Kapitel 69

Sam starrte durch die große Fensterscheibe des Cafes, in dem sie mit ihrem Anwalt vor einer Tasse Tee saß, hinaus in den anhalten Regen. Ein Sturm war aufgezogen, riß die Blätter von den Bäumen und wirbelte sie durch die fast menschenleeren Straßen. Gegenüber ragte das Gerichtsgebäude in einen, mit bedrohlich dunklen Wolken verhangenen Himmel auf und sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass sich das Wetter ihrer Stimmung angepaßt zu haben schien.
In ihr tobte ebenfalls ein Unwetter. Sie hatte Angst. Angst davor, dass sie Joshua verlieren könnte, Angst, Greg und Viola wieder gegenüber zu treten, Angst davor, dass der feine Hoffnungsschimmer, der sich so plötzlich am Horizont gezeigt hatte, genau so schnell wieder verschwand und Angst davor, dass ihr Leben nach dieser Verhandlung nicht mehr das selbe sein würde.
Und in diesem ganzen Chaos wirbelte immer wieder der Gedanken an Nick durch ihren Kopf, den sie nicht abschütteln konnte, so sehr sie sich auch bemühte. Erst gestern hatte sie sich ein schwarzes Kostüm für die Verhandlung gekauft und beim Bezahlen gebetet, dass ihre Kreditkarte den Betrag dafür noch hergab. Als sie sich später ihre Kontoauszüge ansah, mußte sie allerdings feststellen, dass sie ihre Kleider wieder einmal mit seinem Geld bezahlt hatte und dass sie ihm umgehend den Restbetrag zurück überwies, machte es leider auch nicht wirklich besser. Sie fragte sich, ob er wohl zur Verhandlung erscheinen würde. Immerhin wußte er ganz genau, dass sie hier war.
Sie gestand es sich nur ungern ein, aber sie vermißte ihn so sehr, dass sie sich fast darüber freuen würde, wenn er tatsächlich kam. Andererseits wußte sie zweifelsfrei, dass es keinen wirklichen Unterschied machte. Egal was er sagen oder tun würde, sie konnte nicht mehr zurück. Und wenn sie schließlich bei diesem Gedanken ankam betete sie, dass er doch nicht auftauchte.
Begleitet wurde ihre Sehnsucht von dem Verdacht, dass er sie schon längst zu den Akten gelegt hatte. Das Geld auf ihrem Konto erschien ihr in diesem Zusammenhang beinahe wie eine Art Beleidigung. Sie fühlte sich benutzt - Bezahlt wie ein Hure. Sie war nur eine weitere Kerbe in seinem Bettpfosten und höchstwahrscheinlich hatte er sich bereits eine andere Frau gesucht, mit der er eine glückliche Zeit verbringen konnte. Immerhin war er ja schon im passenden Bett aufgewacht.
Sie seufzte, wandte ihren Blick von der Glasscheibe ab, gegen die unaufhörlich der Regen prasselte, und wandte sich wieder ihrer Teetasse zu. Es war nicht gut, wenn sie sich ausgerechnet jetzt Gedanken über Nick machte. Ihre Konzentration wurde anderweitig gebraucht.
Mr. Grave räusperte sich vernehmlich und lenkte so ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt. Er trug einen dunklen Anzug, der seiner schlanken Erscheinung eine gewisse Gediegenheit verlieh. Sein dunkelbraunes Haar lockte sich in weichen Kringeln um sein Gesicht und ließ ihn wesentlich jünger als Ende vierzig wirken. Seine erstaunlich vollen Lippen wurden von einem Vollbart umrahmt und um seine braunen Augen lag ein warmer Zug, als er nun das Wort an sie richtete.
„Was meinen sie, sollen wir die Fakten noch einmal schnell durchgehen?“
„Sicher,“ nickte Sam und schloß ihre kalten Finger um die angenehm warme Tasse.
Daraufhin zog der Anwalt eine dicke Mappe aus seiner Aktentasche hervor, schob seine Tasse, Milchkännchen und Zuckerstreuer zur Seite und schlug den Ordner auf.
„Mrs. Mitchum hat mir heute morgen noch ihren Miet- und Arbeitsvertrag gefaxt und ich kann ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich für sie freue.“
„Vielen Dank Mr. Grave, es ist auch für mich kaum zu fassen.“
„Nennen sie mich doch bitte William.“
„Nun gut ... uhm ... William,“ lächelte Sam etwas verlegen.
