Kapitel 63

Als nächstes kaufte Sam sich mehrere Tageszeitungen und begab sich damit in den nahegelegenen, kleinen Park. In der Nähe eines Kinderspielplatzes setzte sie sich auf eine Bank, kramte einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche und schlug die ersten Stellenangebote auf. Irgend etwas mußte sich einfach finden lassen und sie würde nicht eher mit ihrer Suche aufhören, bis sie endlich einen Job gefunden hatte.
In der Nacht war ich langsam klar geworden, dass ihre Chancen wesentlich besser standen, wenn sie sich in der gleichen Stadt wie ihr Sohn aufhielt. Sollte sie tatsächlich hier einen Job finden, war es egal, ob sie noch einmal das Geld für einen Rückflug oder den Umzug zusammen brachte. Notfalls würde sie ihre Wohnung kündigen und alles zurück lassen. Hauptsache, sie kam Joshua näher.
Doch erst einmal verharrte die Zeitung ungelesen auf ihrem Schoß, während sie zu den diversen Klettergerüsten, Schaukeln und Wippen hinüber blickte, auf denen ein Dutzend Kinder ausgelassen tobte. Ihr helles Lachen und Gekreische hüllte sie ein und mit einem verhaltenen Lächeln betrachtete sie das bunte Treiben. Vielleicht sollte sie morgen mit Joshua hier her gehen. Sie stellte sich vor, wie er mit den anderen Kindern herum tollte und sie, als seine Mutter, wie all die anderen Frauen am Rand auf einer Bank saß und ihn dabei beobachtete.
Warum sah sie ausgerechnet darin ihre Erfüllung? Es war schon seltsam. Andere Frauen wollten eine Kariere, jede Menge Geld und ein Häuschen im Grünen mit einem weißen Zaun darum herum. Ihr würde es bereits genügen, hier zu sitzen und ihrem Sohn beim Spielen zu zu sehen. Und wahrscheinlich hätten die meisten anderen Frauen um nichts in der Welt eine Beziehung mit Nick Carter aufgegeben, während sie augenblicklich und ziemlich überstürzt vor ihm geflüchtet war.
Vielleicht, und das gestand sie sich nur ungern ein, hatte sie die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass so etwas passierte. Seit dem sie ihm von ihrem Kindheitstrauma erzählt hatte, war einfach alles viel zu glatt gelaufen. Sie hatten sich nicht gestritten, waren sich um einiges näher gekommen und hatten dann schlußendlich eine unglaubliche Nacht miteinander verbracht. Und so sehr sie diese Zeit auch genossen hatte, genau so sehr war ihr auch bewußt, dass das nicht normal war. Niemand liebte sie einfach so. Und schon gar nicht ein Mann wie Nick, der an jedem Finger zehn Frauen haben konnte.
Schlußendlich hatte sie dies alles hier in den Park geführt, auf eine Bank neben einem Kinderspielplatz, um sich noch einmal vor Augen zu führen, was eigentlich wichtig in ihrem Leben war. Sie mußte sich auf Joshua konzentrieren. Alles andere war unwichtig und lenkte sie viel zu sehr ab. Und da war es ihr wohl ganz recht gewesen, dass Nick ...
Sie schüttelte den Kopf. Nein, es war ihr nicht recht gewesen. Es hatte ihr den Boden unter den Füßen weg gezogen, hatte sie wieder mit aller Macht in ihre Unsicherheit und ihre Selbstzweifel gestürzt und nur, weil sie jetzt hier alleine saß und endlich wieder etwas für sich und Joshua tat hieß das nicht, dass Nick ihr egal war.
Sie liebte ihn. Sie liebte ihn so sehr, dass ihr gesamter Körper vor Sehnsucht zu schmerzen schien und ihr Herz eingefroren war. Warum machte sie sich also weiterhin etwas vor?
Aber das alles nützte ihr nichts. Nick war meilenweit von ihr entfernt und das bezog sich nicht nur auf die räumliche Entfernung. Er hatte sich eigenhändig aus ihrem Herzen heraus gerissen und sie mußte jetzt zusehen, dass sie diese schmerzende Wunde mit etwas sinnvollem füllte.
