Kapitel 64

Nick lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und rieb sich die vor Müdigkeit brennenden Augen. Wie viele Stunden saß er jetzt schon hier und sichtete die Videobänder der letzten Wochen? Er wußte es nicht mehr. Er wußte nur, dass es inzwischen einmal dunkel und dann wieder hell geworden war und dass er immer noch nicht mit allem durch war.
Noch dazu, hatte er sich die ganze Nacht bewegte Bilder von Sam ansehen müssen und alleine ihre Stimme zu hören schnitt ihm tief ins Herz. Immer wieder fragte er sich, warum er ihr das angetan hatte. Warum war er mit dieser Frau aus dem Club verschwunden, anstatt sich nach Hause in Sams Bett zu legen? Was stimmte denn, verdammt noch mal, nicht mit ihm? Er hatte alles und warf es weg für etwas ... etwas ... das ihm nichts bedeutete ... etwas, das er noch nicht einmal brauchte. Einfach so.
Der Cutter neben ihm wandte sich in seinem Drehstuhl zu ihm herum und gähnte ausgiebig.
„Wie wäre es mit einer Pause? Mir flimmert schon alles vor den Augen.“
„Ja,“ nickte Nick. „Besser wäre das. Wir haben ja auch noch ein bißchen Zeit und etwas Schlaf könnte mir auch nicht schaden.“
„Gott ... Schlaf klingt so was von gut,“ lächelte der Cutter matt.
Hinter ihnen ging plötzlich die Tür zu dem kleinen Schneideraum auf und Henry trat herein. Er wirkte ekelhaft wach in seiner hellen Leinenhose und dem dunklen Polohemd. Sein quadratischer Schädel schien direkt auf den Schultern zu sitzen und war gekrönt von einem Kranz grauer Haare. Sein Gesicht und die breite Gestalt wirkten wie die eines Preisboxers und seine buschigen Augenbrauen zogen sich nun mißbilligenden zusammen.
„Seid ihr immer noch nicht fertig?“ fragte er und baute sich mit verschränkten Armen vor Nick auf.
„Es fehlen noch zehn Bänder oder so, aber wir machen später weiter,“ gab Nick zurück und stemmte sich leise stöhnend aus seinem Sessel in die Höhe.
Ihm tat alles weh, angefangen von seinem inzwischen plattgesessenen Hintern bis hin zu seinem wunden Herzen, das diese Nacht öfter geblutet hatte, als er es sich in seinen schlimmsten Träumen hätte ausmalen können.
„Bevor du abhaust, sollten wir uns noch einmal kurz in meinem Büro zusammen setzen,“ meinte der Produzent und stürmte dann hinaus ohne Nicks Antwort abzuwarten.
„Na, die Bulldoge hat ja wieder beste Laune heute morgen,“ bemerkte der Cutter ironisch, während er nach und nach alle Geräte ausschaltete und nach seiner Jacke griff, die über einem Stuhl hing.
„Ja und an mir läßt er sie zu gerne aus,“ gab Nick mit einem schiefen Lächeln zurück. „Bis heute Abend, okay? So um sieben?“
„Ja, sieben schaffe ich. Falls sich meine Frau beschwert, stelle ich sie einfach an dich durch, in Ordnung?“
„Tu das,“ lächelte Nick, schlug dem Cutter noch einmal auf die Schulter und schlurfte dann hinaus in einen, mit dickem Teppich ausgelegten Gang. Als er an dessen Ende Henrys Büro betrat, saß dieser bereits hinter seinem wuchtigen Schreibtisch, durch die decken hohen Fenster in seinem Rücken flutete das morgendliche Sonnenlicht LAs und Nick war der Meinung, noch nie in seinem Leben so müde gewesen zu sein.
„Also, wie sieht es aus?“ fragte Henry, während er auf einen schwarzen Ledersessel vor seinem Schreibtisch deutete.
„Ganz gut, denke ich,“ gab Nick zurück und ließ sich in die weichen Polster sinken.
„Kaffee?“ fragte Henry weiter.
„Kaffee wäre der Hit,“ nickte Nick.
Eine von Henrys Sekretärinnen stellte gleich darauf einen großen Becher des heißen Gebräus vor ihm ab und dankbar schloß er seine, vor Müdigkeit kalten Finger darum.
