Kapitel 71
Nick konnte kaum glauben, dass er Coles Vortrag überstanden hatte, ohne auf ihn loszugehen, sich brüllend Gehör zu verschaffen oder in irgendeiner anderen Form an die Decke zu gehen. Er war wahrscheinlich der einzige, der außer der Gegenpartei noch gewußt hatte, was da auf Sam zukam, immerhin hatte er sich selbst tagelang die Bänder angesehen, doch auch das hatte ihn nicht auf dieses überwältigende Gefühl des Zorns vorbereiten können.
Das ganze Material an einem Stück und in dieser bestechenden und chronologisch richtigen Reihenfolge vorgesetzt zu bekommen, war beinahe mehr gewesen, als er ertragen konnte. Noch dazu schien Greg keine Kosten und Mühen gescheut zu haben, denn das Material war ganz offensichtlich von Profis bearbeitet worden. Das Herausfiltern ihrer Stimmen, das genaue Aufteilen in Ton- und Filmspuren und nicht zu letzt die exakte Schnittarbeit waren dafür Beweis genug.
Doch er hatte sich immer wieder zur Ordnung gemahnt. Er durfte hier nicht ausflippen. Er mußte ruhig und beherrscht auftreten, wenn Sam überhaupt noch eine Chance haben sollte.
Trotzdem hatte es ihm beinahe das Herz zerrissen, als er Sams Reaktionen auf die Bilder gesehen hatte. Stück für Stück war ihre Vergangenheit demontiert worden, hatte man sie als berechnendes Biest hingestellt und nicht zu letzt hatte sie auf diesem Wege auch einige schmerzliche Wahrheiten über ihn, die Serie und die Abläufe im Hintergrund erfahren, die Nick ihr lieber erspart hätte.
Mit dem Foto von der Frau im roten Kleid schließlich, hatte selbst er nicht gerechnet und er konnte förmlich Sams Gedanken rasen hören, während dieser Wiederling von Anwalt ihr die Wahrheit förmlich ins Gesicht streckte. Hatte er sie damals schon betrogen? War das seine Masche? Hatte er sie die ganze Zeit nur benutzt?
Er hatte versucht es ihr zu erklären. Nun ja ... er hatte irgend etwas gestammelt und gehofft, dass sie sich daran erinnern würde, was in dieser Nacht tatsächlich passiert war und dass sie vielleicht eins und eins zusammen zählte. Aber an ihrer ausbleibenden Reaktion konnte er ablesen, dass sie ihm nichts mehr glaubte.
Und so wandte er sich nun BJ zu und streckte die Hand nach ihr aus. Sie verstand sofort, kramte in ihrer riesigen Umhängetasche und zog das Videoband hervor, das er nächtelang und in mühsamer Kleinarbeit mit seinem Cutter zusammengeschnitten hatte. Denn was Greg konnte, konnte er schon lange. Er betete nun nur noch, dass er auch Gelegenheit bekommen würde, das Band vorzuführen.
Euer Ehren, machte er also auf sich aufmerksam, erhob sich von seinem Platz und strich sein Jackett glatt.
Mr. Carter. Ich glaube kaum, dass ich noch hören möchte, was sie zu sagen haben, entgegnete der Richter grimmig.
Das kann ich sogar verstehen, nickte Nick.
Vor ihm fuhr Sam auf ihrem Sitz herum und ihr blasses Gesicht mit den dunklen Ringen um ihre Augen schnitt ihm mitten ins Herz. Also fuhr er schnell fort, bevor er noch den Faden verlor.
Ich gebe nur zu bedenken, dass es von jeder Geschichte zwei Seiten gibt. Mr. Cole hatte die Gelegenheit, die von Mr. Williams vorzuführen und ich bitte sie lediglich darum, mir das gleiche Recht für Miss Fields einzuräumen.
Noch mehr Filmmaterial? fragte Beckett mit hochgezogenen Augenbrauen.
Ja, nickte Nick.
Und was, meinen sie, bekommen wir darauf zu sehen?
Nick konnte sich nicht entscheiden, ob der Richter diese Frage ironisch meinte, oder tatsächlich Interesse zeigte, also redete er schnell weiter.
Ich möchte ihnen die anderen Seiten unseres Zusammenlebens zeigen. Miss Fields ist eine gute Mutter, verantwortungsbewußt, aufrichtig und verläßlich. Zudem hat sie uns allen wirklich unglaublich dabei geholfen uns zusammen zu raufen und ein Miteinander zu entwickeln. Sie ist nicht diese berechnende Frau, wie Mr. Cole sie versucht hat darzustellen.
