Kapitel 58
Als Sam langsam erwachte wußte sie in Bruchteilen von Sekunden, dass das Bett neben ihr leer war. Sie hätte es gespürt, wenn Nick neben ihr gelegen hätte und das auch ohne sein Schnarchen oder seinen Geruch, den sie zwar unbewußt aber dennoch zielsicher wahr nahm. Trotzdem drehte sie sich herum und starrte dann auf das unbenutzte Kissen hinüber.
Muß spät geworden sein, murmelte sie, auch wenn dies nicht wirklich dazu beitrug, ihren beschleunigten Herzschlag zu beruhigen.
Immer noch nicht ganz wach schlug sie die Decke zurück und verschwand für einen Moment im Bad, bevor sie in den Flur hinaus trat und zu Nicks Zimmer hinüber schlich.
Vorsichtig drückte sie die Klinke hinunter, schob sich in das Halbdunkel seines Zimmers und starrte dann blinzelnd auf sein unbenutztes Bett hinunter. Es dauerte noch zwei Sekunden, dann war sie endgültig hellwach und ihr Magen fühlte sich augenblicklich an, als drücke ihn eine eiskalte Faust zusammen.
Hektisch fuhr sie herum, rannte aus dem Zimmer und riß gleich darauf Angels Zimmertür auf.
Angel, rief sie, noch bevor sie die Hälfte des Zimmers durchquert hatte, doch aus dem Kissenberg antwortete ihr lediglich ein undeutliches Gemurmel. Also riß sie die Decke von ihrer Freundin und rüttelte sie an der Schulter.
Angel komm schon. Bitte. Ich glaube, Nick ist irgend etwas passiert.
Was? fragte diese grimmig und versuchte sich die Decke wieder über den Kopf zu ziehen.
Er ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen, informierte sie Sam und spürte, wie ihr Tränen der Verzweiflung die Kehle zuschnürten. Ihr überreiztes Gehirn malte ihr schreckliche Bilder von einem blutüberströmten Nick, der in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert wurde oder noch schlimmer ... ein Autounfall ... Nick tot oder bewußtlos oder schwerverletzt oder ...
Was heißt er ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen? Er wollte doch mit seinen Kumpels ... , setzte Angel an, ganz offensichtlich immer noch nicht richtig wach.
Eben, unterbrach Sam sie aufgebracht. Er ist nicht da. Bestimmt ist ihm irgend etwas schlimmes passiert und ... ,
Moment, Moment, Moment, bremste Angel, bevor sich Sam endgültig in einer Panik verlieren konnte. Nimm mein Handy und ruf ihn erstmal an. Vielleicht hat er bei Chris gepennt.
Gute Idee, nickte Sam und hastete bereits hinüber zu der kleinen Frisierkommode, auf der Angels Telefon lag.
Mit zitternden Fingern suchte sie Nicks Nummer aus dem Speicher und drückte sich gleich darauf das Handy ans Ohr. Dabei schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie zwar seine Freundin war, aber nicht einmal seine Telefonnummer kannte.
Bereits nach dem dritten Klingeln sprang die Mailbox an und ein trockener, verzweifelter Schluchzer entrang sich Sams Kehle, als sie seine vertraute Stimme hörte.
Hier ist Nick. Ich bin im Moment schwer beschäftigt, also hinterlaßt eure Nachricht nach dem ... und schon Piepste es laut und durchdringend in Sams Ohr.
Hey Nick. Ich weiß, es ist wahrscheinlich albern, aber ich mache mir Sorgen. Bitte melde dich so bald du kannst, ja? Bitte ...
Mit einem Knopfdruck beendete sie das Gespräch und schaute ratlos zu Angel hinüber.
Chris, sagte diese und deutete auffordernd auf das Telefon in Sams Hand.
Ihre Finger zitternden nun noch mehr und sie schaffte es kaum, den entsprechenden Menüpunkt für das Telefonverzeichnis zu drücken. Schließlich hatte sie es aber doch geschafft und mit angehaltenem Atem wartete sie auf das Freizeichen.
