Kapitel 56
Die meisten Kerzen waren inzwischen erloschen und nur noch einige wenige spendeten ihr flackerndes Licht. Sam lag neben Nick, eingewickelt in die Laken und starrte an die Decke. Immer noch versuchte sie zu verstehen, was das gerade eben mit ihr geschah, wie es sein konnte, dass mit Nick zu schlafen das beste war, was sie jemals in dieser Hinsicht erlebt hatte und warum sie ihm am Ende ihre Liebe gestanden hatte, wo sie sich doch selbst nicht ganz sicher war, ob dies tatsächlich der Wahrheit entsprach.
Nun ja ... eigentlich war sie sich dessen schon sicher, aber sie wußte nicht, ob das alles wirklich von Dauer war, ob sie sich nicht nur einfach ein bißchen Zeit gestohlen hatten, die sie im Auge des Sturm verbrachten, bevor sie wieder auseinander gerissen und in verschieden Himmelsrichtungen davon geweht wurden.
Unweigerlich und immer wieder entstand in diesem Zusammenhang das Bild von Greg vor ihrem geistigen Auge. Sie fragte sich, warum sie einmal der Meinung gewesen war ihn zu lieben, wenn doch ihre Gefühle zu Nick ungleich stärker und so anders waren als alles, was sie bis dato kennen gelernt hatte. Sicher, auch mit Greg hatte sie schöne Momente erlebt und er hatte ihr ein zu Hause gegeben, als niemand anders dies konnte. Sie hatten einen gemeinsamen Sohn und eine Vergangenheit, die sie miteinander verband. Und trotzdem ... es war nicht das Selbe.
Bei dem Gedanken an Joshua schließlich, zog sich ihr Magen schmerzhaft und ängstlich zusammen. Nur noch eine Woche bis zur Sorgerechtsverhandlung und sie hatte das Gefühl, dass sie in keinster Weise darauf vorbereitet war. Sie hatte immer noch keinen Job - hatte sich noch nicht einmal darum bemüht - ihre Beziehung zu Nick war ... nun ja ... etwas schwierig und dass sie in einem Haus lebte, das von Kameras überwacht wurde, machte es auch nicht gerade besser.
Woran denkst du? hörte sie Nick leise fragen, während sie fühlte, wie sich seine flache Hand über ihren Bauch schob und sich gleich darauf warm und fest auf ihre Hüfte legte.
Ach ..., sie schüttelte den Kopf und schloß für einen Moment die Augen. Ist nicht so wichtig. Alles und nichts irgendwie.
Greg und Josh, nehme ich an.
Auch, nickte sie.
Warum denkst du an Greg?
Langsam drehte sie den Kopf und sah zu Nick hinüber. Er lag neben ihr, hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah sie aufmerksam an.
Ich weiß nicht ... ich befürchte, ich versuche zu vergleichen und ... mir über ein paar Dinge klar zu werden.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel ... , sie seufzte und wandte den Blick wieder ab. Zum Beispiel frage ich mich, ob ich tatsächlich irgendwann einmal glücklich in dieser Beziehung gewesen bin und ob ... keine Ahnung ... ich blind war oder ... mir manche Dinge einfach nur schön geredet habe.
Und? fragte Nick weiter.
Ich weiß es nicht Nick. Ehrlich gesagt möchte ich auch gerade jetzt nicht wirklich über ihn reden.
Okay. Was ist mit Joshua?
Auch darüber möchte ich nicht reden, entgegnete sie und versuchte zu lächeln.
Hm ... worüber möchtest du dann reden?
Über gar nichts? versuchte es Sam.
Hm ... das ist nicht sehr viel, grinste er, beugte sich zu ihr hinüber und küßte sie zärtlich.
Als er sich wieder von ihr löste konnte sie ihren Blick nicht von ihm abwenden. Jedes Detail prägte sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis ein: Seine strahlenden, blauen Augen, sein schiefes, sexy Lächeln, die feinen Linien in seinem Gesicht.
Vorsichtig zog sie ihre Hand unter der Decke hervor und fuhr sanft mir ihren Fingern über seine Wange.
Es ist wirklich unglaublich, was alles in dir steckte, sagte sie leise.
Erzähl mir mehr, schmunzelte er.
Ich weiß nicht. Manchmal denke ich, dass zwei verschiedene Persönlichkeiten in dir wohnen. Auf der einen Seite der unausstehliche, arrogante Mistkerl und auf der anderen ... dieser ... sanfte, verständnisvolle Mann. Das ist seltsam.
Ich denke, dass ich einfach nur in Vielem sehr extrem bin. Hass, Wut, Trauer, Liebe. Ich gebe mich ungern mit Kompromissen zufrieden, entgegnete er nachdenklich.
Das unterschreibe ich ungesehen, lächelte Sam, was Nick zum Schmunzeln brachte.
