Kapitel 61

Mit klopfendem Herzen starrte Nick an der nicht mehr ganz so neuen Hausfassade hinauf. Hier wohnte Sam? Ihm kribbelte es bereits im Nacken, seid er mit seinem Wagen in dieses Wohnviertel eingebogen war. Graffities zierten die meisten der schmuddelig wirkenden Hauswände, an einigen Ecken standen junge Kerle zusammen, denen er lieber nicht im Dunkeln begegnen wollte und alles in allem war das hier so weit von dem entfernt was er kannte und gewohnt war, dass sich sein Magen unbehaglich zusammen zog.
Die Vorstellung, dass Sam hier lebte und jeden Tag gezwungen war sich mit diesem Pack auseinander zu setzen, machte ihn ganz schwach. Und hier wollte sie zukünftig ihren Sohn aufziehen? Keine gute Idee.
Er hatte schon mindestens fünf Mal die Klingel mit ihrem kleinen, vergilbten Namensschild gedrückt, aber bisher hatte sich nichts getan. Er fragte sich, ob sie tatsächlich nicht zu Hause war oder sie hinter den Gardinen stand, ihn beobachtete und sich weigerte, mit ihm zu reden.
Beides brachte ihn auf jeden Fall nicht wirklich weiter. Und je länger er hier herumstand, um so mehr Aufmerksamkeit zog er auf sich mit dem teuren BMW und seinen Designer-Klamotten. Er meinte, Bewegung hinter ettlichen Fenstern zu sehen, auf der anderen Straßenseite hatte sich bereits eine Gruppe von Jugendlichen zusammen gefunden, die unverhohlen und lautstark über seinen Autogeschmack diskutierten und ihm wurde es langsam mulmig.
Zögernd zog er schließlich den Briefumschlag aus der Innentasche seiner Lederjacke. Natürlich hatte er damit gerechnet, dass sie ihm nicht öffnete und für den Fall der Fälle hatte er die Worte, die er ihr allerdings lieber persönlich gesagt hätte, aufgeschrieben. Jetzt mußte er nur noch ins Innere des Gebäudes kommen um den Umschlag in ihren Briefkasten werfen zu können.
Noch einmal holte er tief Luft, dann drückte er einfach auf irgendeinen Klingelknopf und wartete. Ausnahmsweise hatte er Glück. Der Türsummer wurde betätigt und wenig später stand er in einem dämmrigen Treppenhaus, das unangenehm nach angebranntem Kohl und Urin stank. Schnell ging er die endlose Reihe von Briefkästen entlang und blieb schließlich bei dem stehen, aus dem bereits die Werbeblättchen, Zeitungen und Briefe heraus quollen. Scheinbar war Sam tatsächlich nicht hier und auch, wenn ihn dies wohl eigentlich beunruhigen sollte, fühlte er so etwas wie grenzenlose Erleichterung. Er war sich zumindest sicher, dass er jetzt wesentlich besser schlafen konnte wenn er wußte, dass sie sich nicht in diesem zwielichtigen Viertel herumtrieb.
Unter einiger Anstrengung zog er die aus dem Briefkasten herausragenden Papiere hervor, besah sie sich genauer und steckte schließlich die Briefe zusammen mit seinem Umschlag zurück in den Kasten. Den ganzen restlichen Papierwust nahm er mit, warf ihn gleich darauf in einen übervollen Müllcontainer und ließ sich dann erleichtert hinter das Steuer seines Wagens fallen. Nichts wie weg hier!