Es war tatsächlich unglaublich, wie sich im letzten Moment noch einige wichtige Aspekte ihres Lebens zum Guten gewendet hatten. Mit Megan und Phillippa hatte sie sogar schon angefangen die Kammer über der Garage auszuräumen, und auch wenn sie noch ein ganzes Stück Arbeit von einem wirklichen zu Hause entfernt war, so fühlte sich Sam dort doch schon jetzt mehr als wohl. Nicht zu letzt lag dies wohl auch an der Großfamilie, die sie unglaublich herzlich und als wäre es das selbstverständlichste von der Welt in ihren Haushalt aufgenommen hatte. Selbst die kleine Jane schien in ihrer Gegenwart aufzutauen und bei Phillippa hatte sie sowieso den unverkennbaren Nick-Carter-Bonus.
„Was mir allerdings ein bißchen Sorgen macht, ist die Sache mit Mr. Carter. Meinen sie, er wird noch kommen?“ fuhr der Anwalt in diesem Moment passender Weise fort
„Das ist unerheblich,“ gab Sam bestimmt zurück.
„Verstehen sie mich nicht falsch, ich möchte mich ganz bestimmt nicht in ihr Leben einmischen, aber es würde vor Gericht ganz sicher mehr Eindruck machen, wenn er auf der Bank hinter ihnen sitzt.“
„Er wird nicht kommen. Gehen wir einfach davon aus und planen unsere Strategie ohne ihn.“
„Dann lassen sie uns wenigstens sagen, dass er wichtige Termine hat und deshalb nicht kommen konnte. Verstehen sie ... wir werden nicht lügen, aber auch nicht offen zu geben, dass sie nicht mehr zusammen sind.“
„Das klingt, als verbiegen sie die Wahrheit, wie es ihnen gerade paßt,“ stellte Sam mit gerunzelter Stirn fest.
„Samantha, verstehen sie doch. Hier geht es um Joshua. Wenn das Gericht denkt, sie wären in einer Beziehung mit einem Mann, der sie finanziell unterstützen kann und der auch als Vater für ihren Sohn da ist, haben wir ... ,“
„Er wird aber nicht da sein,“ entgegnete Sam heftiger als beabsichtigt „und ich werde vor niemandem und schon gar nicht vor Greg so tun, als klammere ich mich an eine Beziehung, nur um Josh zurück zu bekommen.“
„Aber sie lügen nicht, wenn sie sagen, dass er nicht kommt und wir werden keine weitere Aussage dazu treffen.“
Sam schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich jetzt schon zittrig und kraftlos und sie hatte einfach keinen Nerv mehr, sich auch noch gegen ihren Anwalt zur Wehr zu setzen.
„Tun sie, was sie nicht lassen können, aber lassen sie mich da raus.“
„Versprochen,“ nickte der Anwalt sofort. „Gut. Also weiter im Text. Ich weiß nicht genau, mit was Greg aufwarten wird, denn immerhin hat er die Fernsehserie als Aufhänger benutzt, um sie erneut vor Gericht zu zerren. Von daher müssen wir hier auf alles gefaßt sein. Gibt es etwas, das ich in diesem Zusammenhang wissen sollte?“
Sams Magen vollführte einen unangenehmen Purzelbaum und sie versuchte möglichst unbeteiligt zu tun, als sie entgegnete „nein, ich denke nicht. Wir haben dort ganz normal zusammen gelebt und uns eben ... ,“ sie schluckte, bevor sie weiter sprach. „Und uns eben verliebt. Die ganze Familie ist ein bißchen schwierig und anstrengend, aber ich glaube kaum, dass Greg damit irgend etwas anfangen kann.“
„Hm ...,“ nickte Grave, während er sich ein paar Notizen machte.
„Womit er allerdings ganz bestimmt kommen wird ist die Tatsache, dass irgendwann ein Kamerateam bei ihm vor der Tür stand und Viola ausgefragt hat. Und Joshua war natürlich mittendrin. Ich will ... nun ja ... lieber gar nicht wissen, wie diese Befragung ausgefallen ist, aber ... er hat mir hinterher ziemlich deutlich am Telefon klar gemacht, was er davon hält.“
„Das könnte allerdings ein Problem werden,“ murmelte Grave, während er abwesend hinaus in den Regen starrte.
