Kapitel 75

Sam musterte Greg verstohlen über den Rand ihres Glases hinweg, während er ihr an einem winzigen Tisch gegenüber saß und ausschweifend von seiner Arbeit berichtete. Er hatte sie in eine Bar in der Stadt geführt und mit einer Selbstverständlichkeit und ohne Sam vorher zu fragen für sie beide einen Weißwein bestellt. Es hatte sich also nichts geändert. Und doch ...
Wenn sie ihn jetzt so ansah, das helle Haar, die grauen, leicht schräg stehenden Augen, das markante Gesicht und die Grübchen in seinen Wangen, dann fühlte sie wieder etwas von dem Gefühl von damals in sich aufsteigen. Er war ihre erste große Liebe, daran ließ sich nicht rütteln und noch heute hatte er eine gewisse Wirkung auf sie.
„ ... versuche mich da so gut es geht durchzufinden,“ beendete er seinen Monolog und sah dann zu ihr hinüber. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht langweilen. Es ist einfach im Moment ... ,“
„Ist schon in Ordnung,“ unterbrach sie ihn. „Dein Job war dir schon immer sehr wichtig.“
„Ja,“ nickte er langsam. „Aber heute denke ich manchmal, ich hätte vielleicht ... nun ja ... etwas andere Prioritäten setzen sollen.“
„Inwiefern?“ fragte sie mit gerunzelter Stirn.
„Ich habe dich und Josh ... nun ja ... nicht immer fair behandelt.“
„Das hatte aber nichts mit deiner Arbeit zu tun Greg. Du bist einfach ... ,“ sie zuckte mit den Schultern. „ ... eher der verschlossene Typ, um es mal vorsichtig auszudrücken.“
„Ich weiß,“ nickte er. „Viola sieht das wohl genau so. Es ist ziemlich schwierig ... irgendwie.“
„Was? Das mit Viola oder deine Verschlossenheit?“ fragte Sam zurück, obwohl sie es im Grunde gar nicht wissen wollte. Viola ging ihr am Allerwertesten vorbei und wie die beiden miteinander auskamen, war ihr ebenfalls egal. Was sie wirklich interessiert war, wie ihr Sohn in diesem Szenario zurecht kam.
„Beides. Viola ist ... nun ja ... manchmal etwas schwierig und ... ,“ er stockte erneut und drehte nervös sein Glas zwischen den Fingern.
„Und du strafst sie dann mit Nichtachtung, was sie wiederum ausflippen läßt,“ vermutete Sam.
„So ähnlich,“ nickte er. „Es ist wirklich erstaunlich, wie gut du mich kennst,“ lächelte er über den Tisch hinweg.
„Ich habe schließlich ein paar Jahre mit dir zusammen gelebt,“ gab Sam zu bedenken. „Da bekommt man normaler Weise einen ganz guten Eindruck davon, wie ein Mensch tickt.“
„Und das ist der Unterschied zwischen dir und mir,“ gestand Greg. „Als ich diesen Film von diesem ... Carter ... bei der Verhandlung gesehen habe, war mir, als hätte mir jemand urplötzlich ... die Augen geöffnet.“
Gregs unglaubliches Geständnis in Verbindung mit Nicks Namen zu hören, machte Sam augenblicklich mehr als nervös. Was wollte er von ihr?
„Ich habe mir nie die Mühe gemacht, hinter deine Fassade zu blicken,“ fuhr Greg leise fort. „Du warst meine Frau und die Mutter von Joshua und hast diese beiden Jobs bestens ausgefüllt.“
„Diese beiden Jobs?“ Sams Augenbrauen zuckten in die Höhe.
„War es das denn nicht?“ fragte Greg zurück. „Mit Romantik und Liebe hatte unser Verhältnis zu diesem Zeitpunkt doch schon lange nichts mehr zu tun, oder?“
„Mag sein,“ räumte Sam zähneknirschend ein.
Greg schüttelte den Kopf, stellte sein Glas seufzend zur Seite und faßte urplötzlich und ohne dass Sam es hatte kommen sehen über den Tisch hinweg nach ihrer Hand.
