Kapitel 54
Die nächsten Tage kamen Sam wie eine Art Traum vor. Nachdem in der Nacht der Modenschau ihr Leben zusammen zu brechen drohte wie ein Kartenhaus, schien der Sturm über sie hinweg gezogen zu sein ohne bleibende Schäden zu hinterlassen.
Sie konnte immer noch nicht fassen, wie Nick mit ihrer Vergangenheit umging. Wenn sie morgens zusammen mit den Hunden spazieren gingen und dabei unbeobachtet von Kameras oder den neugierigen Blicken von Nicks Geschwistern zusammen sein konnten, war es beinahe unheimlich wie leicht es war mit ihm zu reden und sich in seiner Nähe wohl zu fühlen.
Sie redeten nicht wirklich darüber, was damals mit ihr geschehen war. Sie hatte einfach noch nicht die Kraft, sich diesen Ereignissen voll und ganz zu stellen und ihre Erlebnisse in Worte zu fassen. Außerdem war es ihr peinlich und unangenehm dies mit Nick zu teilen. Sie war zwar im Nachhinein froh, dass sie ihm in dieser Nacht von ihrem Vater erzählt hatte, versuchte aber alles andere, das damit zusammenhing, aus ihrer Beziehung herauszuhalten. Vielleicht waren sie einfach noch nicht so weit und vielleicht, aber das gestand sie sich nur ungern ein, würden sie auch nie so weit kommen.
Trotzdem erfaßte sie eine gewisse Leichtigkeit, wenn er bei ihr war. Sie genoß sogar seine Berührungen und seine Stärke die sie umfing wenn er sie im Arm hielt und sie fühlte sich tatsächlich geschmeichelt, dass er immer noch so viel Interesse an ihr und auch an ihrem Körper zeigte.
Immer häufiger ertappte sie sich dabei, dass sie darüber nachdachte wie es wohl wäre, sich endgültig fallen zu lassen und nicht nur miteinander zu kuscheln wenn sie abends zusammen im Bett lagen. Wenn seine Hand sie berührte, spürte sie immer öfter eine Sehnsucht in sich aufsteigen, die sie so noch nie kennen gelernt hatte.
Sex mit Greg war manchmal wie die Begegnung mit einem Bulldozer gewesen. Er nahm sich das, was er wollte und sie hatte sich nie wirklich getraut zu widersprechen. Sie war damals der Meinung, dass Sex eben zu einer gut funktionierenden Beziehung und natürlich zu einer Ehe dazu gehörte und sie kannte ja nun auch nichts anderes als ihn und seine Berührungen.
Sich dann mit Nicks Zärtlichkeiten konfrontiert zu sehen, hatte sie am Anfang ganz schön aus der Bahn geworfen. Sie wollte nicht zurück in dieses Gefühl des sich gefangen fühlens, wollte nicht mehr dieser Hilflosigkeit gegenüber stehen und hatte auch keinerlei Interesse an einer körperlichen Vereinigung. Sie verstand sowieso nicht, warum das angeblich die schönste Sache der Welt sein sollte. Was das betraf hatten ihr ihr Vater, und zu einem gewissen Anteil sicherlich auch Greg, ziemlich plastisch gezeigt, was hinter diesem Spruch steckte. Nämlich gar nichts.
Doch ganz langsam begann sie zu denken, dass es mit Nick vielleicht anders sein könnte und dieser Gedanke hatte sie am Anfang mehr als erschreckt. Was, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden konnten? Wenn sie sich nur etwas einredete und am Ende mit Nick schlief, nur um festzustellen, dass es mit ihm auch nicht anders war als mit Greg?
Ihre Beziehung stand sowieso auf wackligen Füßen und diesen nächsten, großen Schritt zu wagen erschien ihr viel zu gefährlich. Er konnte alles zerstören, was sie sich so mühsam aufgebaut hatten und die Vorstellung, das Gefühl von Nähe und Vertrautheit gegenüber Nick zu verlieren, schien ihr ein viel zu hoher Preis zu sein.
