Kapitel 73
Erzähl mir, was passiert ist, bat Angel, nachdem sich Sam nach einer halben Ewigkeit wieder einigermaßen beruhigt hatte.
Das kann ich nicht Angel. Ich möchte ... können wir das nicht ... irgendwie ... verschieben? bat Sam. Sie fühlte sich einfach außer Stande hier und jetzt alles noch einmal zu durchleben und dabei an Nick und den verletzten und verzweifelten Ausdruck in seinen Augen zu denken.
Ihr habt endgültig Schluß gemacht? fragte Angel trotzdem noch einmal nach.
Ich weiß es nicht. Ja ... nein ... doch ... ich weiß es nicht. Im Moment ist einfach alles ein bißchen viel. Ich kann überhaupt nicht mehr klar denken und ... ,
Also hat er noch eine Chance?
Ich weiß es nicht Angel. Können wir das Thema jetzt bitte beenden?
Ihre Freundin schwieg einen Moment dann nickte sie. In Ordnung. Aber ... nur so fürs Protokoll ... er hat sich in den letzten Tagen für dich den Arsch aufgerissen und ist ... kaum wieder zu erkennen. Er liebt dich. Mit allem was er hat. Es dürfte schwer für dich werden, noch einmal so einen Mann zu finden.
Ich brauche keinen Mann. Zumindest im Moment nicht. Und Nick schon gar nicht. Er verwirt mich mehr, als dass er mir hilft. Immer wenn ich denke, wir kriegen das jetzt irgendwie in den Griff, kommt der nächste Hammer. So geht das einfach nicht.
Hey, unterbrach sie Aarons Stimme und Sam hätte beinahe wieder angefangen zu weinen, weil sie unwillkürlich Nick vor sich sah.
Selber Hey, brachte sie trotzdem heraus, erhob sich schwerfällig von der Bank und ließ sich von ihm in eine feste Umarmung ziehen.
Gott, du hast mir gefehlt, murmelte er nahe an ihrem Ohr.
Ihr mir auch, gestand Sam.
Nacheinander umarmte sie auch BJ und Leslie und blieb dann etwas unsicher in deren Mitte stehen.
Seid ihr sehr böse auf uns? Ich meine ... das mit der Scheinbeziehung und so ... ich weiß nicht ... ,
Ich hätte dich umbringen können, gestand BJ sofort. Echt, das hättet ihr uns doch sagen können.
Klar und keine fünf Minuten später hätte es die ganze Welt gewußt, schnaubte Leslie.
Ist doch gar nicht wahr. Ich kann durchaus ... ,
Bitte, sagte Sam leise und hob die Hände. Keine Streitereien jetzt, sonst lasse ich euch hier einfach stehen.
Schon okay, nickte Aaron und legte ihr einen Arm um die Schulter.
Ist ... alles ... in Ordnung zwischen uns? fragte ihn Sam vorsichtig.
Ich denke schon, lächelte Aaron.
Gott sei Dank, seufzte sie.
Aber Nick scheint ordentlich sein Fett weg gekriegt zu haben, was? stellte BJ fest.
Ja und nein. Ich weiß nicht ... im Moment ... ist alles etwas schwierig.
Gott, ich hätte diesen Wichser von Anwalt umbringen können, schnaubte Leslie.
Ich hoffe, sie meinen damit nicht mich, mischte sich plötzlich eine weitere Stimme ein und als Sam aufsah, stand William Grave neben ihnen.
Nein, natürlich nicht, beeilte sich Sam zu sagen.
Diese Sache mit Mr. Carters Videoband hat uns wirklich der Himmel geschickt. Wo ist er? Ich würde ihm gerne die Hand schütteln.
Sam senkte den Blick und schloß die Augen. Warum war Nick zwar gegangen, aber trotzdem noch allgegenwärtig?
Er ist zurück ins Hotel, sprang Aaron für sie ein. Es ging im nicht so gut. Der Flug war ziemlich heftig.
Hm, machte Grave und sein Blick ruhte dabei unergründlich auf Sam. Sie haben ihm also nicht verziehen?
Nein. Und können wir jetzt bitte das Thema wechseln? fuhr sie auf.
Die Umstehenden zuckten kollektiv zusammen, verkniffen sich allerdings jeden Kommentar.
In diesem Moment ging die Tür zum Gerichtssaal auf und Joshua kam heraus spaziert. Er wirkte zufrieden und hatte ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Sein Blick huschte den Gang hinunter und hinauf und heftete sich dann auf seinen Mutter. Schnell kam er zu ihr gerannt, drückte sich zwischen den vielen, fremden Mensch durch und streckte ihr dann auffordernd die Arme entgegen.
Hey mein Held, begrüßte sie ihn, nahm ihn auf den Arm und drückte ihm einen Kuß auf die Wange. Und? War der Mann nett zu dir.
Hm, nickte Joshua, während er sich suchend umsah.
Was hat er denn gesagt? Oder darfst du darüber nicht sprechen?
Er hat mich gefragt, wo ich wohnen möchte ..., entgegnete er abwesend. Mom, wo ist Nick?