Tja, du bekommst von allem eben nur das beste Baby, grinste er und zog sie etwas näher zu sich heran.
Gleich darauf drückte er seine weichen Lippen auf ihre Schulter. Ich wünschte, das hier ginge nie zu Ende, murmelte er.
Sie schwieg, weil sie das Gefühl hatte, dass er unbeabsichtigt ihre Gedanken ausgesprochen hatte. Würde das hier gut gehen? Würde es ewig halten? Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ein Mann wie Nick jemanden wie sie für längere Zeit lieben konnte. Vielleicht war er im Moment davon überzeugt, dass ihm jemand wie sie die ganze Zeit gefehlt hatte, was sie zwar nicht wirklich verstehen konnte, aber zumindest irgendwie akzeptiert hatte.
Aber er würde sicherlich bald feststellen, dass es mehr brauchte als einen Menschen, der zu seinem Wort stand, um in einer Beziehung glücklich zu sein. Er liebte das Abenteuer. Er war nicht glücklich wenn alles in geregelten Bahnen verlief. Er brauchte dieses Chaos in seinem Leben irgendwie, auch wenn er sicherlich etwas anderes behauptet hätte. Und das alles zusammen war Gift für sie und Joshua.
Sie brauchten jemanden, der da war, jemanden, der zu ihnen stand egal was kam, jemanden, der dieses Familienleben an die erste Stelle in seinem Leben stellte und das konnte sie sich bei Nick beim besten Willen nicht vorstellen. Da war Greg schon eher der Typ dafür gewesen. Leider hatte das aber auch nicht funktioniert.
Hey, machte Nick wieder auf sich aufmerksam, beugte sich über sie und hauchte ihr einen Kuß auf die Nase. Bin ich so uninteressant, dass du die ganze Zeit an etwas anderes denken mußt?
Nein, lächelte sie und schüttelte den Kopf. Es ist nur ... , sie stockte und sah in Nicks blaue Augen auf.
Es ist nur ...? hakte er nach und zog fragend die Augenbrauen in die Höhe.
Ich versuche mir gerade meine Zukunft vorzustellen und irgendwie ... fällt mir das ziemlich schwer.
Hm ... ist es nicht sowieso so, dass alles, was wir bisher geplant hatten am Ende ganz anders gekommen ist? fragte er, machte es sich auf ihrem Bauch bequem und legte seinen Kopf auf ihre Schulter, während sich sein Haarschopf an ihr Kinn presste.
Da magst du recht haben, entgegnete Sam, während ihre Finger sanft durch sein Haar fuhren. Aber irgendwie ... mein Leben besteht nun mal aus Plänen und Verantwortung und ... keine Ahnung. Manchmal denke ich, dass du mir all das aus der Hand genommen und vernichtet hast und das macht mich einfach nervös.
Ging es dir mit deinen Plänen besser?
Sie seufzte. Nein, eigentlich nicht.
Er nickte, als hätte er nichts anderes erwartet und ein paar seiner Haarsträhnen kitzelten sie dabei an der Nase.
Weißt du, fuhr er fort, während sich seine Hände an ihrem Oberkörper entlang schoben und sie schließlich ganz fest hielten. Manchmal muß man das Leben einfach so nehmen wie es kommt und nur, weil du nicht geplant hattest glücklich zu sein, heißt das nicht, dass es nicht trotzdem real und von Dauer sein kann.
Aber dass wir jetzt hier sind zum Beispiel, war durchaus geplant, gab sie zu bedenken.
Er hob den Kopf und sah sie wieder an. Es wäre so oder so irgendwann dazu gekommen, meinst du nicht?
Auf jeden Fall wäre mir etwas entgangen, wenn wir das hier ausgelassen hätten, grinste Sam, was Nick breit erwiderte.
Na, das war mir schon vorher klar.
Ja, ja. Mr. Allwissend, gluckste Sam.
Im Ernst. Ich weiß, dass du, was dieses ganze Sex-Thema betrifft, nur schlechte Erfahrungen bisher gemacht hast. Von daher hatte ich ja sozusagen die beste Ausgangsposition.
Wie das klingt, entrüstete sich Sam.
Ich weiß. Furchtbar. Tut mir leid. So war das auch nicht wirklich gemeint. Ich wollte damit nur sagen ... , er seufzte, schüttelte den Kopf und schmiegte seine Wange wieder an ihre nackte Schulter. Vergiss es einfach. Es ist gut so, wie es gekommen ist und du und ich, wir haben es beide verdient.
Vielleicht, räumte Sam ein.
Ganz bestimmt, bekräftigte Nick noch einmal.
Hast du denn keine Angst? fragte Sam, während sich ihre Finger von ganz alleine auf seinen Rücken verirrten und kleine Kreise darauf malten.
Angst? Wovor?
Dass das hier morgen schon vorbei ist und ... ich weiß nicht ... uns der ganze restliche Mist wieder einholt.