Und trotzdem ... wenn sie nachts neben ihm lag, seinen ruhigen Atemzügen lauschte und seinen entspannten Körper betrachtete, fühlte sie tief in sich ein eigentümliches Kribbeln und der Wunsch ihn berühren zu wollen wurde beinahe übermächtig. So etwas hatte sie bisher noch nie gefühlt und sie war einfach nicht der Typ, der sich Hals über Kopf auf ein neues, unvertrautes Terrain stürzte, ohne vorher ausgiebig darüber nachgedachte zu haben.
Doch die Zeit des Grübelns und Abwägens schien sich langsam aber sicher dem Ende zuzuneigen und im gleichen Maße wie sie diese Erkenntnis erschreckte, erfüllte sie sie auch mit einer gewissen Art von Vorfreude. Das Kribbeln in ihrem Inneren steigerte sich mit jeder Nacht, in der sie lediglich in seinen Armen lag und schließlich faßte sie einen Entschluß.
Sie verbrachte einen ganzen Tag damit, das Wie und Wo zu planen, reservierte in der Innenstadt ein Zimmer in einem Hotel, betrat das erste Mal in ihrem Leben ein Wäschegeschäft und klemmte schließlich am nächsten Morgen einen Zettel hinter Nicks Scheibenwischer, den er finden würde, wenn er sich ins Studio aufmachte. Sie achtete darauf, dass der Inhalt der Notiz nicht von irgendeiner Kamera gelesen werden konnte, pflückte schließlich noch eine lila Blüte von einem der Sträucher in der Nähe und klemmte sie mit aufgeregt klopfendem Herzen zu dem Zettel.
Wenig später beobachtete sie Nick durch die Glasscheibe neben der Haustür, während er zu seinem Wagen ging, sich hinters Steuer setzte und gleich darauf wieder ausstieg. Er zog den Zettel hervor, klemmte sich die Blüte hinter das Ohr und begann dann zu lesen. Sie konnte von ihrem Platz aus leider sein Gesicht nicht genau erkennen, doch er schien eine Ewigkeit auf die wenigen Worte hinunter zu starren. Schließlich entwich ihr ein leises, albernes Kichern als er sich den Zettel für einen Moment an die Brust drückte und einen langen Blick in den Himmel warf.
Schließlich faltete er den Zettel wieder zusammen, steckte ihn in die Hosentasche und stieg, nach einem kurzen Blick zurück zum Haus, in sein Auto ein. Mit Schwung setzte er aus der Parklücke und Sam konnte selbst hier hinter der Scheibe das laute Wummern der Bässe hören, die seine Abfahrt begleiteten. Als die Rücklichter um die erste Kurve verschwunden waren trat sie langsam von der Eingangstür zurück und schlang nervös die Arme um ihren Körper. Jetzt gab es tatsächlich kein Zurück mehr und gerade im Moment war ihr sowohl zum Lachen als auch zum Weinen zu Mute.
Als sie sich langsam herumdrehte wäre sie beinahe in das Kamerateam hinein gerannt, das sie scheinbar die ganze Zeit gefilmt hatte und ihr wurde augenblicklich flau im Magen.
Das rote Aufnahmelicht erlosch, die Kamera wurde herunter genommen und einer der Männer bemerkte gutmütig das sieht mir doch schwer nach einem Rendezvous der Turteltauben aus.
Das geht euch gar nichts an, gab Sam steif zurück und beeilte sich an den Männern vorbei und ins Wohnzimmer zu fliehen. Dort angekommen sah sie sich einem unordentlichen Frühstückstisch und einer drückenden Stille gegenüber. Sie fuhr auf dem Absatz herum, lief erneut den Flur hinunter und stand gleich darauf in Angels Zimmer.
Ihre Freundin war bereits wach, lag allerdings noch im Bett und hatte eine Zeitschrift aufgeschlagen.
Ich muß mit dir reden, sagte Sam und schlug den neugierigen Kameraleuten demonstrativ die Tür vor der Nase zu.
Was hat Nick wieder angestellt? antwortete Angel sofort mißtrauisch, klappte das Magazin zu und bedeutete Sam sich zu ihr zu setzen.
