Kapitel 65

Die Familie Mitchum bestand aus sieben Mitgliedern, wie Megan Sam erklärte.
Da war einmal Megan selbst, die als freiberufliche Werbegrafikerin arbeitete und damit den Umstand genoß, dass sie viel von zu Hause aus arbeiten konnte. Allerdings funktionierte dies nur, so lange die Kinder beschäftigt und von einer anderen Person beaufsichtigt wurden. Der Verlust ihrer Nanny bedeutete für sie also auch einen nicht zu verachtenden finanziellen Verlust.
Ihr Mann Joel war Geschäftsführer eines kleinen Verlages, der sich im Laufe der Jahre und durch seine tatkräftige Unterstützung zu einem Unternehmen entwickelte hatte, das inzwischen ordentliche Gewinne abwarf und bereits zwei, über die Landesgrenzen bekannte Autoren unter Vertrag nehmen konnte.
Die älteste Tochter Phillippa war im vergangenen Monat dreizehn Jahre alt geworden und war damit eine äußerst schwierige Phase eingetreten, wie Megan erklärte. „Ich weiß noch wie es damals war, jung zu sein und die ersten Erfahrungen mit Jungs zu machen,“ hatte Megan gesagt. „Totales Gefühlschaos. Und leider kann man sich in diesem Alter überhaupt nicht vorstellen, dass die Eltern auch nur den blassesten Schimmer davon haben, was in einem vorgeht.“
Was das betraf hatte Sam nicht wirklich eine Ahnung, da zu dieser Zeit in ihrem Leben ganz andere Dinge vor sich gegangen waren, aber darüber schwieg sie dann doch lieber.
Als Phillippa geboren wurde, waren Megan und Joel gerade erst dabei, sich beruflich weiter zu entwickeln und ihre eigenen Wege zu finden. Somit ließen sie sich ganze fünf Jahre Zeit, bis sie wieder an die Kinderplanung herangingen. Betty kam zur Welt und Phillippa sah sie von Anfang an als Konkurrenz an. „Manchmal ist es wirklich sehr schwierig mit den beiden,“ berichtete Megan mit gerunzelter Stirn. „Betty sucht Phillippas Aufmerksamkeit und diese ignoriert sie entweder oder beleidigt sie. Und je älter sie wird, um so schlimmer wird das.“
Und wie es das Schicksal wollte, wurde Megan ein Jahr später mit Zwillingen schwanger. „Ryan ist ein Wirbelwind,“ erklärte Megan „und als einziger Junge im Haus, neben seinem Vater natürlich, hat er es besonders schwer. Ich glaube, er kompensiert das ganz gut, aber mit seiner Zwillingsschwester liegt er irgendwie immer im Clinch.“
Seine siebenjährige Zwillingsschwester Celin war wohl so etwas wie das Prinzeßchen in der Familie. Ihr Vater liebte sie abgöttisch, er laß ihr jeden Wunsch von den Augen ab und dementsprechend verwöhnt war die Kleine wohl auch. „Manchmal, aber das verrate ich dir nur im Vertrauen, bin ich absichtlich etwas strenger zu ihr weil ich denke, dass sie von ihrem Vater übervorteilt wird. Ist das nicht furchtbar?“ gestand Megan flüsternd.
Jane schließlich, war nicht geplant gewesen. „Eigentlich waren wir der Überzeugung, dass nach vier Kindern Schluß sein sollte. Im Grund waren ja nur drei geplant. Aber ... nun ja ... als es hieß, ich sei wieder schwanger, haben wir uns genau so auf Jane gefreut, wie auf unsere anderen vier Kinder.“
Jane war inzwischen vier und ein stilles, in sich gekehrtes Mädchen. „Manchmal glaube ich, dass sie die gesamte Sensibilität von Joel und mir mitbekommen hat. Sie merkt recht schnell, wenn in der Familie etwas nicht stimmt, bei Streitereien hält sie sich grundsätzlich heraus, aber sie kann hinterher ganz zielsicher sagen, wer angefangen hat. Manchmal mache ich mir ein bißchen Sorgen um sie. Mein Gott, sie ist erst vier, verstehst du? Wie soll das erst werden, wenn sie älter wird?“
Dies alles erzählte Megan Sam, während sie in einem dunklen Van durch die Straßen Washingtons fuhren, während sich auf den hinteren Bänken die Kinder vergnügten, mit einander stritten oder lachten.
Sam schwirrte bald der Kopf und sie hoffte, dass sie diese ganzen Informationen irgendwie würde behalten können. Andererseits würde sich sicherlich das Gefühl für die Kinder nach und nach von selbst einstellen, wenn sie die Gelegenheit hatte, sie besser kennen zu lernen.
