Kapitel 60
Während sich die Carter Geschwister lautstark angifteten, befand sich Sam bereits außerhalb ihrer Reichweite.
Ausnahmsweise hatte ihr eilig aufgestellter Plan funktioniert und sie konnte sich den schmerzhaften Gedanken nicht verkneifen, dass er wahrscheinlich nur deshalb so gut funktionierte, weil Nick keine Rolle darin spielte.
Nachdem sie eine Weile ziellos durch LA gekurvt war und ihr dabei lediglich klar wurde, dass sie nicht zurück in ihre Wohnung konntem weil diese zum einen viel zu kalt und zu leer war und Nick sie da zum anderen sehr leicht aufspüren konnte, hatte sie den Wagen eher unbewußt Richtung Flughafen gelenkt.
Das Ticket nach Washington galt zwar erst für einen Flug in vier Tagen, doch eine freundliche Dame am Schalter der American Airlines hatte sie ohne mit der Wimper zu zucken auf einen früheren Flug umgebucht. Und als krönender Abschluß hob ihre Maschine nicht einmal eine Stunde später vom Boden ab, in seinem Bauch ihre eilig im Haus der Carters gepackten Koffer, die mehr gebrauchte als saubere Wäsche enthielten, und eine vollkommen verstörte Samantha Fields, die jetzt ihren Kopf an das kleine Fenster lehnte und mit leerem Blick hinaus auf die vorbeiziehenden Wattewolken starrte.
Ihre Augen und ihre Kehle brannten vom vielen Weinen, sie fühlte sich müde und ausgelaugt und ihr gesamter Körper schmerzte. Doch dies war weniger eine physische als eine psychische Angelegenheit. Immer noch versuchte sie zu begreifen, was mit Nick und ihr geschehen war.
In einem Moment lagen sie noch glücklich zusammen auf der Couch, flüsterten sich Liebebekundungen ins Ohr und dachten über unanständige Dinge nach und im nächsten war sie wieder allein und mußte sich mit der Tatsache auseinander setzen, dass Nick die unanständigen Dinge lieber mit einer anderen Frau geteilt hatte.
Immer wieder tauchte in ihrem Kopf die Frage nach dem Warum auf, doch sie fand keine rechte Antwort. Sie hatte in den letzten zwei Wochen den Eindruck gewonnen, dass Nick es ernst meinte, dass er sie tatsächlich liebte und nicht zu letzt ihre gemeinsame Nacht im Crystal Hotel hatte ihr gezeigt, wie sanft und einfühlsam er sein konnte.
Sich jetzt seinem Verrat gegenüber zu sehen widersprach allem, was sie bis heute morgen noch für wahr und gut gehalten hatte. Und doch ließ es sich nicht von der Hand weisen: Er war mit seinen Freunden ausgegangen und hatte die erste Gelegenheit genutzt, um sich anderweitig zu amüsieren.
Sie fragte sich, was mit ihr nicht stimmte. Warum wurde sie von den Männern immer wieder benutzt und dann mit einem schmerzhaften Tritt aus ihrem Leben befördert? Was hatte sie falsch gemacht? Hatte sie zu lange gezögert um sich auf Nick einzulassen? Hatte er Wünsche und Sehnsüchte, die sie nicht erfüllen konnte?
Sie merkte erst, dass sie schon wieder weinte, als sich eine Träne von ihrem Kinn löste und hinunter auf ihren Handrücken tropfte. Warum hatte sie kein Recht darauf, glücklich zu sein? Das sollte ihr bitte schön mal einer erklären.
Alles in Ordnung Miss? hörte sie plötzlich eine mitfühlende Stimme neben sich.
Als sie aufblickte, stand eine Stuardess neben ihrem Platz in der gähnend leeren, ersten Klasse und Sam versuchte erfolglos, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen.
Nein, nein, alles bestens, log sie.
Hm ... , nickte die junge Frau. Wie wäre es mit einem Glas irischem Whisky, um die Nerven zu beruhigen? Oder einem Gläschen Champagner? Ich könnte ihnen auch einen Tee bringen.
Können sie mir auch Nick zurück bringen? hätte sie beinahe gesagt, doch statt dessen bedankte sie sich höflich und erklärte sich mit einer Tasse Tee einverstanden.