„Inwiefern?“
„Ich weiß nicht. Wenn er glaubhaft darlegen kann, dass sie dahinter steckten ... ,“
„Habe ich aber nicht.“
„Sondern?“
„Das war eine Idee des Produzenten. Die Testzuschauer hatten wohl beschlossen, dass sie mich öfter sehen wollen und daraufhin wurde ich stärker in die Serie eingebunden, was natürlich auch mein Umfeld mit einschloss. Aber ich habe mich immer bemüht, mein Privatleben und vor allen Dingen Joshua aus dieser Fernsehserie herauszuhalten.“
„Gut. Das können wir auf jeden Fall als Argument anführen,“ nickte Grave und machte sich erneut Notizen.
„William?“ fragte Sam und ihre Stimme zitterte dabei leicht.
„Ja?“ gab er mit einem Lächeln zurück.
„Wie sehen meine Chancen aus? Seien sie ganz ehrlich. Wenn ich da jetzt rüber gehe ... wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit Joshua an der Hand wieder raus komme?“
Der Anwalt schwieg einen Moment, dann senkte er den Blick und starrte auf seine Notizen. „Ganz ehrlich?“ hakte er noch einmal nach und sah sie wieder an.
Sam nickte beklommen.
„Die Chance ist nicht wirklich groß. Sie haben zwar einen Job und eine Wohnung, aber das erst seit zwei Tagen. Niemand kann garantieren, dass sie das alles in einem Jahr auch noch haben. Außerdem haben sie sich durch die Serie und ihre Beziehung mit Mr. Carter eventuell in ein ... wie soll ich das sagen ... schlechtes Licht gerückt. Ich weiß, dass sie damit nur Gutes tun wollten, aber ... nun ja ... sie wissen ja wie das ist, wenn die Medien erst einmal involviert sind.“
„Es kommt nur Müll dabei heraus,“ entgegnete Sam leise.
„So etwas in der Art, ja.“
„Hat es denn dann überhaupt einen Sinn, dass ich mich dieser Situation stelle? Sollte ich nicht lieber meine Koffer packen und akzeptieren, dass mein Sohn bei meinem Ex-Mann besser aufgehoben ist?“
Auf William Graves Gesicht erschien ein breites Lächeln. „Wenn sie das tun sollten, sind sie nicht mehr die Samantha Fields die ich kenne. Wir lassen uns von so ein paar Schwierigkeiten doch nicht unterkriegen. Stehen sie auf. Kämpfen sie. Wenn nicht für sich, dann wenigstens für Joshua.“
Sam schüttelte den Kopf, senkte leicht beschämt den Blick und griff erneut nach ihrer Teetasse. „Sie haben recht. Streichen sie einfach meine letzte Bemerkung aus dem Protokoll.“
„Schon geschehen,“ grinste der Anwalt. „Und jetzt bestelle ich ihnen noch einen Tee, damit ihnen endlich warm wird und dann gehen wir da rüber und zeigen es diesem Wichtigtuer, hm?“
„Ja,“ nickte Sam.
„Na, das können sie doch besser, oder?“ hakte Grave mit hochgezogenen Augenbrauen nach.
„Jawohl Sir,“ entgegnete Sam lauter und mit einem breiten Grinsen.
„Das ist mein Mädchen,“ nickte der Anwalt lachend, winkte die Bedienung heran und gab ihre Bestellung auf.
Sams Blick huschte erneut hinaus durch die große Glasscheibe und konnte diesmal sogar den Anblick des Gerichtsgebäudes ertragen. Sie würde ihr bestes geben, alles andere lag nun nicht mehr in ihrer Hand.

Als sie dicht gedrängt unter William Graves Schirm in das Gerichtsgebäude traten, erwartete sie die erste, unangenehme Überraschung.
„Miss Fields, Tom Tylor von Channel 6. Können sie unseren Zuschauern sagen, wie sie sich gerade fühlen?“
Sam blickte verwirrt in die Kamera, während das Scheinwerferlicht die Szenerie um sie herum in gleißende Helligkeit tauchte. Etwa fünf oder sechs Reporterteams hatten sich eingefunden, das Verschlußklicken von mehreren Fotoapparaten hallte laut durch die weitläufige Marmorhalle und dahinter hatte sich eine Gruppe von vielleicht einem Dutzend junger Mädchen zusammen gefunden, die mit Plakaten und Digitalkameras bewaffnet waren.
