Kapitel 72
Sams Lippen brannten von Nicks überraschendem Kuß, ihre Augen und ihre Kehle schmerzten von dem Bemühen, ihre Tränenflut irgendwie einzudämmen und in ihrem Kopf herrschte absolutes Chaos. Sie fühlte sich wie durch den Fleischwolf gedreht und ihre Gefühle wußten inzwischen gar nicht mehr, in welche Richtung sie sich bewegen sollten.
Am Rande bekam sie mit, dass William Grave in eine Diskussion mit Richter Beckett und Edward Cole verstrickt war, doch die Worte drangen nicht mehr bis zu ihr durch. Wahrscheinlich war ihre Kapazität, was das betraf, für heute einfach überschritten.
Bilder rasten mit unglaublicher Geschwindigkeit durch ihren Kopf: Auf der einen Seite die grausame, verzerrte Wahrheit von Cole, auf der anderen die liebevollen Bilder von Nick. Hilflos versuchte sie heraus zu finden, wer sie nun eigentlich wirklich war. Hatte Cole recht? Nick? Oder lag die Wahrheit irgendwo dazwischen? Sie wußte es nicht. Sie wußte eigentlich gar nichts mehr. Als hätte sich ein Loch unter ihren Füßen aufgetan und hätte sie mit Haut und Haaren verschlungen.
Ich denke, wir sollten das Ganze hier nun zum Abschluß bringen, hörte sie Richter Beckett plötzlich sagen und irgendwie schaffte sie es, alles andere aus ihrem Kopf zu verdrängen und sich nur auf ihn zu konzentrieren.
Ich habe heute sehr viel gesehen und gehört und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der kleine Joshua dazwischen komplett untergegangen ist. Ich verstehe die Beweggründe, die hinter den Filmen stecken und ich gebe ebenfalls zu, dass ich tatsächlich überrascht bin, wie unterschiedlich Miss Fields jeweils dargestellt wurde.
Wie immer liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen und ich bin mir noch nicht im Klaren, wie ich das alles in meine Beurteilung mit aufnehmen werde.
Was mir im Moment aber am wichtigsten ist, und schließlich sind wir deshalb alle hier, ist das Wohlergehen des kleinen Joshua. Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit ihn kennen zu lernen und das möchte ich nun nachholen.
In Sam krampfte sich alles zusammen. Dieser riesige, etwas grobe Mann wollte sich mit ihrem Sohn unterhalten? Sie selbst bekam ja schon Herzklopfen vor seiner Autorität, wie würde es dann Joshua erst ergehen?
Ich möchte sie deshalb bitten, den Gerichtssaal nun zu verlassen, damit ich mich in Ruhe mit dem Kleinen unterhalten kann.
Sam wollte aufbegehren, wollte dem Richter sagen, dass sie lieber bei ihrem Sohn bleiben wollte, damit er keine Angst hatte, doch auch ihr war klar, dass sie damit höchstwahrscheinlich nur den Unmut des Richters auf sich gezogen hätte. Also erhob sie sich wie alle anderen Anwesenden und streckte vorsichtig ihre schmerzenden Glieder. Sie fühlte sich, als hätte sie sich jahrelang nicht bewegt, sämtliche Muskeln waren verspannt und ihre Gelenke knackten hörbar.
Du bist eine alte Frau, murmelte sie, schüttelte dann den Kopf und wandte sich um.
Unvermittelt sah sie sich Nick gegenüber. Er ragte beinahe riesig vor ihr auf und sie widerstand nur mit Mühe dem Drang, sich an seine breite Brust zu werfen und bei ihm Schutz zu suchen.
Ich möchte gerne mit dir reden, sagte er, während sich seine Geschwister zusammen mit Grave bereits durch den kurzen Gang dem Ausgang des Gerichtssaals näherten.
Nicht hier, gab Sam knapp zurück, schob sich an ihm vorbei und folgte den anderen hinaus in den Flur.
Ein Gerichtsdiener trat gerade auf Joshua zu, ging vor ihm in die Hocke und redete auf ihn ein. Ihr kleiner Sohn schaute ihm mit ernster Miene in die Augen, während er die Hand seiner Großmutter festhielt.
Vorsichtig schob sich Sam an die kleine Gruppe heran und noch bevor sie sie tatsächlich erreichte, hatte Joshua sie entdeckt.
Momy, rief er, riß sich von seiner Großmutter los und kam auf sie zugestürzt. Der Mann da will mich mitnehmen, erklärte er, während er auf den Gerichtsdiener deutete, der sich mittlerweile wieder erhoben hatte.
