Kapitel 76
Das neuste Video von Incubus flimmerte über den Bildschirm, doch Nick bekam überhaupt nichts davon mit. Er lag auf der Couch, starrte an die Decke und dachte an Sam.
Die Serie war inzwischen abgedreht, seine Geschwister hatten sich wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreut und er war in sein eigentliches zu Hause zurück gekehrt. Ein Haus, das ihm jetzt viel zu groß für ihn alleine erschien. Jeder Raum schien eine unpersönliche Kälte auszustrahlen, auch wenn sich überall seine eigene Unordnung und persönliche Dinge finden ließen. Vielleicht lag es daran, dass er hier tatsächlich alleine war und dass Sam diese vier Wände noch nie betreten hatte.
Am Anfang war er noch froh gewesen, aus dieser Filmkulisse heraus und wieder zurück in das wahre Leben kehren zu können. Doch als er die Haustür hinter sich schloß, seine Reisetasche und die Koffer abstellte und sich umsah, drückte die plötzliche Stille schwer auf sein Gemüt und er fühlte sich so einsam wie schon lange nicht mehr.
Ja, seine Geschwister hatten ihn manchmal an den Rand des Wahnsinns getrieben und ja, den ganzen Tag von Kameras beobachtete zu werden war ebenfalls anstrengend gewesen, aber jetzt und hier fühlte er sich um Welten schlechter. Vor ein paar Wochen hätte er noch in Aarons Zimmer spazieren und sich von ihm ablenken lassen können, heute müßte er dafür zum Telefon greifen und alleine diese Handlung erschien ihm viel zu kraftaufwendig. Am liebsten hätte er den ganzen Tag geschlafen, denn nur wenn er tief in das Land der Träume eindrang fühlte er sich einigermaßen wohl. Den Schmerz ließ er dabei genau so zurück wie die Einsamkeit und das ständige Grübeln darüber, wie er Sam begreiflich machen konnte, dass er sie brauchte und liebte.
Wenn er wach war, flüsterte eine biestige Stimme in seinem Kopf ohne Unterlaß. Sie raunte ihm zu, dass ihn Sam schon längst vergessen hatte und dass sie ihn nur benutzt und belogen hatte, dass sie nicht gut für ihn war und sie das ganze Gefühlschaos überhaupt nicht wert war.
Eine Woche lang hatte er versucht, dieser Stimme zu vertrauen, hatte gedanklich auf Sam geschimpft, sie beleidigt, von sich gestoßen und versucht sie aus seinen Gedanken zu verbannen. Er war mit Chris ausgegangen, nur um nach einer Stunde frustriert wieder nach Hause zu fahren, weil er keinen Spaß hatte.
Jeden Abend hatte er sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken, dabei traurige Musik gehört und sich schließlich eingestanden, dass es nicht so leicht war, sich Sam aus dem Herzen zu reißen und sie zu vergessen. Im Gegenteil: Um so verzweifelter er das versuchte, um so deutlicher stand sie ihm vor Augen.
Er liebte sie eben, daran gab es nichts zu rütteln. Und der Umstand, dass er dies zum einen noch nie so heftig für jemanden empfunden hatte und zum anderen nicht so einfach abschalten konnte, ließ ihn beinahe wahnsinnig werden.
Er wünschte sich beinahe schmerzhaft zurück in die Zeit vor Sam. Sein Leben war ganz sicher nicht perfekt gewesen und auch damals hatte es bereits tiefe, dunkle Löcher gegeben, in die er regelmäßig hineingestürzt war, aber noch nie war ihm dieser Abgrund so tief vorgekommen und noch nie war es so mühsam gewesen, sich daraus wieder hervor zu kämpfen.
Das Klingeln an der Haustür durchbrach für einen Moment das Selbstmitleid, in dem er sich wälzte. Langsam und unter leisem ächzen und stöhnen richtete er sich auf, griff nach seiner Bierflasche, die auf dem Tisch stand, und trank sie in großen, bedächtigen Schlucke aus. Sollte er jetzt tatsächlich aufstehen, sich zur Tür schleppen und sich dann von Chris irgendwelchen gutgemeinten Mist anhören?
Nein, nicht heute.
Also ließ er sich wieder zurück auf das Sofa fallen und schloß die Augen. Die restliche Welt konnte ihn mal!
Wieder klingelte es und das durchdringende Schrillen hallte schmerzhaft und viel zu laut in seinem Kopf.
Hau ab, murmelte er und legte einen Arm über seine Augen.
Für einen Moment blieb es still, dann durchdrang erneut dieses enervierende Klingeln das gesamte Haus und diesmal hörte es auch nicht auf.
Verdammte Scheiße! brüllte er schließlich, sprang von der Couch in die Höhe und hastete durch den Hausflur. Chris konnte jetzt was erleben. Bester Freund hin oder her.
Wieso ... ? setzt er wütend an, während er die Haustür aufriß, doch der unerwartete Anblick von Angel und Aaron ließ ihn mitten in der Bewegung inne halten.
Das hat aber lange gedauert, beschwerte sich Angel, während sie sich einfach an ihm vorbei schob und in den Hausflur trat.
Hey Mann, du siehst echt scheiße aus, begrüßte ihn Aaron mit einem breiten Grinsen und umarmte ihn kurz und fest.
Was macht ihr hier? fragte Nick vollkommen überrascht und schloß langsam die Tür.
Wir sind die Vorhut, informierte ihn Angel, die mittlerweile das Wohnzimmer erreicht zu haben schien. Meine Güte, hier siehts ja aus ...
Vorhut? wiederholte Nick verständnislos, während er Aaron durch den Flur ins dämmrige Wohnzimmer folgte.