Und schon wieder dieser Name! Es war zum Verzweifeln.
Tut mir leid mein Schatz. Er mußte dringend weg. Aber ich soll dir viele liebe Grüße sagen.
Oh, gab Joshua enttäuscht zurück und schob die Unterlippe vor.
Aber ich könnte dir seine Geschwister vorstellen, was meinst du? fragte Sam lächelnd.
Joshuas aufmerksamer Blick heftete sich sofort auf Aaron.
Hi, ich bin Aaron, sagte dieser und streckte ihm die Hand entgegen.
Mom, flüsterte Joshua nahe an ihrem Ohr, während er seine Hand vor Aaron in Sicherheit brachte.
Ja?
Der sieht ein bißchen aus wie Nick, findest du nicht?
Sam verkniff sich nur mit Mühe ein breites Grinsen. Das wird daher kommen, dass sie Brüder sind Josh.
Aha.
Und das sind seine Schwestern BJ, Leslie und Angel, stellte Sam die anderen drei vor.
Sie begrüßten ihn mit einem freundlichen Hallo und einem breiten Lächeln.
Die sehen aber gar nicht aus wie Nick, kommentierte Joshua und um ihn herum breitete sich Gekicher aus.
Joshua? Greg war an die Gruppe heran getreten und blieb nun abwartend etwas außerhalb des Kreises stehen.
Hallo Dad, lächelte Joshua und streckte ihm die Arme entgegen.
Sam fiel es unglaublich schwer, aber sie entließ Joshua in Gregs Obhut und sah dann dabei zu, wie er langsam mit ihm den Gang zu seinen Eltern und Viola hinunter schritt.
Das zeugt von echter Größe, murmelte Aaron neben ihr.
Was meinst du? fragte Sam irritiert.
Dass du ihn wirklich gehen läßt. Meine Mom hat immer einen Aufstand gemacht wenn ich Dad besuchen wollte und umgekehrt. Nicht zum aushalten, echt.
Ich weiß was du meinst, nickte Sam und legte ihm einen Arm um die Schulter. Genau deshalb versuche ich ... na ja ... diesen Fehler nicht zu machen, auch wenn es schwer fällt.
Sie machen das schon ganz richtig, lächelte Grave.
Das hoffe ich, gab Sam zurück.
Wie lange müssen wir denn jetzt hier noch warten? fragte BJ, die nervös von einem Bein auf das andere trippelte.
Das ist schwer zu sagen, gab Grave zurück. Der Richter hat sich jetzt mit seinem Berater zurückgezogen und wird sich über ein Urteil Gedanken machen. Je nach dem, wie schnell er sich darüber im Klaren ist, wird es weiter gehen.
Gott, das macht mich total irre. Ich will endlich wissen, was Sache ist.
Glaub mir, ich weiß ganz genau was du meinst, lächelte Sam gequält, die über die Aussprache mit Nick und seinen schnellen Abgang beinahe vergessen hatte, warum sie hier war. Doch jetzt stürmte die Erkenntnis, dass sich heute entscheiden würde, ob sie Joshua in nächster Zeit überhaupt noch zu Gesicht bekommen würde, mit voller Wucht wieder auf sie ein und sie fühlte, wie ihre Knie weich wurden.
Wird schon schief gehen, hörte sie Aaron sagen.
Ich fand nicht, dass der Richter sonderlich beeindruckt von Nicks Video war, gab Leslie zu bedenken.
Ach, der hat doch keine Ahnung, winkte Angel ab.
Ich glaube, das ist so ein Männer Ding, warf Aaron ein.
Männerding? kam es gleich aus vier Kehlen zurück.
Hey, ihr solltet damit auftreten, kicherte Aaron auch sofort.
Im Ernst Aaron, was meinst du damit? hakte Angel ungeduldig nach.
Na, das war Liebe, Herzschmerz und Schmalz. Ich meine ... klar, dass ihr Weiber bei so was ganz schwach werdet und einige Tränen vergießt, aber das da drin ist ein waschechter 120 Kilo Mann. Der muß doch so tun, als gehe ihm das Ganze auf den Sack, nur um hinterher in seinem Kämmerlein zu hocken und sich verstohlen ein Tränchen aus dem Auge zu wischen, weil er den Part mit Nick und Sam so ergreifend fand.
Er wird nach Hause zu seiner Frau fahren, ihr Blumen mitbringen und wenn er viel Glück hat, läßt sie ihn heute Nacht mal wieder so richtig ran.
AARON! kam es aufgebracht von den Mädchen, an das sich nahtlos ihr haltloses Kichern anschloß.
Inhaltlich korrekt, grinste Grabe aber in der Wortwahl hapert es noch ein bißchen.
Ich lerne noch, grinste Aaron zurück.
Wie auch immer. Ohne das Band hätten wir überhaupt keine Chance gehabt, gestand Grave. Zumindest nicht nach Coles Auftritt. Samantha, erinnern sie mich bitte daran, dass ich ihnen noch den Hintern versohle, wenn das hier alles vorbei ist.
