Kapitel 67

Erst als Sam am nächsten Tag aus dem Taxi stieg, das sie zu der Schwimmhalle in die Innenstadt gebracht hatte, verdrängt ganz langsam die Freude darüber, gleich ihren Sohn in die Arme schließen zu können, das Gefühl des Schmerzes und der Hilflosigkeit. Noch immer wußte sie nicht, ob Megan und Joel sie als ihr neues Kindermädchen einstellen wollten.
Joel hatte irgendwann angerufen und sich entschuldigt. Es gäbe noch einiges im Verlag zu tun und er würde es wohl erst spät nach Hause schaffen. Also hatten Megan und Sam sich darauf geeinigt, dass Megan in Ruhe mit ihrem Mann sprach und Sam dann am nächsten Tag telefonisch über das Ergebnis informierte.
Als Sam an diesem Abend ihr Handy einschaltete, hatte sie Angst davor, dass es im nächsten Moment klingeln könnte und sie sich unvermittelt Nicks Stimme gegenüber sah, doch dies passierte Gott sei Dank nicht. Stattdessen verkündete das anhaltende Piepsen des Telefons, dass ganze zwanzig Nachrichten auf ihrer Mailbox auf sie warteten und noch einmal genau so viele Kurzmitteilungen eingegangen waren. Ohne darüber nachzudenken löschte sie alles, ohne hineingesehen oder –gehört zu haben und dies noch dazu ohne schlechtes Gewissen oder Bedauern. Sie wollte mit Nick nichts mehr zu tun haben und ihren Blick statt dessen nach vorne richten.
Immer vorausgesetzt, dass überhaupt eine der Nachrichten von ihm gekommen war. Vielleicht hatten sich auch nur seine Geschwister bemüht sie zu erreichen und ihm war sie inzwischen vollkommen egal.
Sie konnte sich leider nicht wirklich entscheiden, was ihr lieber war: Dass er sich vor Sehnsucht nach ihr verzehrte und somit das letzte Kapitel ihrer Beziehung noch nicht geschrieben war oder er sie inzwischen bereits abgehakt und vergessen hatte. Beides schmerzte, beides war nicht wirklich befriedigend und beides brachte sie dazu, sich die halbe Nacht grübelnd in ihrem Bett hin und her zu werfen.
Inzwischen war es Nachmittag, ihr Handy blieb totenstill und zumindest im Fall von Megan und Joel hielt Sam dies für kein wirklich gutes Zeichen.
Doch jetzt verblassten sowohl ihre neuen, potenziellen Arbeitgeber, als auch die gesamte Carter Familie ganz langsam zu einer unwichtigen Kleinigkeit, als sie die Tür zur Schwimmhalle aufzog und augenblicklich in eine feuchte Wärme und dem Geruch nach Chlor eintauchte.
In der kleinen Eingangshalle standen ein Ticketautomat für die Eintrittskarten des Schwimmbads, ein Getränkeautomat und mehrere Holzbänke. Rechts gelangte man durch ein Drehkreuz zu den Umkleidekabinen und damit zum Eingang in die Schwimmhalle und direkt vor ihr dehnte sich eine decken hohe Glasscheibe bestimmt hundert Meter weit nach links aus, durch die man einen direkten Blick auf das Schwimmerbecken werfen konnte.
Langsam trat Sam näher, während ihre Augen das blaue Nass nach ihrem Sohn absuchten. Eine Gruppe von vielleicht zwanzig Kindern tummelte sich im Wasser oder am Beckenrand. Zwei Trainer in Jogginghosen und weißen T-Shirts kümmerten sich außerhalb des Wassers um ihre Schützlinge, während sich zwei weitere Erwachsene im Wasser aufhielten und von dort das Geschehen im Auge behielten.
Vorsichtig legte Sam die Hände an die Scheibe und drückte ihre Nase gegen das kühle Glas. Wo war Joshua? Greg hatte doch wohl nicht ...
Doch da erblickte sie ihren Sohn. Er stand am Rand, trug eine kleine, blaue Badehose und hatte die Arme zitternd um seinen schmächtigen Körper geschlungen, während er aufmerksam auf die Anweisungen seines Trainers lauschte.
Sams Herz weitete sich augenblicklich, ein breites, liebevolles Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und nahm ihm damit vorübergehend den abgehärmten Zug um Augen und Mundwinkel. Dort drüben stand ihr Lebenselixier, der Grund, warum sie jeden Morgen aufstand, warum sie weiterhin kämpfte und warum sie sich noch nicht selbst aufgegeben hatte. Der Anblick seines kleinen, zitternden Kinderkörpers war wie Balsam für ihre angeschlagene Seele und am liebsten wäre sie sofort zu ihm gestürmt und hätte ihn in ihre Arme gezogen.
Doch seine Trainingsstunde dauerte noch zwanzig Minuten, also würde sie sich in Geduld üben müssen und ihn statt dessen von ihr aus beobachten.