Hm ... , der Richter musterte ihn mit stechendem Blick und schien über seine Worte nachzudenken. Nicks Herz hämmerte in seiner Brust und er fühlte sich so nervös wie sonst nur vor einer großen Show. Ach was ... das hier reichte noch nicht einmal ansatzweise daran heran.
Also gut, entschied Beckett schließlich. Treten sie erst einmal vor, dann sehen wir weiter.
Vielen Dank euer Ehren, stieß Nick hervor und schob sich augenblicklich zwischen seinen Geschwistern und dem Tisch der Verteidigung hindurch.
Ich hoffe sie wissen was sie da tun Junge, zischte Sams Anwalt im Vorbeigehen und Nick konnte ihm lediglich ein, wie er hoffte, vertrauenerweckendes Lächeln schenken.
Mit weichen Knien trat er an den Fernseher heran, schaltete diesen und den Videorekorder ein und sah dann mit klopfendem Herzen dabei zu, wie die Kassette eingezogen und gleich darauf von dem Gerät geschluckt wurde. Seine Hände zitternden so sehr, dass er beinahe die Fernbedienung fallen ließ, doch im letzten Moment bekam er sie noch zu fassen und drehte sich dann wieder zu den Anwesenden herum.
Greg und Viola tuschelte aufgeregt mit ihrem Anwalt, seine Geschwister hatten sich allesamt auf ihren Stühlen nach vorne gebeugt und sahen mehr als gespannt zu ihm herüber, Sams Anwalt sah so aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen und Sam selbst wirkte so kalt und abwesend, dass ihm ganz mulmig wurde.
Mr. Carter, bevor wir anfangen habe ich noch einige Fragen an sie, meldete sich der Richter erneut zu Wort.
Sicher, entgegnete Nick, auch wenn ihm augenblicklich furchtbar übel wurde.
Die Bilder, die uns Mr. Cole gezeigt hat, waren in meinen Augen mehr als eindeutig. Es würde mich interessieren, was sie dazu zu sagen haben.
Nicks Augen schossen zu Sam hinüber, die die Hände auf dem Tisch gefaltet hatte und mit versteinerter Miene zu ihm hinüber starrte.
Mr. Cole hat recht, gab Nick unumwunden zu, was ein allgemeines Raunen durch den Raum schickte. Sam und ich haben am Anfang tatsächlich versucht, so eine Art Scheinbeziehung zu führen. Aber sie meldete von Anfang an Bedenken an. Um ehrlich zu sein, war das Ganze meine Idee und ich habe sie dazu überredet mitzuspielen. Sie müssen verstehen ... sie liebt ihren Sohn mit jeder Faser ihres Körpers und die Aussicht, ihre Chancen so vielleicht zu verbessern, haben sie wohl ... nun ja ... für eine Weile alles andere vergessen lassen.
Sie sagten am Anfang ... , hakte der Richter nach.
Ja. Ich ... wir ... , wieder huschte sein Blick zu Sam hinüber. Auf ihren Wangen waren hektische, rote Flecken erschienen und sie hatte die Lippen fest aufeinander gepresst. Wir haben uns verliebt. Ich meine ... , er biß sich auf die Unterlippe und wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als zu ihr hinüber gehen zu können, sie in seine Arme zu schließen und zu küssen. Sie ist ... eine unglaubliche Frau, verstehen sie? Er wandte sich wieder dem Richter zu. Und Joshua ist ein wundervolles Kind. Ich bin der Meinung, dass die beiden es verdient hätten, zusammen zu sein. In welcher Form auch immer.
Er dachte daran, wie ihn Joshua vorhin auf dem Gang begrüßt hatte, wie er den Kleinen umarmt und an sich gedrückt hatte und ein liebevolles Lächeln schlich sich ohne sein Zutun auf sein Gesicht.
Nun, das haben sie wohl nicht zu entscheiden, gab Beckett mit einem Schnauben von sich.
Ich weiß. Deshalb bin ich hier und möchte ihnen meine Sichtweise der Dinge zeigen.
Ich verstehe, nickte der Richter. Na, dann fangen sie mal an. Ich behalte mir allerdings vor, sie jederzeit zu unterbrechen sollte ich den Eindruck gewinnen, dass sie uns hier nur weiterhin irgendeinen Schwachsinn vorspielen und das Gericht damit zum Narren halten.
Selbstverständlich, entgegnete Nick sofort.
Eigentlich hatte er vorgehabt, das Band einfach einzulegen und die Bilder für sich sprechen zu lassen, doch nachdem er diese unglaubliche Vorstellung von Edward Cole gesehen hatte, war er der Meinung, unbedingt noch etwas sagen zu müssen.