Schließlich bogen sie von der Straße ab und direkt auf eines dieser neuen, mit einer Mauer gesicherten, exklusiven Wohnviertel zu. Sie kamen an einem riesigen Schild vorbei, das sie in riesigen Lettern in „Kingdom Park“ willkommen hieß, passierten gleich darauf ein Pförtnerhäuschen und tauchten dann in eine andere Welt ein.
Sam drückte sich beinahe die Nase an der Scheibe platt, weil sie so fasziniert von dem Anblick war. Sie hatten kaum die Begrenzungsmauer hinter sich gelassen, da hatte sich das Gesicht der Umgebung bereits komplett verändert.
Hier standen große Villen zurück gesetzt von der Straße, teilweise versteckt hinter riesigen, alten Bäumen, die Straßen waren alle sauber, kein Unrat lag herum, die Vorgärten waren gepflegt, die Gebäude standen weit genug von einander entfernt um eine gewisse Privatsphäre zu bieten und machten dabei aber doch den Eindruck, als hätte sich hier eine exklusive Nachbarschaft zusammen gefunden.
Sam war hin und her gerissen zwischen Staunen, Aufregung und Panik. Sie paßte hier nicht hinein, so viel war sicher.
„So, da sind wir,“ erklärte Megan schließlich und stellte den Wagen vor einer riesigen Doppelgarage ab. Gemeinsam halfen sie den Kindern beim Aussteigen und luden den Wagen aus.
Das Haus der Mitchums erstreckte sich über zwei Etagen und dehnte sich zu beiden Seiten bis an den Rand des riesigen Gartens aus. Eine überdachte Veranda zog sich an der Vorderfront des Hauses entlang und bunte Blumenampeln vermittelten ein Gefühl von Behaglichkeit.
Sam trat hinter Megan und den Kindern in einen quadratischen Hausflur, von dem aus es zu ihrer Linken in eine geräumige Küche mit einem riesigen Eßtisch und zu ihrer Rechten in eine Art Arbeitszimmer abging. Daneben führte eine mit dickem Teppich ausgelegte Treppe hinauf in den ersten Stock.
Geradeaus weitete sich der Flur in ein sonnendurchflutetes Wohnzimmer aus und als Sam hinter Megan die zwei Stufen hinunter stieg, konnte sie kaum fassen, wie großzügig dieser Raum geschnitten war. Große Schiebetüren führten hinaus in einen üppig grünen Garten mit einem Sandkasten, einem roten Klettergerüst und einer Schaukel.
Sam hörte, wie die Kinder die Treppe hinauf polternden, während Megan sich zu ihr herum drehte und fragte „Kaffee?“
„Nur, wenn es keine Umstände macht,“ gab Sam etwas befangen zurück.
Megans Lächeln wurde breiter. „Es macht gar keine Umstände und ich könnte einen vertragen. Also?“
„Gerne,“ nickte Sam und folgte Megan wieder hinaus in den Flur und in die Küche.
Die Schränke reichten bis zur Decke und waren in hellem Creme gehalten. Der riesige, quadratische Eßtisch nahm die Hälfte des Raumes ein und während Megan sich dem Monstrum von Kaffeemaschine zuwandte, die gleich darauf zischend zum Leben erwachte, ließ Sam sich seufzend auf einen der Stühle fallen. Sie fühlte sich wie erschlagen von den vielen, neuen Eindrücken, doch ihr Herz klopfte immer noch vor stummer Glückseligkeit.
„Also, was meinst du bis jetzt?“ fragte Megan, während sie eine Tasse vor Sam abstellte, Zucker und Milch dazu stellte und sich gleich darauf zu ihr an den Tisch setzte.
„Ich bin vollkommen überwältigt,“ gestand Sam.
„Ja, das passiert den meisten, wenn sie sich so plötzlich mit unserer gesamten Familie konfrontiert sehen,“ grinste Megan.
„So meinte ich das nicht,“ beeilte Sam sich zu sagen. „Du hast ein wunderschönes Haus und reizende Kinder und ... nun ja ... etwas besseres könnte ich mir wohl kaum wünschen.“
„Na, na, na. Jetzt übertreib mal nicht,“ bremste Megan ihren Enthusiasmus. „Die Kinder sind durchaus anstrengend, ich hoffe das ist dir klar. Wir haben natürlich eine Putzfrau, aber die alltäglichen Dinge wie Kochen, Einkaufen und Ordnung halten würden schon an dir hängen bleiben. Das hier ist ein Fulltime-Job und ganz bestimmt kein Urlaub.“
„Das ist mir sehr wohl bewußt,“ nickte Sam ernst. „Weißt du ... es ist einfach ... toll, endlich wieder eine Aufgabe zu haben. Ich kann mit Kindern zusammen sein und sollte das mit Josh hinhauen ... nun ja ... ich hoffe, du hättest nichts dagegen, wenn ich ihn mitbringe?“
„Natürlich nicht,“ lächelte Megan. „Auf ein Kind mehr oder weniger kommt es hier ganz bestimmt nicht an.“
„Somit wäre dieser Job absolut perfekt für mich,“ gestand Sam.