„Samantha, ich weiß, ich habe in der Vergangenheit unglaublich viel falsch gemacht und das tut mir wirklich leid. Ich würde gerne ... ,“
„Sprich es nicht aus,“ stieß Sam hastig hervor und entzog ihrem Ex-Mann ruckartig ihre Hand.
„Warum nicht? Du hast mir immer vorgeworfen, dass ich meine Gefühle für mich behalte. Ich möchte das ändern. Ich gebe hiermit und freimütig zu, dass ich seit der Verhandlung nicht mehr weiß, was ich denken und fühlen soll, verstehst du?
Da ist Viola, die mich irgendwann in den Wahnsinn treiben wird und da bist du, die immer für mich da war und alles für mich getan hat. Und dann sehe ich dich in diesem fremden Haus, mit einem fremden Mann, den du so innig küßt, dass mir ganz flau wird und ich spüre wieder ... ich spüre wieder, dass ich doch noch irgendwo in mir lebendig bin und dich ... begehre.“
„Greg,“ unterbrach sie ihn brüsk. „Du hast mich damals sitzen lassen, weil ich dir zu langweilig war und weil du glaubtest, dass Viola wesentlich besser zu dir paßt. Du hast mir gesagt, dass du mich nicht mehr liebst und mich hochkant aus deinem Leben geworfen. Was soll das also jetzt hier?“
„Ich versuche dir klar zu machen, dass ich damals vielleicht einen Fehler gemacht habe,“ gab er mit merklicher Anspannung in der Stimme zurück.
„Und das fällt dir jetzt ein? Nach drei Jahren?“ Sam schüttelte ungläubig den Kopf, während sie spürte, wie ihr Herzschlag zu rasen begann.
Sie fühlte sich, als sei sie unvermittelt in einem Paralleluniversum gelandet. Wie lange hatte sie sich gewünscht, dass Greg genau diese Worte zu ihr sagte? Wie oft hatte sie davon geträumt, dass er irgendwann vor ihrer Tür stand und sie anflehte, ihn zurück zu nehmen?
If you're a heart without a home.
Nein, sie wollte jetzt nicht an Nick denken, verdammt.
„Ich weiß, ich habe kein Recht dazu,“ gestand Greg. „Aber irgendwie ... die Vorstellung, mit dir und Joshua wieder eine Einheit zu bilden ... ist ... sehr ... reizvoll. Ich meine ... ,“
„Reizvoll? Greg, du sprichst hier nicht von irgend etwas, das man mal ausprobiert und zu sieht, wie es läuft. Wir haben uns damals ziemlich unschön von einander getrennt und sind seitdem dabei, immer wieder an Joshua herum zu zerren. Jetzt wird uns die Gelegenheit geboten, dieses ganze Chaos endlich einigermaßen auf die Reihe zu bringen und jetzt kommst du mit so was!“
„Ich weiß das doch alles Samantha,“ fuhr Greg auf und wirkte nun schon eher wie der Mann, der sie damals mit einem knappen, schmerzhaften Fußtritt aus seinem Leben katapultiert hatte. „Aber vielleicht ist das alles auch ein Wink des Schicksals, hast du darüber schon mal nachgedacht? Wir sind uns im Moment räumlich so nahe wie lange nicht mehr und vielleicht ... ist das unsere Chance, verstehst du?“
„Ich verstehe sehr gut, aber schlag dir das bitte ganz schnell aus dem Kopf. Du und ich werden nie wieder ... ,“
„Aber warum nicht?“ begehrte Greg auf. „Fühlst du denn gar nichts mehr für mich?“
Mit großen Augen starrte sie zu Greg hinüber. Waren da noch Gefühle? Bestand wirklich die Chance, dass sie zurück in ihr altes Leben konnte und damit in die Sicherheit einer Ehe und eines geregelten Lebens abtauchte?
Sie dachte an damals, an den Anfang ihrer Beziehung, als sie noch jung und naiv waren. An die gemeinsame Zeit, die Augenblicke, in denen er sie zum Lachen gebracht hatte, die Momente, in denen sie sich nahe gewesen waren und das Gefühl von Unerschütterlichkeit, das er ihr immer vermittelt hatte. Ja, er war nicht der große Romantiker und ja, er war manchmal sehr verschlossen und unnahbar. Aber auf ihn hatte sie sich immer verlassen können.
