Kapitel 62

Als sich die Sonne am nächsten Morgen über Washingtons Dunst erhob, fühlte Sam sich wie erschlagen. Sie hatte in der Nacht kaum geschlafen, sich von einer Seite auf die andere gewälzt und dabei jede Sekunde über Nick und ihr verkorkstes Leben nach gegrübelt.
Was ihn betraf, war sie sich genau so sicher wie am Tag zuvor: Sie wollte ihn nie wieder sehen.
Doch für ihr restliches Leben benötigte sie dringend eine neue Richtung. Sie mußte endlich aufhören ihre Zukunft in die Hände anderer zu legen und anfangen, sich selbst darum zu kümmern. Also hatte sie ihre alten Pläne hervorgekramt, sie entstaubt und ihnen einen neuen, frischen Anstrich verpasst. Und alleine das Gefühl, dass sie endlich in der Lage war, wieder vorwärts zu gehen, ohne sich dabei von anderen Menschen aufhalten oder behindern zu lassen, vermittelte ihr zumindest ansatzweise das Gefühl von Befriedigung. Als sie schließlich in einem nahegelegenen Cafe saß, an ihrem Tee nippte und mit wenig Appetit an einen Bagel knabberte, setzte sie Punkt eins ihrer Liste in die Tat um.
Die Sekretärin der kleinen Anwaltskanzlei in Los Angeles meldete sich nach dem dritten Klingeln und Sam bat darum, zu ihrem Verteidiger durchgestellt zu werden. Nach beinahe fünf Minuten, die sie in der Wartschleife verbrachte, meldete sich seine sonore Stimme.
„William Grave. Hallo Miss Fields.“
„Guten Morgen Mr. Grave. Ich dachte, es wird Zeit, dass wir uns einmal etwas ausführlicher unterhalten.“
„Da haben sie recht. Ich habe es schon ein paar Mal bei ihnen zu Hause versucht, aber da sprang immer der Anrufbeantworter an.“
„Tut mir leid,“ entgegnete Sam zerknirscht. „Ich war die letzten Wochen nicht zu Hause.“
„Wo sind sie jetzt? Können wir uns treffen?“
„Das wird schwierig. Ich bin bereits in Washington.“
Er stockte kurz, bevor er weiter sprach. „Ich dachte ... uhm ... Mr. Carter meinte, wir fliegen alle zusammen um die letzten Schritte noch einmal zu besprechen.“
„Mr. Carter?“ fragte Sam überrascht und fühlte, wie sich ihr Magen bei Nicks Namen sofort verknotete.
„Ja. Wir haben natürlich keine Details ihres Falls besprochen, das unterliegt selbstverständlich der Schweigepflicht, aber er bestand darauf, bereits eine größere Summe auf das Treuhandkonto zu überweisen und da ich sie nicht erreichen konnte war ich der Meinung, das sei auch in ihrem Sinne.“
Nick! Sie fühlte, wie ihr schwindelig wurde. Wieso hatte sie ihm gegenüber überhaupt Graves Namen erwähnt? Gott, sie hatte so viel falsch gemacht.
„Nun ... es haben sich da ... einige Änderungen ergeben,“ sagte Sam vorsichtig.
„Sie ... sind nicht mehr ... zusammen?“ fragte Grave vorsichtig und räusperte sich leise.
„Nein,“ gab Sam zu und diesen Umstand tatsächlich das erste Mal laut auszusprechen, bohrte einen heißen, alles verzehrenden Schmerz in ihre Eingeweide.
„Das ist nicht gut. Verstehen sie ... die gesamte Strategie basiert darauf, dass sie mittlerweile in geordneten, finanziellen Verhältnissen leben. Wenn dieser Punkt wegfällt, sinken ihre Chancen gen Null.“
„Das weiß ich,“ entgegnete Sam leise und wünschte sich, der Anwalt hätte ihr dies weniger drastisch vor Augen geführt.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. „Und nun?“ fragte er schließlich.
„Das fragen sie mich? Sie sind doch der Anwalt,“ begehrte Sam auf.
„Hören sie ... ich kann sie ja verstehen, aber wenn sich an ihrer finanziellen oder beruflichen Situation nichts geändert hat, und dabei vergessen wir mal, in welcher Wohnung sie im Moment leben, brauchen wir gar nicht erst vor Gericht zu ziehen.“
„Danke, das habe ich auch bereits verstanden,“ brauste Sam auf. „Ich kann doch nichts dafür, dass Greg plötzlich das alleinige Sorgerecht beantragt hat. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir uns erst wieder vor Gericht gesehen, wenn ich einen Job und eine neue Wohnung habe.“
Sie hörte den Anwalt am anderen Ende seufzen und das Rascheln von Papier verriet ihr, dass er gerade dabei war, ihre Akte noch einmal durchzusehen. Dann meldete er sich wieder zu Wort.