Um verstehen zu können, was Sam tatsächlich für uns getan hat, möchte ich gerne eine kurze Erklärung voraus schicken.
Ich habe dieses Hausprojekt ins Leben gerufen, damit sich meine Geschwister und ich wieder ein bißchen annähern. Nach der Scheidung unserer Eltern, die sicherlich die meisten der hier anwesenden in sämtlichen Boulevardzeitungen verfolgt haben, war unser Verhältnis ... nun ja ... wie soll ich sagen ... ziemlich ... gestört.
Als Sam zu uns stieß ist sie demzufolge in ... na ja ... pures Chaos hinein gestolpert.
Falls sie hier auf die Tränendrüsen drücken wollen, muß ich sie warnen, fuhr ihm der Richter aufgebracht ins Wort. Es geht hier nicht um sie oder ihre Familie und es interessiert mich - um es mal salopp auszudrücken - nicht die Bohne, warum und wieso sie in dieses Haus eingezogen sind und das auch noch von unzähligen Kameras filmen ließen.
Ich verstehe, nickte Nick sofort. Ich wollte nur, dass sie die nun folgenden Bilder richtig beurteilen können.
Mit diesen Worten wandte er sich schnell dem Fernsehgerät zu und drückte auf Play.
Die Küche des Carter Haushaltes tauchte flimmernd auf dem Monitor auf. Sam stand an der Spüle und hatte ein Geschirrhandtuch in der Hand, Leslie stand ihr gegenüber am Kühlschrank, während Nick offensichtlich mißmutig an der Arbeitsplatte lehnte.
Im selben Moment stieß er sich davon ab und hastete zum Mülleimer hinüber.
Leslie? Bist du verrückt? rief er und deutete anklagend auf die Lebensmittel in der großen, schwarzen Plastiktüte. Das sind bestimmt Lebensmittel im Wert von 200 Dollar!
Sag das nicht mir sondern ihr, sagte Leslie und zeigte vorwurfsvoll mit dem ausgestreckten Arm auf Samantha.
Sam?
Nick?
Warum wirfst du das alles weg? Gehts dir noch ganz gut?
Hast du mal auf das Verfallsdatum gesehen? fragte Sam, während sie das Geschirrhandtuch frustriert zur Seite legte und sich wieder dem Spülbecken zuwandte. Teilweise kommen dir die Sachen schon von alleine entgegen gelaufen. Wenn du davon noch was essen willst ... nur zu.
Aber ... das kann doch gar nicht sein ... ,
Doch kann es und falls es nicht zu viel verlangt ist, könnte mir hier ruhig mal jemand helfen.
Das kann Leslie machen, ich habe noch einen Termin, sagte Nick knapp und bewegte sich mit schnellen Schritten direkt auf die Kamera zu.
Schon klar! brüllte ihm Leslie hinterher. Für wen hältst du dich eigentlich, ... , und folgte ihrem Bruder aus der Küche.
Nach einem kurzen Schnitt erschien erneut Sam am Spülbecken. Mittlerweile hatte sich Angel zu ihr gesellt und trocknete mit offensichtlichem Widerwillen das Geschirr ab.
Also? fragte sie gerade.
Deine Geschwister haben mich erst angemacht, daß ich euren Kühlschrank von diesen lebenden Schimmelkulturen befreit habe und haben sich dann verdrückt als es ums Spülen ging. Könntest du ihnen vielleicht mal begreiflich machen, daß zum Zusammenleben auch so etwas wie haushaltliche Pflichten und eine gewisse Ordnung gehören?
Ich würde ja jetzt sagen, du klingst wie meine Mutter, aber wie wir beide wissen ...
Angel wirklich, das ist nicht lustig. Wie wollt ihr zusammen leben, wenn sich jeder vor der Arbeit drückt?
Komm schon Sam. Sei nicht so streng. Es wird sich schon jemand erbarmen.
Klar. Ich!
Niemand hat dich darum gebeten, tönte es von Nick, der sich wieder ins Bild geschoben hatte.
Wenn ich es nicht mache, macht es gar keiner. Ich wollte euch lediglich mit gutem Beispiel voran gehen. Ich dachte, wenn ihr seht, daß der Gast sich bemüht, werdet ihr vielleicht auch kooperativer.
Du sagst es. Du bist hier Gast. Also misch dich nicht in unsere Angelegenheiten ein.
Nick! fuhr Angel auf und schlug mit dem Geschirrhandtuch nach ihrem Bruder. Wir können froh sein, daß Sam hier ist.
So? Da bin ich anderer Meinung. Ich werde jetzt noch mit meinem Hund raus gehen und dann bin ich weg.
Die Hunde waren schon draußen und sind gefüttert.
Was?
