Kapitel 66

Wenig später mußte Megan einen Anruf in ihrem Arbeitszimmer entgegen nehmen, so dass Sam alleine im Wohnzimmer zurück blieb und versuchte, sich wenigstens ansatzweise zu sammeln. So viel war in kürzester Zeit auf sie eingestürzt. Heute morgen war sie noch der Meinung gewesen, dass sie all ihre Kräfte mobilisieren mußte, um einen Job und eine Wohnung zu finden und hätte dabei niemals damit gerechnet, dass sie dies tatsächlich noch vor der Verhandlung bewerkstelligen konnte.
Und jetzt saß sie hier, hatte einen Job, eine Wohnung und Anschluß an eine große Familie. Und dies war sozusagen ohne ihr Zutun und aus heiterem Himmel auf sie eingestürzt.
Mit einem Lächeln lehnte sie sich in die bequemen Polster des Sofas zurück, nur um gleich darauf wieder in die Höhe zu fahren, da sich etwas schmerzhaft in ihren Rücken bohrte. Mit einem Grinsen zog sie gleich darauf ein Kinderbuch aus robuster Pappe zwischen den Kissen hervor. Eigentlich das erste Zeichen dafür, dass hier tatsächlich Kinder wohnten.
„Das ist meins,“ kam es plötzlich vom Durchgang zum Wohnzimmer und Sam fuhr augenblicklich zu der leisen Stimme herum.
Jane stand auf der obersten Treppenstufe und schaute mit großen Augen auf Sam hinunter.
„Das ist auch ein schönes Buch,“ nickte Sam sofort. „Möchtest du es dir mit mir ansehen?“
Sofort schüttelte Jane vehement den Kopf, so dass ihre dunklen Locken um ihren Kopf herum flogen.
„Hm ... dann lege ich es einfach hier hin, was meinst du?“ fragte Sam weiter und plazierte das Buch vor sich auf den niedrigen Couchtisch aus dunklem Holz.
Immer noch machte das Mädchen keine Anstalten, zu ihr hinüber zu kommen.
Sam setzte sich seitlich auf die Couch, damit sie Jane besser ansehen konnte und fuhr dann im Plauderton fort. „Hat es dir heute auf dem Spielplatz gefallen?“
Die Kleine schien erst einen Moment zu überlegen, dann schüttelte sie langsam den Kopf.
„Was hättest du denn statt dessen gerne gemacht?“
„Malen,“ entgegnete Jane wie aus der Pistole geschossen.
„Hey, das ist doch eine Idee. Ich male auch sehr gerne. Magst du mir ein paar von deinen Bildern zeigen?“
Bevor die Kleine allerdings antworten konnte, hörte Sam, wie ein Schlüssel im Schloß gedreht wurde und gespannt richtete sich ihr Blick auf die Eingangstür.
„Das ist Philli,“ kommentierte Jane, während die Haustür aufschwang und ein junges Mädchen mit knallrot gefärbten Haaren und einer dunklen Jeansjacke über der Schulter, in einem engen, schwarzen T-Shirt, das die ersten Rundungen ihres Busens hervorhob und ebenfalls schwarzen, hautengen Jeans das Haus betrat.
Mit Schwung warf sie ihre Jacke in Richtung Garderobe, wo sie zu einem kleinen Haufen zusammen geknüllt auf dem Boden landete und wandte sich dann Richtung Küche, bevor sie abrupt mitten im Schritt inne hielt.
„Hi,“ sagte Sam und hob kurz die Hand zum Gruß.
„Wer sind sie?“ fragte Phillippa stirnrunzelnd, kam einige Schritte auf das Wohnzimmer zu und legte Jane dann beschützend eine Hand auf die Schulter.
„Das ist unser neues Kindermädchen,“ informierte sie Jane altklug.
