Kapitel 53

Als Nick am nächsten Tag erwachte, war es bereits früher Nachmittag. Er blinzelte gegen das Licht an, das durch die geschlossenen Vorhänge fiel und wälzte sich schwerfällig auf den Rücken. Das Bett neben ihm war leer.
Für einen Moment starrte er auf die Stelle, an der Sam gelegen hatte. Ihr Kopfkissen war eingedrückt, die Decke zurückgeschlagen und das Laken verknittert und er fühlte Bedauern, dass sie jetzt nicht hier bei ihm war und er sich nicht an sie schmiegen konnte, während er langsam richtig wach wurde.
Nach und nach schob sich ihr Gespräch vom vergangenen Abend in sein Bewußtsein und mit einem leisen Stöhnen zog er Sams Kissen zu sich heran und vergrub sein Gesicht in ihrem Duft.
So schlimm die Wahrheiten auch waren, mit denen sie ihn gestern konfrontiert hatte, umso fester, so schien es ihm jetzt, hatten sie diese zusammengeschweißt. Er fühlte sich ihr seltsam nahe und das, obwohl seine Berührungen noch nicht über eine Umarmung und ein paar Küsse hinaus gegangen waren. Ihre Beziehung hatte einen anderen, nicht weniger intimen Charakter erhalten und auch wenn er sich ein wenig dafür schämte, lächelte er glücklich in ihr Kissen. Bei ihm lief doch wirklich nie etwas nach Plan, aber in Sams Fall schien er ganz unbewußt in die richtige Richtung gelaufen zu sein. Wie auch immer er das angestellt hatte.
Er verweilte noch eine Weile im Bett, döste dabei immer wieder ein und quälte sich schließlich aus der angenehmen Wärme der Laken. Nach einer ausgiebigen Dusche und nachdem er in sein übergroßes Lieblings T-Shirt geschlüpft war, fühlte er sich einigermaßen wach und gerüstet für den Tag.
Vielleicht sollte er heute mal wieder ins Studio fahren, überlegte er, während er den langen Flur hinunter ins Wohnzimmer tapste. Irgendwie kam es ihm so vor, als sei er seit Wochen nicht mehr dort gewesen, auch wenn es eigentlich nur wenige Tage waren.
Im Wohnzimmer empfingen ihn der Duft nach Kaffee und die leise Stimme von Aaron. Sein kleiner Bruder saß Sam gegenüber am Eßtisch und hatte die Füße auf einen Stuhl gebettet. Um sie herum lagen drei der fünf Hunde, die nun kurz den Kopf hoben, als er eintrat. Benutztes Geschirr von ihrem Frühstück stand vor Aaron und Sam auf dem Tisch und Nick empfand dieses Bild als seltsam heimelig. Wie hatte sich seine Welt nur innerhalb einer Nacht so verändern können?
Ein Kamerateam saß auf der Couch und hatten ihr Arbeitsgerät zu ihren Füßen abgestellt. Scheinbar vertrauten sie darauf, dass die in den Wänden versteckten Linsen ihnen die Arbeit abnehmen würden.
„Guten Morgen,“ begrüßte ihn Sam lächelnd, die ihn als erste entdeckte.
„Besser guten Tag,“ grinste Aaron, der sich kurz zu ihm herum drehte.
„Gleichfalls,“ murmelte Nick, dessen Sprachzentrum noch nicht den gleichen Wachheitsgrad wie sein Körper angenommen hatte.
Ohne zu zögern trat er auf Sam zu, stützte sich mit den Händen auf die Rückenlehne ihres Stuhles und den Tisch vor ihr ab und drückte ihr einen zärtlichen Kuß auf die Lippen.
„Buäh,“ hörte er Aaron angewidert ausstoßen „und das noch beim Frühstück. Könntet ihr nicht ein bißchen Rücksicht auf mich nehmen?“
„Nein,“ gab Nick ohne hinzusehen zurück und registrierte dabei Sams Lächeln das noch etwas breiter wurde. „Ich habe dich vermißt,“ murmelte er, während er sein Gesicht in ihre Halsbeuge schmiegte.
„Dabei lag ich bestimmt ne halbe Stunde neben dir und habe darauf gewartet, dass du endlich aufwachst,“ grinste sie, während ihre Finger eine angenehm prickelnde Spur sein Rückrat hinunter malte.
„Kaffee?“ versuchte es Aaron jetzt scheinbar mit einer anderen Taktik.
„Ja, Kaffee wäre super,“ nickte Nick, löste sich widerwillig von Sam und ließ sich auf den Stuhl am Kopfende des Tisches fallen.
