Kapitel 74

Drei Wochen später hatte Sam die Renovierung der Wohnung mit der tatkräftigen Unterstützung von Megan, Joel und den Kindern schließlich abgeschlossen. Die Räume waren in freundlichem, hellem Gelb gestrichen, Phillippa hatte mit Hingabe kleine Dinosaurier und Blumen auf die Wände von Joshuas Zimmer gemalt, Megan hatte ihr mit einigen Küchenutensilien ausgeholfen, im Badezimmer hingen frische, hellblaue Handtücher und auf Sams Bett lag eine dunkelrote Tagesdecke.
Durch die Eingangstür trat man direkt in den großen Wohnraum. Vor dem Fenster stand ein kleiner Eßtisch mit vier Stühlen, direkt daneben schloß sich die kleine Küche an, die durch eine Theke vom restlichen Raum abgetrennt wurde, rechts davon führten drei Türen in das winzige Bad und in die beiden Schlafzimmer, zur Linken stand ein gemütliches Sofa vor einem alten, schon etwas ramponierten Holztisch und hohe, helle Regale komplettierten die Einrichtung.
Sam konnte es kaum fassen, dass sie endlich und nach so langer Zeit tatsächlich einen Ort gefunden hatte, den sie „zu Hause“ nennen konnte. Wenn sie abends vom Haus hier herüber kam, die kleine Stehlampe neben dem Sofa einschaltete und sich in der Küche einen Tee kochte, fühlte sie sich unglaublich sicher und geborgen. Nicht zu letzt sicherlich, weil sie bereits Joshua vor Augen hatte, der hier bald spielen, toben und leben würde.
An diesem Abend hatte sie sich vorgenommen, die letzten Sachen auszupacken, die ihr Angel netterweise aus L.A. geschickt hatte. Sam hatte eine Firma damit beauftragt, ihre Wohnung aufzulösen und sich um die Verwertung ihrer alten, unansehnlichen Möbel und deren Inhalt zu kümmern und Angel hatte sich angeboten, vorher Sams persönliche Sachen durchzusehen. Sam hatte diesem Vorschlag nur zu gerne zugestimmt, bedeutete dies doch, dass sie nicht zurück nach L.A. mußte und damit auch nicht Gefahr lief, Nick über den Weg zu laufen.
Seit seinem überstürzten Abgang hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Am Anfang tat es unglaublich weh, sie konnte nachts nicht schlafen, sah immer wieder sein Gesicht vor sich und hörte seine Stimme, die sie anflehte ihm noch eine Chance zu geben. Doch inzwischen hatte sie gelernt, mit diesem Schmerz zu leben. Er war zwar nach wie vor präsent, trieb ihr in den unpassensten Momenten die Tränen in die Augen und ließ sie bei einem unverhofften Aufblitzen seines Gesichts in ihrem Gedächtnis zusammen zu zucken, doch wenn sie sich anstrengte, konnte sie ihn zumindest für eine Weile in den Hintergrund drängen.
Seufzend kniete sie sich auf den Boden vor die erste Kiste und öffnete den Deckel. Eine Flut von Papier stapelte sich darin in einem unübersichtlichen Wirrwarr und alleine bei diesem Anblick verging Sam die Lust.
„Es sollte verboten werden, dass Menschen so viel unnötigen Ballast mit sich herum schleppen,“ murmelte sie, während sie beherzt in den Karton griff und mit vollen Händen wieder daraus auftauchte.
Beinahe eine Stunde verbrachte sie damit die Papier zu sortieren, neu zu ordnen und auf kleine Stapel zu verteilen. Immerhin war am Ende der Berg mit dem Altpapier am größten. Drei der restlichen vier Stapel wanderten in einen Korb, der genau in einen der Regalböden paßte und sie nahm sich vor, diese an irgendeinem anderen Tag ordentlich in Ordner abzuheften. Mit dem letzten Stapel erhob sie sich schließlich, schenkte sich ein Glas Rotwein ein und ließ sich auf dem Sofa nieder.
Sie hatte schon beinahe vergessen, dass sie einmal ein Leben außerhalb des Carter-Clans geführt hatte und jetzt die mittlerweile sicherlich bereits gemahnten Rechnungen in Händen zu halten, erfüllte sie nicht gerade mit Freude. Sie hoffte nur, dass die Endsumme ihre kümmerlichen Barreserven nicht komplett auffraß, während sie nach und nach die Umschläge öffnete, die Rechnungen kurz überflog und sie zur Seite legte.
Wieder einmal schob sich Nick in ihre Gedanken. Ihr Leben hätte so viel leichter sein können, wenn sie bei ihm geblieben wäre. Die Begleichung dieser ganzen Rechnungsbeträge hätte ihn wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln gekostet, sie hätte sich nie wieder Sorgen darüber machen müssen, wie sie sich am Ende des Monats noch etwas zu essen leisten sollte und sie hätte Joshua jeden Wunsch erfüllen können. Und trotzdem hätte sie sich dabei nicht wohl gefühlt.
Das unbestimmte Gefühl, das sie immer beschlichen hatte, wenn Angel so unglaublich sorglos mit seiner Kreditkarte ihre Einkäufe bezahlt hatte, hätte sich zu einem echten schlechten Gewissen und zu so etwas wie Schuldigkeit ausgeweitet und irgendwann wäre sie so abhängig von ihm gewesen, wie sie es einmal von Greg gewesen war.
Während ihre Gedanken unbeabsichtigt die Vergangenheit mit ihrem Ex-Mann streiften, kam sie bei dem letzten Umschlag an. Verwundert besah sie ihn sich für einen Augenblick von allen Seiten. Kein Absender, keine Adresse, keine Briefmarke und kein Poststempel.
„Nick,“ flüsterte sie ohne es zu merken und fühlte, wie ihr Herzschlag zu rasen begann.
Warum sie so sehr davon überzeugt war, dass dieser Umschlag von ihm stammte konnte sie nicht sagen, aber sie wußte bereits bevor sie die Karte aus dem Umschlag zog und dabei seine etwas krakelige Handschrift erkannte, dass das hier nur von ihm stammen konnte.
Ihre Hände zitterten, als sie auf das große, rote Herz hinunter starrte, das Nick auf die Vorderseite gemalt hatte. Darunter prangte eine feine Bleistiftzeichnung von ihr. Er hatte ihr ein schwarzes Kleid gemalt, sie trug keine Schuhe und ihr Haar ringelte sich wild um ihr Gesicht. Davor kniete Nick, der die Hände auf sein Herz gelegt hatte und zu ihr aufblickte.
Vollkommen verwirrt öffnete sie schließlich die Karte, lehnte sich zurück in die Polster und schlug die Beine unter. Als ihre Augen über seine Worte huschten, hörte sie seine Stimme direkt in ihrem Kopf und ihre Kehle verengte sich beinahe schmerzhaft.