„Na su- ...,“ setzte Phillippa an, dann wurden ihre Augen plötzlich ganz groß und ihre Wangen färbten sich augenblicklich dunkelrot. „Das ... sie ... sie sind doch ... ,“ stammelte sie und zeigte dabei mit einem zitternden, ausgestreckten Finger auf Sam. „Samantha Fields, richtig?“
Sam war zu verblüfft um irgend etwas sagen zu können, doch Jane bekam große Augen und starrte ihre große Schwester beinahe ehrfürchtig an.
„Woher weißt du das?“ fragte sie.
Phillippa beugte sich ein Stück zu ihrer Schwester hinunter, doch die geflüsterten Worte drangen trotzdem gut hörbar zu Sam herüber „das ist doch Nicks Freundin.“
„Ohhhh,“ machte Jane sofort und richtete ihren Blick mit neugewonnener Neugier auf Sam.
„Uhm ... ja,“ nickte Sam etwas verspätet, während sie fieberhaft überlegte, wie sie den Mädchen begreiflich machen sollte, dass sie nicht mehr mit Nick zusammen war und dass das im Prinzip sowieso egal war, weil sie ja schließlich eine eigenständige Person war und ...
„Hey, da bist du ja schon,“ unterbrach Megan Sams rasende Gedanken und legte ihrer ältesten Tochter einen Arm um die Schulter. „Wie ich sehe, hast du dich mit Sam schon bekannt gemacht. Sie wird euer neues Kindermädchen und bevor du dich wieder aufregst, dass ... ,“
„Nein, nein,“ unterbrach Phillippa ihre Mutter, während sie Sam keinen Moment aus den Augen ließ. „Das ist toll. Wirklich oberkraß. Meine Güte, wenn ich das in der Schule erzählen, die werden vor Neid tot umfallen.“
Jetzt war es an Megan verständnislos zwischen ihrer Tochter und Sam hin und her zu sehen.
„Muß ich das verstehen?“ fragte Megan schließlich.
„Das ist Nicks Freundin,“ informierte sie Jane und grinste dabei von einem Ohr bis zum anderen.
„Welcher Nick?“ fragte Megan verständnislos.
„Ohhh Moooom,“ kam es sofort augenrollend von Phillippa.
„Ach herrje,“ stieß Megan hervor. „Doch nicht etwa dieser Nick Carter?“
„Oh doch, genau der,“ gab Phillippa mißmutig zurück, die sich scheinbar wieder darauf besonnen hatte, dass sie in der Pubertät und von daher nicht gut auf ihre Mutter zu sprechen war, löste sich von ihr und kam die zwei Stufen ins Wohnzimmer hinunter, wo sie sich wie selbstverständlich neben Sam auf das Sofa fallen ließ.
„Du mußt mir alles erzählen,“ plapperte sie aufgeregt und legte Sam vertraulich eine Hand auf den Arm. „Wie ist er denn so? Und wie habt ihr euch denn nun wirklich kennen gelernt? Ist House of Carters schon abgedreht? Und hast du die anderen Jungs auch schon kennen gelernt? Mann, ich bin schon seit einem Jahr ein absoluter Fan und jetzt sitzt hier tatsächlich Samantha Fields auf meinem Sofa. Ich ... ,“
„Phillippa,“ bremste Megan den Redefluß ihrer Tochter. „Vielleicht solltest du Sam nicht gleich so bedrängen. Vielleicht möchte sie darüber gar nicht reden?“
„Ist schon in Ordnung,“ wehrte Sam ab, auch wenn eigentlich rein gar nichts in Ordnung war. Wie sollte sie denn bitte schön mit Phillippa auch nur einen vernünftigen Satz reden, wenn sie in ihr nur Nick Carters Freundin sah?
„Gott, ich bin so aufgeregt,“ kicherte Phillippa. „Das muß ich gleich Sandy erzählen,“ und mit diesen Worten sprang sie von der Couch auf, durchquerte das Wohnzimmer und hastete gleich darauf die Stufen in den ersten Stock hinauf.
Als Sam, immer noch verwirrt, wieder aufsah, hatte sich Jane inzwischen näher an sie heran geschoben und musterte sie aus großen, dunklen Augen.
„Warst du schon im Fernsehen?“ fragte sie schließlich leise.