Auf halben Weg zurück in die Stadt klingelte sein Handy. Sofort jagte ein ungeheurer Stromstoß durch seinen Körper und er mußte sich beherrschen, um die Hände weiterhin ruhig am Lenkrad zu behalten.
„Hallo?“ meldete er sich gleich darauf über die Freisprechanlage und betete inständig, dass ihm gleich Sams Stimme entgegen schallte.
Doch es war Henry. Ein ganz eindeutig fuchsteufelswilder Henry. „Nickolas Carter! Verdammt noch mal wo steckst du? Hast du meine Nachricht nicht abgehört?“
Nachricht? Oh ... da war doch etwas gewesen ...
„Ja, habe ich, aber ich habe im Moment andere Probleme,“ gab Nick also zurück.
„Das ist mir scheißegal. Du schwingst deinen Hintern sofort zum Sender. Die haben die Bänder kopiert. Alle! Wer weiß, wann und wo die als nächstes auftauchen. Und falls ich mich nicht klar genug ausgedrückt haben sollte ... die haben das Rohmaterial, okay? Keine geschnittenen Folgen.“
In Nicks Magen setzte ein nervöses Flattern ein, wenn er auch noch nicht wirklich sagen konnte warum.
„Ist es denn wirklich nötig ... ,“ setzte er an.
„Ja, das ist es. Und keine Widerrede. In spätestens zwanzig Minuten will ich dich hier sehen. Ist das klar?“
„Glasklar Chef,“ grummelte Nick, doch Henry hatte bereits aufgelegt.
Während Nick also die nächste Abzweigung in Richtung Innenstadt nahm, überlegte er fieberhaft, wie er jetzt weiter vorgehen sollte.
Sam war nicht zu Hause, wenn er sie anrief, ging nur die Mailbox dran und ihm gingen langsam die Möglichkeiten aus. Sie wollte nicht gefunden werden und somit hatte er wenig bis gar keine Chance.
Er wußte eines allerdings mit absoluter Sicherheit: Sie würde in vier Tagen in Washington vor Gericht erscheinen und er würde sich durch nichts und niemanden davon abhalten lassen, dann ebenfalls dort zu sein. Doch die Zeit bis dahin erschien ihm endlos lang. Alleine der Gedanke, die nächsten Nächte ohne sie zu verbringen, nicht jeden Tag ihr hübsches Gesicht sehen zu können, sie nicht in seinen Armen halten und sie küssen zu dürfen, machte ihn beinahe wahnsinnig.
Eine leise Stimme in seinem Kopf flüsterte, dass ihm das wahrscheinlich den Rest seines Lebens erwartete, aber er schob sie immer wieder vehement beiseite. Er liebte Sam mit jeder Faser seines Körpers und er würde ihr beweisen, dass er ihre Liebe ebenfalls wert war. Ja, er hatte eine Nacht in einem anderen Bett verbracht und ja, das alleine war bereits schlimm genug, aber vielleicht, wenn er Sam glaubhaft versicherte, dass überhaupt nichts gelaufen war, würde sie ihm noch einmal verzeihen und sie konnten von vorne anfangen.
An diese Hoffnung klammerte er sich so fest, dass er eine andere, negative Möglichkeit nicht in Betracht zog. Wahrscheinlich hätte er sich sonst in seinem Zimmer eingeschlossen und wäre für eine ganze Weile nicht wieder daraus aufgetaucht.
Flüchtig schoß ihm der Gedanke an Aaron durch den Kopf. Die heftige Reaktion seines Bruders hatte ihn buchstäblich umgehauen und auch sämtliche Versuche, noch einmal mit ihm zu reden, waren fehlgeschlagen. Er wollte niemanden sehen, mit niemandem reden und drehte statt dessen die Musik in seinem Zimmer bis zum Anschlag auf. Nick befürchtete, dass er bisher verkannt hatte, wie wichtig Sam inzwischen auch für seine Geschwister geworden war. Er hatte also in nur einer Nacht nicht nur Sam, sondern auch seine Familie verraten und sein schlechtes Gewissen und die Scham darüber, lagen unglaublich schwer und schmerzhaft auf seinen Schultern.
Wenn Sam jetzt da wäre, würde sie zu mir sagen ... und dann stockte er und schüttelte den Kopf. Sie war nicht hier.
Er schluckte schwer und starrte mit brennenden Augen durch die Windschutzscheibe hinaus auf die Straße. Jetzt bloß nicht heulen. Er war ein ganzer Kerl und was so ein richtiger Mann war, der weinte nicht. Schon gar nicht wegen einer Frau.
Er versuchte sich abzulenken und dachte über Henrys Anrufe nach. Wenn er sich noch richtig erinnerte, und das fiel ihm ganz schön schwer, denn heute Morgen hatte er eindeutig komplett neben sich gestanden, dann hatte Henry etwas von einem Anwalt gesagt, der Kopien der Bänder mit sich genommen hatte und auch Samanthas Name war in diesem Zusammenhang gefallen.
Konnte es sein, dass Sams Anwalt ohne Nicks Wissen eine richterliche Verfügung beantragt hatte? Aber eigentlich ... immerhin hatte er ihm eine recht große Summe auf sein Konto überwiesen und hätte der Anwalt so etwas vor gehabt, hätte ihm Sam bestimmt davon erzählt.
Greg? Das nervöse Flattern in seinem Magen weitete sich zu einem anhaltenden, schmerzhaften Ziehen aus. Das hatte er nicht getan, oder? War Sams Ex tatsächlich so schlau und hintertrieben? Klar, wenn Nick er wäre, hätte er sich auch diese Bänder besorgt und sei es nur, um seine Neugier darüber zu stillen, was seine Exfrau im Hause eines Popstars trieb.
Was wohl alles auf diesen Bändern zu sehen war? Er hatte ja nun bisher hauptsächlich die geschnittenen Versionen gesehen, doch es gab sicherlich unzählige Situationen, die man zwar den Zuschauern der Serie nicht zeigte, weil sie gewisse Illusionen zerstörten, mit denen aber ein wütender Ex-Ehemann in einem Sorgerechtsstreit sicherlich sehr viel anfangen konnte.
Unwillkürlich beschleunigte Nick seinen Wagen. Henry war ganz sicher aus einem ganz anderen Grund beunruhigt, denn wenn das Material erst einmal aus den Händen gegeben war, hatte man keine Kontrolle darüber, wo es als nächstes auftauchte und die Vorstellung, dass die Szenen ungeschnitten und unzensiert im Internet landen könnten, verstärkte Nicks Übelkeit. Er verstand ganz langsam Henrys Aufregung und wie ein Buschfeuer ergriff sie auch von ihm Besitzt. Verdammt! Er mußte zum Sender und das ganz schnell.

Kapitel 62