Ja. Sie hatten zwar bereits ihr Geschäft im Flur verrichtet, aber ein bißchen Bewegung hat ihnen sicherlich gut getan.
Nick hielt den Film an und wandte sich wieder dem Richter zu.
Diese Bilder sind nach Sams erster Nacht bei uns entstanden. Wie sie sehen können, war das Haus ein einziges Chaos. Verstehen sie? Sie war die einzige, die wenigstens einigermaßen Ordnung hinein gebracht hat. Und nicht nur das. Sie hat es geschafft uns so etwas wie Verantwortungsgefühl und Sinn für ... Ordnung beizubringen.
Bevor ihn der Richter wieder anfahren konnte, dass ihn das nicht die Bohne interessierte, startete er lieber wieder den Film.
Ich habe ihnen ein paar Szenen zusammen geschnitten, damit sie sehen können, wie viel sich nach diesem ersten Tag nach und nach verändert hat.
Die nächsten Bilder folgten in kurzer Schnittfolge: Sam, die Aaron erklärte, wie er eine Waschmaschine zu bedienen hatte, Sam, die mit Angel und Leslie zusammen durch die Räume ging und mit ihnen gemeinsam aufräumte, Sam, die mit BJ am Herd stand und kochte, Sam und seine Geschwister, die gemeinsam die Betten neu bezogen und dabei eine Kissenschlacht veranstalteten, Sam und Nick, die zusammen in einer Ecke des Balkons bei einander standen und sich leise über die Zustände in diesem Haus unterhielten, Sam mit den Hunden erst in einem wilden Durcheinander und dann, wie sie auf ein kurzes Kommando von ihr sofort reagierten.
Das Bild von Sam mit den fünf, aufmerksam auf ihren Hintern sitzenden Hunden um sich herum fror er schließlich mit einem Knopfdruck ein.
Das ist die eine Seite von Miss Fields. Ihr Verantwortungsgefühl, ihre Geduld mit uns Chaoten und ihre Art uns zu zeigen, was zu einem wahren Leben wirklich dazu gehört.
Aber das sind wahrscheinlich in ihren Augen nur Kleinigkeiten. Was Sam wirklich ausmacht, ist ihre Gabe zu zu hören und Lösungen aufzuzeigen, wenn wir selber nicht mehr weiter wußten.
Erneut startete er den Film und warf dann einen Blick zu Sam hinüber. Mit großen Augen starrte sie ihn an und schien vollkommen fassungslos über seine Worte zu sein.
Auf dem Bildschirm erschien ihr Balkon, die Sonne war bereits untergegangen und das Scheinwerferlicht tauchte die Szenerie in gnadenloses Licht.
Ich habe sie in Tränen aufgelöst auf einer Parkband gefunden, sagte Sam gerade. Ihr Freund hatte ihr gerade telefonisch mitgeteilt, daß er eine andere gefunden hat und dementsprechend ... nun ja ... sie war ganz schön durch den Wind.
Ich habe ihr erst einmal eine heiße Schokolade spendiert und sie hat mir die ganze verkorkste Geschichte erzählt. Es war irgendwie seltsam. Ich meine ... wir kannten uns überhaupt nicht, doch sie hat bereitwillig jede intime Kleinigkeit über ihn vor mir ausgebreitet. Ich weiß noch, daß ich mich damals gewundert habe, daß sie keine Freunde oder Familie zu haben schien, bei denen sie sich ausweinen konnte. Von daher ...
Und dann? fragte Nick.
Ich weiß auch nicht. Ab da ... stand mein Handy kaum noch still. Ich glaube, sie braucht jemanden, an den sie sich anlehnen kann, jemanden, der ihr zuhört und ihr ab und zu mal einen Rat gibt. Ich weiß, das klingt komisch, denn du bist immerhin ihr Bruder, aber es scheint mir manchmal so, als hätte sie so jemanden noch nie gehabt. Also ich meine ... jemand er bedingungslos für sie da ist.
Sie hätte auch zu mir kommen können.
Ich glaube, dafür steht ihr euch zu nahe.
Wie meinst du das?
Naja ... wenn ich mir das hier so ansehe ... , sie schüttelte den Kopf. Ihr habt vielleicht im Moment noch keine wirkliche Ahnung davon, was in den Leben der anderen wirklich los ist und ihr habt euch sicherlich auch gefühlsmäßig irgendwie voneinander entfernt, aber trotzdem seid ihr Geschwister. Ich glaube, sie hatte Angst, daß du sie ... hm ... nicht wirklich vorurteilsfrei beurteilen würdest.
Wie klingt denn das? Ich bin doch kein Unmensch!
