Wir haben ihnen versucht zu erklären, wer Du bist und ich glaube die Vorstellung, dass sie eine erwachsene Halbschwester haben erschreckt sie etwas.
Das ist in Ordnung, lächelte ich und erhob mich.
Sina, bevor Du mit Ethan redest ... , sagte Sabrina und rang nervös die Hände.
Ja?
Gib ihm eine Chance, ja? Er liebt Dich so sehr. Wir haben in der Vergangenheit alle Fehler gemacht und ... nun ja ... , sie wußte scheinbar nicht mehr, was sie sagen sollte.
Ich wäre nicht her gekommen wenn ich mir nicht anhören möchte, was er zu sagen hat, versuchte ich sie zu beruhigen.
Das ist ... gut, ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.
Hinter ihr entstand Bewegung im Flur. Ein Schatten hob sich vor dem hellen Rechteck der Terrassentür ab.
Hallo Sina, sagte mein Vater, lächelte seiner neuen Frau liebevoll zu, die sich daraufhin entschuldigte und in der Küche verschwand.
Es ist schön Dich zu sehen, sagte er mit seiner angenehmen, tiefen Stimme.
Danke, brauchte ich irgendwie heraus und senkte den Blick. Meine Augen hefteten sich auf meine kleine Tochter zu meinen Füßen, die mittlerweile aufgewacht war und interessiert in die Runde blickte.
Sie hatte ein Recht darauf ihren Großvater kennen zu lernen, ich hatte ein Recht darauf, von meinem Vater zu hören, was damals wirklich passiert war und AJ hatte ein Recht darauf, seine Freundin, die in nicht einmal drei Wochen Misses McLean werden würde, glücklich zu sehen.
Das alles waren Gründe, warum ich hier war und doch hätte mich kein einziger dazu bewegt, hier her zu kommen wenn ich nicht damals für einen kurzen Moment diese Welt verlassen hätte. Wenn ich nicht meiner Mom gegenüber gestanden und ihre Worte gehört hätte.
Seit diesem Tag beseelte mich nur noch ein Gedanke: Ich mußte wissen, was damals vorgefallen war. Ich mußte Gewissheit haben. Das war ich ihrer und meiner Seele schuldig.
Wollen wir hinaus in den Garten gehen? fragte mein Vater und ich nickte.
Langsam folgte ich ihm durch ein helles, geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer hinaus auf die Terrasse, an die sich eine saftig, grüne Rasenfläche anschloss. Marie und Phillip sprangen um einen Rasensprenger herum, der ihre T-Shirts bereits komplett durchnässt hatte und schrieen und lachten um die Wette.
Kinder? Geht ihr bitte hinein zu Momy? Sina und ich haben etwas zu besprechen.
Es folgte großes Gemurre und Gemaule, doch schlussendlich verschwanden sie, tropfnass wie sie waren, im Haus.
Setz Dich, sagte mein Vater und deutete auf einen der Gartenstühle.
Ich nahm Platz, schnallte Vegas ab und hob sie auf meinen Schoß, dabei verlor sie ihren Schnuller und sofort begann sie zu protestieren.
Ein aufgewecktes Kerlchen, was? meinte mein Vater und setzte sich mir gegenüber.
Ja, das ist sie, nickte ich lächelnd, während ich Vegas den Schnuller in den Mund schob. Sofort wurde sie wieder still und begann genüsslich zu saugen.
Ich erinnere mich noch daran, wie Du warst, als Du so klein warst.
Ich sah zu ihm hinüber und schwieg.
Du warst einfach bildhübsch. Das hat jeder gesagt. Ein Blick in Deinen Kinderwagen genügte und alle waren sofort von Dir und Deinem Lächeln verzaubert.
Aber das hat Dich nicht davon abgehalten Deine Familie im Stich zu lassen, sagte ich schärfer als beabsichtigt und ärgerte mich augenblicklich darüber. Ich hatte mir vorgenommen ruhig und sachlich zu bleiben, aber das schien mir im Moment nicht möglich.
Es tut mir leid, wenn Du das so siehst. Ich weiß nicht, was Dir Deine Mutter erzählt hat oder was Du mitbekommen hast.
Nicht viel. Aber ich weiß, das Mom unglücklich war, sonst hätte sie sich wohl kaum umgebracht.
Deine Mutter war krank Sina. Sie litt seit ich denken kann an schweren Depressionen, aber sie wollte sich nicht helfen lassen. Immer wieder habe ich ihr Termine bei Ärzten gemacht und jedes Mal ist sie nicht hin gegangen. Was hätte ich denn tun sollen? Sie mit Gewalt dort hin schleppen?
Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, dass die Depressionen mit Dir zu tun gehabt haben könnten? Immerhin warst Du so gut wie nie zu Hause. Sie hat Dich geliebt und mußte dabei zusehen, wie Du Dich mit anderen Frauen vergnügt hast.
Ich verstehe, dass Du wütend auf mich bist, entgegnete mein Vater und die Ruhe in seiner Stimme fachte meine Wut nur noch mehr an. An Deiner Stelle würde ich sicherlich ähnlich reagieren. Aber Du kennst bisher nur eine Seite der Geschichte.
Ja, ich habe Deine Mutter betrogen und ich gebe auch zu, dass das nicht die feine Art war und ist.
Es ist nur ... Deine Mutter und ich ... wir hatten uns auseinander gelebt, verstehst Du? Ich habe sie damals geheiratet, weil sie ... so ... stark war, witzig, unternehmungslustig und ... manchmal ein echter Wirbelwind. So wie Du. Doch das alles verschwand mit der Zeit. Lange bevor ich überhaupt auch nur auf den Gedanken gekommen bin eine Affäre auch nur in Erwägung zu ziehen.