Bis zu diesem unsäglichen Tag, als er nach Hause kam und ihr erklärte, er hätte sich in Viola verliebt.
And you seem so lonely
But you don't have to anymore.

Nicks Lächeln erschien vor ihrem geistigen Auge, sie spürte seine Arme um ihren bebenden Körper, fühlte seine Zärtlichkeiten, hörte seine liebevollen Worte in ihrem Ohr und spürte gleichzeitig wieder die Verzweiflung über seinen Verrat in sich.
Die beiden Männer waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht und trotzdem wußte sie in diesem Moment zweifelsfrei, wo sie hin gehörte.
„Greg,“ sagte sie sanft und legte nun ihrerseits ihre Hand über seine. „Wir beide waren mal ein Team. Wir haben gemeinsam an einem Strang gezogen und nur das beste für Joshua gewollt. Auch ich denke manchmal an diese Zeit zurück und ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich mir nicht schon des öfteren gewünscht habe, wieder an diesen Punkt zurück zu können.“
Auf Gregs Gesicht erstrahlte ein sanftes Lächeln und sie fühlte, wie er ihre Finger mit seiner großen Hand umschloß.
„Aber das ist vorbei. Endgültig. Ich liebe dich nicht mehr. Genau genommen bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob wir uns jemals wirklich geliebt haben.“
„Was ... ?“ setzte er an und entzog ihr aufgebracht seine Hand, doch sie redete schnell weiter.
„Für mich waren Sicherheit und Verläßlichkeit immer das Wichtigste in meinem Leben und für eine ganze Zeit hast du mir genau das gegeben. Aber nachdem du mich wegen Viola verlassen hattest, ist das alles irgendwie in sich zusammen gestürzt. Ich kann dir nicht mehr vertrauen und ich möchte auch gar nicht daran arbeiten, dieses Vertrauen wieder herzustellen. Du hast deinen Weg gewählt und ich meinen.“
„Deinen Weg,“ schnaubte Greg abfällig. „Denkst du wirklich, als Kindermädchen für so eine versnobte Familie zu arbeiten, in einer winzigen Bruchbude zu hausen und dich mit so einem ... irren Popstar abzugeben ist dein Weg?“
„Ja, das denke ich,“ nickte Sam und hätte beinahe gelacht, weil sie sich jahrelang von seiner Art und seinen Worten hatte einschüchtern lassen und jetzt merkte, dass sie das gar nicht nötig hatte. „Ich liebe Nick. Seltsam was? Er ist unzuverlässig, aufbrausend, ein unglaublicher Dickschädel und das genaue Gegenteil von dir und mir. Ich werde ihn niemals fest an mich binden können, ich kann nicht erwarten, dass er seine Zeit nur an meiner Seite verbringt und ich weiß ganz genau, dass ich die meiste Zeit meines Lebens auf ihn verzichten muß, weil er in der Weltgeschichte herum reist und auf irgendeiner Bühne vor kreischenden Mädchen steht. Aber weißt du was? Ich bin mir trotzdem sicher, wo sein Herz in diesen Momenten ist. Und das kann ich von dir nicht behaupten. Konnte ich noch nie. Weil du nämlich so sehr darauf bedacht bist, dein Herz für dich zu behalten, dass du niemals etwas ähnliches erleben wirst.“
Greg war sprachlos, das konnte sie selbst in diesem dämmrigen Licht ganz genau sehen. Seine Augen waren groß geworden, sein Mund stand offen und seine Gedanken rasten. Er würde sie jetzt ganz sicher beleidigen und nieder machen, doch sie hatte keine Angst mehr vor ihm. Seine Macht über sie war endgültig gebrochen und eine gewisse Leichtigkeit hatte ihr Denken erfaßt.