BJ und Leslie sind noch unterwegs, informierte ihn Aaron, während Angel resolut die Vorhänge zurück zog und Nick etwas verwundert feststellte, dass es noch mitten am Tag und draußen hell war.
Jep, pflichtete Angel ihrem Zwillingsbruder bei. Es wird Zeit, dass wir endlich etwas unternehmen.
Sie öffnete die Terrassentür und sog tief die frische Luft ein.
Echt Nick, so kann das mit dir nicht weiter gehen, bemerkte sie dann, drehte sich zu ihrem Bruder herum und schenkte ihm ein breites, liebevolles Lächeln.
Ihr macht mir Angst, gestand Nick, schlurfte zurück zur Couch und ließ sich darauf fallen.
Das war auch unsere Absicht, lachte Aaron, der sich bereits hinter die Theke geschoben hatte, die die Küche von dem riesigen Wohnzimmer trennte. Nick hörte, wie die Kühlschranktür geöffnet wurde, dann tauchte Aaron wieder auf, in den Händen zwei Flaschen Bier und eine Flasche Wasser.
Hier, er reichte Nick das Wasser und Angel das Bier.
Wasser? fragte Nick mit gerunzelter Stirn.
So wie ich das sehe, hast du in letzter Zeit genug für den durchschnittlichen, amerikanischen Alkoholverbrauch getan. Ein klarer Kopf kann dir jedenfalls nicht schaden, gab Aaron grinsend zurück, zog sich dann zur Theke zurück, stemmte sich hinauf und setzte sich im Schneidersitz auf die polierte Granitplatte.
Bis die anderen beiden da sind, sagte Angel in diesem Moment, setzte sich neben Nick auf die Couch und wühlte einen Moment in ihrer Tasche solltest du dir das hier mal ansehen.
Sie zog ein paar zusammengefaltete Zeitungsseiten hervor und streckte sie ihm entgegen. Nick zögerte einen Moment.
Ich glaube nicht, dass ich das sehen will, murmelte er dann und verschränkte zur Bestätigung die Arme vor der Brust.
Oh, du willst es ganz bestimmt sehen, das verspreche ich dir und vielleicht hilft es dir auch endlich dabei, deinen Hintern in Bewegung zu setzen und Sam zurück zu holen.
Sie will aber gar nicht, dass ich sie zurück hole verdammt, fuhr er auf. Habt ihr das noch nicht kapiert? Sie ist glücklich ohne mich. Sie hat nen Job, ne Wohnung und ihren Sohn. Mehr braucht sie nicht.
Das bezweifle ich stark, gab Aaron zurück.
Wie kannst du dir da so sicher sein? hakte Nick nach, während er mit gerunzelter Stirn auf die Zeitungsseiten hinunter starrte, die ihm Angel immer noch auffordernd entgegen streckte.
Wir haben ab und zu mit ihr telefoniert, informierte Angel ihn.
Tatsächlich? Nick war plötzlich vollkommen wach und klar im Kopf. Was hat sie gesagt? Wie geht es ihr? Was macht Josh? Wie ...
Es geht ihr ganz gut und sie vermißt dich, unterbrach Angel ihn und sie läßt sich auf jeden Fall nicht so hängen wie du. Und jetzt sieh dir das hier gefälligst an, bevor mir der Arm abfällt.
Immer noch zögerlich griff Nick nach den Seiten, stellte die Flasche Wasser neben seine leere Bierflasche auf den Tisch und faltete die Blätter vorsichtig auseinander.
Das Foto versetzte ihm einen Schlag in die Magengrube, noch bevor er auch nur ein Wort der Überschrift gelesen hatte. Das war ganz eindeutig Sam - seine Sam - zusammen mit diesem Arschloch von Greg, die sich in einer Bar gegenüber saßen. Das Foto war von draußen aufgenommen worden und das sanfte Kerzenlicht brach sich in der großen Fensterscheibe. Trotzdem konnte man sehr gut erkennen, wie sie sich über den Tisch hinweg an der Hand hielten.
Nur sehr halbherzig überflog er den Text. Sam und Greg ... Ex-Mann ... Nick Carters aktuelle Freundin ... blah, blah, blah. Aber dieses Bild ...
Vielleicht verstehst du jetzt, warum wir einfach kommen mußten, bemerkte Aaron schließlich. Es kann jedenfalls nicht sein, dass sie, nur weil du dich nicht mehr meldest, auf ihren abgelegten Mann zurück greift.
Läuft da denn was? fragte Nick und seine Stimme klang seltsam gepresst.
Ich glaube nicht, entgegnete Angel vorsichtig. Sie hat sich nicht so richtig darüber ausgelassen. Sie meinte nur, dass sie versuchen, das mit dem gemeinsamen Sorgerecht einigermaßen auf die Reihe zu bekommen.
Nick schwieg und konnte seine Augen nicht von dem Foto lösen. Er wußte nicht, was ihn mehr erschreckte: Die heftigen Gefühle, die bei Sams Anblick augenblicklich in seinem Herzen aufflammten, oder die Wut, sie mit diesem ... Typen zusammen zu sehen.
Wir brauchen einen Plan, sagte Angel gerade, während sie die Schuhe auszog und die Beine unterschlug.
Einen wirksamen, gut durchdachten Plan, fügte Aaron hinzu.
Ich bin dabei ... , hörte Nick sich sagen, während seine Hände die Zeitungsseiten zusammenknüllten und sie zu einem harten, kompakten Ball formten.
Jetzt war endlich Schluß mit dieser Herumhockerei und dem Grübeln. Er mußte etwas tun und auch wenn er Gefahr lief, auch diesmal wieder auf die Schnauze zu fallen ... nichts konnte schlimmer sein als der Anblick von Sam, wie sie ihren Ex-Mann so vertrauensvoll berührte.