„Dann hol ihn dir. Steht in der Küche,“ grinste Aaron.
Nicks böser Blick schoß blitzschnell über den Tisch und traf Aaron mitten ins Herz. Leider fiel er nicht getroffen in sich zusammen, sondern grinste statt dessen noch breiter.
„Ich mach schon,“ sagte Sam und erhob sich.
„Nein,“ sagte Nick und bekam gerade noch ihr Handgelenk zu fassen, bevor sie in der Küche verschwinden konnte. „Wofür hab ich denn nen kleinen Bruder? Der kann ruhig mal was für mich alten Mann tun.“
„Alter Mann? Schon klar,“ lachte Aaron, aber zu Nicks und auch Sams Verblüffung erhob er sich und schlurfte in die Küche. „Nur, damit ich mir dieses Geschmuse nicht länger anschauen muß,“ erklärte er, während Nick hörte, wie nebenan ein Küchenschrank geöffnet wurde.
„Ich glaube, ich sollte besser nicht hinterfragen, was in ihn gefahren ist, oder?“ fragte Nick Sam ungläubig.
„Nein,“ schmunzelte sie, ließ sich dann widerstandslos auf seinen Schoß ziehen und schmiegte sich gleich darauf an ihn. „Uhm, das habe ich vermißt,“ schnurrte er gleich darauf.
„Ich auch,“ gab sie zu. „Es war irgendwie seltsam heute morgen aufzuwachen und so weit weg von dir im Bett zu liegen.“
„Ehrlich?“ fragte er mit einem Lächeln und lehnte dabei den Kopf ein Stück nach hinten um sie besser ansehen zu können.
„Hm,“ nickte sie.
Unvermittelt schlang sie ihm die Arme um den Hals und drückte ihn fest an sich.
„Danke noch mal wegen gestern,“ flüsterte sie nahe an seinem Ohr „und dafür, dass du ... heute noch mit mir sprichst und du einfach ... ich weiß auch nicht ... es ist total komisch jetzt mit dir hier zu sitzen. Es fühlt sich so ... normal und ... schön an.“
Sein Herz schwoll bei ihren Worten augenblicklich auf die doppelte Größe an, der Wunsch, einfach in sie hinein zu kriechen, um ihr noch näher sein zu können wurde beinahe übermächtig und seine Arme zerquetschten sie fast. Womit hatte er nur so viel Glück verdient?
„So, hier ist dein Kaffee. Können wir uns jetzt darauf einigen, dass jeder auf seinem eigenen Stuhl sitzt?“ holte ihn Aaron unvermittelt in die Realität zurück.
„Ungern und nur, weil du mich mit dem Kaffee bestochen hast,“ stellte Nick fest, während sich Sam erhob und wieder auf ihrem eigenen Stuhl Platz nahm. Wie selbstverständlich legte sie gleich darauf ihre Füße in seinen Schoß und zärtlich umschloß er ihre zierlichen Fußgelenke mit seinen langen Fingern.
„Wo ist der Rest?“ fragte Nick in die Runde.
„Leslie ist bei Charly,“ informierte ihn Aaron „und BJ und Angel sind zusammen in die Stadt gefahren um ein paar Zeitungen zu besorgen.“
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass da heute schon was über die Modenschau drin steht,“ gab Sam zu bedenken.
„Die richtig großen Berichte kommen erst in ein, zwei Tagen,“ erklärte Nick „aber so ein paar Bilder und Wortfetzen gibt es sicherlich heute schon.“
„Die wollen doch nur sehen, ob sie erwähnt wurden und ob was über ihre Kleider drin steht. Weiber eben,“ sagte Aaron schulterzuckend.
„Und was werden sie über dich schreiben?“ fragte Sam grinsend.
„Oh ... bestimmt so was wie ... der begehrteste Junggeselle LAs, Aaron Carter, konnte sich an diesem Abend nicht vor weiblichem Zulauf retten ... oder so ähnlich,“ grinste Aaron zurück.
„Träum weiter,“ lachte Nick und nippte vorsichtig an seinem Kaffee.
„Hast du denn jemanden kennen gelernt?“ fragte Sam interessiert.
„Sagen wir mal so ... ich habe meinen Vorrat an Telefonnummern wieder etwas aufgefüllt und wir werden sehen, was sich daraus ergibt,“ antwortete Aaron großspurig.
