Kapitel 52
Was für eine Nacht! Nick lehnte mit dem Rücken an der Tür, hielt die völlig außer sich geratene Sam in seinem Armen und wusste weder was er tun, denken noch fühlen sollte. Eigentlich hatte er nach dem plötzlichen Auftauchen von Paris gedacht, dass es heute nicht mehr schlimmer kommen konnte, doch Sam hatte ihn mal wieder eines besseren belehrt.
Dieser Mistkerl, dieser
Gott, ihm fiel überhaupt keine Bezeichnung für dieses Monster ein, dass sich zu unrecht ihr Vater nannte und ihr diese schlimmen Dinge angetan hatte. Wenn er ihn jetzt vor sich gehabt hätte, wäre er ohne zu zögern auf ihn los gegangen und hätte so lange auf ihn eingeprügelt, bis dieser Schmerz, der in ihm wütete, und die grenzenlose Verachtung, die er für diesen Mann empfand, in ihm nachgelassen hatten.
Doch leider war dies nicht möglich.
Also konzentrierte er sich darauf, Sam einen Halt zu geben, sie in seinen Armen sanft hin und her zu wiegen, ihr das Haar aus dem Gesicht zu streichen und seine Wange an ihrer Stirn zu reiben.
Warum hatte er auch unbedingt nachbohren müssen? Warum konnte er gewisse Dinge nicht einfach auf sich beruhen lassen? Aber nein
wie immer war er mit offenen Augen auf die Katastrophe zu gerannt und befand sich nun mitten drin. Er fühlte sich so hilflos, weil er ihr ihren Schmerz nicht nehmen konnte und weil er nicht wusste was er sagen sollte, damit sie aufhörte zu weinen.
Allmählich wurde ihr Schluchzen leiser, die Anspannung ihres Körpers ließ nach und das Zittern ebbte langsam ab. Trotzdem drängte sie sich weiterhin dicht an ihn und er kam sich vor, als hielte er einen kleinen, zitternden Vogel in seinen Armen, so winzig und verletzbar wirkte sie.
Es tut mir leid, hörte er sie schließlich erneut flüstern und er schüttelte den Kopf.
Dir braucht überhaupt nichts leid zu tun. Ich schwöre dir, wenn mir dieser Mistkerl jemals begegnen sollte, bringe ich ihn eigenhändig um.
Nein
ich
das meine ich nicht
, entgegnete sie. Es tut mir leid, dass ich hier so
ausgeflippt bin und dass
na ja
du dich jetzt auch noch mit meinen Problemen beschäftigen musst, obwohl du doch ganz offensichtlich heute Abend genug eigene hast.
Sam, sagte er nachsichtig über so etwas solltest du überhaupt nicht nachdenken. Ich bin für dich da, genau so wie du für mich. Und ehrlich gesagt
wenn du heute Abend nicht zu mir gekommen wärst, wäre mir das wahrscheinlich auch nicht recht gewesen.
Männer, schnaubte sie gutmütig.
Ja, wir sind nicht einfach.
Hm, nickte sie.
Zärtlich streichelte er ihren Rücken und drückte ihr dann einen sanften Kuss auf die Stirn.
Danke, dass du es mir gesagt hast, sagte er schließlich leise.
Das war leider keine bewusste Entscheidung, hörte er sie murmeln.
Kann ich mir vorstellen
aber
trotzdem gut, dass es jetzt nicht mehr zwischen uns steht.
Vorsichtig richtete sie sich in seinen Armen auf und sah ihn aus großen, verweinten Augen an.
Wenn
wenn dir das
irgendwie
zu viel oder unangenehm oder so ist
ähm
dann brauchst dus nur sagen.
Verständnislos runzelte er die Stirn. Wie meinst du das?
Na ja
, sie zog die Schultern hoch und ließ sie gleich darauf in einer mutlos wirkenden Geste wieder fallen. Ich könnte verstehen, wenn du
jetzt
nichts mehr mit mir zu tun haben wolltest.
Wie kommst du denn darauf? Ich meine
Ehrlichkeit ist doch wichtig, oder? Und was für ein mieses Schwein wäre ich denn, wenn ich nur die netten Sachen hören wollte?
Sie antwortete nicht sofort, sondern starrte ihn mit unbewegtem Gesichtsausdruck an. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass da jetzt noch etwas kam und er konnte sich nicht entscheiden, ob er das heute Abend tatsächlich noch verkraften konnte, oder er sich lieber die Ohren zuhalten sollte.
Greg hat
, setzte sie dann an, verstummt allerdings sofort wieder, schüttelte dann den Kopf und lehnte sich seufzend wieder gegen ihn. Ist ja auch egal.
Nein, ist nicht egal, gab er zurück. Scheinbar fällte sein Mundwerk heute seine eigenen Entscheidungen. Was ist mit Greg?
Sie schwieg eine ganze Weile und er holte bereits Luft um ihr die Fragen noch einmal zu stellen, als sie kaum hörbar sagte er hat danach zwei Wochen lang kein Wort mehr mit mir geredet.
Danach?
Nachdem ich ihm
das
von meinem Vater
erzählt hatte.
Was? Entsetzt fuhr Nick in die Höhe. Das ist nicht dein Ernst.
