Kapitel 77

„Meine Güte, du hast schon wieder gewonnen,“ rief Sam ehrlich überrascht und schüttelte den Kopf. Das war jetzt bestimmt schon die zehnte Partie Memory, die sie mit ihrem Sohn spielte und sie hatte ihn kein einziges Mal gewinnen lassen müssen, weil er sich die Bilder wesentlich besser merken konnte als sie selbst.
Draußen regnete es in Strömen und das ausgerechnet an ihrem freien Tag. Also hatte sie es sich mit Joshua auf dem Boden in ihrer Wohnung gemütlich gemacht und ein Spiel nach dem anderen verloren. Während sie nun mit einem liebevollen Lächeln dabei zusah, wie er die Karten einsammelte und sie gleich darauf wieder auf dem Boden auslegte, durchströmte sie ein ungeheures Glücksgefühl.
Niemals hätte sie gedacht, dass sich ihr Leben doch noch zum Guten wenden könnte. Sie hatte einen Job, der sie ausfüllte und ihr unglaublichen Spaß machte und ihr Sohn wohnte jetzt schon seit fast einer Woche bei ihr.
Anfänglich war es für sie beide etwas schwierig gewesen sich wieder daran zu gewöhnen so lange zusammen sein zu können. Sie mußte Joshua zum einen die Angst nehmen, dass sie am nächsten Morgen wieder verschwunden sein könnte und zum anderen begreiflich machen, dass sie tatsächlich seine Mom war und somit Regeln aufstellte, die er zu befolgen hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie Viola und Greg mit ihm in den letzten Jahren umgegangen waren, aber es schien, als hätte er seinen kleinen Dickschädel des öfteren durchgesetzt und als er merkte, dass das bei ihr nicht so funktionierte, hatten sie einige Kämpfe auszufechten. Doch je länger sie zusammen waren, um so besser klappte ihre Beziehung und sie bauten langsam aber sicher wieder ein Vertrauensverhältnis auf.
Sie war Greg immer noch dankbar, dass er sich bei der Sorgerechtsregelung so fair verhalten hatte. Er stimmte mit ihr überein, dass Joshua erst einmal bestimmen konnte, wo er leben wollte und dass sie sich die Ferien aufteilten. Sie hoffte, dass Greg und Viola damit genug Zeit hatten, um ihre angeschlagene Beziehung wieder auf die Reihe zu bekommen und Greg sich somit auch von dem Gedanken verabschiedete, dass er sie doch noch irgendwie zurück bekommen könnte.
So weit so gut.
Was sie allerdings nach wie vor weit von sich schob, waren die Gedanken an Nick und ob es eine Zukunft für sie beide geben könnte. Sie konnte sich leider nicht vorstellen, wie diese aussehen sollte und somit schien es ihr auch nicht richtig, einen Schritt auf ihn zuzumachen. Warum Hoffnungen wecken, die am Ende doch zerschlagen wurden?
Manchmal, wenn sie nachts wach lag und sie sich des Umstands dabei überdeutlich bewußt war, dass ihr Sohn nur durch eine dünne Wand von ihr getrennt in seinem Bett lag, fühlte sie diesen alles verzehrenden Schmerz wieder in ihrem Herzen. Wenn ihre Schutzmechanismen und die Ablenkungen des Tages verschwanden und sie ganz ehrlich zu sich selbst war fühlte sie, dass sie Nick nicht vergessen konnte. Und sie gestand sich dann ein, dass sie Angst davor hatte ihn wieder zu sehen und ihn wieder in ihr Leben zu lassen. Sie wollte ihre Hoffnungen nicht wecken, wollte ihre Pläne nicht schon wieder aus den Augen verlieren, sie wollte sich schützen und nicht Nick oder Josh. Und diese Wahrheit schmerzte sie nur noch mehr.
Sie war immer noch ein Angsthase, ein schüchternes, kleines Etwas, das das wichtigste in ihrem Leben einfach so hatte gehen lassen.