„Also Klartext. Wie schlimm ist?“
„Was meinst du? In Bezug auf Sam oder die Serie?“
„Was wohl?“ gab Henry schnaubend zurück.
Nick seufzte und nippte vorsichtig an seinem Kaffee bevor er antwortete. „Ich glaube nicht, dass uns das Material schaden kann. Es gibt ein paar Szenen, in denen über Verträge und so einen Kram geredet wird, aber ich glaube, das blickt man sowieso nicht, wenn man nicht weiß um was es geht.
Ansonsten machen wir fünf uns einfach noch mehr zum Idioten, als wir es sowieso schon tun.“
„Gut. Oder nicht gut, wie man will. Gott, ich fasse es einfach nicht, dass du mir nichts von diesem Sorgerechtsstreit erzählt hast,“ gab Henry kopfschüttelnd von sich, faltete die Hände und legte sie bedächtig auf die Tischplatte.
„Was hätte das denn geändert? Du warst doch so Feuer und Flamme, mich und Sam vor laufender Kamera zu verkuppeln, dass du auch den Rechtsstreit billigend in Kauf genommen hättest.“
„Aber ich wäre wenigstens vorbereitet gewesen. Stattdessen steht da so ein Schnösel von Washingtoner Anwalt in meinem Büro und hält mir einen richterlichen Beschluß unter die Nase.“
„Ja, ich weiß Henry. Das hast du mir jetzt schon oft genug erzählt.“
Nick war es leid sich immer wieder verteidigen zu müssen. Er wollte, dass die Zeit schnell herum ging und er endlich in den Flieger nach Washington steigen konnte. Alles andere war ihm herzlich egal. Na ja ... fast. Immer noch keine Nachricht von Sam. Das machte ihn beinahe wahnsinnig.
„Und du fliegst tatsächlich nach DC?“ fragte Henry weiter.
„Auf jeden Fall,“ nickte Nick.
„Was meinst du ... kriegst du sie dazu, dir zu verzeihen?“
„Keine Ahnung,“ gab Nick schulterzuckend zurück. „Ich hoffe es, aber im Moment ... stehen meine Chancen nicht gerade gut.“
„Hm ... ich gebe dir trotzdem ein Kamerateam mit, nur für alle Fälle.“
„Das wirst du nicht tun verdammt!“ brauste Nick auf. „Irgendwann ist Schluß Henry. Das ist eine vollkommen private Angelegenheit. Sowohl für Sam, als auch für mich. Wir haben dir unsere Seelen bereits verkauft, aber das geht zu weit. Du zerstörst damit vielleicht ihre einzige Chance, Joshua zurück zu bekommen, also halte dich da gefälligst raus, oder ich schwöre dir ... ,“
„Oder was?“ gab Henry provozierend zurück. „Willst du mich feuern? Versuch es nur, aber bis du mich aus diesem Stuhl geklagt hast, bist du arm wie ne Kirchenmaus und ... ,“
„Ich muß dich nicht verklagen um dir das Leben schwer zu machen,“ unterbrach ihn Nick grimmig. „Notfalls lasse ich das ganze Projekt sterben und du weißt, dass ich dazu durchaus in der Lage bin. Wenigstens darauf habe ich bei der Unterzeichnung geachtet.“
„Das würdest du nicht tun,“ gab Henry selbstgefällig zurück.
„Nenn mir einen Grund, warum nicht.“
„Du stehst darauf Nick. Das ist die ungeschminkte Wahrheit. Du liebst es, dich in der Öffentlichkeit zu produzieren, du findest Gefallen daran den Leuten zu zeigen, was bei dir so abgeht und wie sehr du deine Geschwister liebst. Und nicht zu vergessen ... du stehst noch viel mehr auf die Kohle, die dir das einbringt.“
Nick schüttelte langsam den Kopf. „Du hast keine Ahnung, wie ich ticke Henry. Mag sein, dass ich gewisse egomane Züge habe. Das ganz sicher, aber wenn es die Sicherheit und das Wohlergehen von Menschen betrifft, die mir am Herzen liegen, ist mir das alles scheißegal.“
„Wir werden sehen,“ gab Henry mit einem dünnen Lächeln zurück.