„Du bist immer noch so naiv wie früher,“ schnaubte Greg schließlich. „Dieser Typ wird dich benutzen und wegwerfen, wie es ihm paßt. Er hat dich in der kurzen Zeit, die ihr zusammen seid, schon zwei Mal betrogen ... ,“
„Hat er nicht,“ fuhr sie ihm ins Wort, weil sie der Meinung war, Nick verteidigen zu müssen.
„Hat er nicht? Nun, dann laß mich dir auf die Sprünge helfen. Mein Privatdetektiv, der mich im Übrigen eine ganze Stange Geld gekostet hat, hat mir sehr interessante Fotos vorgelegt. Von dieser Frau in der Hotelbar und dem Mädchen in dem Club, mit der er so kurz vor der Verhandlung einfach mitgegangen ist. Du bist für ihn nur eine kleine Ablenkung, das brave Frauchen, das zu Hause auf ihn wartet und das ihm immer zur Verfügung steht. Er liebt dich nicht. Meine Güte, wie weltfremd bist du eigentlich? Samantha Fields, das Lämmchen und dieser weltberühmte Star. Hallo? Märchen gibt es im wahren Leben nicht, das wissen wir beide doch zu Genüge!“
Er hatte sie an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen, das wußte er und das wußte sie, aber sie ließ sich nichts anmerken. Wenn überhaupt hatte ihr Greg in diesem Moment nur noch einmal sehr plastisch vor Augen geführt, warum sie auf keinen Fall mit ihm zusammen sein wollte.
„Siehst du, das ist der Unterschied zwischen dir und ihm. In deinen Augen bin ich klein und unbedeutend. Ein Schoßhündchen, über das du verfügen kannst, wie es dir gerade paßt. Für ihn bin ich etwas Besonderes. Die Frau, mit der er sein Leben verbringen will, weil er mich liebt. Er mag nicht perfekt sein und ganz sicher hat er seine Fehler und Schwächen wie wir alle, aber er ist loyal und romantisch und zärtlich und einfühlsam und ... so viel mehr als du es jemals sein wirst.“
„Träum weiter Samantha,“ schnaubte Greg und stand abrupt auf.
„Gerne,“ nickte sie lächelnd und erhob sich ebenfalls. „Fährst du mich noch nach Hause oder muß ich mir ein Taxi nehmen?“
„Im Gegensatz zu deinem neuen Lover lasse ich dich nicht so einfach im Regen stehen. Oder warum ist er mitten in der Verhandlung einfach abgehauen? Schon mal darüber nachgedacht?“ stieß Greg gehässig hervor, während er ein paar Scheine auf den Tisch warf und dann ohne ein weiteres Wort aus dem Lokal stapfte.
Kopfschüttelnd folgte ihm Sam nach draußen. Beinahe schämte sie sich dafür, dass sie im Laufe dieses Gesprächs tatsächlich kurz darüber nachgedacht hatte, ob sie ihn noch liebte und es vielleicht doch eine gemeinsame Zukunft für sie gab. Mit ihm würde sie nie im Leben glücklich werden. Das Problem war, dass sie sich bei Nick da auch nicht so sicher war, wie sie Greg gegenüber behauptet hatte.
Während sie sich neben Greg auf den Beifahrersitz schob und sie in eisigem Schweigen durch Washingtons Straßen fuhren, versuchte sie sich darüber klar zu werden, was da gerade eben mit ihr passiert war.
Natürlich hatte sie von Anfang an gewußt, wie sehr sie Nick liebte. Er vermittelte ihr immer das Gefühl, dass sie mehr sein konnte, als man auf den ersten Blick sah. Er hatte erkannt, was tief in ihr lag, hatte ihr ihre Stärken vor Augen geführt und ihr deutlich gemacht, wie sehr er auf sie angewiesen war. Er hatte sich für sie und Joshua in die Schlacht geworfen, hatte nach einem Weg gesucht, wie er die Verhandlung zu ihren Gunsten beeinflussen konnte, ohne dabei zu wissen, ob ihre Beziehung überhaupt noch Bestand hatte. Diese Geste zeugte von so viel Selbstlosigkeit, dass sie ihn dafür einfach lieben mußte.