Es schien Ewigkeiten zu klingeln, bevor sich am anderen Ende eine verschlafene Stimme meldete.
Hm?
Hallo Chris. Hier ist Sam. Also ... Nicks Sam. Weißt du wer ich bin?
Sam? fragte dieser, als könne er an Hand der Klangfärbung dieses Namens erraten, wen er da am Telefon hatte.
Samantha. Nicks Freundin? versuchte es Sam noch einmal.
Oh ... ja, ja ... Sam ... sorry ... sie hörte Laken rascheln und ein lautes Gähnen, dann wurde es wieder still.
Ist ... Nick bei dir? fragte Sam hoffnungsvoll.
Uhm ... nein ..., gab Chris zurück und in Sam verkrampfte sich alles.
Seid ihr ... nicht zusammen ... also ... nach Hause gefahren? Tut mir leid, ich ... ich bin einfach nur ... ich mache mir Sorgen, weißt du?
Er ist ... nicht bei dir? hakte Chris noch einmal nach.
Nein.
Oh ... , war alles was Chris entgegnete und Sam wurde es schwindlig.
Ihr seid doch zusammen gegangen, oder? fragte sie also noch einmal.
Nein. Nicht ... direkt.
Sondern?
Hast du es schon mal auf seinem Handy probiert? sagte Chris, ohne auf ihre Frage einzugehen.
Mailbox, gab sie knapp zurück.
Tja, dann kann ich dir wohl auch nicht helfen, hörte sie ihn sagen und Sam sank kraftlos auf die Bettkante.
Was sagt er? hörte sie Angel im Hintergrund murmeln.
Nichts wirklich informatives, gab Sam leise zurück. Nick ist nicht bei ihm.
Gib ihn mir, sagte Angel und entwand ihr gleich darauf das Telefon aus den klammen Fingern.
Hey Chris, hier ist Angel ... ja, das stimmt, lange ists her. Und jetzt raus mit der Sprache. Wo ist er?
Sie lauschte ein Weile, seufzte ein paar Mal laut und vernehmlich und gab dann ein verdammt noch mal, ihr hättet ihn aufhalten müssen, von sich.
Wieder lauschte sie auf Chris Stimme, bevor ihr scheinbar endgültig der Kragen platzte. Nein Chris, das ist nicht nur Nicks Angelegenheit. Ihr ward zusammen da, er hat euch von Sam vorgeschwärmt und dann haut er mit irgend so ner Tussi ab. Ihr hättet ihm das ausreden müssen ... was soll das heißen er war zu schnell aus der Tür? Seid ihr nun Freunde oder ... ja ... ja ... ja, ich weiß auch wie mein Bruder sein kann, okay? Aber ...,
Sam hatte genug gehört. Mit letzter Kraft stemmte sie sich in die Höhe, schob sich hinaus in den Flur und ging dann hinunter zu ihrem eigenen Zimmer.
Wie in Trance ging sie ins Bad, putzte sich die Zähne und packte ihre Kosmetikartikel zusammen. Dabei konnte sie an nichts anderes denken als daran, dass Nick ihr Freund die Nacht mit einer anderen Frau verbracht hatte. Immer wieder lief ein imaginärer Film vor ihrem geistigen Auge ab: Nick in einem Club.
Nick, wie er sich mit einem junge, hübschen Mädchen unterhielt und dabei sein wunderschönes Lächeln zeigte.
Nick, wie er am Arm dieses Mädchens den Club verließ.
Nick auf dem Rücksitz eines Taxis, während er das Mädchen heiß und innig küßte.
Nick in ihrer Wohnung.
In ihrem Bett.
In ihr.
Als sie gerade fertig mit anziehen war, kam Angel ins Zimmer.
Es tut mir leid, sagte sie leise und trat auf Sam zu, doch diese wehrte sie ab.
Laß nur. Ich ... ich hätte es wissen müssen. Es ist nur ... , sie schüttelte den Kopf und schluckte krampfhaft den Kloß aus heißen, schmerzhaften Tränen hinunter. Sie durfte sich jetzt nicht gehen lassen. Sie mußte Pläne schmieden. Sie mußte hier raus.
