Kapitel 68

Als Nick, gefolgt von seinen Geschwistern, den Flughafen von L.A. durch eine gläserne Schiebetür betrat, konnte er seine Nervosität kaum noch im Zaum halten. Endlich war es so weit. Er würde Sam wieder sehen und hatte endlich Gelegenheit mit ihr über das zu reden, was in den letzten Tagen passiert war.
Aufmerksam suchten seine Augen die Menschenmenge vor, neben und hinter sich ab. War sie schon hier? Hatte sie vielleicht schon eingecheckt? Höchstwahrscheinlich, denn wie immer war die Carter Familie spät dran.
„Wir müssen da rüber,“ sagte Angel und deutete auf den Schalter der American Airlines.
Nur ein paar wenige Passagiere standen vor dem Check-In für die erste Klasse und Nick fühlte so etwas wie Enttäuschung, da er auf den ersten Blick sah, dass Sam nicht unter ihnen war.
„Du siehst sie noch früh genug,“ grinste Aaron, der sich neben ihn stellte und wartete, bis sie an die Reihe kamen.
„Genau,“ mischte sich nun auch BJ ein. „Und im Flugzeug sitzt sie direkt neben dir und kann nicht weglaufen.“
„Ich hoffe, du weißt bereits, was du ihr sagen willst,“ gab jetzt auch noch Leslie ihren Senf dazu, während sie ihren Koffer aufstellte und den Griff einklappte. „Wenn du nämlich nur wieder rumstammelst, hat sie die Lust verloren noch bevor du zum Punkt kommst.“
„Na vielen Dank, macht mir Mut,“ grummelte Nick.
„Du bist nervös, hm?“ fragte Angel und legte ihm einen Arm um die Taille.
„Das sollte er ja wohl auch sein,“ schnaubte Aaron, während Nick seine Schwester dicht an sich heran zog.
„Ich bin nicht nervös,“ entgegnete Nick. „Panik trifft es da schon eher.“
BJ und Leslie kicherten und er schüttelte den Kopf. Dass sie mitkamen, war wirklich eine Schnapsidee. Er hätte das alleine bestimmt viel besser auf die Reihe bekommen. Wie sollte er sich denn bitte schön mit Sam unterhalten, wenn vier Ohrenpaare dabei zuhörten und womöglich noch ihre mehr als deplazierten Kommentare dazu abgaben?
Aaron drückte sich vor ihm zu dem Check-In Schalter durch und reichte seinen Paß und das Flugticket über den Tresen.
„Können sie uns sagen, ob eine Samantha Fields bereits eingecheckt hat?“ fragte er dann mit einem breiten Grinsen und Nick wurde augenblicklich ganz flau im Magen.
Gespannt hielt er den Atem an, während die junge Frau hinter dem Schalter etwas in ihren Computer tippte.
„Uhm ... ,“ machte sie und schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid. Sieht nicht danach aus.“
„Wow. Dann muß sie sich aber beeilen,“ stellte Aaron fest, während er seinen Koffer auf das Förderband stellte und dann zur Seite trat, damit Nick seine Papiere über den Schalter reichen konnte.
„Das sieht ihr gar nicht ähnlich,“ bemerkte Angel. „Sie ist doch sonst immer super pünktlich und korrekt.“
„Das stimmt allerdings,“ pflichtete ihr Aaron bei.
„Können sie feststellen, ob ihre Reservierung für diesen Flug noch besteht?“ fragte Nick, während er seinen Koffer ebenfalls auf das Förderband stellte.
Wieder tippte die junge Frau auf ihrer Tastatur herum, dann schüttelte sie erneut den Kopf. „Tut mir leid, auch das kann ich nicht bestätigen.“
Für einen kurzen Moment wurde ihm schwindlig, doch dann schalt er sich selbst einen Idioten. Niemand hätte Sam davon abhalten können zur Sorgerechtsverhandlung zu fliegen. Es mußte eine andere Erklärung geben.
„Vielleicht ist sie früher geflogen,“ sprach Leslie seine Gedanken aus.
„Ja, sie könnte ihr Ticket umgebucht haben,“ nickte Angel sofort, die mittlerweile ebenfalls das Einchecken beendet hatte und sich zu ihren beiden Brüdern an die Seite stellte.
„Das würde passen,“ nickte Nick Gedanken verloren. „Deshalb hat sie zu Hause auch nicht aufgemacht.“
„Ihr meint, sie ist schon seit vier Tagen in Washington?“ hakte Aaron noch einmal nach.