„Miss Fields, Carren Lohmeier, National Enquire. Können sie uns sagen, ob Mr. Carter zu ihrer Unterstützung anreisen wird?“
„Miss Fields wird keine ihrer Fragen beantworten,“ schmetterte Grave sämtliche Fragen ab, die nun wie Gewehrfeuer auf sie einprasselten, während er Sam am Arm faßte und sie unnachgiebig auf die große Freitreppe zuschob.
„Sam!“ kam es vielstimmig von der Mädchengruppe. „Viel Glück Sam!“ „Wir drücken dir ganz fest die Daumen!“ „Wo ist Nick?“
Am liebsten hätte Sam sich die Ohren zugehalten. Was sollte das, verdammt noch mal? Das hier war ihr Leben und hatte nichts, aber rein gar nichts, mit Nick Carter zu tun. Wann kapierten sie das endlich?
Ein paar besonders vorwitzige Reporter folgten ihnen die Treppe hinauf, so dass der Anwalt am Treppenabsatz des ersten Stocks zu ihnen herumfuhr und sich vor ihnen zu seiner vollen Größe aufbaute.
„Wenn sie sich nicht augenblicklich von meiner Mandantin entfernen schwöre ich ihnen, dass ich ihnen eine Unterlassungsklage an den Hals hängen werde, mit der sie noch die nächsten Jahre beschäftigt sind.“
„Ho, ho, ho. Seht euch den versnobten, kalifornischen Anwalt an,“ kam es von einem dürren, junge Mann mit Nickelbrille und Notizblock in den Händen zurück.
Grave schenkte sich jeden Kommentar und schob Sam weiter vor sich her den Gang hinunter, die Pressemeute blieb dabei Gott sei Dank hinter ihnen zurück.
„Danke,“ sagte Sam leise.
„Keine Ursache. Meine Güte, das ist ja schlimmer, als ich erwartet hatte.“
„Sie hatten so etwas erwartet?“ fragte Sam entsetzt.
„Na ja ... sie waren mit Paris Hilton zusammen auf einem Foto. Das alleine reicht normaler Weise schon, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen,“ grinste er.
„Erinnern sie mich bitte nicht an diese blöde Kuh,“ schnaubte Sam, während ihr der Gedanke durch den Kopf schoss, dass Paris mit ihrer Einschätzung über Nick gar nicht so daneben gelegen hatte. Ein untreues Arschloch. Nicht wirklich weit von der Wirklichkeit entfernt, wenn man es sich recht überlegte.
Doch dieser Gedanke wurden augenblicklich davon geweht, als sie um die nächste Ecke des langen Flures bogen. Vor der Tür zum Gerichtssaal stand Greg mit dem Rücken zu ihr und unterhielt sich leise mit seinen Eltern und seinem Anwalt, während Viola vergeblich versuchte, Joshua irgendwie ruhig zu bekommen. Er hibbelte auf einer Bank herum, kletterte immer wieder hinauf, sprang dann von dort hinunter und auch Violas lautes „Joshua, verdammt noch mal, setz dich endlich hin und sei still,“ half da recht wenig.
„Josh?“ rief Sam, der Kopf ihres Sohnes ruckte zu ihr herum und noch ehe Viola wußte wie ihr geschah hatte er sich losgerissen und rannte auf Sam zu.
„Moooom,“ rief er und warf sich gleich darauf in ihre ausgebreiteten Arme.
„Hey mein Schatz. Alles in Ordnung?“ fragte Sam lächelnd, während sie ihn hochhob und mit ihm auf dem Arm langsam den Flur hinunter und auf die Gruppe zuschritt, die sich inzwischen geschlossen nach ihr umgedreht hatte.
„Nein. Die blöde Viola ist blöd und Grandpa und Grandma sind auch irgendwie komisch. Sie haben böse Sachen über dich gesagt.“
„Ehrlich?“ fragte Sam und wunderte sich nicht, dass ihre ehemaligen Schwiegereltern kein gutes Haar an ihr ließen. Allerdings verstand sie nicht, warum sie dies unbedingt in der Gegenwart von Joshua tun mußten.
„Wer ist das?“ fragte Joshua dann weiter, nachdem er scheinbar ihren Anwalt entdeckt hatte.
„Das ist der Mann, der mir dabei helfen soll, dass du zukünftig bei mir wohnen darfst,“ erklärte Sam.