Seufzend wandte sie sich also wieder der Zeitung in ihrem Schoß zu und begann die Stellenanzeigen durchzugehen. Alles, was ihr auch nur annähernd geeignet erschien, kringelte sie ein und als sie schließlich am Ende der Seite angekommen war, hatten sich immerhin fünf potenzielle Stellen aufgetan.
Sie überlegte gerade, ob sie anrufen oder lieber persönlich vorsprechen sollte, als eine junge Frau vor ihr auftauchte. Sie hatte dunkles, kurzgeschnittenes Haar, ein ovales, hübsches Gesicht und einen müden Zug um ihre dunklen Augen. Mit einem Lächeln deutete sie auf den freien Platz neben Sam.
„Darf ich?“ fragte sie und Sam nickte ganz automatisch.
„Vielen Dank,“ seufzte die Frau erleichtert, ließ sich schwer auf die Bank fallen, stellte eine riesige, bunte Umhängetasche neben sich auf dem Boden ab und deutete dann zum Spielplatz hinüber. „Können sie glauben, dass vier davon meine sind?“
„Gleich vier?“ entgegnete Sam überrascht. „Nein, nicht wirklich.“
„Doch,“ lachte ihre neue Sitznachbarin. „Und zu Hause sitzt Nummer fünf, die gerade mit der Pubertät anfängt und mir damit das Leben schwer macht.“
„Meine Güte. Da haben sie aber früh angefangen,“ stellte Sam fest.
„Oh Gott. Danke, danke, danke,“ lachte die junge Frau und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Megan und glauben sie mir, ich bin sogar noch älter, als ich mich im Moment fühle und das will schon etwas heißen.“
„Ich bin Sam und ich glaube kaum, dass sie einen Tag älter als fünfundzwanzig sind,“ grinste Samantha und schüttelte die ihr dargebotene Hand.
„Fünfunddreißig, aber erzählen sie es niemandem,“ gab Megan in vertraulichem Tonfall zurück, dann richtete sie sich plötzlich auf und rief über den Platz. „Ryan, wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du mit Sand nach deiner Schwester wirfst, komme ich persönlich vorbei und du weißt was das bedeutet.“
Ein kleiner Junge, der in Joshuas Alter zu sein schien, mit blondem Haar und Stupsnase sah kurz auf, nickte und grabschte dann erneut nach einer Hand voll Sand. Ehe es sich die beiden Frauen versahen, hatte er diesen auf ein kleines Mädchen, das ungefähr im gleichen Alter zu sein schien, geschleudert. Sie sprang augenblicklich kreischend auf und stürzte sich auf ihren Bruder.
„Verdammt,“ murmelte Megan. „Zwillinge. Schaffen sie sich so was nie an, ich sag’s ihnen,“ und mit diesen Worten sprang sie auf und eilte zum Sandkasten hinüber um die beiden Streithähne zu trennen.
Sam beobachtete die Bemühungen der Frau, irgendwie wieder Frieden zwischen den beiden Kindern zu stiften. Schließlich bedeutete sie ihrer Tochter, sich wieder mit ihren Sandförmchen zu beschäftigen, während sie Ryan an der Hand hinter sich her auf die Bank zuschleifte.
„ ... machen dich erstmal sauber. Meine Güte, kannst du nicht einmal auf das hören, was ich dir sage?“
„Momy, kann ich ein Eis haben?“
Ein weiteres der vier Kinder kam angerannt. Das Mädchen schien acht oder neun zu sein, trug einen wippenden Pferdeschwanz und hatte eine breite Zahnlücke, wo eigentlich ihre Schneidzähne sitzen sollten.
„Nein Betty, das kannst du nicht. Aber ich habe einen Apfel dabei, wenn du möchtest,“ entgegnete Megan, während sie versuchte, ihren widerspenstigen Sohn zu säubern und gleichzeitig in ihrer Tasche nach dem Obst kramte.
„Kann ich helfen?“ bot sich Sam an, legte die Zeitung beiseite und wandte sich nun voll und ganz dem Geschehen um sie herum zu.
„Das wäre großartig,“ seufzte Megan. „Schau doch mal, ob du da drin den Apfel findest.“
Und damit stellte sie ihr ohne Umschweife die riesige Umhängetasche auf die Knie.