„Ja, werden wir wohl. War’s das? Ich will nämlich so schnell wie möglich in mein Bett.“
„Nur noch eine Sache ... ,“ sagte Henry und hob die Hand, da Nick bereits im Begriff war, sich aus seinem Sessel in die Höhe zu stemmen.
„Was?“ fragte Nick inzwischen mehr als gereizt.
„Die Überweisungen für Samantha Fields wurden vorübergehend eingefroren. So lange ich nicht weiß, ob sie zurück kommt, kann ich ihr auch kein Geld zahlen. Das wirst du doch verstehen, oder?“
„Hat sie das bekommen, was ihr zusteht?“ fragte Nick herausfordernd.
„Bis letzte Woche, ja. Diese hier ist nur angefangen, das zählt erstmal nicht.“
„Du bist so ein Arschloch Henry,“ stieß Nick hervor und stand nun endgültig auf. „Aber das weiß ich eigentlich schon länger. Gib dir keine Mühe, ich finde schon selbst hinaus und ich werde mich um Sams Zahlungen kümmern, kein Problem.“
Damit stapfte er aus Henrys Büro, leider viel zu müde um mit der Tür zu knallen oder wirklich, richtig wütend auf seinen Produzenten zu werden. Konnte es tatsächlich sein, dass vor nicht einmal 48 Stunden seine Welt noch in Ordnung, sogar nahezu perfekt gewesen war?
Unterwegs schaute er schnell in der Buchhaltung vorbei, ließ sich Samanthas Kontoverbindung aufschreiben und verstaute diese in seiner Hosentasche. Er wollte auf keinen Fall, dass sie irgendwann mittellos in Washington stand, auch wenn ihm klar war, dass er sich lediglich aus seinem schlechten Gewissen freikaufen wollte.

Als er sich einige Zeit später leise in den leeren Hausflur schob, war er sich nicht ganz sicher ob er sich lieber wünschen sollte unbemerkt in seinem Zimmer verschwinden zu können oder sich vorher lieber noch bei einem Familienmitglied ausheulen sollte. Was er jetzt brauchte war eine feste Umarmung, ein bißchen Liebe und acht Stunden gesunden, tiefen Schlafs. Also stand er gleich darauf vor Aarons Zimmertür und wußte nicht, warum er sich ausgerechnet seinen Bruder ausgesucht hatte, wo er bei ihm doch am wenigsten Mitleid zu erwarten hatte.
Aber wenn er ehrlich war, hatte ihn Aarons Reaktion mehr als entsetzt und dass er danach keine Gelegenheit gehabt hatte, die Sache aus der Welt zu schaffen, drückte nur noch mehr auf seine schlechte Stimmung. Also schob er schließlich vorsichtig die Tür auf und blinzelte eine Weile in die Dunkelheit dahinter.
„Aaron? Bist du wach?“
„Verpiss dich!“ kam es unwirsch zurück.
„Bitte. Gib mir nur fünf Minuten.“
„Genau so lange, wie du gebraucht hast, diese Tussi abzuschleppen, hä?“ kam es aus der Dunkelheit zurück.
Seufzend schob sich Nick nun vollständig in Aarons Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Seine Augen benötigten einen Moment, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann konnte er schließlich Aarons Silhouette erkennen, die aufrecht, mit nacktem Oberkörper und vor der Brust verschränkten Armen im Bett saß.
„Es tut mir leid, okay? Ich weiß nicht, warum ich das getan habe.“
„Das wird ja immer besser,“ schnaubte Aaron.
„Ehrlich, ich ... ich bin genau so verzweifelt wie du. Ich möchte auch, dass mit Sam wieder alles in Ordnung und sie zu uns zurück kommt.“
„Na, das kannst du dir ja wohl abschminken,“ gab Aaron unwirsch zurück.
„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich möchte nur nicht ... ,“ langsam durchquerte Nick Aarons Zimmer und ließ sich vorsichtig auf der Bettkante am Fußende nieder. „Ich möchte nur nicht, dass wir uns auch noch von einander entfernen.“
„Vielleicht waren wir uns nie nahe, schon mal darüber nachgedacht?“
„Nein Aaron. Das stimmt nicht und das weißt du auch. Ich liebe dich. Du bist mein Bruder Mann.“
Er sah, wie Aaron den Kopf schüttelte. „Weißt du, was das komische ist? Am Anfang fand ich Sam ja ziemlich ... nun ja ... seltsam einfach. Aber ... sie scheint die einzige zu sein, die wenigstens ne ungefähre Ahnung davon hat, wie ich denke und fühle. Das können weder du noch Leslie, BJ, Angel oder, Gott bewahre, meine Erzeuger von sich behaupten.“
„Ich weiß was du meinst,“ nickte Nick traurig.