„Sie sollten mit Mr. Carter reden. Wenn er bereit ist, zumindest für die Dauer der Verhandlung so zu tun, als wären sie noch ein Paar, können wir vielleicht ein bißchen Zeit schinden.“
„Das geht nicht,“ quetschte Sam hervor.
„Sie meinen, er würde das nicht machen?“
„Ich meine, dass ich nicht will, dass er das tut,“ gab Sam schärfer als beabsichtigt zurück.
„Nun gut. Wenn das so ist. Dann sehen wir uns wohl in drei Tagen vor Gericht, ohne etwas in den Händen zu haben. Ich werde mein bestes geben, aber versprechen sie sich nicht zu viel. Vielleicht kann ich den Richter davon überzeugen, ihnen das gemeinsame Sorgerecht, so wie es im Moment besteht, zu lassen. Das wäre zumindest ein Anfang.“
„Ja, das wäre es,“ nickte Sam langsam, während sie innerlich den Kopf darüber schüttelte, wie sehr sie schon wieder gezwungen war, ihre eigentlichen Wünsche und Träume zurück zu schrauben.
„Wenn sie jetzt schon in Washington sind ... wie geht es Joshua? Haben sie ihn schon gesehen?“ fuhr der Anwalt im Plauderton fort, scheinbar wollte er sie auf andere Gedanken bringen.
„Nein.“ Sam schluckte. „Greg hat es mir nicht gestattet. Ich war vor zwei Wochen schon einmal hier und scheinbar hat Josh das ziemlich durcheinander gebracht. Greg meinte ... ,“
„Es spielt keine Rolle, was Greg meint,“ ereiferte sich der Anwalt. „Wenn sie gestatten, werde ich ihn gleich einmal anrufen. So geht das doch nicht.“
„W-Wie ... sie ... meinen,“ entgegnete Sam verblüfft.
„Sind sie mit einer Konferenzschaltung einverstanden? Dann können sie mit ihm gleich einen Termin ausmachen.“
„Sicher,“ nickte Sam und hatte keine rechte Vorstellung, was der Anwalt von ihr wollte.
„Gut. Dann bleiben sie einen Moment dran, ja?“
„Klar,“ nickte Sam und hört gleich darauf wieder die leise Klaviermusik der Warteschleife in ihrem Ohr.
Es dauerte keine Minute, dann meldete sich Mr. Grave wieder.
„Hallo Miss Fields, ich habe Mr. Williams jetzt in der Leitung.“
„Samantha, verdammt noch mal, was soll das?“ giftete Greg sofort in den Hörer und Sam stellten sich sämtliche Nackenhaare auf.
„Mr. Williams, mäßigen sie ihren Ton. Ich zeichne dieses Gespräch auf und wenn sie weiterhin so mit meiner Mandantin umgehen, werde ich dem Richter ein paar Takte über sie erzählen müssen.“
„Was auch immer. Warum stören sie mich während meiner Arbeit?“ fuhr Greg ungerührt fort.
„Miss Fields hat mir berichtet, dass sie ihr verboten haben Joshua zu sehen. Ich möchte sie nur daran erinnern, dass das gegen die vereinbarte Sorgerechtsverfügung verstößt und sie sich damit strafbar machen.“
„Haben sie eine Ahnung davon, was es für Joshua bedeutet immer wieder hin und her gerissen zu werden?“ fuhr Greg sofort auf. „Vor zwei Wochen war sie mit ihrem neuen Lover hier und nachdem sie Joshua wieder gebracht hat, war er wie ausgewechselt. Er weint, er schreit, er kratzt und beißt meine Frau, um es kurz zu machen, er ist unausstehlich und aufsässig. Und das liegt nur an dem Umstand, dass meine Ex-Frau ihm irgendwelche Flausen in den Kopf gesetzt hat.“
„Das zu entscheiden steht ihnen nicht zu,“ gab der Anwalt ruhig zurück und Samantha, die während Gregs Hasstirade immer kleiner auf ihrem Stuhl geworden war, richtete sich wieder ein Stück auf.
„Was bilden sie sich eigentlich ... ,“ schrie Greg in den Hörer, doch Mr. Grave unterbrach ihn.