„Ich mag aber keinen Apfel,“ sagte das kleine Mädchen namens Betty mit gerümpfter Nase.
„Wußtest du,“ sagte Sam ruhig, während sie auf dem Boden der Tasche endlich das gewünschte fand. „Das schon Adam und Eva im Paradies einen Apfel gegessen haben? Überleg mal, wie lange das schon her ist. Und immer noch sehen sie genau so aus und schmecken auch noch so gut.“
Sie rieb den Apfel an ihrem Pullover, so dass er rot glänzte und schaute dann zu dem Mädchen hinüber. Mißtrauisch beäugte diese erst den Apfel und dann Sam, bevor sie ein „ehrlich?“ hervor brachte.
„Ganz ehrlich,“ nickt Sam.
„Hm ... ,“ Betty schien noch immer nicht vollkommen überzeugt zu sein.
„In der Tasche ist ein kleines Messer,“ informierte sie Megan, während sie Ryans Kleider vom Sand befreite. „Vielleicht möchte Betty ja lieber kleine Schnitze essen.“
„Schnitze wären gut,“ nickte das Mädchen ernst und Sam verkniff sich ein Grinsen.
Ryan wurde schließlich wieder auf den Spielplatz entlassen, während Betty sich neben Sam auf die Bank setzte und ihr mit baumelnden Beinen dabei zusah, wie sie den Paradiesapfel in kleine Stücke teilte. Friedlich vertilgte sie nach und nach den kompletten Apfel, sprang dann auf und stürmte wieder hinüber auf den Spielplatz.
„Reizende Kinder,“ lächelte Sam.
„Monster. Aber vielen Dank,“ grinste Megan.
„Ich habe auch einen Sohn,“ sagte Sam und ihr Lächeln erlosch langsam.
„Ist er auch da drüben?“ fragte Megan und reckte bereits den Hals.
„Nein, er ... ist bei seinem Vater. Hier in Washington. Ich kann ihn ... morgen sehen.“
„Oh ... das muß hart sein,“ entgegnete Megan mitfühlend.
„Ja, das ist es,“ seufzte Sam, während sie sich wieder ihrer Zeitung zuwandte. „Aber ich werde dagegen vorgehen.“
„Und dafür brauchst du erst einen Job,“ bemerkte Megan mit einem kurzen Nicken auf die Stellenanzeigen hinunter.
„Das und eine Wohnung,“ nickte Sam.
„Schläfst du im Moment auf einer Parkbank?“ fragte Megan entsetzt.
„Nein,“ lachte Sam leise. „Ich lebe eigentlich in LA. Ich bin zur Sorgerechtsverhandlung hier her gekommen und ... nun ja ... bin wohl dabei, mein Leben neu zu regeln. Und es tut mir leid, dass ich dir den ganzen Mist jetzt erzählt habe. Ich bin schon ruhig.“
Leicht beschämt senkte Sam den Kopf und vertiefte sich wieder in ihre Zeitung. Wie kam sie eigentlich dazu, dieser wildfremden Frau ihre gesamte Lebensgeschichte zu erzählen?
„Oh, das stört mich überhaupt nicht. Und soll ich dir was sagen?“
Sam blickte auf und schüttelte, immer noch nicht wirklich beruhigt, den Kopf.
„Heute ist unser beider Glückstag,“ strahlte Megan und Sam zog fragend die Augenbrauen in die Höhe.
„Du wirst es nicht glauben, aber unsere Nanny hat gestern gekündigt, deshalb bin ich heute gestreßte Mutter und führe meine Kinder auf einen Spielplatz aus. Interessiert?“
„Wie bitte?“ fragte Sam, die noch nicht wirklich begriffen hatte, was Megan ihr da gerade vorschlug.
„Na ... wir brauchen ein Kindermädchen. Ich gebe zu, die fünf sind wirklich anstrengend, aber ... ,“
„Das ... das geht nicht,“ gab Sam verzweifelt zurück.
„Wieso nicht?“ hakte Megan nach.