Nein. Die Kamera zoomte auf Samanthas feines Lächeln und ließ sie damit unglaublich sanft erscheinen. Aber ein sehr schwieriger, wenn ich das mal so sagen darf.
Und du?
Was ist mit mir?
Na ja ... warum bist du hier?
Das hatten wir doch schon, oder? Ich bin hier, weil Angel mich angerufen hat und ich ihre Freundin bin.
Das glaube ich immer noch nicht.
Glaub doch was du willst. Es ist doch egal was ich sage. Du vertraust niemandem.
Die Einstellung wechselte mit einem weichen Schnitt. Der dunkle Hausflur tauchte vor ihren Augen auf. Sam stand mit einer Hand an ihrer Zimmertür, während Nick mitten im Gang die Arme vor der Brust verschränkt hatte und sie angiftete.
Woher willst du das denn wissen, hä? Du kennst mich überhaupt nicht!
Sams Gesicht wurde in Großaufnahme gezeigt. Ganz deutlich waren ihre verweinten Augen hinter den Brillengläsern zu erkennen, doch sie wirkte erstaunlich gefaßt und ruhig, während sie Nick erklärte
Du hast recht, ich kenne dich nicht. Aber ich habe Augen im Kopf und ich lebe schon eine ganze Weile hier. Du bist jemand, der seine Wut und seine Enttäuschung gerne vor sich her trägt. Du magst denken, daß du deine Emotionen ganz tief in dir vergraben hast. Aber statt dessen läßt du sie an der Oberfläche explodieren, ohne deinem Gegenüber auch nur die geringste Chance zu geben. Wie gesagt, du meinst es nur gut, aber ... hör ab und zu auf das, was dir deine Geschwister sagen. Traue ihnen etwas zu. Das nennt man Vertrauen Nick. Das kann man nicht lernen, das kann man nur fühlen. Und jetzt gute Nacht.
Wieder wechselte die Szene und zeigte das Restaurant, vor ihrem großen Streit. Die Geschwister saßen mit Sam um einen Tisch herum, lachten, scherzten und unterhielten sich.
Ein Kellner schob sich ins Bild und stellte dampfende Teller vor ihnen ab.
Unvermittelt klopfte Nick mit der Gabel an sein Glas und räusperte sich.
Oh, oh. Jetzt folgt eine von Nicks berüchtigten Reden, schmunzelte Leslie.
Das Scheinwerferlicht wurde eingeschaltet und hob die ganze Szene in allen Details hervor.
Worauf du dich verlassen kannst, entgegnete Nick ungerührt und warf noch einmal einen Blick in die Runde bevor er zu sprechen begann. Ich wollte eigentlich nur sagen, daß ich glücklich und stolz darauf bin, daß wir alle hier versammelt sind und daß es ein wunderschönes Gefühl ist, mit euch hier zu sein. Ich bin stolz auf jeden einzelnen von euch. Auf das, was ihr geleistet habt, wie ihr euch jeden Tag bemüht miteinander auszukommen und wie weit wir es bisher gebracht haben. Und auch Sam gilt mein Dank ...
Du bist oft genug unser Rammbock und ich denke, es wird Zeit, daß wir dir dafür die Anerkennung zollen, die dir dafür ohne Frage zusteht. Du hast Aaron beigebracht, daß er seine Klamotten nicht überall herum liegen lassen soll, unterstützt Angel wo es nur geht und schaffst es sogar, zwischen Leslie und BJ Frieden zu stiften ... ,
Was ihr in den seltensten Fällen gelingt, fügte Aaron breit grinsend hinzu.
... und außerdem, fuhr Nick unbeirrt fort siehst du heute Abend einfach wunderschön aus.
Das letzte, das man sah waren Nicks vor Überraschung weit aufgerissene Augen, dann leitete ein weiterer, sanfter Schnitt zum nächsten Geschehen über.
Das Wohnzimmer war hell erleuchtet. BJ stand leicht schwankend in der Mitte des Zimmers und starrte auf ihr Handy hinunter, als Sam herein kam.
Hallo BJ
Oh Sam. Gott sei Dank bist du da.
Was ist denn passiert? fragte Sam sanft, während sich BJ in ihre Arme warf und dabei die Hälfte des Champagners auf den Teppich verschüttete.
Wes ist so ein Arschloch, schluchzte sie an ihrer Schulter.
Wieso das denn? fragte Sam weiter, während sie BJ vorsichtig das Glas aus den zitternden Fingern entwand, es auf dem kleinen Couchtisch abstellte und BJ dann mit sich auf das Sofa zog.