Gleichzeitig hatte er ihr in der Vergangenheit aber auch bewiesen, wie schnell es passieren konnte, dass er von diesem Pfad abwich. Ihr war dadurch klar geworden, dass sie ihn nicht an sich binden konnte, wie sie das vielleicht einmal mit Greg getan hatte. Nick war wie ein rastloser Schmetterling. Er wirbelte wild durch die Gegend, fand gefallen an jeder hübschen Blüte, die ihm dabei unter die Augen kam, aber fand trotzdem immer wieder den Weg zu ihr zurück.
Die Frage war nun, ob sie so leben konnte und ob ihre Liebe so stark war, dass sie ihm vertraute und sich jederzeit sicher sein konnte, dass er die vielen hübschen Blüten nur ansah und nicht auf ihnen landete.
„Er wird dir wehtun,“ hörte sie Greg neben sich plötzlich sagen, während sie erstaunt feststellte, dass sie bereits beim Haus der Mitchums angekommen waren. „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche und wenn du dann feststellen solltest, dass ich doch die bessere Wahl bin, wird es zu spät sein.“
„Vielleicht wird Nick mir tatsächlich irgendwann weh tun,“ räumte Sam leise ein. „Ich befürchte, das ist sogar relativ wahrscheinlich wenn ich ihn zurück in mein Leben lassen sollte. Aber ... ich weiß, das hört sich jetzt total bescheuert an ... aber ... dieser Schmerz ist nur ein Ausdruck dafür, wie sehr ich ihn liebe. Bei dir würde es mir wahrscheinlich gar nichts mehr ausmachen, wenn du mich betrügst.“
Greg schnaubte und sie sah, wie er die Hände fest um das Lenkrad krampfte.
„Was mir aber wirklich, wirklich wichtig ist, ist Joshua,“ sprach sie also schnell weiter. „Ich möchte nicht, dass er unter meinem oder deinem Gefühlschaos zu leiden hat, verstehst du? Er ist glücklich mit uns beiden. Er liebt dich und er liebt mich, nur mit Viola ist es vielleicht etwas schwierig, aber das bekommt ihr vielleicht auch noch auf die Reihe. Nur weil wir einige Differenzen haben, sollten wir ihm sein Glück nicht verbauen. Noch hat er die Möglichkeit als ganz normaler, glücklicher Junge aufzuwachsen und das sollten wir ihm nicht nehmen.“
„Schwachsinn,“ schnaubte Greg.
„Wie bitte?“ fragte Sam erschrocken nach.
„Er soll als ganz normaler, glücklicher Junge aufwachsen? Mal ehrlich, glaubst du wirklich an diesen Scheiß? Er ist jetzt schon so verstört und unausgeglichen ... da ist nichts mehr „normal“. Was glaubst du wird passieren, wenn er plötzlich der Stiefsohn von Nick Carter wird, hä? Die Presse wird sich auf ihn stürzen, er wird keinen unbeobachteten Schritt mehr machen können und das viele Geld wird ihn zusätzlich verderben. Man muß sich doch nur ansehen, was mit den Kindern von Michael Jackson, Madonna oder diesen Hilton Tussis passiert ist.“
„Wie immer beleuchtest du das alles nur von einer Seite,“ tadelte Sam milde. „Es gibt genau so viele Beispiele, wo es durchaus funktioniert. Wichtig ist doch, dass Joshua einen Ausgleich dazu hat. Du und ich, wir haben die Möglichkeit ihn auf dem Boden zu halten und ihm zu zeigen, wie das wahre Leben funktioniert. Und mal ehrlich ... sollten wir wirklich neidisch darauf sein, dass er durch Nicks Popularität und ... hm ... finanziellen Wohlstand ein paar Vorteile genießt, die normal Sterbliche wie du und ich nicht hatten?“
Greg schüttelte den Kopf. „Das wird nicht funktionieren.“
„Du weißt doch, dass ich Joshua niemals schaden könnte, oder?“ gab Sam statt einer Antwort zurück.