Es klärt sich sicher alles auf, wenn er wieder da ist. Jetzt sollten wir erst einmal ... ,
Nein, unterbrach Sam sie und schüttelte zur Bekräftigung den Kopf.
Was ... soll das heißen? fragte Angel mißtrauisch.
Nichts. Ich ... gehe.
Wie ... du gehst? Aber ... das kannst du doch nicht machen! Komm schon. Er ist sicherlich ein Mistkerl, aber deshalb kannst du doch nicht alles aufs Spiel setzen. Denk doch mal an Josh. Wenn du jetzt gehst ist das mit deiner Beziehung vorbei und dann hast du gar keine ... ,
Laß Joshua da raus, giftete Sam plötzlich und ballte die Hände zu Fäusten. Niemandem hier geht es doch um mich oder Josh oder darum, was ich fühle oder denke. Dafür seid ihr viel zu sehr mit euch selbst beschäftigt. Ich bin gut genug zum Putzen, um euere Unordnung weg zu räumen, euer Seelenchaos irgendwie auf die Reihe zu bringen und, nicht zu vergessen, gut genug fürs Bett. Und das wars.
Jetzt werde nicht unfair, warnte Angel sie. Für Nicks Verhalten können wir anderen nichts.
Was ist denn hier los, meldete sich plötzlich eine verschlafene Stimme zu Wort und als Sam herumfuhr, lehnte Aaron im Türrahmen und gähnte laut und vernehmlich. In seinem Rücken war eine dunkle Kameralinse aufgetaucht und Sam hatte das Gefühl, dass sie gleich explodieren würde.
Dein Bruder hat die Nacht bei einer anderen Frau verbracht, stieß Sam schneidend hervor, wandte sich ihren Koffern zu und verstaute ihre letzten Habseligkeiten feinsäuberlich in den noch leeren Fächern.
Was soll das heißen? fragte Aaron irritiert und trat einen Schritt weiter ins Zimmer hinein.
Es ist wahr, seufzte Angel. Er war gestern mit Chris und ein paar anderen Typen aus und ... nun ja ... hat sich wohl abschleppen lassen.
Fuck! stieß Aaron hervor. So ein Scheißkerl. Gott, Sam, das tut mir ehrlich leid.
Siehst du, wandte sich Angel triumphierend an Sam. Wir sind nicht wie er. Wir haben dich ehrlich gern und wir möchten nicht, dass du gehst. Ganz ehrlich.
Wie, du willst weg? fragte Aaron verwirrt.
Nach was sieht das denn hier sonst aus, Doofi? fragte Angel augenrollend.
Aber ... das kannst du doch nicht machen!
Oh doch, ich kann. Tut mir leid Aaron, aber was zu viel ist, ist zu viel. Ich hätte ... ich hätte ... das hier schon längst tun sollen.
Wie meinst du das? Schon längst? fragte Angel.
Ich hätte gehen sollen, als ich es noch konnte. Als ich noch nicht ... , Sam biß sich auf die Unterlippe und ihre Augen füllten sich nun doch mit heißen Tränen. Sie hatte sagen wollen als ich mich noch nicht in euren Bruder verliebt hatte, aber diese Worte schienen es ihr jetzt nicht mehr wert überhaupt ausgesprochen zu werden.
Bitte geh nicht, flehte Aaron, kam auf sie zu und zog sie in eine feste Umarmung.
Diese Nähe war beinahe zu viel für Sams überspanntes Nervenkostüm. Überall sah sie Nick vor sich: Seine Zärtlichkeiten, seine haltlosen Versprechungen, seine Lippenbekenntnisse, sein warmes Lächeln und seine tiefen, blauen Augen, die ihr ganz eindeutig jede Vernunft geraubt hatten.
Ich muß, quetschte sie also hervor, klopfte Aaron noch einmal auf den Rücken, machte sich dann von ihm los und griff nach ihren Koffern.