BJ erzählte ihr schluchzend und unter großer Mühe eine nicht ganz zu durchschauende Geschichte von einer Verabredung, die sie mit ihrem Freund Wes für heute Abend gehabt hatte und die dieser aus nicht näher definierten Gründen abgesagt hatte.
Er ist so gemein. Ich bin ihm überhaupt nicht wichtig, nuschelte BJ an ihrer Schulter.
In diesem Moment betrat Angel den Raum.
Sie ist vollkommen verrückt wenn sie Wes in den Wind schießt, sagte sie und ließ sich vor ihrer Schwester auf den Couchtisch sinken.
Bin ich nicht! fuhr BJ auf und brachte sich unter einiger Anstrengung in eine halbwegs sitzende Position.
Wes tut alles für dich, beharrte Angel. Und alles was du kannst, ist ihn dumm von der Seite anzumachen, weil er heute Abend arbeiten mußte.
Er hätte da sein sollen. Er hat es versprochen.
Hat er das wirklich? hakte Sam nach.
Er hat gesagt, er guckt, ob er es einrichten kann. Er hat sich einfach nicht genug angestrengt. Ich bin ihm das eben nicht wert, entgegnete BJ und begann wieder hemmungslos zu schluchzen.
Ach BJ, seufzte Sam und zog sie wieder enger an sich. Nur weil er von seinem Job nicht weg konnte heißt das doch noch lange nicht, daß du ihm nicht wichtig bist.
Aber er wußte doch, wie viel es mir bedeutet hätte. Aber nein, er sitzt hinter seinem Mischpult und ... ,
Und verdient Geld, daß du auch ganz gerne ausgibst, unterbrach sie Angel.
Ach, halt die Klappe! fuhr ihre Schwester sofort auf.
Vorsichtig legte Sam Angel eine Hand aufs Knie. Vielleicht wäre es besser, wenn du uns eine Weile alleine läßt, hm?
Aber es ist doch wahr! Ich meine ... , setzte Angel an.
Das mag ja alles sein, unterbrach sie Sam. Aber im Moment hilft das BJ leider gar nicht weiter, verstehst du?
Angels Blick huschte für einen Moment zwischen Sam und BJ hin und her, dann zuckte sie mit den Schultern und erhob sich.
Ist schön, daß du wieder die Alte bist, bemerkte sie, während sie sich Richtung Küche wandte.
Erneut wurde zur nächsten Szene übergeblendet. Die Tür von Aarons Zimmer wurde wie von Geisterhand aufgeschoben und die Kamera schien vorsichtig durch den Türspalt zu schauen.
Leise Musik erfüllte den Gerichtssaal. Aarons Musik.
Sam saß mit untergeschlagenen Beinen in einem Sessel und wurde von der Kamera sofort ins Visier genommen. Gleich darauf schob sich Aaron ins Bild, quetschte sich neben Sam in den Sessel und kuschelte sich an ihre Schulter.
Irgendwie kriege ich nichts auf die Reihe, hörte man ihn leise über die Musik hinweg sagen.
Wie meinst du das? fragte Sam, während sie ihm vorsichtig durchs Haar fuhr.
Ich fange fünftausend neue Songs an und keiner scheint der richtige zu sein. Nick hat mich deswegen auch schon angemacht ... Der hat leicht reden. Manchmal denke ich, ihm fliegt alles einfach so zu und ich muß doppelt so viel wie andere arbeiten.
Hm ... , machte Sam, die Kamera zoomte ganz nahe an sie heran und zeigte ihren liebevollen Blick. Vielleicht solltest du dich einfach mal auf eine Sache konzentrieren.
Was soll denn das heißen? fragte Aaron und richtete sich wieder auf.
Na ja ... du hast anscheinend Spaß daran, die Beats zu produzieren, verfolgst damit aber kein wirkliches Ziel. Such dir etwas. Etwas, das ganz tief in dir steckt und konzentriere dich darauf. Suche die richtigen Beats, die richtige Melodie und die richtigen Worte und füge sie zusammen. Und schiebe in dieser Zeit alles andere weit von dir.
Das klingt so einfach wenn du das sagst, ist es aber nicht, klärte Aaron sie auf.
Das weiß ich. Und weißt du auch, warum das so ist?
Aaron schüttelte den Kopf.
Weil du dann ganz tief da rein sehen müßtest, sie tippte auf seine Brust.
Aaron starrte sie einen Moment lang mit unergründlichem Blick an, dann kuschelte er sich wieder an sie und griff nach ihren Händen.
Ich traue mich nicht so richtig, hörte man sein leises Flüstern.
Ich könnte dir dabei helfen.
Im Ernst? er sah zu ihr auf.