„Oh, cool,“ grinste Joshua, dann schlang er ihr die Arme um den Hals und flüsterte ihr ins Ohr „ich glaube, den mag ich.“
„Ich mag ihn auch,“ gab Sam lächelnd zurück, dann hatten sie Greg erreicht.
„Samantha,“ nickte dieser und vergrub seine Hände tief in den Hosentaschen.
„Hallo Greg. Bernice, Dave,“ grüßte sie auch Gregs Eltern, doch sie wollten oder konnten darauf nichts erwidern.
„Hallo Viola,“ begrüßte sie auch die neue Frau ihres Ex-Mannes, doch diese schob sich lediglich an Greg heran und legte ihm demonstrativ und schweigend einen Arm um die Taille.
„Miss Fields. Angenehm, Edward Cole,“ stellte sich Gregs Anwalt vor und Sam empfand es beinahe als Ironie, dass sie diesen Mann von dem ganzen Haufen noch am sympathischsten fand.
„Herr Kollege,“ die beiden Anwälte schüttelten sich die Hände, während sich Sam mit Joshua auf eine, ein Stück entfernt an der Wand stehenden Bank zurück zog.
Sie setzte sich Joshua rittlings auf den Schoß und schloß die Arme fest um ihn.
„Und, erzähl mal. Wie ist es dir so ergangen?“ fragte sie.
„Oooch. Langweilig. Dad hat mich nicht zu meinem Freund Tom gehen lassen, aber ich weiß nicht genau wieso. Und Viola hat das Essen anbrennen lassen und dann hat sie sich mit Dad gestritten.“
„Das klingt aber nicht gut,“ entgegnete Sam milde.
„Hm ... ,“ murmelte ihr Sohn, der scheinbar gedanklich mit etwas ganz anderem beschäftigt war. Seine kleinen Finger strichen über ihren Hals und griffen dann nach dem runden Kettenanhänger.
„Die ist schön,“ sagte er, während er zwei seiner Finger durch das Loch in der Mitte steckte.
„Ja, nicht wahr. Das dachte ich auch,“ gab Sam zurück und versuchte den Gedanken zurück zu drängen, dass ihr diese Kette Nick geschenkt hatte. Doch so bald die Bilder einmal da waren, konnte sie sie nicht mehr aufhalten. Ihr Tag in Santa Barbara stand ihr plötzlich so deutlich vor Augen, dass sie beinahe meinte, die warme Briese vom Meer auf ihrem Gesicht spüren zu können und auf ihrer Zunge schmeckte sie ein ganz leises Schokoladenaroma.
„Mom? Warum bist du so traurig?“ hörte sie Joshua fragen und sie zuckte leicht zusammen.
„Ich bin nicht traurig,“ beeilte sie sich zu sagen.
„Doch bist du. Jedenfalls bist du kein Glückspilz, so wie Nick und ich ... manchmal.“
„Ach mein Schatz,“ seufzte Sam und strich ihrem Sohn liebevoll durch das Haar. „Das Leben eines Erwachsenen ist leider nicht immer leicht.“
„Ist Nick kein Erwachsener?“
„Doch ... schon irgendwie ... ,“ stammelte Sam und fragte sich, wie sie jetzt eigentlich auf dieses Thema gekommen waren.
„Warum ist er dann ein Glückspilz und du nicht?“
Was sollte sie auf diese verquere Kinderlogik nur antworten?
Der Gerichtsdiener rettete sie im letzten Moment. Die Tür zum Gerichtssaal ging auf und er bedeutete den Anwesenden, einzutreten. Joshua konnte allerdings nicht mit. Er würde vor der Tür bei Gregs Eltern warten und Sam benötigte fast fünf Minuten um dem Kleinen klarzumachen, dass sie ganz bestimmt wieder kam und er brav bei seinen Großeltern auf sie warten sollte.
Schließlich überließ sie ihn widerstrebend in Bernices Obhut, die versuchte Joshua mit einem Malbuch zu locken.
Bevor sie ihrem Anwalt folgte, blickte sie noch einmal den langen Gang hinunter und die Sehnsucht nach Nick schien sie diesem Moment vollkommen auszufüllen. Warum war er nicht hier?
Gleich darauf schallt sie sich eine Idiotin. Es war besser so. Für alle Beteiligten.