Liebste Sam,

wenn du das hier liest bedeutete das wohl, dass ich dich nicht persönlich angetroffen habe. Ich habe dir so viel zu sagen, aber nicht genug Worte.
Also möchte ich die Musik für mich sprechen lassen.

Well she was precious like a flower
She grew wild, wild but innocent
A perfect prayer in a desperate hour
She was everything beautiful and different

Stupid boy … you can’t fence that in
Stupid boy … it’s like holdin’ back the wind

She laid her heart and soul right in your hands
And you stole her every dream and you crushed her plans
She never even knew she had a choice
And that’s what happens when the only voice
She hears is telling her she can’t
Stupid boy
Stupid boy

So what made you think you could take a life
And just push it, push it around
I guess to build yourself up so high
You had to take her and break her down

She laid her heart and soul right in your hands
And you stole her every dream and you crushed her plans
She never even knew she had a choice
And that’s what happens when the only voice
She hears is telling her she can’t
Stupid boy
Stupid boy

You always had to be right
And now you lost the only thing that ever made you feel alive

She laid her heart and soul right in your hands
And you stole her every dream and you crushed her plans
She never even knew she had a choice
And that’s what happens when the only voice
She hears is telling her she can’t
Stupid boy
Stupid boy
Oh I’m the same old, same old stupid boy

It took awhile for her to figure out she could run
But when she did, she was long gone, long gone.
(Stupid Boy – Keith Urban)

Auch wenn ich im Moment kaum daran glauben kann, hoffe ich doch tief in meinem Inneren, dass du mir noch eine Chance gibst. Ich weiß, ich habe es vermasselt und ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das alles tut.
Aber ich weiß, dass du das beste bist, was mir jemals passiert ist.
Und ich weiß auch, dass ich das gleiche für dich sein kann, wenn du mich läßt.

Girl I love to watch you
You're like candy to my eyes
Like a movie that you've seen
But you gotta watch just one more time
But that smile you're wearing
It's a beautiful disguise
It's just something you put on to hide the emptiness inside
And you seem so lonely

But you don't have to anymore..