Ich weiß, nickt Same lächelnd, während sie ebenfalls vor ihm in die Hocke ging. Hör zu. Erinnerst du dich, dass dir Dad von diesem wichtigen Mann erzählt hat, der darüber entscheidet, wo du in Zukunft wohnen sollst?
Joshua nickte ernst.
Nun, genau der möchte sich jetzt gerne mit dir unterhalten. Deshalb will der Mann hier dich mitnehmen. Hab keine Angst, dir wird nichts passieren, das verspreche ich dir. Ich warte hier auf dich.
Aber wenn ich dann was Falsches sage? fragte ihr Sohn ängstlich.
Du kannst gar nichts Falsches sagen Joshua. Antworte einfach ganz ehrlich auf seine Fragen. So wie du denkst, dass es für dich richtig ist, dann wird alles gut werden. Da bin ich mir sicher.
Wirklich?
Wirklich, nickte Sam.
Ist Nick dann auch noch da? fragte Joshua weiter und hob den Kopf.
Klar bin ich dann noch da, hörte sie Nick hinter sich sagen und sie zuckte unmerklich zusammen. Er sollte sich hier nicht einmischen, verdammt noch mal. Das war ihre Familie und er hatte darin nichts mehr zu suchen.
Doch scheinbar sah Joshua dies ein bißchen anders.
Na gut, sagte er schulterzuckend, drehte sich zu dem Gerichtsdiener herum und ging zu ihm hinüber.
Alles klar Kumpel? fragte Greg und strich seinem Sohn über das Haar.
Ja. Mom sagt, ich muß einfach nur die Wahrheit sagen und dann wird alles gut.
Ich denke, da hat sie recht, gab Greg zurück und warf einen langen Blick zu Sam hinüber, die sofort begann sich unwohl zu fühlen.
Wollen wir? machte der Beamte schließlich wieder auf sich aufmerksam.
Hm, nickte Joshua und ergriff vertrauensvoll dessen Hand.
Sam legte unbewußt beide Hände auf ihr Herz, als sie ihrem kleinen Sohn nachsah, wie er an der Hand dieses unbekannten Mannes im Gerichtssaal verschwand und sich die Tür gleich darauf hinter ihnen schloß.
Er packt das schon, hörte sie Nick hinter sich sagen. Er ist stärker als du denkst. Außerdem ist er der Sohn seiner Mutter.
Was auch immer das heißen mag, gab Sam kalt zurück und drehte sich langsam zu ihm herum.
Sie versuchte sich gegen seinen Anblick zu wappnen. Sie wollte wütend auf ihn sein und sie rief sich deshalb noch einmal die letzten Minuten in der Carter Villa ins Gedächtnis: Die Angst, die sie um ihn ausgestanden hatte als sie bemerkte, dass er nicht in seinem Bett lag und die Verzweiflung, als sie erkennen mußte, dass er die Nacht bei einer anderen Frau verbracht hatte.
Nein, das konnte er nicht wieder gut machen.
Trotzdem schlug ihr Herz heftig in ihrer Brust, als sie in seine blauen Augen aufsah und die Sehnsucht war wieder da, die sie dazu drängte, sich in seine Arme zu werfen und ihm alles zu vergeben.
Laß uns da rüber gehen, schlug Nick vor und deutete auf eine Bank, die ein Stück abseits stand.
Sam nickte und folgte ihm langsam den Gang hinunter. Vorsichtig ließ sie sich neben Nick nieder, rutschte dabei aber so weit an das andere Ende wie sie nur konnte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, Sam den Blick auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet und Nick, der seine Augen nicht von ihr lassen konnte.
Ich ... wollte dir so viel sagen aber ... jetzt hab ich irgendwie alles vergessen, gestand er leise.
Wie wäre es für den Anfang damit, dass du mich betrogen hast, Mistkerl? fuhr sie ihn an und hob nun doch den Blick. Sie fühlte eine unbändige Wut in ihren Adern pulsieren und wußte gleichzeitig, dass ein Teil davon nichts mit Nick und seinem Verrat zu tun hatte. Das alles heute war einfach zu viel für sie gewesen und sie war nicht mehr in der Lage ihre Empfindungen zu kontrollieren.
Nick seufzte und senkte den Blick. Ich weiß, dass du mir das nicht glauben wirst, aber ich habe dich nicht betrogen. Es ist richtig ... ich habe die Nacht in einem anderen Bett verbracht und ich schwöre dir, wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich das sofort tun, er sah wieder zu ihr auf, doch sie schwieg. Sie wollte erst alles hören. Aber das geht leider nicht, fuhr Nick also fort. Ich hatte nichts mit ihr. Ehrlich, das schwöre ich beim Leben meiner Geschwister. Ich habe immer nur an dich gedacht. Ich war betrunken und ich wollte nach Hause zu dir und sie hat mir eine Mitfahrgelegenheit in ihrem Taxi angeboten und irgendwie ... ja, ich fühlte mich wohl geschmeichelt und ja, ich habe sicherlich kurz darüber nachgedacht, wie einfach es doch immer noch ist irgendwelche Frauen aufzureißen aber ... aber ... , er schüttelte den Kopf und tastete nach Sams Hand, die sie aber schnell außerhalb seiner Reichweite zog.