Joshua nickte in diesem Moment und wandte sich dem Becken zu. Er hob die Arme über den Kopf, drückte seine Handflächen aneinander und sah dann noch einmal zu seinem Trainer auf. Dieser schien noch etwas zu sagen, dann wandte Joshua seinen Blick wieder hinunter auf das Wasser und ließ sich dann, mit dem Kopf voran in das Becken fallen.
Wasser spritze auf und verschluckte ihren Sohn, der gleich darauf zwei Meter weiter wieder aus den Fluten auftauchte und mit leicht hektisch wirkenden Schwimmzügen auf den Beckenrand zu schwamm. Sein Trainer kam ihm dabei entgegen und klatschte lächelnd in die Hände, während Josh mit einem stolzen Grinsen aus dem Becken kletterte.
Er wollte etwas sagen, entdeckte aber dann seine Mutter, die immer noch dicht an die Glasscheibe gepresst da stand und rannte augenblicklich los. Sein lautes „Mooooom“ konnte sie sogar durch die gedämmte Glasscheibe hören und als sich gleich darauf seine beiden nassen Kinderhände auf der anderen Seite gegen das Glas pressten, ging sie davor in die Hocke legte ihre Hände darüber.
„Hey mein Schatz,“ sagte sie, auch wenn er sie sicherlich nicht hören konnte.
„Hast du mich gesehen?“ brüllte er, so dass zumindest ein leises Wispern an ihr Ohr drang.
Sie nickte sofort heftig.
„Du mußt gucken!“ rief er, drehte sich herum und flitzte wieder zurück an den Beckenrand.
Ein leises, glückliches Lachen perlte über ihre Lippen, während sie ihren Sohn dabei beobachtete, wie er sich erneut aufstellte, ihr noch einmal zuwinkte um ganz sicher zu gehen, dass sie auch wirklich zu ihm herüber sah, und sich dann erneut mit einem Kopfsprung in das Wasser fallen ließ.
Gleich darauf stand er wieder vor ihr an der Scheibe. Sie konnte diesmal nicht verstehen was er ihr erzählte, zu aufgeregt plapperte sein Mund und die Scheibe verschluckte den Klang seiner Stimme, doch Sam war der Meinung, schon lange nicht mehr so glücklich gewesen zu sein.
Erneut fuhr Joshua herum, lief zu seinem Trainer hinüber und deutete dann hinüber zu Sam, während er aufgeregte Worte hervor stieß. Sie sah wie der Mann einen Blick zu ihr hinüber warf, dann nickte und Joshua noch einmal auf die Schulter klopfte, dann flitzte Joshua davon und aus ihrem Blickfeld.
Keine viertel Stunde später bewegte sich das Drehkreuz und spuckte einen halb angezogenen Joshua mit tropfend nassen Haaren und eine riesigen Sporttasche aus.
„Mooooomyyyyy,“ brüllte er, rannte auf sie zu und warf sich in ihre offenen Arme.
„Hey mein Schatz. Meine Güte, das kannst du aber schon klasse mit dem Kopfsprung. Sowas habe ich noch nie fertig gebacht.“
„Ich trainiere auch ganz fleißig. Tom sagt, dass ich irgendwann vielleicht bei Olympia mitschwimmen kann.“
„Wow, na wenn Tom das sagt,“ grinste Sam, während sie Joshua ein kleines Stück von sich schob, seine Sporttasche öffnete und ein Handtuch daraus hervor zog.
„Bleibst du jetzt für länger?“ fragte Joshua hoffnungsvoll, während Sam ihm die Haare trocken rubbelte, sein T-Shirt in die Hose stopfte und ihm seinen Pullover über den Kopf zog.
„Ich weiß es noch nicht mein Liebling. Vielleicht habe ich bald einen Job, ganz in deiner Nähe. Da gibt es auch eine Wohnung, wo du mit mir wohnen könntest. Aber ... na ja ... das ist noch nicht so ganz sicher.“
„Und Dad?“ fragte Joshua, während er sich den Finger ins Ohr steckte und sich heftig kratzte.
Sam faßte nach seiner heftig zuckenden Hand, zog sie aus seinem Ohr und rubbelte statt dessen mit dem Handtuch drüber.
„Was meinst du?“
„Wird Dad auch bei uns wohnen?“
„Nein mein Schatz. Aber du könntest ihn natürlich so oft besuchen, wie du möchtest.“
„Nur, wenn die blöde Viola nicht da ist,“ stieß Joshua schmollend hervor.
„Wir werden sehen. Hat Dad ... uhm ... dir von der Verhandlung erzählt, die in zwei Tagen stattfindet?“ fragte sie so beiläufig wie möglich.
„Ja. Er hat gesagt, dass da ein ganz wichtiger Mann sitzt und dass der sagt, wo ich in Zukunft wohnen soll. Aber Mom, ich brauche gar keinen wichtigen Mann der mir sagt, wo ich wohnen soll. Ich will bei dir wohnen.“
Ein sanftes Lächeln huschte bei seinen Worten über ihre Lippen, während sie das Handtuch wieder in der Sporttasche verstaute und langsam aufstand.