Welcher restliche Mist? Nick richtete sich wieder auf und stützte sich auf die Ellenbogen, während er Sam aufmerksam musterte.
Deine Familie, meine Familie, die ganze Sache mit Josh und Greg und Viola und ... meine Vergangenheit. Dein Job, deine Arbeit, dein ... ,
Stopp! rief er und legte ihr blitzschnell eine Hand über den Mund. Das alles, was du da gerade aufgezählt hast, mögen äußere Umstände sein, die wir nicht beeinflussen können. Aber ... , vorsichtig nahm er seine Hand von ihrem Mund und sie schaffte es gerade noch, einen flüchtigen Kuß darauf zu hauchen, bevor er sie wieder an ihrer Seite verschwinden ließ. Aber ..., fuhr er fort das sind alles Dinge die ... ich weiß nicht ... sie sollten unsere Beziehung und unsere Gefühle zueinander nicht beeinflussen.
Eigentlich bin ich doch die naive von uns, oder? gab sie mit gerunzelter Stirn zurück, was ihn zum schmunzeln brachte.
Meistens, gestand er. Ich möchte einfach daran glauben, dass es die große Liebe tatsächlich gibt und dass man mit ihr alles andere überwinden kann. Daran glaube ich schon mein ganzes Leben lang und kein noch so tiefer Rückschlag konnte mir das bisher nehmen. Also mach es bitte nicht kaputt. Er schob die Unterlippe vor und sah treuherzig auf sie hinunter und sie konnte gar nicht anders als lächeln.
Gut. Ich bin schon ruhig. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.
Gewarnt? Wovor denn bitteschön? Vor dir? Tut mir leid, zu spät. Ich bin schon rettungslos verloren. Kein Weg zurück.
Du spinnst.
Des öfteren, ganz bestimmt, aber im Moment ... nein, er schüttelte den Kopf und ließ sein wunderschönes Lächeln aufblitzen.
Ihre Hände legten sich an seine Wange und zogen sein Gesicht zu sich hinunter.
Und ich bleibe dabei, du bist vollkommen verrückt und naiv, murmelte sie, während sie federleichte Küsse auf seine Lippen hauchte. Aber ... das gefällt mir irgendwie ... und dass ich das mal sagen würde ... hätte ich auch nicht gedacht.
Mir kann eben keiner widerstehen, gab er grinsend zurück und bevor sie auf diese unverschämte Bemerkung, die aus ihrer Sicht leider nicht sehr weit von der Wahrheit entfernt lag, antworten konnte, verschloß er ihren Mund mit einem heißen, tiefen Kuß, der augenblicklich sämtliche Gedanken aus ihrem Kopf verscheuchte und ein aufgeregtes Prickeln durch ihre Lenden rasen ließ.
Ich habe genau ... , sagte er leise, versenkte seinen Kopf an ihrem Hals und hauchte in ihr Ohr sechs Kondome eingesteckt. Wir sollten uns also so langsam ranhalten, wenn wir die bis morgen früh verbraucht haben wollen.
Sechs Stück? lachte sie. Das schaffst selbst du nicht.
Wollen wir wetten? fragte er herausfordernd und gleich darauf malte seine Zunge eine heiße Spur von ihrem Ohrläppchen hinunter über ihr Schlüsselbein bis hin zum Ansatz ihrer Brüste, wo er unvermittelt inne hielt.
Hey, nicht aufhören, flüsterte sie, während ihre Finger in seinem Haar verschwanden.
Ich wollte nur sicher gehen, murmelte er.
Sicher gehen?
Ich warte immer noch darauf, dass du jede Sekunde aus diesem Bett springst, dich anziehst, mir irgendwelche bösen Worte an den Kopf wirfst und für immer aus meinem Leben verschwindest, gab er zu, während er einen federleichten Kuß auf ihre inzwischen aufgerichtete Brustwarze drückte.
Scharf sog sie die Luft ein und versuchte dabei irgendeinen klaren Gedanken zu fassen.
Können wir uns darauf einigen, dass ich das ganz bestimmt nicht tun werde, bevor die sechs Kondome aufgebraucht sind? stieß sie mit heiserer Stimme hervor.
Er hatte sein Gesicht mittlerweile zwischen ihre Brüste gedrückt und sein Kichern klang dadurch gedämpft. Hm, willigte er schließlich ein und gleich darauf fühlte sie seine Hand, die sich auf direktem Wege ihrem Schambein näherte.
Zum Teufel mit allen Bedenken, negativen Gedanken und Befürchtungen. Sie hatte morgen noch genug Zeit sich in allen Einzelheiten darüber Gedanken zu machen. Jetzt war sie hier. Mit diesem Mann, der sie mit einer einzigen, kleinen Berührung in den Wahnsinn treiben konnte und das würde sie genießen. Sollte doch die Welt um sie herum untergehen.