If you're a heart without a home
Rebel without a cause
If you feel as though
You're always stranded on the shore
Like a thief in the night
Let me steal your heart away
Baby if for reasons, what you're looking for
I'll be yours

I'll be yours

I'll be a new sensation
One you never had before
I got a feeling if I gave you some
You'd probably want some more
Did you know that Baby
You're the bluebird in my sky
I only wanna make you happy cause
I love to see you fly

And if you feel lonely
You don't have to anymore

If you're a heart without a home
Rebel without a cause
If you feel as though
You're always stranded on the shore
Like a thief in the night
Let me steal your heart away
Baby if for reasons, what you're looking for
I'll be yours
I'll be yours, I'll be yours

I'll be the raft in the tide
I'll be yours
I'll be the truth in the light
And what's more
When no one opens the door
I'll be the hope that you're looking for

If you're a heart without a home
Rebel without a cause
If you feel as though
You're always stranded on the shore
Like a thief in the night
Let me steal your heart away
Baby if for reasons, what you're looking for
I'll be yours
(Heart without a home - Nick Carter)

I'll be yours ...

… always and forever.

Nick


Ganz langsam ließ Sam die Karte sinken. Tränen benetzten ihre Wangen und der Schmerz, der in ihr wütete, war kaum auszuhalten. Hatte sie sich gerade noch eingeredet, dass sie schon irgendwie klar kam und langsam lernte, ohne ihn zu leben? Immer wieder schüttelte sie den Kopf. Manchmal war es erstaunlich, wie leicht sie sich belügen konnte.
Und trotzdem ... sie konnte nicht zurück. Nicht zurück nach L.A. und somit auch nicht zurück zu ihm.
Die Karte flatterte in ihren Schoß, während sie die Hände vors Gesicht schlug und haltlos schluchzte. Warum mußte sie sich immer wieder verlieben, nur um sich hinterher das Herz brechen zu lassen?

