Kapitel 79

Nicks Herz hämmerte hektisch in seiner Brust während er mit Sam an der Hand durch Kingdom Park spazierte. Als er vor dem Haus der Mitchums vorgefahren war und dann Joshua anrief um ihn zu bitten, ihn herein zu lassen, war er zwar auch nervös gewesen, aber mit den überwältigenden Gefühlen die ihn förmlich überschwemmten, als er Sam nach so langer Zeit wieder gegenüberstand, hatte er nicht gerechnet. Es schien ihm, als sei sie seit ihrer letzen Begegnung noch schöner geworden und er mußte seine gesamte Beherrschung aufbringen, um nicht einfach kopflos auf sie zuzustürzen und sie an sich zu ziehen.
Stattdessen hatte er den netten Nick Carter gespielt, die anwesenden Familienmitglieder begrüßt wie es sich gehörte und Megan höflich darum gebeten, mit Sam ein bißchen Zeit alleine verbringen zu können. So weit so gut.
Doch jetzt, hier, in den wie ausgestorben wirkenden Straßen der Wohnsiedlung, war es beinahe zu viel für ihn lediglich neben ihr her zu gehen und nichts weiter als ihre Finger in seinen Händen zu haben. Alles hing von der nächsten halben Stunde ab. Sein Leben. Seine Zukunft. Sein Seelenfrieden.
Er hatte gewußt, dass es nicht leicht werden würde. Sam hatte Angst, das sah er ganz deutlich. Angst vor dem, was da auf sie zu kam, Angst davor, dass er es auch diesmal wieder vermasseln würde und Angst davor, erneut enttäuscht zu werden. Er wollte ihr so gerne beweisen, dass er sie wirklich liebte und dass er nicht vor hatte, ihr irgend etwas von ihrer Unabhängigkeit zu nehmen. Doch je länger sie hier durch die Gegend liefen, um so schneller und so weiter entfernte sie sich gedanklich von ihm. Das spürte er ganz deutlich.
Dementsprechend erleichtert war er, als sie um eine Ecke bogen und damit ihr Ziel erreicht hatten.
Als er das Gartentor zu der imposanten Villa aufstieß, die dahinter in mitten von hohen Bäumen und einem leicht verwilderten Garten stand, fragte Sam verständnislos „was machen wir hier?“
Und er entgegnete „Das wirst du gleich sehen.“
Mit leicht zitternden Fingern fummelte er den Haustürschlüssel aus der Hosentasche, steckte ihn ins Schloß und drehte ihn vorsichtig. Er hoffte, dass alles vorbereitet war, aber selbst wenn nicht ... jetzt gab es sowieso kein Zurück mehr.
Auf alles gefaßt trat er also gleich darauf in den dämmrigen Hausflur und atmete erleichtert auf, als ihn das Flackern von unzähligen Kerzen erwartete. Ihre Schritte hallten laut in dem leeren Haus wieder, während sie den langen Flur durchquerten und an dessen Ende in ein großes, luftiges Wohnzimmer traten. Es gab noch keine Möbel, keine Vorhänge, keine Teppiche und kein Leben hier drin, aber er hoffte, dass er das vielleicht gemeinsam mit Sam ändern konnte.
Mitten im Raum, umgeben von großen und kleinen, dicken und dünnen Kerzen blieb er schließlich stehen, wandte sich Sam wieder zu, die mit großen Augen zu ihm aufsah, und faßte erneut nach ihren Händen. Irgendwie hatte er das unbestimmte Gefühl, dass sie gleich davon laufen würde, wenn er sie nicht festhielt. Ihre Haut schimmerte sanft in dem flackernden Kerzenlicht und ihm schnürte es augenblicklich die Kehle zu.
„Hör zu,“ sagte er eindringlich. „Ich verstehe, dass du hier nicht weg kannst. Dein gesamtes Leben befindet sich hier in DC und auch wenn ich mir noch so sehr wünsche, dass wir gemeinsam in einem Haus an einem einsamen Strand leben, so wird dies nie passieren, so viel ist mir klar.
Von daher ... ,“ er holte noch einmal tief Luft, versuchte seinen rasenden Herschlag irgendwie in den Griff zu kriegen und hoffte, dass seine Zunge das wieder gab, was ihm seit Wochen im Kopf herum geisterte.
„Als ich ... an diesem dämlichen Morgen in dem fremden Bett aufgewacht bin, galt mein erster Gedanke dir. Und so ist es seit dem geblieben. Dein Gesicht ist das letzte, was ich vor mir sehe bevor ich nachts einschlafe - wenn ich denn schlafe - und alles tut mir weh, weil du nicht bei mir bist.