„Sie werden jetzt mit Miss Fields einen verbindlichen Termin zur Übergabe von Joshua ausmachen und wenn ich hören sollte, dass sie diesen nicht eingehalten haben, mache ich sie in drei Tagen vor Gericht fertig. Haben sie mich verstanden?“
Von Greg war eine Zeit lang nur sein wütendes Schnauben zu hören, doch schließlich schien er sich zähneknirschend in sein Schicksal zu fügen.
„Heute ist Joshua bei einem Freund, gleich nach der Schule. Wenn meine Ex-Frau ihn dort herausreißen will, nur zu. Ansonsten hat Josh morgen Schwimmtraining. Wenn sie will, kann sie ihn dort abholen,“ presste er hervor.
„Morgen klingt gut,“ warf Sam sofort ein und fühlte, wie ihr Herz aufgeregt zu hämmern begann.
„Ja, das glaube ich dir,“ gab Greg sarkastisch zurück. Trotzdem nannte er ihr Uhrzeit und Adresse des Schwimmvereins.
„Sonst noch was?“ blaffte er dann. „Ich habe, im Gegensatz zu meiner Ex-Frau, nämlich einen Job und damit mehr als zu tun.“
„Nein, das war es eigentlich,“ hörte sie Mr. Grave sagen und noch bevor sich einer von ihnen bei Greg verabschieden konnte, hatte dieser aufgelegt.
Sam konnte kaum fassen, wie leicht der Anwalt ihren Ex-Mann umgestimmt hatte. Vielleicht war er doch nicht ganz so unfähig, wie sie am Anfang ihres Gesprächs gedacht hatte.
„Vielen Dank Mr. Grave,“ beeilte sie sich also zu sagen.
„Keine Ursache Miss Fields. Das ist das mindeste, was ich für ihr Geld tun kann. Ich wünschte, für die Verhandlung hätte ich genau so viel Munition in Händen.“
Sam schwieg, weil sie nicht wußte, was sie darauf sagen sollte.
„Nun gut. Kopf hoch,“ hörte sie den Anwalt schließlich seufzen. „Noch ist nicht alles verloren. Wir werden unser bestes geben und vielleicht tut sich ja noch etwas bis zur Verhandlung. Sie haben noch drei Tage Zeit um sich das mit Mr. Carter noch einmal anders zu überlegen. Vielleicht ... ,“
„Das werde ich mir nicht anders überlegen,“ unterbrach Sam ihn bestimmt.
„Meine Güte. Er scheint es sich ja gründlich mit ihnen verscherzt zu haben,“ bemerkte Mr. Grave.
„Davon können sie ausgehen.“
„Es steht mir natürlich nicht zu, ihnen da irgendwie hinein zu reden. Ich gebe nur zu bedenken, dass er im Moment ihre einzige, brauchbare Möglichkeit ist.“
„Und genau da liegt das Problem. Ich will ihn nicht benutzen. Dann wäre ich nicht besser als er.“
„Sie haben zu viel Ehrgefühl,“ schmunzelte der Anwalt. „Aber das mag ich an ihnen. Und genau das ist auch der Grund, warum Joshua zu ihnen gehört und warum ich mich immer noch mit dem Fall beschäftige, obwohl er eigentlich aussichtslos ist.“
„Wenn sie das noch einmal sagen, breche ich ihnen hier zusammen,“ gestand Sam.
„Tut mir leid. Wir schaffen das schon. Wir sehen uns also in drei Tagen vor Gericht?“
„Ja,“ nickte Sam.
„In Ordnung. Genießen sie den Tag mit ihrem Sohn.“
„Danke. Bis dann also.“
„Ja, bis dann.“
Als sie aufgelegt hatte, waren ihr Tee kalt und der Bagel in Millionen kleiner Fetzen gerissen und Sam schwankte zwischen Freude, Angst, Wut und Trauer. Sie schüttelte den Kopf. Sie konnte sich kaum daran erinnern, wann sie sich das letzte Mal anderes gefühlt hatte und als in diesem Zusammenhang sofort das Crystal Hotel vor ihrem geistigen Auge auftauchte, stand sie schließlich resolut vom Tisch auf, hängte sich ihre Tasche über die Schulter und verließ erhobenen Hauptes das Cafe.
Sie würde es allen zeigen. Sie würde mit Josh einen wunderschönen Tag verbringen, die Verhandlung hinter sich bringen und dann ... würde sie weiter sehen.
Das große, schwarze Loch, das sich bei diesem Gedanken in ihr auftat ignorierte sie genau so wie die immer lauter werdende Stimme in ihrem Kopf, die ihr einzureden versuchte, dass ihr Leben danach endgültig vorbei sei.
Noch drei Tage. Alles andere war erst einmal unwichtig.

Kapitel 63