Warum habt ihr das Ganze dann nicht einfach beendet? Warum hast Du sie dazu gezwungen in dieser Ehe zu bleiben, in der sie sich so offensichtlich nicht wohl gefühlt hat?
Wer sagt, dass ich sie dazu gezwungen habe? fragte er zurück und das erste Mal fühlte ich Unsicherheit in mir aufkommen.
Ich ... weiß nicht. Alle haben gesagt, dass Du sie schlecht behandelst und dass es besser für sie gewesen wäre, sich von Dir zu trennen und auch sie hat geschrieben, dass sie nicht glücklich in Eurer Beziehung war.
Das mag sein. Aber sie hat sich immer gegen eine Scheidung gewehrt. Wenn ich nur das Thema angesprochen habe ist sie ausgeflippt. Wir wären eine Familie, wir könnten das Dir nicht antun usw. usw.. Vielleicht habe ich zu schnell nachgegeben, vielleicht hätte ich wirklich darauf bestehen sollen, aber sie ... , er schüttelte den Kopf und suchte offensichtlich nach Worten. Sie war ziemlich labil. Ich hatte Angst, dass sie sich tatsächlich etwas antut ... und Dir vielleicht auch.
Sie hätte mir niemals etwas getan, sagte ich schneidend.
Vielleicht. Aber damals konnte kein Mensch vorhersehen, was sie als nächste tut.
Du tust gerade so, als wäre sie ein durch geknalltes Monster gewesen. Davon hätte ich ja wohl was mitbekommen!
Du warst damals mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Der Gesangsunterricht bei Granny, die Tanzausbildung, die Schule. Du hast angefangen Dich mit Deinen Freunden zu treffen. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich froh darüber, dass Du nicht alles so genau mitbekommen hast.
Konnte das wahr sein? War ich so blind gewesen? Lang vergessene Bilder aus der Vergangenheit tauchten vor mir auf: Die geröteten Augen meiner Mutter und ihre Beteuerungen, dass sie nur etwas Seifenschaum beim Spülen in die Augen bekommen hätte. Die lauten Stimmen meiner Eltern mitten in der Nacht im Wohnzimmer und die Versicherung meiner Mutter am nächsten Morgen, dass alles halb so schlimm wäre und sich Erwachsene eben ab und zu einmal stritten.
Ich schüttelte den Kopf. Das was mein Vater sagte konnte einfach nicht wahr sein. Sie war eine so liebevolle Mutter gewesen. Ich hätte es doch merken müssen wenn sie unglücklich, streitsüchtig und so ... egoistisch gewesen wäre.
Du mußt mir nicht jedes Wort glauben, sagte mein Vater leise. Von jeder Geschichte gibt es zwei Versionen und Deine Mutter würde Dir sicherlich ganz andere Sachen über mich erzählen. Ich will sie nicht schlecht machen. Ich habe sie geliebt ... wirklich geliebt und ich habe niemals aufgehört Dich zu lieben.
Ich weiß, es war damals hart für Dich, als Mom starb und ich hätte für Dich da sein müssen, aber ich ... konnte irgendwie nicht. Ich habe mir die Schuld an ihrem Tod gegeben und sie fehlte mir, trotz allem.
Als Du damals einfach so verschwunden bist, bin ich fast verrückt geworden vor Sorge. Ich hatte auf ganzer Linie versagt. Als Ehemann und als Vater und alles was ich möchte ist ... wenigstens ein bißchen davon gut zu machen.
Die ganze Zeit, in der er redete, lies er mich nicht eine Sekunde aus den Augen, was mich unbestreitbar nervös machte. Ich hatte den Eindruck, dass er jedes Detail in sich aufsog, dass er versuchte, alleine mit seinem Blick zu ergründen, was für ein Mensch ich geworden und was in den vergangenen zehn Jahren passiert war. Nun rutschte er noch ein Stückchen weiter in seinem Sessel nach vorne, seine Worte klangen, als hätte er sie schon tausendmal geprobt und die Eindringlichkeit in seiner Stimme lies mich schlucken.
Ich flehe Dich an, mir noch eine Chance zu geben. Ich möchte, dass wir uns kennen lernen, dass wir am Leben des anderen wieder teilhaben. Ich wünsche mir, dass Marie und Phillip ihre Schwester kennen lernen. Ich möchte, dass wir eine Familie sind.
Ich weiß, dass ich viel verlange und ich weiß auch, dass das nicht von heute auf morgen funktionieren kann. Ich hoffe nur, Du kannst uns eine Chance geben.
Seine entwaffnende Offenheit nahm mir sämtlichen Wind aus den Segeln. Ich hatte ihm so viel sagen wollen. Hauptsächlich böse, ekelhafte und gemeine Dinge. Ich war davon überzeugt gewesen, dass nichts was er sagen oder tun würde, meine Meinung über ihn ändern konnte.
Mir wäre noch nicht einmal eingefallen hier her zu kommen, wenn AJ nicht immer wieder mit diesem Thema angefangen und mich schlußendlich davon überzeugt hätte, dass ich nur so meinen Frieden finden konnte.
Und nun saß mir dieser, mir fremde Mensch gegenüber, knetete nervös seine Hände im Schoß und hatte Zweifel in mir gesät. Ich konnte ihm nicht vergeben - nicht jetzt - aber seine Worte würden noch eine ganze Weile in meinem Kopf herum spuken. Sie brachten mich dazu die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten und so sehr ich mich auch darüber ärgerte, so sehr war mir auch klar, dass es richtig gewesen war über meinen Schatten zu springen und hier her zu kommen. Auch wenn es verdammt weh tat.