„Hm ... ,“ nickte Megan, nippte an ihrem Kaffee und musterte Sam über den Rand ihrer Tasse hinweg. „Natürlich müssen wir das alles noch mit Joel besprechen. Er muß dich kennen lernen und ebenfalls einverstanden sein. Aber da mache ich mir keine Sorgen,“ beeilte Megan sich zu sagen, als sie Sams angespannte Miene sah. „Wir werden in deinem Vertrag eine Probezeit vereinbaren. Danach setzen wir uns zusammen und entscheiden, wie es weiter geht. Dein Gehalt beträgt vierhundert Dollar die Woche. Dafür sind die täglichen Mahlzeiten mit inbegriffen. Du bekommst Zugriff auf eine Art Haushaltskonto für Einkäufe oder Ausgaben für die Kinder. Größere Anschaffungen müssen natürlich mit Joel und mir abgesprochen werden.“
Sam konnte nur nicken. Vierhundert Dollar!! Das reichte für eine kleine Wohnung und den Unterhalt für sie und Josh. Sie konnte ihr Glück kaum fassen.
Megan schien sie einen Moment nachdenklich zu mustern, dann erhob sie sich und nahm einen Schlüsselbund vom Haken neben der Hintertür.
„Komm mit, ich will dir was zeigen,“ sagte sie an Sam gewandt und sie beeilte sich, hinter Megan herzukommen, die bereits hinaus auf einen schmalen Weg getreten war, der zwischen Haus und Garage hindurch führte.
„Ursprünglich war das mal als eine Art Atelier gedacht. Doch irgendwie ... ich fühle mich im Haus wesentlich wohler. Also ist es sozusagen zur Abstellkammer mutiert.“
Megan führte sie zur Rückseite der Garage, wo sie eine Treppe vorfanden, die hinauf zu einer überdachten Eingangstür führte. Mit klopfendem Herzen folgte Sam Megan die Stufen hinauf.
„Nun ja ... es wäre ein ganzes Stück Arbeit, aber wenn du möchtest ... ,“ Megan schloß die Tür auf, langte dann nach einem Lichtschalter neben der Tür und bedeutete Sam, ihr zu folgen.
Gleich darauf standen sie in einem luftigen Raum, der allerdings bis unter die Decke mit Kartons, altem Kinderspielzeug und jeder Menge Krimskrams vollgestellt war.
„Da hinten gibt es ein kleines Badezimmer,“ informierte sie Megan, während sie vage in den hinteren Teil des Raumes deutete. „Außerdem könnte man ein oder zwei Trennwände einziehen, um eine kleine Küche und ein Schlafzimmer für Joshua unter zu bringen.“
Sam stand immer noch wie versteinert hinter der Tür, hielt sich krampfhaft am Türrahmen fest und kämpfte mit den Tränen. Ihre Fantasie hatte sofort das Chaos und die Unordnung ausradiert und ihr ein Bild von einem hellen, übergroßen Raum mit Fenstern hinaus in den Garten, einer gemütlichen Einrichtung und einem Kinderzimmer für Josh gemalt. So viel Glück hatte sie eindeutig nicht verdient.
„Was meinst du?“ drang Megans Stimme wieder zu ihr durch.
„Ich ... das ist ... ,“ stammelte Sam. „Ich weiß nicht ... wie ich ... ,“ setzte sie neu an, verstummte aber wieder, weil einfach im Moment nichts brauchbares aus ihrem Mund heraus kam.
Megans Lächeln wurde breiter. „Ich nehme jetzt einfach mal an, dass dir diese Idee gefällt.“
Sam konnte nur nicken, während sie krampfhaft die aufsteigenden Tränen hinunter schluckte.
„Dachte ich mir,“ nickte Megan. „Also komm. Laß uns wieder rüber gehen und Pläne schmieden. Außerdem werde ich dich den Kindern mal ordentlich vorstellen. Mal sehen, was sie zu ihrer neuen Nanny zu sagen haben.“
Mit einem letzten Blick zurück trat Sam hinaus in den hellen Nachmittag. Vielleicht hatte irgend jemand endlich ein Einsehen mit ihr gehabt und ihr einen Engel in Form von Megan geschickt. Es schien ihr jedenfalls, als würden sich all ihr Probleme mit einem Schlag von alleine lösen und damit wenigstens einen Teil ihrer schmerzhaften Vergangenheit aufwiegen.

Kapitel 66