Sam. Bitte. Denk doch noch mal darüber nach. Nur ganz kurz. Wir ... wir stehen auf deiner Seite. Wir werden ihn fertig machen, wenn er wieder kommt, dann könnt ihr zur Sorgerechtsverhandlung fahren und danach sehen wir weiter, bettelte Angel.
Nein, verdammt noch mal, schrie Sam, schob sich resolut an Angel, Aaron und dem Kamerateam vorbei und rannte beinahe dem Ausgang entgegen.
Nur weg hier. Weg von dieser Familie, die sie, ohne dass sie es merkte, um den Finger gewickelt hatte, weg von der trügerischen Wärme und Nähe, die wie immer nur heiße Luft gewesen war, raus aus diesem Irrenhaus, das schon viel zu lange an ihren Nerven zerrte.
Mit zitternden Fingern schloß sie ihren Wagen auf und schleuderte die Koffer in den Kofferraum. Als sie diesen mit einem lauten Knall schloß, hatte Angel sie erreicht.
Dann nimm wenigstens das hier mit, sagte sie und als Sam zu ihr aufsah, glitzerten Tränen auf den Wangen ihrer Freundin. In ihren zitternden Händen hielt sie das Ticket nach Washington, das Nick am vergangenen Tag besorgt hatte.
Angel ... ich denke nicht ... , setzte Sam an.
Ohhh doch. Verdammt ... du hast es dir verdient, siehst du das denn nicht? Du warst für uns da, du hast uns zugehört, so wie das noch niemand getan hat. Du warst ... du bist ... einfach ... großartig. Und dafür ... , ein erstes Schluchzen drang über Angels Lippen, während sie Sam das Ticket mit einem heftigen Ruck entgegen streckte. Jetzt nimm es endlich verdammt noch mal und zeig deinem Arsch von Ex-Mann, wozu du fähig bist.
Sams Finger griffen ganz automatisch nach dem länglichen Umschlag, während sich Angel mit dem Ärmel ihres Pyjamas über die Augen wischte.
Soll ich ihm noch irgend etwas ausrichten, wenn er zurück kommt? fragte sie dann und schniefte dabei leise.
Nein. Sam schüttelte den Kopf, sah dann einen Moment auf das Ticket hinunter und fiel ihrer Freundin dann unvermittelt um den Hals. Es tut mir leid Süße. Wirklich. Aber ich ... ich muß das tun, okay?
Ist schon ... klar, gab Angel zurück. Melde dich, okay?
Mach ich.
In Ordnung ... und ... gute Fahrt.
Danke.
Sam löste sich vorsichtig von Angel. Ihr Blick glitt noch einmal zum Haus hinüber, wo inzwischen die gesamte Carter Familie dicht gedrängt in der Haustür stand.
Sag ihnen ..., setzte Sam an und schluckte dann hart. Sag ihnen, dass ich sie liebe und dass ich ... ich melde mich, okay?
Klar, nickte Angel.
Unter ungeheurer Kraftanstrengung riß sich Sam schließlich von dem Anblick des Hauses los, stieg in ihren Wagen und legte den Rückwärtsgang ein. Sie verbot sich jeden Blick in den Rückspiegel, während sie die Auffahrt hinunter brauste und gleich darauf auf die, um diese Uhrzeit noch menschenleere Straße einbog.
Wieder einmal war sie allein. Wieder einmal hatten sich alle ihre Träume, Hoffnungen und Wünsche zerschlagen und wieder einmal hatte sie es kommen sehen und war mit offenen Augen in ihr Verderben gerannt.
Du hast es nicht anders verdient, schimpfte sie laut mit sich selbst.
Ihr Blick fiel auf die Kamera, die immer noch an ihrer Windschutzscheibe hing.
Als sie das Fenster herunter kurbelte und den kleinen Kasten einfach auf die Straße hinaus warf war sie der Meinung, dass es ihr jetzt ein bißchen besser ging, doch bereits fünf Meter weiter war davon nichts mehr zu spüren.
Die Tränen strömten nun ungehindert über ihr Gesicht und sie konnte nicht aufhören sich selbst zu verfluchen. Sie war es einfach nicht wert. Und wahrscheinlich hatte sie auch Joshua nicht verdient.