Sam kicherte leise. „Dein Vorrat an Telefonnummern? Wirklich ... euer Leben ist ... so ... seltsam manchmal.“
„Findest du? Ist doch ganz normales Zeug. Frauen und Männer treffen sich irgendwo, tauschen Telefonnummern aus und versuchen sich dann am nächsten Tag daran zu erinnern, wie die Frau unter dem Eintrag „Susi“ ausgesehen hat.“
Sam lachte. „Klingt kompliziert.“
„Wie hast du denn Greg kennen gelernt? Habt ihr da keine Telefonnummer ausgetauscht?“ fragte Aaron interessiert und Nick spürte, wie Sam zusammen zuckte. Ihr war es sichtlich unangenehm dieses Thema vor laufenden Kameras zu besprechen, also sprang er in die Bresche.
„Das geht dich gar nichts an. Im Übrigen kann ich dir gerne mit ein paar Telefonnummern aushelfen, falls es knapp werden sollte.“
Aaron begann meckernd zu lachen. „Nee, laß mal stecken. Wir haben ja gesehen, wohin so was führen kann.“
Dieser indirekte Hinweis auf Paris bohrte augenblicklich einen kleinen Pfeil in Nicks Eingeweide, also schnappte er sich seine Kaffeetasse und versuchte dies mit einem großen Schluck daraus zu überspielen.
Gott sei Dank hörte er in diesem Moment, wie die Haustür aufgeschlossen wurde und die Aufmerksamkeit am Tisch konzentrierte sich augenblicklich auf Angel und BJ, die strahlend mit einer ganzen handvoll Zeitschriften und Zeitungen ins Wohnzimmer gestürmt kamen.
„Hey! Guten Morgen Langschläfer,“ begrüßte ihn Angel, drückte ihm im Vorbeigehen einen Kuß auf die Stirn und ließ sich gleich darauf neben Sam auf einen Stuhl fallen.
„Und? Steht was drin?“ fragte Sam interessiert, während sie leider die Füße von seinen Knien nahm, aufstand und begann das Geschirr zusammen zu räumen.
„Jede Menge,“ nickte Angel.
„Wir haben auf der Fahrt hier her nur mal kurz reingelinst,“ informierte sie BJ, die sich einen Muffin nahm und ihn in der Mitte auseinander brach. Sofort saßen drei Hunde um ihren Stuhl herum und hofften mit heraushängender Zunge, dass etwas für sie abfiel. „Und ich kann euch sagen, dass Nick, Paris und Sam scheinbar die Hauptattraktion des Abends waren.“
„Ist nicht wahr, oder?“ ereiferte sich Aaron, während sich Sams und Nicks Blicke trafen.
Sie wirkte angespannt und etwas blaß um die Nase und auch in seinem Magen hatte sich ein unangenehmes Flattern breit gemacht.
„Und wo steht da was von dem begehrtesten Junggesellen LAs?“ plapperte Aaron weiter, während er die erste Zeitschrift zu sich heran zog.
„So weit waren wir noch nicht,“ grinste BJ.
„Oder es steht gar nichts darüber drin,“ setzte Angel feixend hinzu.
Sam machte sich mit dem Geschirr auf den Weg in die Küche. Nick erhob sich, schnappte sich die restlichen Tassen und Teller und folgte ihr.
Sie öffnete gerade die Spülmaschine, während er das Geschirr darüber abstellte und sie dann ohne ein Wort an sich zog. Seine Lippen verirrten sich an ihre Schläfe und am liebsten hätte er jetzt beruhigend auf sie eingeredet, aber da auch hier jeder ihrer Schritte von Kameras überwacht wurde, traute er sich nicht so recht. Beklommen fragte er sich, wie oft sie wohl nicht an die unsichtbaren Kameras gedacht hatten und wie viele Dinge dadurch bereits dem Zuschauer offenbart worden waren, ohne dass sie davon wußten.
Angels aufgeregte Stimme holte sie schließlich zurück in die Wirklichkeit.
„Sam? Nick? Kommt her, das müßt ihr euch ansehen.“
„Ich will nicht,“ murmelte Sam an seiner Brust.
„Ich schon,“ lächelte Nick, auch wenn ihm eigentlich nicht danach war, faßte dann nach ihrer Hand und zog sie hinter sich her wieder zurück ins Esszimmer.
Ein Hochglanzmagazin lag aufgeschlagen in der Mitte des Tisches und seine drei Geschwister hatten sich interessiert darüber gebeugt. Auch das Kamerateam hatte sich inzwischen zu ihnen gesellt und filmte den aufgeschlagenen Bericht in Großaufnahme.