Weil sie der Meinung war, nicht gut genug für ihn zu sein.
Weil sie glaubte, dass sie ihn niemals würde halten können.
Weil sie davon überzeugt war, dass er sie früher oder später zerstören würde.
Weil sie wußte, dass er sie unmöglich wirklich lieben konnte.
Sie vermißte ihn jede Sekunde, die er nicht bei ihr war und obwohl sie genau wußte, dass sie jederzeit die Möglichkeit hatte ihn anzurufen, oder ihn zu besuchen oder Angel und Aaron nach ihm auszufragen, ließ sie es bleiben. Aus Angst. Aus falschem Stolz. Aus Egoismus.
„Mom, du bist dran,“ riß Joshuas Stimme sie wieder zurück in die Realität und sie beeilte sich, zwei der ausgebreiteten Karten aufzudecken.
„Wieder kein Pärchen. Mist,“ beschwerte sie sich, was Joshua zum Kichern brachte.
„Ich bin eben besser als du,“ grinste er, drehte nun seinerseits zwei Karten um, fand aber auch nur ein Schaf und einen Leoparden.
„Na, das werden wir ja noch sehen,“ gab Sam gespielt kämpferisch zurück und griff dann wieder wahllos nach zwei der Papptäfelchen.
In diesem Moment wurde die Wohnungstür aufgestoßen und Phillippa platzte herein. Sie hatte die Kapuze ihres Sweatshirts zum Schutz gegen den Regen über ihren Kopf gezogen und streifte diese nun mit einer schnellen, hektischen Bewegung nach hinten. Ihr Pullover war vorne verdächtig ausgebeult und während sie nun darunter griff und ein kleines, braunes Päckchen hervorzog verkündete sie strahlend „es ist Post gekommen. Von Nick!“
„Von Nick?“ hauchte Sam entsetzt und ihr wurde augenblicklich flau im Magen. Gleichzeitig schoß ein aufgeregtes Kribbeln durch ihren gesamten Körper und ihr Herzschlag beschleunigte sich ohne ihr Zutun. So lange hatte sie keinen Ton von ihm gehört und es fühlte sich nun fast so an, als stünde er persönlich bei ihr im Raum, auch wenn dies natürlich albern war.
Auffordernd streckte sie also die Hände nach dem Paket aus, doch Phillippa verbarg es breit grinsend hinter ihrem Rücken und sagte „nein. Das ist für Joshua.“
„Für mich?“ rief ihr Sohn sofort, sprang aufgeregt in die Höhe und rannte zu Phillippa hinüber, die das Paket mittlerweile vorsichtig auf dem kleinen Eßtisch abgestellt hatte.
Gleich darauf saßen beide auf den Stühlen, Phillippa angespannt auf ihrem Hosenboden und Joshua ganz hibbelig auf seinen Knien, während er das Päckchen zu sich heran zog, es hochhob und mit einem Ohr an dem braunen Packpapier erst einmal kräftig schüttelte.
„Was da wohl drin ist?“ fragte er aufgeregt und blickte dann zu Sam auf, die sich ebenfalls vom Boden erhoben hatte und sich nun zu den beiden gesellte.
„Ich habe keine Ahnung,“ sagte Phillippa gerade „aber ich habe etwas berührt, was er vorher in der Hand hatte. Das finde ich super aufregend,“ gestand sie und grinste dann leicht verlegen zu Sam auf.
„Wenn du magst, kannst du ab und zu meine Hand festhalten,“ bemerkte Joshua mit gerunzelter Stirn und Phillippa sah genau so verwirrt aus, wie Sam sich fühlte.
„Wie meinst du das?“ fragte Phillippa.
„Na, die hat er auch mal angefaßt,“ stellte Joshua fest und Sam verbarg ihr Lachen hinter einem gekonnten Hüsteln und ihrer vorgehaltenen Hand.