„Nein ... uhm ... noch nicht,“ gab Sam zu und warf dabei einen schnell Blick zu Megan hinüber, die mittlerweile in der Mitte des Raumes stand und Sam mit gerunzelter Stirn musterte.
„Jane, wie wäre es, wenn du mal nach oben gehst und nachsiehst, ob die anderen keine Dummheiten anstellen. Ich möchte gerne mit Sam alleine reden,“ sagte sie und in Sam zog sich alles zusammen. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn dieser Traum Wirklichkeit geworden wäre.
Ohne ein weiteres Wort fuhr Jane herum und verschwand in den tiefen des Hauses.
„So, und nun zu uns beiden,“ sagte Megan, kam näher und ließ sich gleich darauf in einen Sessel Sam gegenüber nieder. „Du bist also mit einem Popstar zusammen?“
„Ja ... nein ... nicht mehr,“ würgte Sam hervor.
„Hm ... meinst du nicht, das hättest du mir vorher sagen sollen?“
„Ich .. ich weiß nicht. Ehrlich gesagt ... also ... ich habe darüber nicht nachgedacht. Ich ... wir ... haben uns getrennt, ich bin aus L.A weg und will jetzt einfach nur mein Leben auf die Reihe kriegen. Nick hat mit all dem hier nichts zu tun.“
„Tja, Phillippa sieht das wohl etwas anders. Ihr ganzes Zimmer ist mit diesem Nick Carter tapeziert.“
Sam schluckte hart. Auch das noch.
Megan musterte sie einen Moment aufmerksam. „Er hat dich ganz schön verletzt, kann das sein?“
Sam nickte langsam, weil sie nicht mehr in der Lage war, einen Ton heraus zu bringen. Rasend schnell hatte sie alles wieder eingeholt, was sie heute schon den ganzen Tag in den hintersten Winkel ihres Gehirns geschoben hatte. Sie wollte nicht mehr an Nick denken. Das war vorbei. Aus und Schluß.
„Traust du es dir denn zu Phillippa klar zu machen, dass sie dich als normalen Menschen sehen soll und nicht als die Freundin ihres angebeteten Popstars?“ fragte Megan weiter.
„Ich weiß es nicht,“ quetschte Sam hervor. „Ich hatte bisher ... also ... ich meine ... auch wenn das jetzt blöd klingen mag, aber für mich war und ist Nick ein ganz normaler Mann. Also ... sofern man seinen Charakter als normal einstufen kann. Ich hatte bisher noch nicht wirklich viel zu tun mit diesem ganzen Starrummel.“
„Auf jeden Fall ändert das einiges, meinst du nicht?“
„Inwiefern?“
„Nun ja ... ich habe, ehrlich gesagt keine Lust, dass meine Kinder zukünftig von irgendwelchen Papparazzies umgeben sind, verstehst du?“
„Ich glaube kaum, dass es dazu kommen wird. Wie gesagt, Nick und ich sind nicht mehr zusammen,“ dann kam ihr ein Gedanke und wie ein glühendes Schwert bohrte sich dieser in ihre Eingeweide. „Andererseits,“ murmelte sie schließlich leise „werde ich zukünftig tatsächlich im Fernsehen zu sehen sein. Die Dokumentation läuft, glaube ich, in vier Wochen oder so an und dann ... nun ja ... werden einige Details über meine Beziehung zu Nick und meine Person ... ähm ... öffentlich. Ich habe keine Ahnung, wie sich das auswirken wird.“
Megan seufzte. „Es wäre auch zu einfach gewesen,“ hörte Sam sie murmeln und ihr wurde augenblicklich übel.
„Es tut mir leid,“ flüsterte sie und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Wie konnte es sein, dass sie für ihren Fehler mit Nick gleich doppelt bezahlen mußte? Das war nicht fair!
„Na, na,“ sagte Megan, stand aus ihrem Sessel auf und setzte sich neben Sam auf das Sofa. „Noch ist doch nichts entschieden. Ich werde das mit Joel besprechen, der kennt sich in diesen Öffentlichkeitsgeschichten wesentlich besser aus und dann werden wir entscheiden, wie wir damit umgehen wollen.“
„Hm,“ nickte Sam wenig beruhigt.