Hm, nickte sie. Du kannst mir vertrauen, weißt du? Ich möchte gerne für dich da sein und dir dabei helfen ... hm ... das Chaos in deinem Kopf ein bißchen zu ordnen.
Klingt nach einem fairen aber schmerzhaften Deal, gab er mit einem schiefen Grinsen zurück.
Abgemacht?
Abgemacht.
Nick hielt den Film an und warf einen kurzen Blick zu Sam hinüber. Sie hatte sich auf ihrem Stuhl herum gedreht und war mit Aaron in einem lautlosen Gedankenaustausch versunken.
Als er das erste Mal die vielen Gespräche zwischen ihm und seinem Bruder gesehen hatte, war ihm ganz flau im Magen geworden. Aaron hatte ihr Dinge erzählt, die selbst er nicht wußte und Sam hatte so einfühlsam und klug darauf reagiert, dass es ihm die Kehle zugeschnürt hatte. Er verstand langsam, warum Aaron so wütend auf ihn gewesen war, weil er Sam wehgetan und sie damit aus dem Haus getrieben hatte.
Mr. Carter, meldete sich unvermittelt der Richter zu Wort und Nick zuckte erschrocken zusammen. Hatte er gerade wirklich eine Minute schweigend vor sich hin gestarrt? Haben sie noch mehr oder war es das?
Nein, beeilte Nick sich zu sagen. Eine Sache habe ich noch. Mr. Cole hat ihnen gezeigt, wie das Verhältnis zwischen mir und Miss Fields seiner Meinung nach ausgesehen hat. Er hat sich dabei natürlich nur die ... nun ja ... kompromitierenden Bilder heraus gesucht und ich möchte ihnen nun als letztes noch zeigen, warum und wie sich alles so entwickelt hat, wie es im Endeffekt jetzt ist.
Der Richter seufzte. Also gut. Fahren sie fort.
Nick warf noch einen schnellen Blick zu Sam hinüber. Sie hatte sich wieder nach vorne gedreht und starrte ihn nun an. Ihren Blick konnte er nicht deuten, doch sein Herz raste wie wild und das Bedürfnis zu ihr zu gehen und sie in seine Arme zu schließen wurde beinahe übermächtig. Er würde sich, wenn es sein mußte, vor ihr in den Staub werfen und sie um Vergebung anbetteln und die Angst, dass auch das nichts nützen würde und sie ihn trotzdem verließ, fraß sich wie ein wildes Tier in seine Eingeweiden.
Mit einem leichten Lächeln deutete er auf den Bildschirm, um ihr zu zeigen, dass sie lieber dort hin sehen sollte um damit vielleicht den Mann wieder zu entdecken, den sie einmal geliebt hatte.
Also startete er erneut den Film und hoffte, dass sie seine Liebeserklärung auch ohne große Worte verstand.
Er hatte diesen Teil des Films mit Musik unterlegt. Lange hatte er darüber gegrübelt, ob das richtig war, denn immerhin handelte es sich hier um eine Gerichtsverhandlung und nicht um die Filmfestspiele in Cannes. Und trotzdem ... so ganz nüchtern wollte er diese Bilder einfach nicht vorführen.
Leise Klavierklänge erfüllten also den Raum, der Bildschirm war immer noch schwarz, dann wurde langsam ein Bild eingeblendet.
Angel betrat das Wohnzimmer und fragte Bereit?
Es folgte ein schneller Schnitt auf Nick, der sich augenblicklich von der Couch erhob und seine Hände an seinen Jeans abwischte.
Mehr als bereit würde ich sagen, hörte man ihn sagen und das leichte Zittern in seiner Stimme war kaum zu überhören.
Die Kamera zoomte näher auf den Durchgang zum Flur, dann trat Angel einen Schritt zur Seite und deutete hinaus.
Meine Damen und Herren. Ich präsentiere ihnen Nick Carters Date für den heutigen Abend.
Zu erst hörte man nur das Klappern von Absätzen, Nicks Gesicht wurde erneut in Großaufnahme gezeigt und sein Gesichtsausdruck sagte mehr als tausend Worte, als Sam schließlich in einem schwarzen Kleid das Wohnzimmer betrat.
Ein erneuter, sanfter Schnitt versetzte sie aus dem Wohnzimmer an einen feinen, weißen Sandstrand. Nick saß auf dem Holzgeländer des Santa Barbara Piers, Sam hatte sich zwischen seine angewinkelten Knie geschoben und sah zu ihm auf. Das Meeresrauschen begleitete die Szene, während Nick von seinem Eis abbiß und sich dann zu Sam hinunter beugte. Die Kamera zoomte an die beiden heran, zeigte Sams leicht verschüchtertes Lächeln und seine Augen, die an ihrem Gesicht hingen, als wäre sie die Mona Lisa. Dann trafen sich ihre Lippen und es war eindeutig zu sehen, wie das Eis von seinem Mund in ihren wechselte.