Gregs Blick heftete sich auf sie. „Ich bin mir nicht ganz sicher,“ gab er zurück, was Sam seltsamer Weise für eine Lüge hielt. Er war durch ihre Reaktion auf seine Liebeserklärung immer noch verletzt und jetzt einen Schritt auf sie zu zu machen entsprach einfach nicht seinem Charakter.
Selbst wenn es hier um seinen heißgeliebten Sohn ging.
Oder gerade deshalb.
„Ich würde niemals zulassen, dass er durch Nicks Lebenswandel geschädigt wird,“ erklärte Sam also. „Ich möchte nur das beste für ihn und das bedeutet im Moment, dass er mit uns beiden - mit dir und mir - zusammen sein kann, wann immer er möchte. Nimm ihm das nicht, nur weil du sauer auf mich bist.“
Greg wandte den Blick von ihr ab und starrte hinaus auf die dunkle, verlassene Straße.
„Viola hat immer darauf gedrängt, dass Joshua nur bei uns lebt. Sie sagt, sie liebt ihn und will ihn nicht teilen und ich bin versucht ihr zuzustimmen.“
„Viola ist ein selbstsüchtiges Biest,“ stieß Sam hervor und ärgerte sich im selben Moment darüber, dass sie Greg mit diesem Ausspruch gegen sich aufbrachte.
„Sie ist nicht ... ,“ fuhr er auf, doch sie unterbrach ihn sofort.
„Tut mir leid. Ich ziehe das zurück. Wirklich. Viola liebt dich. Das ist ein Unterschied. Und sie weiß, dass dir Joshua alles bedeutet. Ich glaube sie ist der Meinung, wenn sie dafür plädiert, dass du der einzig rechtmäßige Elternteil bist, wirst du sie auch lieben. Sie hat Angst dich zu verlieren und wenn ich unser heutiges Gespräch so sehe, hat sie damit nicht ganz unrecht.“
Greg schwieg, also fuhr sie fort.
„Anstatt deine Energie darauf zu verschwenden mir beweisen zu wollen, wie toll du bist und dass du noch etwas für mich empfindest, solltest du dir lieber mal überlegen, was du an ihr hast. Irgendwo in dir müssen doch noch Gefühle für sie sein. Immerhin hast du mich wegen ihr verlassen und sie dann auch noch geheiratet. Ich glaube also nicht, dass es nur ihr beeindruckend hübscher Körper war, der dich in ihr Bett getrieben hat.“
„Sie ist manchmal so anstrengend,“ murmelte Greg gedankenverloren.
„Dann sag ihr das. Komm endlich aus deinem Schneckenhaus und rede mit ihr. Sag ihr, dass du sie liebst und dass sie sich nicht so aufführen braucht nur um deine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.“
Mit größter Anstrengung, so schien es, riß sich Greg von dem Anblick der einsamen Straße vor sich los und sah wieder zu Sam hinüber. Eine Hand löste sich vom Steuer und legte sich zärtlich auf Sams Wange, was sie nur unter Aufbietung ihrer gesamten Beherrschung ertrug.
„Warum habe ich nie erkannt, wie klug du eigentlich bist,“ flüsterte er leise.
„Weil du immer viel zu sehr mit dir selbst beschäftigt warst,“ gab Sam unbeeindruckt zurück, faßte nach seinem Handgelenk und löste seine Finger von ihrer Wange.
„Ich hoffe,“ sagte sie abschließend „dass du über unser Gespräch noch etwas nachdenken wirst und wir uns nächste Woche auf eine Regelung des Besuchsrechts einigen können, das für alle Beteiligte annehmbar ist.“
Greg nickte langsam.
„Gut. Dann also ... vielen Dank für die Einladung und bis nächste Woche,“ nickte Sam und öffnete dann die Tür.
„Machs gut,“ hörte sie Greg noch sagen, dann schlug sie die Tür zu und sah dem Wagen nach, bis die Rücklichter in der Dunkelheit verschwanden.
„Zurück in der Realität,“ murmelte sie und fühlte sich augenblicklich unglaublich einsam.
Seufzend wandte sie sich um und ging langsam zu ihrer Wohnung hinüber. Warum hatte sie eigentlich mehr Durchblick im Leben anderer, als in ihrem eigenen?

Kapitel 76