Während Sam zu ihr hinüber ging und sich gleich darauf bäuchlings auf das Bett warf, wurde ihr das erste Mal bewußt, wie sehr sich auch die Beziehung zu Angel verändert hatte. Mit einem warmen Lächeln sah sie deshalb zu ihr auf und schüttelte den Kopf.
Er hat gar nichts angestellt. Ausnahmsweise.
Das klingt nicht wirklich nach meinem Bruder, grinste Angel, setzte sich auf, lehnte sich mit dem Rücken gegen das Kopfteil und zog die Knie an. Also, was gibts?
Noch während Sam darüber nachdachte, wie sie Angel am besten erklären sollte, was sie von ihr wollte, begannen sich ihre Wangen bereits tiefrot zu verfärben. Was tat sie hier eigentlich? Sie konnte doch unmöglich ausgerechnet mit Nicks Schwester über Sex mit ihm reden, oder?
Oh Gott, ich befürchte ich weiß was jetzt kommt, sagte Angel und legte in gespieltem Entsetzen die Hände an die Wangen.
So? Das kann ich mir eigentlich kaum vorstellen, gab Sam zurück.
So wie du aussiehst, und du bist tatsächlich rot wie ne Tomate, geht es hier um unanständige Dinge und auch wenn ich dich wirklich gern habe, glaube ich kaum, dass ich solche Dinge über meinen Bruder wissen will.
Sam mußte gegen ihren Willen lachen. Tut mir leid, sagte sie schließlich. Ich weiß nur nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Ich komme mir vor wie ein pubertierendes Schulmädchen, das über ihr erstes Mal nachdenkt und dringend Hilfe benötigt.
Angel hielt für einen Moment verblüfft inne. Wie ... ihr habt noch gar nicht ... ?
Sam schüttelte den Kopf.
Aber ... die Nacht in dem Hotel ... ihr schlaft hier immer in einem Bett ... du willst mir doch nicht wirklich erzählen, dass da noch nichts gelaufen ist?
Doch, nickte Sam unbehaglich.
Ach du meine Güte. Jetzt wirkte sie wirklich entsetzt.
Es liegt nicht an Nick, falls dich das beruhigt, gab Sam zu.
Ich weiß nicht ob mich das beruhigt. Es bestätigt allerdings meinen ersten Gedanken. Was ... also ... wieso? .... Ich meine ... ,
Es ist kompliziert und schwierig, okay? wehrte Sam sofort ab. Mir geht es nur darum ... also ... , erneut fühlte sie, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß. Ich habe mich dazu entschlossen, das jetzt durchzuziehen und habe für heute Nacht ein Hotelzimmer gebucht.
Das jetzt durchzuziehen? Sam du redest hier von Sex und nicht von ... keine Ahnung ... einem Examen, das du unbedingt mit Bestnoten bestehen mußt.
Aber es kommt mir ein bißchen so vor, gestand Sam kleinlaut.
Wenn ich nicht wüßte, dass du einen Sohn hast, würde ich wirklich denken, dass du noch nie mit einem Mann geschlafen hast.
Na ja ... ich schlafe das erste Mal mit deinem Bruder, von daher ist es schon ... hm ... so ähnlich.
Angel schüttelte völlig entgeistert den Kopf und Sam verfluchte sich dafür, dass sie nicht einfach ihre Klappe gehalten hatte. Sie wollte sich lieber gar nicht vorstellen, was ihre Freundin jetzt über sie dachte.
Und ... was möchtest du jetzt genau von mir? hakte Angel schließlich vorsichtig nach.
Gute Frage. Weißt du ... , Sam senkte den Blick und betrachtete interessiert ihre Fingernägel, während ihre Füße in die Höhe schossen und begannen, wild in der Luft hin und her zu pendelten. ... ich versuche mir das alles vorzustellen. Wir beide in diesem Zimmer, das Bett und ... na ja ... ich höre schon auf darüber nachzudenken wenn ich bei dem Bild ankomme, wie er sich auszieht.
Und ich soll dir jetzt sagen wie es weiter geht? fragte Angel, rutschte wieder tiefer in die Kissen, drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf in die Hand und sah Sam aufmerksam an.