„Ich weiß, es ist nicht gerade fair, dass wir dir deine Beziehung zu einer berühmten Persönlichkeit zum Vorwurf machen, aber du mußt auch mich verstehen. Ich möchte meine Kinder schützen und ...,“
„Das verstehe ich doch,“ fiel ihr Sam ins Wort, weil sie der Meinung war, nicht noch mehr ertragen zu können. „Es ist einfach nur ... weiß du ... ich dachte tatsächlich für einen Augenblick, dass wenigstens einmal in meinem Leben etwas gutes passieren könnte. Und jetzt ... jetzt ...,“ Sam schniefte leise und schüttelte den Kopf.
Was tat sie hier eigentlich? Dass sie jetzt hier saß und vor sich hin heulte, nützte niemandem etwas. Ganz im Gegenteil, wahrscheinlich würde sie Megan nur noch mehr davon überzeugen, dass sie nicht die geeignete Person war, um auf ihre Kinder aufzupassen.
„Sam?“ unterbrach eine helle Kinderstimme das Gespräch der beiden Frauen und Sam wischte sich schnell verstohlen zwei Tränen aus den Augenwinkeln.
„Ja Jane?“
„Guck mal. Das habe ich gemalt,“ verkündete die Kleine, kam die beiden Stufen ins Wohnzimmer hinunter gehüpft und legte Sam ein großes Blatt Papier auf die Knie.
„Wow, das sieht aber toll aus,“ lächelte Sam, auch wenn sie nicht wirklich erkennen konnte, was die Kleine da zu Papier gebracht hatte.
„Das ist unser Auto,“ erklärte Jane bereitwillig, lehnte sich gegen Sams Knie und fuhr mit dem Finger über das Papier. „Und das ist Daddy und das da drüben Momy und das da bin ich.“
„Ich sehe es ganz deutlich,“ nickte Sam ernst. „Und das hier?“
„Das ist ein Baum,“ erklärte Jane bereitwillig.
„Das hast du wirklich ganz toll gemacht,“ bestätigte Sam noch einmal und fuhr der Kleinen vorsichtig über das Haar.
„Magst du noch mehr Bilder sehen?“ fragte Jane hoffnungsvoll.
Sam warf einen fragenden Blick zu Megan hinüber. „Klar, geht nur,“ sagte diese lächelnd, ergriff allerdings Sams Hand, bevor sie aufstehen konnte. „Mach dir keine Gedanken, ja? Wir kriegen das bestimmt irgendwie auf die Reihe, hm?“
Sam nickte wenig überzeugt, brachte aber trotzdem so etwas wie ein Lächeln zu stande. Dann folgte sie Jane, die ihr durch den Flur und die Treppe hinauf voraus ging.
Ein langer Flur führte durch das obere Stockwerk, von dem mehrer Türen abgingen. Sam blieb beinahe das Herz stehen, als ihr unmittelbar hinter dem Treppenabsatz ein übergroßer Nick aus einem Plakat heraus entgegen lächelte. Der Schmerz, der bei seinem unerwarteten Anblick durch ihre Eingeweide raste, war kaum zum Aushalten. Das Poster klebte an einer Tür, wahrscheinlich Phillippas, die nur angelehnt war und dahinter konnte sie die Stimme des Mädchens vernehmen, die aufgeregt plapperte. „ ... sitzt Samantha Fields einfach so auf unserem Sofa. Stell dir das mal vor! Vielleicht wird sie mich ihm sogar vorstellen, wäre das nicht cool?“
Wie in Trance lief Sam hinter Jane her, die am Ende des Ganges in einem Zimmer verschwand und verzweifelt fragte sie sich, ob es ihr jemals möglich sein würde, Nick abzuschütteln, wenn er ihr doch immer wieder und so unverhofft über den Weg lief. In welcher Gestalt auch immer.

Kapitel 67