Mit festem Schritt betrat sie also den Gerichtssaal, wobei es „Großes Zimmer“ wahrscheinlich besser getroffen hätte. An der Stirnseite befand sich der etwas erhöhte Richtertisch, davor standen zwei Tische mit Stühlen für die beiden streitenden Parteien, an die sich nahtlos zwei Reihen abgenutzter Plastikstühle für eventuelle Zuschauer anschlossen.
Greg und Viola nahmen auf der rechten Seite Platz, Sam ließ sich hinter dem anderen Tisch mit William Grave nieder.
„Alles in Ordnung?“ murmelte er leise, während er Sams Akte hervor zog und diese zusammen mit einem Tintenfüller akkurat auf der Tischplatte anordnete.
„Ich glaube nicht. Aber das ist normal für mich, also machen sie sich keine Sorgen,“ gab Sam genau so leise zurück.
Grave wollte noch etwas sagen, als sich unvermittelt hinter dem Richtertisch eine Tür öffnete, der ehrenwerte Samuel Beckett in seiner schwarzen Richterrobe heraustrat und alle Anwesenden sich erhoben.
Richter Becketts runden, schwarzen Schädel zierte eine Glatze, seine kleinen Knopfaugen verschwanden beinahe hinter den dicken Brillengläsern und als er ihnen bedeutet, dass sie sich wieder setzen konnten, blitzen mehrere goldene Ringe an seinen kurzen, dicken Fingern auf.
Sam hatte augenblicklich das überwältigende Gefühl, dass sie ihn nicht mochte und innerlich stöhnte sie auf. Konnte es eigentlich noch schlimmer kommen?
Als die ersten Formalitäten erledigt waren und sich Gregs Anwalt erhob, um seine Eröffnungsrede zu halten, bekam Sam schließlich die Antwort auf diese Frage.
„Hohes Gericht. Mr. Grave. Miss Fields,“ begann er und nickte den Angesprochenen dabei zu. „Wir sind heute hier um über das Wohlergehen eines kleinen, fünfjährigen Jungen zu entscheiden. Dabei möchten wir gerne außer acht lassen, dass es zwischen den Eltern von Joshua unüberbückbare Differenzen gibt und Miss Fields dies gerne sehr bildhaft dem Kind darlegt ... ,“
Sam richtete sich in ihrem Stuhl auf und hatte bereits den Mund geöffnet um dieser unverschämten Bemerkung entgegen zu treten, doch Williams warme Hand auf ihrem Arm ließ sie verstummen.
„Lassen sie ihn nur,“ flüsterte er. „Das ist nur hohles Geschwätz. Sowas muß er sagen.“
„Aber doch nicht über mich,“ begehrte Sam auf.
„Nur die Ruhe,“ beschwichtigte sie der Anwalt und wandte sich wieder der Gegenpartei zu.
„ ... vielmehr sind wir heute hier, weil wir den Lebenswandel von Miss Fields nicht dafür geeignet empfinden, für eben diesen kleinen Junge Sorge zu tragen.
Wir werden beweisen, dass ... ,“
Die Tür zum Gerichtssaal, die in diesem Moment polternd aufflog, ließ Edward Cole mitten im Satz verstummen und alle Augen richteten sich auf die fünf Gestalten, die hektisch in den Raum stürmten.
„Gott sei Dank, wir haben’s noch rechtzeitig geschafft,“ hörte Sam BJ hervorstoßen, während sich ihr Blick wie magisch angezogen auf Nick richtete, der sich als letzter hinter Angel, BJ, Leslie und Aaron durch die Tür schob und diese dann leise hinter sich schloß.
Er trug einen dunklen Anzug, der ziemlich verknitterte wirkte und sein blondes Haar war vom Regen feucht. Doch seine Präsenz schien augenblicklich wie warmer Sonneschein durch den kalten, dunklen Raum zu fluten und Sam spürte, wie sich ihre Kehle zusammen schnürte und sie Schwierigkeiten mit dem Atmen bekam.
In diesem Moment richteten sich seine ernsten, blauen Augen auf sie, durchbohrten sie bis ins Mark und ließen sie auch nicht mehr los, bis er die Sitzreihe hinter ihr erreicht hatte und sich vorsichtig auf einen der Stühle nieder ließ. Sie hätte ihn berühren können, wenn sie beide die Hand ausgestreckt hätten, doch nichts lag ihr ferner. Beinahe meinte sie zu träumen. Er war tatsächlich hier! Warum?