Sam. Bitte. Seit fünf Tagen laufe ich Amok, weil ich dich wie wahnsinnig vermisse und weil ich nicht mit dir reden kann. Ich ... bin wirklich am Ende und alles was ich möchte ist, dass du mir eine zweite Chance gibst.
Wie viele Chancen denn noch Nick? Wie oft haben wir uns gestritten? Wie oft hast du mir weh getan? Wie soll ich dich denn in Zukunft irgendwo alleine hinlassen können, wenn ich mir dabei jedes Mal denke, dass du vielleicht wieder nicht nach Hause kommst?
Ich weiß das alles Sam, er schüttelte erneut den Kopf und fuhr sich dann erschöpft mit den Händen über das Gesicht. Was ich nicht weiß ist, ob du mich noch liebst und wie ... ich dir begreiflich machen soll, dass du alles für mich bist. Ich ... kann nicht ... , er stockte und Sam sah, wie er mühsam schluckte und ohne dass sie es gewollt hätte, keimte Mitleid in ihr auf. Und noch etwas anderes, viel stärkeres, das sie aber versuchte, so gut es ging zu ignorieren. Sie durfte nicht nachgeben. Nicht diesmal.
Nick, natürlich liebe ich dich noch. Sein Kopf ruckte in die Höhe und so etwas wie Hoffnung blitzte in seine Augen auf. Aber das ändert nichts daran, dass du ohne mit der Wimper zu zucken mein Herz in tausend Teile gebrochen hast.
Versetz dich doch einmal in meine Lage. Stell dir vor, ich wäre nach so einem Abend nicht nach Hause gekommen und du wüßtest ganz genau, dass ich sie bei einem anderen Mann in seinem Bett verbracht hätte. Was würdest du tun?
Ich würde ihn umbringen, entgegnete Nick wie aus der Pistole geschossen, was Sam ein flüchtiges Lächeln entlockte.
Siehst du. Da sind wir wohl etwas verschieden. Sie kann nicht wirklich etwas dafür. Aber du, du hättest nein sagen können, hast es aber nicht getan. Deshalb möchte ich dich umbringen.
Wenn es dir dann besser geht, tus einfach, stieß Nick hervor. Aber bitte ... laß das hier nicht so enden. Alleine der Gedanke daran, dass ich dich ... verlieren könnte ... , er schluckte erneut. Ich kann das nicht Sam. Ich kann nicht ohne dich leben.
Sam seufzte abgrundtief und senkte den Blick hinunter auf ihre Hände. Es wäre so einfach. Sie müßte einfach sagen okay, ich verzeihe dir, sich von ihm endlich in den Arm nehmen lassen und dann wäre zumindest ein Teil ihres verkorksten Lebens, ein recht großer Teil wie ihr in diesem Moment schmerzhaft bewußt wurde, wieder in Ordnung.
Doch so leicht war es eben nicht. Sie war im Moment nicht in der Lage zu verzeihen und das konnte sie weder steuern noch bewußt herbei führen.
Meine Zukunft liegt hier in Washington Nick, sagte sie also und sah wieder zu ihm hinüber. Ich habe einen Job und eine Wohnung und wenn ich Glück habe, kann Joshua wenigstens ab und zu bei mir sein.
Falls dem so sein sollte weiß ich, dass ich das nur dir zu verdanken habe. Die Sache mit dem Film war wirklich ... unglaublich und ... wundervoll von dir. Aber ich kann nicht mit dir zurück gehen. Verstehst du das?
Sie sah, wie er die Zähne aufeinander biß und Tränen in seinen Augenwinkeln glitzerten. Er würde nicht weinen, das war ihr klar. Einfach weil er sich dies niemals gestatten würde. Dazu hatte er sich in diesem Punkt zu sehr unter Kontrolle. Aber alleine der Umstand, dass er nahe dran war, schickte ihr eine prickelnde Gänsehaut über den gesamten Körper.
Aber ich kann auch nicht aus L.A. weg, sagte er hilflos. Da ist die Serie und das Album und ... das alles.
Ich weiß, nickte Sam.
Und jetzt?