„Zu einem kleinen Eklat kam es,“ laß Aaron gerade laut vor „als sich Nick Carter und seine Exfreundin Paris Hilton unvermittelt über den Weg liefen. Das Partygirl und der EX Backstreet Boy ... Mann die lernen es nie ... ,“ kommentierte er kopfschüttelnd „hatten sich nach einer heftigen Liebesaffäre im vergangenen Jahr unter großem Aufsehen und einer ausgedehnten Schlammschlacht getrennt. Hilton, die von ihrem neuen, griechischen Freund begleitet wurde, ließ kein gutes Haar an ihrer ehemaligen Beziehung „ Nick ist wie ein kleines, verzogenes Kind. Wenn er seinen Willen nicht bekommt fängt er an zu schreien und zu toben und alles was sich ihm dann in den Weg stellt hat keine Chance“ soll sie Berichten zu folge zu Nick Carters aktueller Freundin Samantha Fields ... ,“ Aaron warf Sam einen kurzen, bedeutsamen Blick zu „gesagt haben. Fields, die augenscheinlich noch keine großen Erfahrungen auf dem glamourösen Parkett dieser Welt gesammelt hat, wußte sich allerdings zu wehren. Siehe Bild im oberen Kasten ...“
Fünf Köpfe beugten sich daraufhin noch tiefer über den Tisch. Nick hatte einen Arm um Sams Taille gelegt und er fühlte ihren Rücken beruhigend nahe an seinem Körper.
„Ich sehe aus wie eine Furie,“ kommentierte Sam das Foto mit gerunzelter Stirn.
Der Fotograf hatte sich offensichtlich auf der gegenüberliegenden Seite der Empore befunden. Nick, Sam und Paris standen sich gegenüber, Sam so dicht an der Hotelerbin, dass sich ihre Nasen beinahe berührten, während Nick eine Hand auf ihre Schulter gelegt hatte. Das Bild war ziemlich dunkel und trotzdem konnte man die Wut beinahe mit Händen greifen, die von Sam auszugehen schien. Ihre Hände fuhren gestikulierend durch die Luft und Paris sah aus als hätte sie tatsächlich Angst, Sam würde sie im nächsten Moment schlagen.
„Der hast du es aber scheinbar ordentlich gegeben,“ kicherte BJ.
„Sie hatte es verdient,“ sagte Sam aufgebracht „diese Person ist unmöglich.“
„Hat sie das wirklich über Nick gesagt?“ fragte Angel neugierig.
„Wovon du ausgehen kannst,“ nickte Nick grimmig.
„Sie hat überhaupt keine Ahnung,“ fuhr Sam kopfschüttelnd fort. „Verspritzt da blind ihr Gift und sollte dabei erstmal vor ihrer eigenen Haustür kehren. Ihr Freund war mir so was von unsympathisch. Total betrunken und so ... ekelhaft irgendwie,“ sie verzog angewidert das Gesicht.
„Welcher ist es?“ fragte Angel und zog das Magazin zu sich heran.
Sam schaute ihr über die Schulter und tippte dann auf einen jungen Mann mit dunklem Haar, der sich der kleinen Gruppe gerade näherte.
„Hm ... ganz knackig eigentlich,“ kommentierte Angel.
„Geld wie Heu aber kein Hirn,“ gab Aaron abfällig von sich.
„Das sind die besten,“ grinste BJ breit.
„Gott sei Dank ist Wes nicht so. Ich will mir gar nicht vorstellen wie du drauf wärst, wenn du dir so nen reichen, eingebildeten Fuzzi an Land gezogen hättest,“ sagte Angel mit gerümpfter Nase.
„Traust du mir das etwa nicht zu?“ fragte BJ spitz.
„Das werden wir jetzt nicht weiter vertiefen,“ schaltete sich Sam augenblicklich ein, zog das Magazin zu sich heran und klappte es zu. „Und ich will auch nichts mehr über diesen Abend lesen. Mir hat’s Spaß gemacht und Punkt. Soll diese Paris doch bleiben wo der Pfeffer wächst.“
„Es ist echt schade, dass du so selten Schimpfworte verwendest,“ kicherte Aaron.
„Wieso?“ fragte Sam irritiert.
„Dann hätten die Produzenten ein bißchen was zu tun, weil sie dich immer ausbeepen müßten. Aber so ... kann jetzt jeder in voller Länge mithören, wie du über Paris denkst.“
„Das ist mir, ehrlich gesagt, total egal.“
„Recht so,“ nickte Angel und schlug Sam auf die Schulter.
Nick war sich allerdings nicht so sicher, ob dieses Gespräch tatsächlich positiv bei den Zuschauern ankommen würde und was Greg und Viola davon halten mochten, wollte er lieber auch nicht wissen.

Kapitel 54