„Echt?“ Aaron schien verblüfft.
„Sam ist etwas besonderes,“ gab Nick schulterzuckend zurück. „Sie ... ich weiß nicht ... sie kann mühelos in dich hinein sehen und macht dir nie eine Vorwurf daraus, was sie dort zu sehen bekommt. Ehrlich gesagt hat mir das manchmal eine Scheißangst eingejagt.“
„Ja,“ nickte Aaron.
„Sie fehlt mir,“ murmelte Nick und knetete verzweifelt die Bettdecke zwischen seinen zitternden Fingern.
„Sie fehlt mir auch,“ gab Aaron eben so leise zurück.
Nick seufzte. „Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen und ich hoffe Sam kann das irgendwann auch.“
„Sie wäre schön blöd,“ grummelte Aaron.
„Ich weiß.“
Für eine Weile schwiegen sie, dann fuhr Nick fort.
„Ich werde nach DC fliegen. Zur Verhandlung.“
„Wir kommen mit. Alles schon beschlossen und organisiert,“ nickte Aaron.
„Was?“ Nicks Kopf ruckte in die Höhe und ungläubig starrte er zu Aaron hinüber.
„Glaubst du, wir lassen dich da alleine hin fliegen und gehen damit das Risiko ein, dass du es noch einmal vermasselst?“ schmunzelte Aaron.
„Ich weiß nicht Aaron. Ich glaube nicht, dass es so gut wäre, wenn wir da alle zusammen auftauchen. Das wirkt ja wie ein Überfall.“
„Wir anderen halten es für eine sehr gute Idee und du kannst überhaupt nichts dagegen tun, also halt einfach die Klappe.“
Nick schüttelte den Kopf. Er war einfach zu müde um jetzt ausgiebig über die Konsequenzen nachzudenken, die diese Aktion mit sich brachte. Eigentlich gefiel ihm der Gedanke, dass er Sam nicht ganz alleine gegenüber treten mußte. Sicherheit. Und diese ausgerechnet im Kreise seiner Familie zu finden, wo er doch derjenige sein sollte, der auf sie alle aufpaßte ... das war schon seltsam.
„Du siehst ganz schön fertig aus,“ bemerkte Aaron schließlich.
„Aber so was von fertig,“ nickte Nick und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. „ich werde jetzt schlafen wie ein Stein und dann zurück ins Studio fahren, noch ein paar Bänder sichten und hoffen, dass ich nichts gravierendes finde.“
„Schaffst du es noch in dein eigenes Bett?“ grinste Aaron.
„Gerade so,“ grinste Nick zurück, stand auf und ging zu Aaron hinüber. „Alles klar?“ fragte er unbehaglich.
„Ich denke schon. Aber ganz ehrlich Mann, noch so ein Ding und ich rede nie wieder mit dir.“
„Ich habe verstanden.“
„Gut.“
Ohne ein weiteres Wort streckte Aaron seine mageren Arme aus und Nick ließ sich nur zu gerne in diese Umarmung ziehen.
„Danke Kleiner,“ murmelte Nick.
„Gerne geschehen Großer. Und jetzt Abmarsch ins Bett, bevor du hier zusammen klappst.“
„Ja Moooom,“ gab Nick zurück und brachte sich kichernd aus Aarons Reichweite, der bereits zum Schlag nach ihm ausgeholt hatte.
Als Nick wenig später unter seine eigene Bettdecke kroch, den Wecker seines Handys stellte und dabei enttäuscht feststellte, dass Sam immer noch nicht auf seine vielen Nachrichten reagiert hatte, fühlte er sich, als hätte er heute sein gesamtes Leben an einem Tag gelebt.
Seufzend kuschelte er sich in die Kissen und seine Gedanken streiften dabei schmerzhaft die andere Betthälfte, die leider leer blieb.
„Bald,“ murmelte er gähnend.
Im nächsten Moment war er auch schon tief und fest eingeschlafen.

Kapitel 65