Eine Woche später hatte sich die gesamte Familie Mitchum vor dem Fernseher versammelt um sich die erste Folge von „House of Carters“ anzusehen. Sam betrachtete dies mit gemischten Gefühlen. Im Grunde wollte sie sich die Show gar nicht antun.
Zu viel Schmerz.
Zu viele Erinnerungen.
Zu viel Nick Carter.
Immer noch hatte sie sich nicht entschieden, wie sie auf seine Karte reagieren sollte. Einerseits hätte sie ihm gerne gesagt, wie sehr sie seine Worte berührt hatten und dass sie die Karte jeden Tag mindestens einmal las, andererseits wußte sie auch, dass das an ihrer momentanen Situation nichts änderte. Sie lebten in zwei verschiedenen Welten und es war einfach ein riesen großer Zufall gewesen, dass sich diese für eine gewisse Zeit gekreuzt hatten.
Dementsprechend war sie beinahe erleichtert, als es noch vor dem Start an der Haustür klingelte.
„Ich geh schon,“ rief sie, sprang viel zu hektisch auf und hastete dann durch den Flur auf die Haustür zu.
Als sie diese aufriß blieb sie einen Moment wie erstarrt stehen. Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht mit ihm.
„Hallo Samantha.“
„Greg? Hallo,“ gab sie total verstört zurück.
Hatte sie irgendeinen Termin verpaßt? War er gekommen um sie ein letztes Mal fertig zu machen, bevor sie nächste Woche das Treffen mit ihren Anwälten hatten? Wollte er sie umstimmen, einschüchtern, beeinflussen?
„W-Was machst du hier?“ würgte sie also hervor.
Über sein Gesicht huschte ein flüchtiges Lächeln bevor er antwortete. „Ich dachte, es wäre vielleicht gut, wenn wir uns vorab schon mal ein bißchen unterhalten. Immerhin geht es hier um Joshua und ich dachte ... ,“ er stockte und wirkte ein wenig verlegen.
Moment. Verlegen? Greg? Was war hier los?
„Hättest du Lust, mich auf einen Drink zu begleiten?“ fragte Greg, als sie immer noch stumm wie ein Fisch vor ihm stand.
Im Hintergrund hörte sie, wie die Titelmelodie von „House of Carters“ gespielt wurde und ohne darüber nachzudenken nickte sie.
„In Ordnung. Warte einen Moment.“
Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu und ging zurück ins Wohnzimmer. Die gesamte Familie starrte auf den Bildschirm, Phillippa kroch beinahe in den Apparat hinein, als Nick das erste Mal darin auftauchte, während Jane eher gelangweilt wirkte und Betty bereits die Augen zu fielen.
„Megan? Ist es in Ordnung, wenn ich jetzt gehe?“
„Jetzt?“ fragte Megan überrascht.
„Ja. Ich ... also ... Greg steht vor der Tür und ich dachte, es könnte nicht schaden ... na ja ... ,“ sie zuckte mit den Schultern, weil sie nicht erklären konnte, was sie selbst noch nicht so ganz verstand.
„Aber du kannst das doch unmöglich verpassen,“ beschwerte sich Phillippa, die dabei allerdings die Augen kaum zwei Sekunden vom Fernseher lösen konnte.
„Du nimmst es doch auf, oder?“ fragte Sam mit einem nachsichtigen Lächeln.
„Hm,“ nickte das Mädchen abwesend.
„Na, dann können wir es uns ja später noch einmal zusammen angucken.“
Phillippa rührte sich nicht, sondern starrte mit großen Augen Nick an, der gerade etwas verschlafen in die Küche der Carter Villa getapst kam und die Kühlschranktür öffnete.
Sam mußte sich förmlich dazu zwingen, ihren Blick von ihm abzuwenden, während ihre Knie weich und ihre Handflächen feucht wurden. Nur nicht zu genau hinsehen. Nicht an Nick denken. Nicht ...
„Klar, geh nur,“ unterbrach Megan ihre rasenden Gedanken. „Aber laß dich bloß nicht von ihm über den Tisch ziehen. Unterschreib nichts und mach keine Versprechungen, hörst du?“
„Ganz bestimmt nicht,“ entgegnete Sam und brachte ein angestrengtes Lächeln zustande.
„Trotzdem viel Spaß,“ bemerkte Joel, der einen Arm um seine Frau gelegt hatte und ihr jetzt eines seiner liebenswerten Lächeln schenkte.
„Danke. Gute Nacht und bis morgen.“
„Gute Nacht Sam,“ kam es gleich fünfstimmig von den Kindern.
Jane stellte sich auf die Couch und streckte ihr über die Lehne hinweg auffordernd ihr ihre dünnen Ärmchen entgegen.
„Gute Nacht mein Mäuschen,“ lächelte Sam, während sie die Kleine an sich drückte.
„Gute Nacht. Bis morgen,“ entgegnete Jane, drückte ihr einen schmatzenden Kuß auf die Wange und ließ sich dann wieder auf ihren Hosenboden plumpsen.
Sams Herz schlug laut und hektisch in ihrer Brust, während sie sich herum drehte und den kurzen Weg durch den Flur zur Haustür zurück legte. Ausgerechnet Greg! Sie konnte es immer noch nicht fassen.
Als sie die Haustür aufzog, saß er mit dem Rücken zu ihr auf den Treppenstufen, stand aber sofort auf, als er sie näher kommen hörte.
„Ich muß noch mal in meine Wohnung und mich umziehen,“ informierte sie ihn, während sie bereits auf den schmalen Weg hinaus trat.
„Klar. Kein Problem,“ entgegnete er und folgte ihr um das Haus herum und die Treppe zu ihrem neuen Domizil hinauf.
„Wie geht es Joshua?“ fragte Sam, während sie die Wohnung betrat, das Licht einschaltete und sich dabei des Umstands überdeutlich bewußt war, dass sie seit einer kleinen Ewigkeit das erste Mal wieder mit Greg alleine war.
„Es geht ihm einigermaßen. Er vermißt dich sehr,“ gab Greg zurück und Sam wurde mit jedem seiner Worte mißtrauischer. Warum war er so nett zu?
Sie schloß die Tür zu ihrem Schlafzimmer, zog eine Jeans und ein langärmliges Top aus dem Kleiderschrank, zog sich um und band sich die Haare im Nacken zusammen. Als ihre Hände wie selbstverständlich zu ihrem Make-Up zuckten, hielt sie sich allerdings zurück.
„Das ist kein Date und für Greg lohnt es sich schon drei Mal nicht,“ murmelte sie, warf noch einen letzten Blick in den Spiegel und trat dann wieder zurück in den Wohnraum.
„Schön hast du es hier,“ bemerkte Greg, während sein Blick durch die Wohnung schweifte.
„Danke,“ nickte Sam, nahm ihre Jacke und Handtasche und löschte dann demonstrativ das Licht.
Während sie hinter ihm die Treppe hinunter stieg und zu seinem Wagen lief, fragte sie sich immer noch, ob dies hier ein Traum war. Und wenn ja, ob es etwas gutes bedeutete oder sie gleich schweißgebadet und vor Angst zitternd aufwachen würde.

Kapitel 75