Ja ... nein ... ich weiß nicht. Also ... meinst du, ich sollte schon ... also ... unbekleidet auf ihn warten? Oder sollte ich das lieber ihm überlassen? Und dann ... redet man vorher, oder kommt man gleich zur Sache? Und ... dann gibt es da auch noch die Sache mit den Kondomen und ...
Sam, bremste Angel den ersten Anflug von Sams Panikattacke und legte ihr eine warme Hand auf den Arm. Vielleicht solltet ihr vorher einfach mal darüber reden. Bestell ne Flasche Champagner aufs Zimmer, dimm das Licht und harre der Dinge, die da kommen.
Mit ihm darüber reden? fragte Sam entsetzt. Du meinst so nach dem Motto ... also ich mag das und das, ach und die Stelle ist bei mir auch sehr empfindlich ... oder so ähnlich? Gott, da wird mir ja alleine bei dem Gedanken daran schon ganz schlecht.
Angel schüttelte grinsend den Kopf. Nein. Fang doch fürs erste damit an, dass du ihm sagst, dass du dich unsicher fühlst und Angst hast etwas falsch zu machen. Er wird dann bestimmt so was sagen wie, sie senkte die Stimme und machte ein gespielt ernstes Gesicht mach dir keine Gedanken Baby, ich regle das schon und dann ..., fuhr sie mit normaler Stimme fort keine Ahnung ... mach die Augen zu und genieße es.
Sam seufzte. Ich habe Angst, dass ich so sehr damit beschäftigt bin mir über jeden Schritt und das alles Gedanken zu machen, dass ich es gar nicht genießen kann.
Süße, hör mir zu, sagte Angel sanft und strich Sam eine Haarsträhne aus der Stirn. du mußt nichts tun, was du nicht möchtest. Nick mag zwar manchmal ein großkotziges Arschloch sein, aber er hat, was Sex betrifft wahrscheinlich mehr Erfahrung als wir alle zusammen. Du vertraust ihm doch, oder?
Sam nickte langsam.
Dann begib dich einfach in seine Hände und laß dich überraschen. Sex kann etwas unglaublich schönes sein. Das ist nichts wofür man sich schämen müßte oder ... ich weiß nicht ... wofür man hinterher Noten bekommt. Wenn sich zwei Menschen lieben ist das erste Mal immer ein kleines Experiment. Und ich schwöre dir, dass Nick genau so nervös sein wird wie du.
Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, gab Sam zu. Er wirkt in der Beziehung immer so ... keine Ahnung ... überlegen und erfahren.
Na und? Seine ganze Erfahrung ist nichts wert, weil er nämlich dem Anspruch gerecht werden muß, dass es schön für dich ist. Ich meine ... ihm liegt ganz offensichtlich sehr viel an dir, ich wage sogar zu behaupten, dass er bis über beide Ohren verliebt in dich ist und wenn ihr bisher nur gekuschelt habt, ist das für ihn garantiert auch eine ganz große Sache bei der er alles richtig machen will.
Sam dachte einen Moment über Angels Worte nach und nickte dann langsam. Von der Seite habe ich es noch nie betrachtet.
Sie schwiegen eine Weile, bis sich Sam seufzend auf den Rücken drehte und tiefer in die Kissen kuschelte.
Hoffentlich ... stelle ich mich nicht all zu dämlich an.
Du kannst dich überhaupt nicht dämlich anstellen. Also vergiß das ganz schnell wieder und freu dich einfach darauf.
Ich versuche es, nickte Sam ernst, was Angel zum Lachen brachte.
Süße, du bist echt was ganz besonderes.
Ich hoffe, das war als Kompliment gemeint, lächelte Sam schief.
Wovon du ausgehen kannst, kicherte Angel.
Sam ließ ihren Blick Richtung Decke wandern und seufzte erneut verhalten. Sie hatte sich diese ganze Sex-Sache nicht so schwierig vorgestellt und trotzdem bereute sie es nicht, Nick den Zettel unter den Scheibenwischer geklemmt zu haben. Manchmal war diese Welt schon sehr seltsam.