„Könnte doch gut sein,“ entgegnete Leslie und gesellte sich, um ihren Koffer erleichtert, zu ihnen.
Nick versenkte die Hände in den Hosentaschen und versuchte das Unbehagen beiseite zu schieben, das in ihm wütete. Sam war bereits in DC, was bedeutete das?
Hatte sie sich vielleicht noch einmal mit Greg getroffen? Joshua gesehen?
Auf jeden Fall würde er sie erst im Gerichtssaal oder kurz davor zu Gesicht bekommen und das war gar nicht gut. Er hatte ihr so viel zu sagen, bevor sie sich dieser Verhandlung stellten. Er mußte ihr doch klar machen, dass er nach wie vor hinter ihr stand, dass er weiterhin mit ihr darum kämpfen würde, ihren Sohn zurück zu bekommen und dass er sie liebte.
„Hey, jetzt mach doch nicht so ein Gesicht,“ sagte Angel mitfühlend. „Wir sehen sie also etwas später. Was soll’s? Du kannst sowieso nichts mehr daran ändern.“
„Es wäre mir einfach lieber gewesen ... ,“ setzte Nick an, doch BJs aufgebrachte Stimme unterbrach ihn.
„Übergewicht? Das kann gar nicht sein! Wir sind nur ein paar Tage in DC, so viel habe ich also gar nicht eingepackt.“
„Tut mir leid, aber es sind ganz genau fünf Kilo zu viel,“ informierte sie die freundliche Dame ruhig.
Aaron begann neben ihm zu kichern und auch Leslie und Angel konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Nick! Das kann sie doch nicht machen,“ beschwerte sich BJ bei ihm und nun zuckten auch seine Mundwinkel ein Stückchen nach oben.
„Wenn du zu viel mitgenommen hast, kann sie das sehr wohl,“ entgegnete er, zückte seine Brieftasche und wandte sich an die junge Dame.
„Wieviel?“ fragte er.
Sie schenkte ihm ein breites Lächeln inklusive eines koketten Augenaufschlags und entgegnete „für ein Autogramm kann ich das vielleicht so ausbuchen.“
„Und wenn’s von mir noch eins oben drauf gibt?“ fragte Aaron, während er sich auf den Schalter stützte und sein schönstes Kleinjungenlächeln aufsetzte.
Das Lächeln des Mädchens wurde breiter, dann hackte sie wieder auf ihre Tastatur ein und schob Nick schließlich einen Zettel zu, auf dem das Übergepäck bereits als „bezahlt“ markiert war.
„Das ist wirklich sehr nett von ihnen,“ lächelte Nick „aber mal so ganz im Vertrauen,“ er beugte sich ein Stück über den Tresen, während ihm das Mädchen mit großen Augen entgegen kam „sie hat es überhaupt nicht verdient.“
Die junge Frau kicherte, kramte dann einen Zettel aus ihrer Schublade und reichte ihn Nick.
„Wie ist dein Name?“ fragte er, während er einen Kugelschreiber zu sich heran zog.
Während er ein kleines Dankeschön und seine Unterschrift auf das Stück Papier kritzelte dachte er, dass es manchmal doch ganz nett war, Nick Carter zu sein.

Er hatte schon lange keinen so unruhigen Flug mehr erlebt. Die ganze Zeit mußte er den Sicherheitsgurt geschlossen halten und wenn er es von seinem Platz aus richtig gesehen hatte, hatte sich zumindest BJ bereits einmal übergeben.
Dort, wo eigentlich Sam hätte sitzen sollen, saß ein alter Mann am Fenster, hatte die Hände im Schoß gefaltet und schlief ungeachtet der Turbulenzen, die das Flugzeug immer wieder heftig durchschüttelten.
So ein Gottvertrauen möchte ich auch mal haben dachte Nick neidisch und versuchte vorsichtig seine verkrampften Hände von den Armlehnen zu lösen. Doch ein weiteres Luftloch ließ ihn sofort wieder kräftig zupacken. Verdammt. Wenn er das hier überlebte würde er nie wieder sündigen, so viel stand fest.
Um sich abzulenken versuchte er seine Gedanken in eine andere Richtung zu dirigieren. Er sah Sam vor sich: Ihre widerspenstige Lockenmähne, ihr liebevolles Lächeln, ihre großen, braunen Augen, hörte ihre sanfte Stimme und konnte sich beinahe einbilden, ihre Parfum zu riechen. Er war sich nicht hundert Prozent sicher, aber ihm war, als hätte er noch nie jemanden so sehr vermißt.