„Leider ist es nicht immer so, dass Kinder bestimmen dürfen, wo sie leben möchten, weißt du?“
„Warum?“
„Gute Frage. Das ist das Gesetz. Und an Gesetze muß sich jeder halten.“
„Ich finde Gesetze doof,“ kommentierte Joshua und sah treuherzig zu Sam auf.
Sam mußte gegen ihren Willen lachen. „Ich verstehe was du meinst, aber Gesetze sind durchaus wichtig. Aber das erkläre ich dir ein andermal. Jetzt müssen wir erstmal entscheiden, was wir an diesem herrlichen Tag unternehmen wollen.“
„Ich will ein Eis!“ rief Joshua sofort und faßte nach der Hand seiner Mutter.
„Okay. Eis klingt gut. Und danach in den Park auf den Spielplatz?“
„Uhm ... okay,“ nickte Joshua.
Während sie hinaus in strahlenden Sonneschein traten, schaute sich Joshua aufmerksam um. „Ist Nick heute nicht da?“
Eine glühende Faust bohrte sich augenblicklich in Sams Eingeweide. Eigentlich hatte sie gehofft, dass ihr Sohn den großen, blonden Mann bereits vergessen hatte.
„Uhm ... nein.“
„Schade. Er ist nämlich ein Glückspilz, genau wie ich. Hast du das gewußt?“
„Na, dass du ein Glückspilz bist, war mir schon immer klar,“ lächelte Sam, während sie Joshua durch das Haar fuhr um die abstehenden Haarsträhnen zu glätten.
„Und er auch. Er hat gesagt, er wäre glücklich mit uns.“
Sam hielt die Luft an, während sie versuchte ihren langsamen Schlenderschritt beizubehalten und Joshuas Finger in ihrer Hand nicht einfach zu zerquetschen. Warum holte sie dieser verflixte Nick Carter nur immer wieder und auf so unterschiedliche Weise ein?

Sie hatten bereits eine riesige Portion Eis verdrückt und waren gerade dabei eine riesige Sandburg zu bauen, als sich das Handy in Sams Tasche bemerkbar machte.
„Kommst du einen Moment alleine klar?“ fragte Sam ihren Sohn, während sie das Telefon hervorzog.
„Aber nur ganz kurz,“ gestattete ihr Sohn mit einem bedächtigen Nicken.
„Ehrensache,“ entgegnete sie, fuhr ihm noch einmal durchs Haar und verließ dann den Sandkasten, während sie einen flüchtigen Blick auf das Display warf und hoffte, dass nicht Nick es war, der sie jetzt anrief.
„Samantha Fields,“ meldete sie sich also, auf alles gefaßt.
Erleichterung durchflutete sie augenblicklich, als sie Megans Stimme vernahm. „Hey Sam, hier ist Megan. Na, hast du einen schönen Tag mit deinem Sohn?“
„Oh ja. Wir sitzen gerade im Sandkasten und bauen die Sandburg des Jahrhunderts,“ kicherte Sam.
„Na, das klingt doch vielversprechend. Hör zu, ich habe mit Joel gesprochen und wir sind beide der Meinung, dass wir es gerne mit dir versuchen möchten.“
„Wirklich?“ rief Sam aufgeregt und überglücklich, schlug sich aber gleich darauf die Hand vor den Mund, als bereits zwei Mütter, die in der Nähe auf einer Bank saßen, misstrauisch zu ihr hinüber blickten.
„Ja, wirklich,“ hörte sie Megan lachen.
„Das ist ... toll ... oh mein Gott. Vielen, vielen Dank. Ich verspreche, ich bin euer Vertrauen wert. Ich werde ... ,“
„Hey, hey, mal ganz langsam,“ hörte sie Megan schmunzeln. „Mein Angebot mit dem Job und der Wohnung steht, aber wir behalten uns vor das Arbeitsverhältnis aufzulösen wenn wir feststellen, dass deine ... uhm ... Beziehung zu diesem Nick Carter mehr Einfluß auf unsere Familie hat, als ihr gut tut. Kannst du das verstehen?“
Sam war wieder ernst geworden und nickte unbewußt. „Natürlich kann ich das.“
„Also abgemacht?“
„Abgemacht,“ entgegnete Sam und fühlte, wie ihr ein riesiger Felsbrocken vom Herzen fiel. Jetzt war alles wieder offen. Sie konnte der Verhandlung gelassener entgegen sehen, sie hatte eine mehr als positive Zukunftsaussicht und vielleicht ... nur ganz vielleicht ... würde sich doch noch alles zum Guten wenden.
Vorausgesetzt natürlich, Nick Carter machte ihr nicht schon wieder einen Strich durch die Rechnung.

Kapitel 68