Es tut mir wirklich leid. Ich habe einfach nicht so weit gedacht. Mal abgesehen davon, dass das mit dieser Schnapsidee schon lange gegessen war. Ich meine ... , sie schluckte und schüttelte den Kopf.
Die Tür zum Gerichtssaal, die von einem Gerichtsdiener geöffnet wurde, rettete sie vor einer weiteren Erklärung.
Kommen sie bitte wieder rein, forderte der Beamte sie auf und augenblicklich verwandelte sich Sams Magen in eine zähe, schleimige Masse.
Keine Panik, wir sind die ganze Zeit bei dir, raunte ihr Aaron zu, während sie hinter Greg, der immer noch Joshua auf dem Arm hatte, Viola und ihren ehemaligen Schwiegereltern in den Raum hinein trat.
Danke, nickte Sam, auch wenn sie das in keinster Weise beruhigte.
Mit lautem Gemurmel und Stühlerücken ließen sie sich alle auf ihre Plätze nieder und während Sam sich noch fragte, was es wohl für einen Eindruck machte, wenn Josh bei der Urteilsverkündung auf dem Schoß seines Vaters saß, machte dieser sich bereits los und kam zu ihr hinüber gelaufen.
Ich mag bei dir sitzen, informierte er sie und kletterte dann ohne Umschweife auf ihren Schoß.
Mit dem beruhigenden Gefühl von Joshuas schmalem Rücken an ihrer Brust und der Nase in seinem Haar wartete sie dann auf die Ankunft von Richter Beckett.
Er betrat fünf Minuten später den Gerichtssaal und nachdem sich alle wieder gesetzt hatten faltete er die Hände auf der Tischplatte, lehnte sich auf seinen Richtertisch und musterte die Anwesenden noch einmal ausgiebig.
Bevor ich mit Joshua gesprochen hatte, setzte er an war ich mir nicht ganz sicher, wie ich in diesem Fall Recht sprechen und dabei beiden Parteien gerecht werden sollte. Wie viel Gewicht sollte ich den Bändern beimessen? Wie wichtig ist das Arbeitsverhältnis der beiden Parteien? Wie sieht das soziale Umfeld aus?
Für mich steht mittlerweile außer Frage, dass beide Elternteile gut für ihren Sohn sorgen können.
Für mich? rief Joshua vorwitzig.
Pst Josh, raunte Sam. Hör ihm zu.
Ganz genau, für dich Joshua, lächelte der Richter und wirkte dabei das erste Mal nett und freundlich auf Sam.
Nachdem ich nun mit Joshua gesprochen habe, haben sich ein paar Teile dieses Puzzles zusammengefügt und somit ist mir das Urteil wesentlich leichter gefallen.
Der gesamte Raum schien den Atem anzuhalten, Sams Herz hämmerte wie verrückt in ihrem Brustkorb und sie drückte Josh noch ein Stück näher an sich.
Es sieht also folgendermaßen aus ... der Antrag von Mr. Williams auf alleiniges Sorgerecht wird hiermit abgelehnt.
Nein! hörte man Viola ausrufen.
Schh, sei still, raunte Greg und legte ihr eine Hand auf den Arm, während er sich wieder dem Richter zuwandte.
Nachdem Miss Fields nun ebenfalls ihren Wohnsitz nach Washington verlegt hat sehe ich keinen Grund, warum Joshua nur bei einem Elternteil leben sollte, fuhr der Richter ungerührt fort. Ich stelle ihnen frei, ob sie sich gemeinsam mit ihren Anwälten auf eine vernünftige Regelung einigen können, oder ob ich eine Verfügung ausstellen muß.
Ich gebe ihnen sechs Wochen, um alles nötige in die Wege zu leiten. Dann sehen wir uns hier wieder und dann möchte ich einen brauchbaren Vorschlag hören. Bis dahin und unter Berücksichtigung, dass Miss Fields noch ihren Umzug und ihre neue Arbeitsstelle zu organisieren hat, verbleibt Joshua erst einmal in der Obhut seines Vaters.
Ich wünsche ihnen ein schönes Wochenende.
Und mit diesen Worten erhob sich der Richter und mit ihm alle Anwesenden, während Sams Herz vor Leichtigkeit unter der Decke zu schweben schien. Gemeinsames Sorgerecht! Sie konnte Joshua immer sehen, wenn sie wollte. Er würde sogar bei ihr leben können. Und er würde sich nicht zwischen ihr und Greg entscheiden müssen.
Ihr Blick huschte hinüber zu ihrem Exmann. Viola redete unaufhörlich auf ihn ein, zog und zupfte an seinem Arm um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch Greg schien nur Augen für Sam zu haben.
Und Samantha? Was sagen sie? fragte Grave mit einem breiten Lächeln.
Das ist der Hit! grinste sie breit.
Im gleichen Moment wurde sie von drei überschwenglichen Carter Schwestern beinahe erdrückt und am liebsten hätte sie sich mehrmals kneifen lassen um sicher zu gehen, dass dies wirklich die Realität war.