Jede Minute, die seit ihrer Verabschiedung an diesem unsäglichen Abend verstrichen war, kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Sein gesamter Körper sehnte sich danach sie in den Arm zu nehmen, sie an sich zu drücken und damit buchstäblich in sie abzutauchen.
In den letzten Tagen hatte er sich manchmal gefühlt, als hätte man ihm seine komplette Stärke, seinen Lebenswillen und seine positiven Gedanken entzogen. Traurigkeit und Verzweiflung hatten sich wie eine dunkle Decke über ihn gelegt und der Umstand, dass er rein gar nichts daran ändern konnte, machte es nur noch schlimmer.
Vielleicht war das sogar das schlimmste: Die Hilflosigkeit, mit der er diesem Problem gegenüber stand. Wenn er wenigstens die Möglichkeit gehabt hätte mit ihr zu reden. Selbst wenn sie ihn danach weggeschickt, ihn beschimpft oder gedemütigt hätte ... das alles wäre lange nicht so schlimm wie dieses Gefühl der Machtlosigkeit.
Er versuchte sich vorzustellen, was bei der Verhandlung auf ihn zukommen mochte, aber seine Fantasie reichte dafür bei weitem nicht aus. Im Grunde genommen war er auf dem Weg in eine Schlacht und dabei mußte er nicht nur gegen Sams Widerstand ankämpfen.
Das Knacken der Bordlautsprecher riß ihn unvermittelt aus seinen Gedanken und er fühlte eine gewisse Wut darüber in sich aufsteigen. Konnte man sich nicht einmal in Ruhe seiner Verzweiflung hingeben?
Sehr geehrte Damen und Herren. Wegen des schlechten Wetters müssen wir einige Verzögerungen in Kauf nehmen. Über dem Flughafen von Washington DC hat sich ein Sturmtief zusammen gebraut und wir werden einige Warteschleifen fliegen müssen.
Es gibt allerdings keinen Grund zur Beunruhigung. Wir werden zwar verspätet, aber sicher landen. Bitte bleiben sie angeschnallt. Unser Servicepersonal kümmert sich gerne um ihre Wünsche.

Ein weiteres Knacken beendete die Ansage und Nick seufzte vernehmlich. Das war ja fast so, als hätte sich jetzt auch noch der Himmel gegen ihn verschworen.
„Keine Sorge junger Mann,“ sagte sein Sitznachbar unvermittelt. „Wir kommen ganz bestimmt heil unten an.“
„Daran zweifle ich auch nicht ... uhm ... nicht wirklich zumindest,“ entgegnete Nick mit einem verkniffenen Lächeln. „Ich habe nur ... einen sehr wichtigen Termin und darf den auf keinen Fall verpassen.“
„Wenn sie einmal so alt sind wie ich,“ lächelte der Mann. „Werden sie verstehen, dass Geschäfte nicht alles sind.“
„Es geht um eine Frau,“ gab Nick zurück und schaute leicht beschämt auf seine Hände hinunter. Warum hatte er das jetzt gesagt?
„Und diese Frau wird sicherlich froh sein, wenn sie erfährt, dass sie sich nur verspätet haben und nicht zu Tode gekommen sind, weil der Pilot übereilt gehandelt hat,“ gab der Mann zu bedenken.
„Ihr Wort in Gottes Ohr,“ murmelte Nick und schloß die Augen. Warum hatte er eigentlich diesen späten Flug gebucht? Er hätte doch genau so gut mit Sam bereits einen Tag früher fliegen und sich noch einen schönen Abend in Washington machen können.
Andererseits ... dann hätte er die Bänder nicht zu Ende ansehen können und er hätte nicht ...
Wieder rauschte das Flugzeug unter lautem Getöse in ein Luftloch, Nicks Magen hob sich und drehte dann eine Pirouette um die eigene Achse.
Bitte lieber Gott dachte er. Habe ich jetzt nicht schon genug gelitten? Ich will mich jetzt nicht auch noch in diese blöde Spucktüte übergeben müssen.
In diesem Moment wurde ihr schneller Fall gebremst, das Flugzeug beruhigte sich wieder und Nicks Magen vollführte nun eine Drehung in die andere Richtung. Er presste fest die Lippen zusammen, spürte dabei, wie ihm sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich und griff dann hastig nach der weißen Papiertüte. Warum wurden eigentlich ausgerechnet seine Gebete nie erhört?

Kapitel 69