Es gibt kein jetzt Nick. Das versuche ich dir die ganze Zeit zu erklären. Sieh uns doch an. Wir haben beide im Moment so viele Probleme und so viele Entscheidungen für unsere Zukunft zu treffen, dass es absolut verrückt wäre, wenn wir jetzt auch noch versuchen würden, unsere mehr als verkorkste Beziehung irgendwie wieder auf die Reihe zu bekommen. Ich habe dafür im Moment einfach nicht die Kraft. Ich muß mich auf meine Zukunft und auf Josh konzentrieren.
Und ich werde einfach ausgemustert, gab er bitter zurück. Weißt du, ich denke die ganze Zeit, was wohl passiert wäre, wenn ich an diesem Abend nicht in den Club gegangen wäre. Würden wir dann jetzt das gleiche Gespräch führen? Du mit deinem Plädoyer für deine Unabhängigkeit und ich der Trottel, der dachte, wir wären eine Einheit?
Sam fühlte, wie Wut in ihr hochkochte, ballte die Hände zu Fäusten und funkelte Nick böse an. Wenn du nicht in diesen Club gegangen wärst, hätte ich nicht ausziehen und mutterseelenallein nach Washington fliegen müssen. Ich hätte immer noch keinen Job und keine Wohnung und der Richter hätte vielleicht niemals deine Bilder zu Gesicht bekommen.
Aber wir wären glücklich.
Du wärst vielleicht glücklich Nick. Ich hingegen wäre immer noch die arme, kleine Sam, die um ihren Sohn trauert und sich nach ein bißchen Eigenständigkeit sehnt.
Es geht hier gar nicht darum, dass ich eine Nacht in einem fremden Bett verbracht habe, oder? fragte Nick aufgebracht.
Sam mußte tatsächlich einen Moment darüber nachdenken. Warum ging es hier wirklich? Eine gute Frage.
Ich weiß es nicht so genau Nick. Ich weiß nur, dass sich in mir alleine beim Gedanke daran, wie sie in deinen Armen liegt, alles zusammen zieht. Ich habe endlich, nach ... Jahren ... wieder jemandem ... einem Mann ... vertraut, verstehst du. Ich habe dich so nahe an mich heran kommen lassen, wie es mir möglich war und jetzt ... jetzt bist du wieder so weit von mir entfernt, dass ich dich kaum noch sehen kann.
Aber ich bin doch hier, begehrte er auf, faßte erneut nach ihren Händen und sie hatte nicht mehr die Kraft, ihm diese zu entziehen.
Ich weiß, lächelte Sam aber das reicht mir nicht.
Vorsichtig hob sie die Hand und legte sie an seine Wange. Sofort schob er seine Hand darüber, schloß die Augen und lehnte seinen Kopf in ihre Handfläche.
Ich liebe dich, flüsterte er. Ganz ehrlich. Ich verspreche dir, ich werde nie wieder so etwas bescheuertes tun und ich werde immer für dich und Josh da sein.
Langsam öffnete er die Augen und sein flehender Blick bohrte sich ihr mitten ins Herz.
Das weiß ich doch Nick. Aber es geht trotzdem nicht.
Aber du liebst mich doch auch, setzte er noch einmal nach.
Ja, nickte Sam.
Warum kannst du dann nicht mit mir zusammen sein?
Weil ich dir nicht vertraue. Weil ich hier bleiben muß. Weil ... Gott Nick, es gibt Millionen von Gründen.
Sein Blick ruhte lange auf ihr und sie konnte förmlich dabei zu sehen, wie er innerlich eine undurchdringliche Backsteinmauer aufzustapeln begann. Sie wollte etwas sagen, doch er kam ihr zu vor.
Sag Joshua liebe Grüße. Machs gut, und mit diesen Worten stand er ruckartig auf, fuhr herum, stürmte den Gang hinunter und verschwand gleich darauf aus Sams Blickfeld.
Ihr Herz zersprang klirrend in tausend Teile, ihr gesamter Körper drängte sie auf zu stehen und ihm hinterher zu rennen, doch ihr Verstand zwang sie zur Bewegungsunfähigkeit.
Und die ganze Zeit jagte immer wieder ein einziger Gedanke durch ihren Kopf Du liebst ihn doch. Es hätte noch eine andere Möglichkeit geben müssen. Du liebst ihn doch. Es hätte noch eine andere Möglichkeit geben müssen.
Als sich schließlich Angel zu ihr auf die Bank setzte und sie schweigend ansah, brach schließlich endgültig alles in ihr zusammen. Schluchzend warf sie sich in ihre ausgebreiteten Arme und konnte sich dabei nicht vorstellen, wie sie jemals wieder mit dem Weinen aufhören sollte.