„Ach, du bist doof,“ maulte Phillippa sofort.
„Wieso?“ fragte Joshua verwirrt zurück.
„Ich glaube, das hat er tatsächlich ernst gemeint,“ erklärte Sam, während sie zwei Tassen vor Phillipa und Joshua abstellte und dann im Kühlschrank nach der Milch kramte.
„Kakao jemand?“ fragte sie in die Runde, während sie einen Topf auf den Herd stellte.
„Mom!“ beschwerte sich Joshua sofort. „Ich muß doch erst das Paket auspacken.“
„Sofort,“ entgegnete Sam, goß Milch in den Topf und kehrte dann mit einer Schere zurück an den Tisch.
Das Päckchen lag inzwischen wieder zwischen den beiden und alleine es anzusehen zauberte tausende von aufgeregt flatternde Schmetterlinge in ihren Bauch. Meine Güte, wie konnte man sich wegen eines Paketes so anstellen?
Mit schnellen Bewegungen durchschnitt sie das Papier und das Klebeband an den Schmalseiten und ritzte dann einen tiefen Schnitt in den Deckel, so dass die beiden Hälften von ganz alleine aufsprangen. Sofort zog Joshua das Päckchen wieder an sich, klappte die Deckelhälften ganz auf und versuchte dann unter einiger Anstrengung den Inhalt heraus zu ziehen.
Sam wandte sich währenddessen wieder ihrer Milch zu. Sie wollte vor den Kindern nicht zeigen, wie sehr dieses unscheinbare Paket sie aufwühlte und sie wollte sich selbst beweisen, dass sie erwachsen genug war um sich nicht sofort von Neugier getrieben darauf zu stürzen. Doch es klappte nicht wirklich.
Mit ihren Ohren war sie bei Josh, während er vor sich hin grummelte, dass man das aber schwer aus dem Karton bekam und Phillippa sich großmütig anbot, ihm zu helfen. Sam platzte beinahe vor Neugier und so war die Milch auch noch nicht wirklich heiß, als sie schließlich Kakaopulver hinein gab, den Herd ausstellte und mit dem Topf zurück zu den beiden Kindern trat.
Sie benötigte ihre komplette Konzentration, um beim Einschenken nichts von dem Kakao zu verschütten, während sie ihre Augen absichtlich nicht zu dem Paket hinüber gleiten ließ.
Doch schließlich konnte sie sich nicht mehr ablenken. Der Topf stand wieder in der Küche, sie hatte sich selbst auch eine Tasse eingeschenkt und setzte sich nun neben Joshua an den Tisch. Phillippa befreite gerade den Inhalt des ominösen Paketes von den letzten Verpackungsresten, der Karton landete zerfetzt und unbeachtet auf dem Boden und mit großen Augen starrte Joshua auf sein Geschenk hinunter.
„Ein Telefon?“ fragte er und Phillipa fügte hinzu „das ist aber ein komisches Geschenk.“
Innerlich mußte Sam ihr zustimmen. Wer schenkte einem fünf jährigen Jungen schon ein Handy? Zum einen konnte er das ja wohl nicht wirklich gebrauchen und zum anderen hielt sie das selbst für überaus ungeeignet.
„Na komm, wir packen das auch noch aus,“ sagte Phillippa und machte sich bereits an dem Karton zu schaffen.
Gleich darauf zog sie tatsächlich ein quitschgelbes Handy, die Gebrauchsanleitung und einen zusammengefalteten Zettel hervor. Joshua riß ihr alles sofort aus den Händen und starrte dann mit einem breiten Grinsen auf das Telefon hinunter.
„Das ist cooool,“ verkündete er, drehte es in den Händen und hielt die Rückseite dann seiner Mutter unter die Nase. „Was steht da drauf Mom?“
Sam mußte heftig schlucken, als sie den Aufkleber mit den schwarzen, geschwungenen Buchstaben erblickte.