Die nächsten Szenen folgten schnell hintereinander:
Nick und Sam am Strand, sein Kopf in ihrem Schoß.
Nick und Sam, die Hand in Hand den Pier entlang schlenderten.
Nick und Sam beim anschließenden Essen im Kerzenschein.
Nick und Sam engumschlungen auf der Couch in ihrem Haus.
Nick und Sam knutschend in der Küche.
BJ, die die Tür aufriß und damit Nick und Sam auseinander fahren ließ, die dahinter standen und sich küßten.
Nick und Sam Arm in Arm auf dem Roten Teppich von Gerry Mantiles Modenschau.
Nick, der vom Haus aus gefilmt wurde, wie er Sams Zettel hinter dem Scheibenwischer fand und gleich darauf sie, die an der Tür stand und ein verträumtes Lächeln auf den Lippen hatte.
Nick in seinem Wagen, wie er den Zettel hervorkramte und ihn deutliches lesbar und mit einem breiten, verliebten Grinsen in die Kamera hielt.
Die letzten zehn Sekunden waren nur noch eine schnelle Abfolge von Bildern: Verliebte Küsse und Gesten, Nähe und Vertrauen.
Diese Bilder konnten nicht lügen und Nick hoffte, dass der Richter das auch so sehen würde.
Schließlich stoppte der Film, Nick nahm die Kassette aus dem Rekorder und wandte sich wieder dem Richtertisch zu.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie Sam auf ihrem Sitz zusammen gesunken war, über ihr Gesicht liefen Tränen und dieses Bild grub einen tiefen, alles verzehrenden Schmerz in seine Eingeweide.
Wir lieben uns, sagte er beinahe flüsternd in die ehrfürchtig eingetretene Stille des Gerichtssaals hinein. Und ich weiß, dass Sam eine gute Mutter für Joshua ist. Sie tut alles für ihn und es frisst sie auf, dass er nicht bei ihr ist. Ich ... ,
nur mit Mühe konnte er seinen Blick von Sam lösen und ihn wieder auf Richter Beckett lenken.
... ich hatte Gelegenheit, Joshua kennen zu lernen. Er ist ein großartiger Junge, aber er ist nicht glücklich bei seinem Vater und seiner Stiefmutter. Ich weiß ... das klingt jetzt, als wolle ich hier herum stänkern, aber so ist das nicht. Ich ... ,
Danke Mr. Carter. Ich denke, sie sollten sich jetzt besser setzen, unterbrach ihn der Richter grob und deutete wieder hinüber auf seinen Platz.
Ängstlich fragte er sich, ob er überhaupt etwas erreicht hatte, doch so wie es aussah, lag das jetzt nicht mehr in seiner Hand.
Auf dem Weg zurück zu seinem Platz entwickelten seine Füße plötzlich ein Eigenleben. Anstatt sich hinter dem Tisch der Verteidigung hindurch zu schieben, ging er schnurstracks auf Sam zu.
Ihre Augen wurden groß, als sie erkannte was er vorhatte und ehe sie irgend etwas sagen oder tun konnte, hatte er sich über sie gebeugt und ihr tränennasses Gesicht in seine Hände genommen.
Es tut mir leid, flüsterte er. Ich kann dir gar nicht sagen wie sehr. Und ich liebe dich.
Damit beugte er sich zu ihr hinunter und drückte seinen Mund unglaublich zärtlich auf ihren. Er schmeckte ihre Tränen und fühlte das Beben ihrer Lippen, doch endlich, nach fünf langen Tagen, hatte er endlich wieder das Gefühl vollkommen zu sein.
Er hätte ewig so bei ihr verweilen können, doch er löste sich unter Aufbietung seiner gesamten Willenskraft von ihr, fuhr ihr noch einmal mit den Daumen über die Wangen und ließ sie dann los.
Als er sich hinter ihr wieder auf seinen Stuhl fallen ließ, raste sein Herzschlag und er fühlte zu seinem Entsetzen, wie ihm Tränen in die Augen traten. Er würde es nicht überleben, wenn sie ihn weg schickte. Das war ihm eigentlich schon seit einer Weile klar, aber dieser eine, kurze Kuß hatte ihm dies mit Nachruck in den Kopf gehämmert und damit alle Ausflüchte und dämlichen Entschuldigungen oder Rechtfertigungen vor sich selbst zu nicht gemacht. Er war ein Vollidiot und höchstwahrscheinlich hatte sie etwas besseres als ihn verdient.