Der gesamte Raum schien sich von der Störung noch nicht erholt zu haben, da stupste Angel ihren Bruder in die Seite und nickte auffordernd zum Richtertisch hinüber.
„Oh, ja. Richtig,“ sagte Nick sofort und fuhr hektisch in die Höhe.
Noch einmal warf er Sam einen langen Blick zu und der Ansatz eines warmen Lächelns huschte dabei über sein Gesicht, was Sams Herzschlag noch um ein vielfaches beschleunigte.
„Euer Ehren,“ wandte er sich dann mit fester Stimme direkt an Richter Beckett. „Bitte entschuldigen sie die Störung. Unser Flieger hatte wegen des schlechten Wetters Verspätung.“
„Mr. Carter nehme ich an,“ entgegnete der Richter und ihm war anzusehen, dass er diese Art von Störung in keinster Weise duldete.
„Richtig,“ nickte Nick. „Und das hier sind meine Geschwister Aaron, BJ, Angel und Leslie. Wir sind zur Unterstützung von Miss Fields hier.“
Sam hörte, wie Greg ein Schnauben von sich gab, konnte sich aber immer noch nicht von Nicks Anblick lösen.
„Mund zu,“ hörte sie Angel hinter sich leise kichern, was endlich den Bann zu brechen schien.
„Was macht ihr hier?“ flüsterte Sam vollkommen verwirrt.
„Wir sind für dich da,“ antwortete Nick an Angels Stelle, während er sich wieder setzte, die Beine übereinander schlug und ihr dann auch noch zuzwinkerte.
Wut wallte augenblicklich durch Sams Blutbahnen und sie mußte sich beherrschen, um nicht hier und vor all den neugierigen Blicken auf ihn loszugehen. Was bildete er sich eigentlich ein? Glaubte er wirklich, er konnte mit diesem Auftritt auch nur irgend etwas von dem wieder gut machen, was er ihr angetan hatte?
„Nun, ich schlage vor, wir setzen die Verhandlung vor. Bitte sparen sie sich jedwede Zwischenrufe oder Mitleidsbekundungen. Sie sind Zuschauer und diese verhalten sich still. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“ fragte der Richter mit düsterer Miene in Richtung der Carter Familie. Diese nickte unisono und Sam konnte sich endlich aus ihrer Erstarrung lösen. Sie drehte sich wieder auf ihrem Sitz herum und blickte damit direkt in Graves grinsendes Gesicht.
„Er kommt nicht, hm?“
„Pfh,“ war alles was Sam dazu sagen konnte.
„Nun gut ... ,“ setzte Gregs Anwalt neu an. „Wie ich gerade sagte sind wir heute erneut vor Gericht, weil wir den Lebenswandel von Miss Fields nicht dafür geeignet empfinden, für Joshua in ausreichender Weise Sorge zu tragen.
Die Anwesenheit von Mr. Carter finde ich besonders interessant, da die Beziehung zwischen ihm und Miss Fields von der Verteidigung als Grund dafür angegeben wird, warum das Sorgerecht auf sie übertragen werden sollte.
Wir werden zweifelsfrei beweisen, dass diese Beziehung nicht existiert. Wir werden sogar noch einen Schritt weiter gehen. Wir werden aufzeigen, dass dies alles eine große Show ist. Die Gefühle sind nicht echt, die Beziehung wurde für ein Massenpublikum inszeniert und nicht zu letzt haben die beiden versucht, das Gericht zu täuschen.“
William Graves Kopf fuhr alarmiert zu Sam herum, doch diese war nicht in der Lage sich zu rühren. Ihr Kopf war wie leer gefegt, ihr Rücken prickelte unangenehm, da sie Nicks Blicke körperlich spüren konnte, ihre Glieder waren eiskalt und schmerzten und ihr Herzschlag raste laut in ihren Ohren. Das konnte nicht sein. Sie konnten nichts von ihrem Plan wissen. Sie ...
„Samantha?“ hörte sie die Stimme ihres Anwalts wie durch Watte. „Samantha, ist alles in Ordnung?“
„Sam?“ das war Nick. Eindeutig. „Mach dir keine Sorgen. Was auch immer er erzählen wird, wir beide wissen, dass es nicht stimmt.“
Sie wollte schreien. So laut schreien, dass endlich jeder hier hören konnte, wie sie sich fühlte und was in ihr vorging, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Sie saß einfach nur da und ließ sich von dem herannahenden Orkan in Stücke reißen.

Kapitel 70