„Ich habe überhaupt keine Ausbildung, keine Referenzen, gar nichts. Ich kann doch nicht ... ,“
Megan lachte unvermittelt auf und nun wußte Sam gar nicht mehr, was sie von dieser Situation halten sollte. „Soll ich dir was sagen? Meine letzte Nanny hatte wunderbare Referenzen und eine tadellose Ausbildung zur Kinderkrankenschwester, inklusive einem Abendkurs für Kindererziehung. Und soll ich dir noch was sagen? Ich glaube, sie hat Betty kein einziges Mal dazu gebracht still zu sitzen oder Ryan, ihr zu zu hören oder Phillippa, ihre Unordnung auf zu räumen oder sonst irgend etwas. Stattdessen ist sie einfach bei Nacht und Nebel mit einem Fernfahrer durchgebrannt. Ich gebe also nicht viel auf Papier, das ist geduldig und sagt nichts über die Persönlichkeit aus.“
Sam starrte die Frau neben ihr mit offenem Mund an. Das hier mußte ein Traum sein, aber wenn dem tatsächlich so sein sollte, wollte sie lieber nie wieder daraus aufwachen.
„Also frage ich dich noch einmal und hoffe, du kippst mir nicht gleich vor lauter Aufregung von der Bank: Hättest du Lust, dir das Ganze mal anzusehen? Natürlich erst einmal unverbindlich und ich weiß auch nicht, ob du mit unseren Gehaltsvorstellungen etwas anfangen kannst, aber ...“
„Klar. Wann kann ich anfangen? Wo soll ich unterschreiben?“ stieß Sam hervor, was Megan schon wieder zum Lachen brachte.
„Was hältst du davon, wenn du erst einmal mit uns nach Hause fährst und dir alles ansiehst, hm?“
„Klingt toll,“ strahlte Sam.
„Was meinst du, bekommen wir die vier aus dem Sandkasten ohne Tränen und Wutausbrüche?“
„Keine Chance,“ grinste Sam.
„Na, wenigstens bist du realistisch,“ grinste Megan, schob dann die Finger zwischen die Lippen und ließ ein gellendes Pfeifen über den Platz schallen. „Kinder. Wir müssen nach Hause. Packt eure Sachen zusammen und findet euch hier ein.“
„Und du meinst, das funktioniert?“ fragte Sam grinsend.
„Keine Ahnung. Aber ein Versuch war es wert. Wenn du ne bessere Idee hast ... ,“
„Welches ist das vierte?“ fragte Sam also.
„Das vierte? Ach ... du meinst ... ja klar ... uhm ... ,“ Megan brauchte eine Weile, bis sie das kleine Mädchen etwas abseits von den anderen auf einer Schaukel entdeckt hatte. „Jane, da drüben. Sie ist ein bißchen ... nun ja ... in sich gekehrt. Eigentlich sagt man ja, dass die jüngsten am aufgewecktesten sein sollen. Von wegen Nesthäkchen und so, aber in dem Fall ...“
„Ich versuche mein bestes,“ nickte Sam, erhob sich und machte sich auf den Weg, die vier Kinder einzusammeln und damit Megan zu beweisen, dass sie durchaus für diesen Job geeignet war. Ihr Herz klopfte vor Aufregung ganz schnell und in ihrer Kehle stieg eine Art Jubelruf auf, den sie nur mit allergrößter Mühe unterdrücken konnte.
„Ich werde das hier nicht hinterfragen,“ murmelte sie zu sich selbst, während sie um eines der Klettergerüste herum ging, um Ryan einzusammeln. „Ich werde es genießen und mich darüber freuen, dass auch endlich einmal in meinem Leben etwas glatt läuft.“
Doch wie immer, wenn ihr etwas einfach so in den Schoß fiel, wartete sie im Grunde nur darauf, dass etwas schief ging. Dass Megan es sich in letzter Sekunde noch anders überlegte zum Beispiel, oder dass die Kinder sie nicht leiden konnten oder Megans Mann etwas gegen sie haben könnte, oder, oder, oder.
„Du wirst das hier nicht hinterfragen,“ murmelte sie erneut und diesmal mit Nachdruck.
Und spätestens als sie Ryan erreicht hatte, verflüchtigten sich alle negativen Gedanken. Das hier waren Kinder und sie liebte Kinder. Alles andere würde sich finden.

Kapitel 64