Als die jung Frau wenig später zurück kehrte, mit fachmännischem Griff den kleinen Tisch aus der Lehne vor ihr herunter klappte und die dampfende Tasse darauf abstellte, hatte sich Sam zumindest äußerlich wieder einigermaßen gefaßt.
Vielen Dank, nickte sie.
Gerne geschehen, entgegnete die junge Frau, dann zögerte sie kurz und fügte hinzu. Ich weiß, es geht mich nichts an und sie wollen sicherlich nur ihre Ruhe, aber ... meine Erfahrung hat gezeigt ... Männer, die einen zum Weinen bringen, sind meistens keine einzige der Tränen wert.
Leider erkennt man so etwas immer erst hinterher, entgegnete Sam leise.
Da haben sie leider recht, lächelte die Stuardess sanft.
Für einen Moment stand sie noch neben Sams Platz, dann schien sie sich einen Ruck zu geben und drückte ihr aufmunternd die Schulter. Wenn sie etwas brauchen, sagen sie einfach bescheid. Egal was ... etwas zu trinken, zu essen, eine warme Decke oder jemanden zum Zuhören, in Ordnung?
Sam nickte und versuchte den Kloß hinunter zu schlucken, der ihr das Atmen schwer machte. Sie sah der Stuardess hinterher, die sich wieder in den vorderen Teil des Flugzeugs begab und im Küchenbereich verschwand, während Sam sich fragte, ob sie irgend etwas zu erzählen hätte und ob das wirklich jemanden interessierte.
Ich bin verliebt hätte sie gesagt in einen Mann, der nur an sich denkt und mir vorgegaukelt hat, es läge ihm etwas an mir. Er hat mich benutzt und dann weggeworfen wie ein Papiertaschentuch. Und jetzt sitze ich hier, habe meine Zukunft verspielt und fliege eigentlich nur noch nach Washington, um mir bei der Sorgerechtsverhandlung in vier Tagen den endgültigen Todesstoß abzuholen.
Nein, das interessierte ganz eindeutig niemanden.
Als sie in Washington aus dem Flughafengebäude in strahlenden Sonneschein hinaus trat, fühlte sie sich wie ausgehöhlt. Was tat sie hier? Wozu war sie hier her geflogen, wenn es doch überhaupt nichts änderte?
Sie konnte sich diese Fragen nicht beantworten, also steuerte sie langsam auf eine Bank zu, stellte den Gepäckwagen neben sich ab und ließ sich seufzend auf die warmen Holzbalken sinken.
Und nun? murmelte sie.
Sie brauchte einen Platz zum Schlafen und sie sollte wohl Greg informieren, dass sie in der Stadt war, bevor sie sich zufällig über den Weg liefen und er aus allen Wolken fiel. Somit hatte ihr Überlebens-Instinkt wieder die Führung übernommen.
Er sorgte dafür, dass sie sich an einer Anzeigetafel über möglichst günstige Hotels informiert, er setzte sie wenig später in ein Taxi und geleitete sie zur Rezeption eines kleinen, etwas schmuddelig wirkenden Hotels. Ihre seltsame Glückssträhne schien nicht abreißen zu wollen, denn es gab tatsächlich noch ein freies Zimmer mit Blick auf den nahegelegenen Park und als Sam endlich die Tür hinter sich schließen konnte, fühlte sie sich damit zumindest annähernd sicher.
Sie streifte sich die Schuhe von den Füßen und ließ sich rücklings aufs Bett fallen, während in ihrem Kopf Bilder von ihrem letzten Besuch in dieser Stadt rotierten. Der Tag mit Joshua schien eine Ewigkeit her zu sein und doch sah sie alles genau vor sich: Nick und Joshua, die sich in dem Kinderland prächtig miteinander amüsierten, die Nacht auf dem Balkon ihres Hotels, Nicks erster, richtiger Kuß, sein verletzter Gesichtausdruck, als sie ihn wieder einmal von sich stieß, das Gefühl von Joshuas im Schlaf entspanntem Körper an ihrem, die Abschiedsszene vor Gregs Haustür, die ihr noch heute die Kehle zuschnürte und das Gefühl von Nicks starken Armen um ihren Körper, während sie auf seinem Schoß saß und hemmungslos weinte.