Eine Zeit lang dachte ich, dass ich das schon irgendwie in den Griff kriege und dass ich ... dich vergessen könnte und ... irgendwann aufhören könnte dich zu lieben und ... das alles. Aber es hat nicht funktioniert. Dann standen irgendwann Angel und Aaron und BJ und Leslie vor meiner Tür und sie haben mir klar gemacht, dass ich nach Alternativen suchen muß und dass es nicht immer nach meinem Dickschädel gehen kann. Also stehe ich heute hier. Mit dir. In diesem Haus.“
Er faßte ihr Hände etwas fester und registrierte dabei, wie sich Sams Brust unter ihren hektischen Atemzügen hob und senkte. Vielleicht würde sie noch vor ihm ins Koma fallen, wenn er sich nicht beeilte.
„Ich ... bin bereit, alles für dich aufzugeben, verstehst du? Mein Haus in L.A. ist mittlerweile in eine Maklerkartei aufgenommen und ich habe die Option, dieses Haus hier zu kaufen. Alles was ich noch brauche ist, dass du mir sagst, dass du ... mit mir und Josh ... hier leben willst.“
Sein Atem stockte, seine Knie wurden weich und er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Er hatte es tatsächlich ausgesprochen! Und es fühlte sich zudem noch immer richtig und gut an. Und im selben Moment wußte er, dass sie nein sagen würde. Sie würde ganz sicher Millionen von plausiblen, triftigen Gründen finden, warum sie nicht zusammen sein konnten und für ihn würde sich damit die Welt aufhören zu drehen.
Das Schweigen zwischen ihnen zog sich in die Länge und er mußte ein paar Mal heftig schlucken bevor er sich wieder in der Lage fühlte, auch nur einen Ton heraus zu bringen.
„Jetzt wäre für dich der Zeitpunkt gekommen, irgend etwas zu sagen,“ krächzte er.
Sie schien aus einer Art Trance aufzuwachen. Sie blinzelte ein paar Mal, zuckte leicht zusammen, als ihr bewußt wurde, dass er immer noch vor ihr stand und auf eine Antwort wartete und ihre Hände fingen wieder heftiger zu zittern an.
„Ich ... ,“ flüsterte sie, dann räusperte sie sich und setzte noch einmal neu und diesmal etwas lauter an. „Ich ... kann das doch unmöglich ... von dir verlangen. Ich meine ... L.A. ist deine Heimat. Du gehst doch ein, wenn du das Meer nicht mehr in Reichweite hast.“
„Ich gehe ein, wenn du nicht bei mir bist,“ widersprach er.
„Nick ... ,“ in ihren Augen glitzerten Tränen. „Du kannst doch nicht ... ,“
„Denk nicht darüber nach Sam,“ flüsterte er und strich ihr zärtlich über die Wange. „Denk nicht darüber nach was ich denke oder fühle. Denk darüber nach was du willst. Willst du mich? Dieses Haus? Dann sag einfach „ja ich will“ und wir werden glücklich bis an unser Lebensende sein.“
Immer mehr Tränen kulleten nun über ihre Wangen, doch er fühlte sich diesmal nicht hilflos oder verzweifelt, weil er wußte, wie er sie stillen konnte. Wenn sie nur endlich ...
„Ja, ich will,“ flüsterte sie plötzlich kaum hörbar
Sein Gehirn brauchte etwas länger, um diesen einen Satz tatsächlich auf zu nehmen, während sein Herz bereits heftig und unkontrolliert in seiner Brust hämmerte.
„Gott sei Dank,“ seufzte er schließlich, umfaßte ihr Gesicht nun mit beiden Händen und zog sie vorsichtig zu sich heran. „Küss mich, sonst sterbe ich hier auf der Stelle,“ murmelte er und fühlte gleich darauf ihre warmen, vollen Lippen auf seinen.
Zitternd entwich die Luft aus seinen Lungen, ein unbeschreibliches Kribbeln überschwemmte augenblicklich seine Eingeweide und in seinem Magen breitete sich eine sanfte, pulsierende Wärme aus.
Er hatte sie wieder.
Er hatte seine Sam endlich wieder.
Und diesmal würde er sie nicht wieder gehen lassen.
„Du bist vollkommen verrückt, weißt du das?“ hauchte sie zwischen zwei federleichten Küssen.
„Ja, verrückt nach dir,“ grinste er.
Er fühlte, wie sie ihre Arme um seine Taille schlang und ihre Lippen hungrig nach mehr verlangten. Vorsichtig ließ er seine Zunge über ihre Lippen wandern, ertastete gleich darauf ihre Schneidezähne und schob sich dann in ihre Mundhöhle, wo sie augenblicklich auf ihre Zungespitze traf. Er stöhnte leise auf und zog sie noch ein Stückchen näher zu sich heran.
„Bitte,“ murmelte er leise, während er seine Lippen von ihren löste und sich statt dessen ihrem Hals zuwandte. „Geh nie wieder weg von mir.“
„Versprochen,“ flüsterte sie.
„Ich liebe dich,“ hauchte er an ihrem Ohrläppchen.
„Ich liebe dich auch,“ entgegnete sie und in diesem Moment fühlte er sich plötzlich rundum geheilt und vollkommen.