„Glückspilz-Telefon,“ antwortete sie und ihre Stimme klang dabei eigenartig belegt.
„Lieber Joshua,“ laß Phillippa in diesem Moment den Zettel vor „meine Güte, er hat ja so eine niedliche Schrift,“ seufzte sie, bevor sie fort fuhr. „Ich möchte mich bei dir entschuldigen, weil ich nach der Verhandlung nicht mehr da war, wie ich es versprochen hatte. Deshalb schenke ich dir dieses Telefon. Damit du mich jederzeit anrufen und zur Schnecke machen kannst,“ sie kicherte albern und schüttelte den Kopf. „Zur Schnecke machen kannst, der war gut ... ähm .... deine Mom zeigt dir sicherlich, wie du das Gerät bedienst. Gib ihr einen Kuß von mir und ich drücke dich in Gedanken ganz fest. Nick.“
Joshua strahlte immer noch über das ganze Gesicht, schmatzte dann einen dicken, feuchten Kuß in seine Handfläche und hielt ihn Sam hin.
„Der ist von Nick,“ informierte er sie.
Lächelnd nahm sie seine kleine Hand in ihre und hauchte ebenfalls einen Kuß hinein. „Und der ist von mir,“ entgegnete sie.
Joshua kicherte, streckte ihr dann das Handy entgegen und fragte „kannst du mir zeigen, wie das geht?“
„Sicher,“ nickte sie lahm und versuchte erfolglos ihr Gefühlschaos irgendwie in den Griff zu bekommen.
Alleine der Umstand, dass Nick sie in dem Brief erwähnt hatte ließ ihr Herz rasen und ihren Magen Purzelbäume schlagen.
Er dachte immer noch an sie.
Er hatte sie noch nicht vergessen.
Und sie hätte niemals gedacht, dass sie das so glücklich machen könnte.
Wollte sie ihn nicht aus ihrem Leben und ihren Gedanken verbannen? Das war doch ihr Plan. Und jetzt stand er plötzlich wieder mittendrin in ihrem Leben und ihrem Kopf und es fühlte sich unerwarteter Weise einfach himmlisch an. Wie konnte das sein?
Sie drückte ein paar Tasten, während ihr Joshua dabei interessiert über die Schulter blickte und erklärte ihm, wie er Nicks Nummer heraus suchen konnte, die dieser bereits eingespeichert hatte. Die ganze Zeit hatte sie dabei ein dämliches Grinsen auf ihrem Gesicht, weil sie Nicks Konterfei, nachträglich verzerrt und somit mit einer riesigen Nase ausgestattet, aus dem Display heraus angrinste.
„So, jetzt versuch du es mal alleine,“ sagte sie schließlich und drückte Joshua das Handy wieder in die Hand.
Unglaublich sicher und zügig drückte er die richtigen Knöpfe und gleich darauf das grüne Hörersymbol. Ihr Herz machte einen erschrockenen Hüpfer und sie registrierte am Rande, wie Phillipa die Luft anhielt.
„Er ruft ihn an,“ flüsterte sie aufgeregt. „Oh mein Gott!“
Wie von der Tarantel gestochen sprang sie von ihrem Stuhl auf, kam um den Tisch herum gehastet und drückte ihr Ohr an den Hörer, während Josh seinen Kopf vertrauensvoll noch ein Stück weiter in ihre Richtung lehnte.
Sams Hand war unbewußt zu ihrer Kehle hinauf gewandert und sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie jetzt gerne an Phillipas Stelle gewesen wäre, um Nicks Stimme hören und ihm damit nahe sein zu können.
„Hallo Nick,“ rief Joshua gleich darauf in den Hörer und Sam war sich ziemlich sicher, dass ihre Wangen genau so wie Phillipas glühten und das auch noch aus dem gleichen, dämlichen Grund: Sie hatten eine Verbindung zu Nick hergestellt.

Kapitel 78