Wieso war dann nur alles so schrecklich schief gelaufen?
Sie schüttelte den Kopf, weil sie schon wieder anfing darüber nachzugrübeln. Sie würde auch diesmal keine Antwort finden, so viel war klar, also richtete sich stöhnend auf und fischte ihr Handy aus der Handtasche.
Sie hatte es im Flugzeug vorschriftsmäßig ausgeschaltet und während sie auf das dunkle Display hinunterblickte fragte sie sich, ob sie riskieren sollte das Telefon einzuschalten. Vielleicht rief Nick gerade in diesem Moment an und das letzte was sie wollte war mit ihm zu reden.
Sie entschied sich schließlich dagegen, verstaute das Handy in der kleinen, leicht verzogenen Nachttischschublade und griff statt dessen zum Hörer des Telefons, das darauf stand.
Nach dem dritten Klingeln meldete sich Gregs vertraute Stimme und sie hätte am liebsten sofort wieder los geheult. Warum hatte sie ausgerechnet jetzt und bei ihm das Gefühl, dass er der Mann war, zu dem sie gehörte? Warum glaubte sie immer noch, dass sie mit Greg einmal glücklich gewesen war und dass er ihr Sicherheit bot? Er war auch nicht viel besser als Nick.
Hallo Greg, hier ist Samantha, meldete sie sich also.
Was willst du? kam es unwirsch zurück. Die Verhandlung ist erst in vier Tagen und ich habe keine Lust mit dir darüber zu diskutieren.
Ich habe gar nicht vor mit dir darüber zu diskutieren, gab Sam zurück. Ich wollte dir nur mitteilen, dass ich mich bereits in der Stadt befinde.
Am anderen Ende blieb es einen Moment still, dann sagte er warum schon jetzt?
Das ist ja wohl mein gutes Recht, findest du nicht? gab sie schärfer als beabsichtigt zurück.
Wie du meinst. Danke für die Information, machs ...,
Warte, rief sie, bevor er auflegen konnte.
Was denn noch?
Ich möchte Joshua sehen. Kann ich morgen vorbei kommen?
Nein, kannst du nicht. Er ist noch vom letzten Mal ganz durcheinander und ich werde nicht zulassen ... ,
Greg, er ist auch mein Sohn und ich kann ihn sehen, wann immer ich will. Vielleicht ... vielleicht ist es ... sogar ... das letzte Mal, dass ich diese Gelegenheit habe, würgte sie hervor. Also ... tu mir und ihm diesen Gefallen.
Was bildest du dir eigentlich ein? Du kommst mit deinem neuen Lover in MEIN Haus, fegst hier durch wie ein Wirbelwind, nimmst Joshua mit und bringst ihn vollkommen aufgelöst wieder zurück. Und dann erwatest du allen ernstes, dass ich das Ganze noch einmal mit mache? Nein Samantha. Keine Chance. Wir sehen uns bei der Verhandlung.
Das anhaltende Tuten in ihrem Ohr verkündete, dass Greg einfach aufgelegt hatte. Mit zitternden Fingern legte Sam den Hörer zurück auf die Gabel und starrte noch einen Moment bewegungsunfähig auf das Telefon hinunter.
Sie hatte sich geirrt. Auch bei Greg wartete keine Sicherheit, keine Liebe, kein Verständnis und kein Interesse an ihrer Person auf sie. Sie war allein. Mutterseelenallein und würde es höchstwahrscheinlich bis ans Ende ihres Lebens bleiben, weil ihre Chancen, wenigstens ihren Sohn wieder zurück zu bekommen mit Nicks Betrug auf Null gesunken waren.
Langsam rollte sie sich auf dem Bett zusammen, schlang ihre Arme um ihre angezogenen Knie und schloß die Augen. Wenn sie es sich nur fest genug wünschte würde vielleicht jemand kommen und sie retten. Doch gleichzeitig war ihr klar, dass dies nicht passieren würde. Es gab da draußen niemanden, der sie lieben konnte, weil sie dies selbst nicht tat.