Es kam ihm so vor, als würden sie Ewigkeiten mitten in dem leeren Wohnzimmer stehen und sich im Arm halten und auch als er sich schließlich von ihr löste, wagte er es nicht, sie tatsächlich los zu lassen. Seine Hände ruhten auf ihrer Taille und sein Blick hatte sich an ihren Augen festgesaugt.
„Möchtest du es dir ansehen?“
Sie nickte langsam, dann schüttelte sie den Kopf, was sein Magen mit einer nervösen Piorette quittierte. „Eigentlich ist es mir ziemlich egal, wie das Haus aussieht. Hauptsache, wir sind zusammen,“ sagte sie dann und grenzenlose Erleichterung überschwemmte ihn.
„Puh,“ stieß er hervor und legte eine Hand auf sein wild klopfendes Herz. „Eben dachte ich, du hättest es dir anders überlegt.“
Sie lächelte dieses strahlende, liebevolle Lächeln und wischte sich dann die Tränen aus dem Gesicht. „Ich werde es mir nicht anders überlegen. Versprochen. Ich habe ... ich weiß nicht ... ,“ sie stockte und ihr Blick fallterte wie ein aufgeregter Schmetterling durch den Raum. „Ich glaube, ich kann das hier noch gar nicht richtig fassen. Ich weiß nur ... ,“ sie sah wieder zu ihm auf und legte dabei eine Hand auf seine Brust, die er sofort mit seiner umschloss. „Ich weiß nur, dass ich mit dir zusammen sein will.“
„Nichts könnte mich glücklich machen. Und deshalb ... werde ich dir jetzt mal zeigen, wo wir genau zusammen sein werden, okay?“
Sie nickte und er führte sie hinter sich her wieder hinaus in den Flur. Eine Spur aus flackernden Teelichtern wies ihnen den Weg in den ersten Stock und langsam stiegen sie hintereinander die Stufen hinauf. Ein langer Flur dehnte sich hier nach rechts und links aus und direkt vor ihnen führte ein Rundbogen auf die Galerie, von der man hinunter ins Wohnzimmer blicken konnte.
Nick wandte sich nach rechts, führte Sam hinter sich her den langen Gang hinunter und öffnete an dessen Ende eine Tür.
„Das hier könnte Joshs Schlafzimmer werden,“ verkündete er und beobachtete dann Sam, die langsam in den Raum hinein trat und sich aufmerksam umsah. Gleich darauf trat sie an den Erker heran und blickte hinaus in den Garten.
„Man kann von hier aus sogar das Haus von Megan und Joel sehen,“ stellte sie überrascht fest.
„Ich dachte, es kann nicht schade, wenn du es nicht so weit zu deinem Arbeitsplatz hast,“ grinste er.
„Das ist wirklich toll ... ,“ strahlte sie und drehte sich zu ihm herum.
Die tiefstehende Nachmittagssonne zauberte leuchtende Strähnen in ihr Haar und es tat ihm beinahe weh, sie anzusehen. Wie hatte er nur die letzten Wochen ohne sie leben können? Im Nachhinein schien ihm dies beinahe unmöglich.
„Und jetzt kommt das beste,“ lächelte er, drehte sich herum und trat wieder hinaus in den Flur.
„Das beste?“ fragte sie nach, gesellte sich zu ihm und schmiegte sich eng an ihn.
„Hm ... paß auf.“
Er führte sie wieder ein Stück den Gang hinunter und öffnete dann eine weitere Tür. Ohne ein Wort trat er zur Seite und verfolgte jede von Sams Bewegungen.
Sie machte noch einen kleinen, zaghaften Schritt in den Raum hinein, dann blieb sie stehen.
Auch hier standen unzählige Kerzen auf dem Boden und warfen ihr flackerndes Licht auf das große Kingsize Bett mit den weißen Laken und den dicken, roten Kissen. Rosenblüten, die auf dem Bett und darum herum verteilt waren verströmten ihren süßen, schweren Duft, auf einem kleinen Tisch neben dem Bett stand ein Sektkühler mit einer Flasche Champagner darin und zwei Gläsern daneben und die komplett verglaste Außenwand gewährte einen atemberaubenden Blick auf ein kleines Waldstück und die ausgedehnte, sanft abfallende Wiese dahinter.
Immer noch stand Sam wie erstarrte und starrte auf das Bett, eine Hand war zu ihrem Mund hinauf gewandert und hatte sich dort zitternd auf ihre Lippen gelegt und ihre Augen waren riesen groß geworden.
Vorsichtig trat er hinter sie, umschlang sie fest mit seinen langen Armen und legte sein Kinn auf ihre Schulter.
„Willkommen zu Hause,“ flüsterte er nahe an ihrem Ohr.
Ihre Hände streichelten über seine Unterarme, ihre Wange schmiegte sich an seine Brust und er konnte das glückliche Lächeln erkennen, das auf ihren Lippen lag.
Sie hatten heute beide ihr zu Hause gefunden, auch wenn sie dafür keine vier Wände und kein Bett benötigten. Sein zu Hause lag in ihr und ihr Platz war in seinem Herzen.

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