Doch. Leider. Ich weiß nicht
ich dachte
ich meine
ich hätte es ihm vielleicht besser nicht gesagt. Irgendwie war danach nichts mehr so wie vorher. Und ich möchte nicht
ich meine
ich habe jetzt vielleicht zwischen uns alles kaputt gemacht und das
das ist
,
Nein! Nein Sam. Hör auf dir so was einzureden, sagte er eindringlich, schob sie ein Stück von sich und sah ihr fest in die Augen. Hör mir zu, okay? Schlimme Dinge passieren im Leben, das wissen wir beide wahrscheinlich besser als jeder andere. Es macht uns zu dem wer wir sind. Ich bin meistens unausstehlich, rechthaberisch und dickköpfig, du manchmal ängstlich und
, er stockte kurz, weil er nicht mehr so genau wusste, was er eigentlich sagen wollte. Du lebst viel zu oft hier drin, er tippte ihr vorsichtig mit dem Finger gegen die Stirn. Du schließt es da ein, schiebst es ganz weit weg und versuchst irgendwie weiter zu machen. Und gerade ich weiß, dass das über kurz oder lang in die Hose gehen wird. Deshalb
BITTE
ich bin jederzeit für dich da und ich würde dir wirklich gerne helfen ein paar Dinge
klarer zu sehen und
irgendwie
los zu werden. Auch wenn ich, ehrlich gesagt, keinen blassen Schimmer habe, wie ich das anstellen soll. Aber
ich meine
, nun waren ihm endgültig die Worte ausgegangen.
Ich verstehe, nickte sie zögernd.
Gut. Ich befürchte nämlich, ich wäre aus meinem Gestammel nicht schlau geworden.
Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, das er warm erwiderte. Wie zufällig landete ihre flache Hand plötzlich auf seiner nackten Brust, während sie den Kopf wieder in seine Halsbeuge schmiegte. Für einen Moment schloss er die Augen, ließ seinen Kopf nach hinten gegen die Tür sinken und genoss das Prickeln, das augenblicklich durch seinen gesamten Körper raste.
Sam?
Hm?
Könntest du deine Hand da wegnehmen? Das geht sonst nicht lange gut.
Oh, natürlich, entfuhr es ihr, während sie ihre Hand zurück zog als hätte sie sich verbrannt und sie in ihrem Schoß verstaute Tut mir leid.
Du musst dich nicht dauernd bei mir entschuldigen.
Ich weiß
ist wohl so ein angeborener Gendeffekt.
Aha. Gab er zurück, während er immer noch mit geschlossenen Augen da saß und spürte, wie langsam die Kälte des Bodens durch seine Gliedmaßen kroch.
Was meinst du? Sollen wir uns schlafen legen? Irgendwie ist mir kalt, sagte er deshalb und hob den Kopf.
Sie nickte langsam, richtete sich dann in seinen Armen auf und sah ihm direkt in die Augen. Soll ich
drüben schlafen?
Nein, entgegnete er und schüttelte den Kopf. Sein Arm, den er bis eben noch um ihre Knie geschlungen hatte, hob sich und seine Finger strichen sanft über ihre Wange. Ich möchte heute Nacht nicht alleine sein.
Ich auch nicht, gab sie leise zurück.
Vorsichtig beugte er sich zu ihr hinüber, weil er sie unbedingt küssen wollte und hatte dabei Angst, dass sie sich jetzt wieder von ihm zurück zog und er noch hilfloser und ratloser als sowieso schon zurück blieb. Sie hatten sich in der letzten Woche so nahe herangekämpft, dass es ihn schmerzen würde, wenn sie durch ihr Geständnis jetzt wieder von vorne anfangen müssten.
Doch sie erwartete ihn mit leicht geöffneten Lippen und als er seinen Mund vorsichtig darauf presste, spürte er ihre Finger, die sanft über seinen Rücken strichen. Sofort bekam er am ganzen Körper eine Gänsehaut, seine Hand, die inzwischen wieder auf ihrem Knie lag, machte sich selbständig und wanderte ihren Oberschenkel bis zu ihrer Taille hinauf.
Sein Kuß wurde fester, seine Zunge schob sich in ihren Mund und seine andere Hand verschwand in ihrem Haar. Verdammt, sie schmeckte so wahnsinnig gut und sie fühlte sich so unglaublich verführerisch an und
Nick? murmelte sie schließlich atemlos.
Hm?
Wollten wir nicht schlafen gehen?
Ja, er küsste ihre Wange klar, sein Mund wanderte hinunter zu ihrem Hals sofort. Und wieder senkten sich seine Lippen auf ihre.
Sein Herzschlag raste dröhnend in seinen Ohren, seine Atmung beschleunigte sich und ein anderes Körperteil machte mit aller Macht darauf aufmerksam, dass es schon eine ganze Weile mehr als unterfordert war.
Irgendwie schaffte er es, seine letzten Vernunftreserven zusammen zu kratzen, richtete sich auf und schob den warmen, weichen Frauenkörper ein Stück von sich.
Es tut mir leid, sagte er mit rauher Stimme aber ich befürchte, wir müssen uns heute Nacht schön brav auf jeweils unserer Seite des Bettes aufhalten.
Das ist schade, gab sie flüsternd zurück.
Wem sagst du das? grinste er gequält.
Warum tust du das?
Warum tue ich was?
Na ja
warum tust du dir mich an? Dieses auf verschiedenen Seiten des Bettes schlafen und Aufhören wenn es am schönsten ist und
keine Ahnung. Ich kann in deinem Gesicht ganz genau lesen was du jetzt am liebsten tun würdest und trotzdem sitzt du hier und sagst
sagst
dass es okay ist. Ich
verstehe das einfach nicht. Du könntest jede Frau haben. Warum ausgerechnet mich?
Weil du Sam bist, lächelte er. Und weil Sex nicht das Wichtigste im Leben ist und wenn du irgend jemandem verrätst, das ich das zu dir gesagt habe, muß ich dich töten.
Sie brachte ein kleines Kichern zustande, erhob sich dann langsam und streckte ihm die Hand entgegen. Er ließ sich aufhelfen und folgte ihr dann hinüber zum Bett. Sie krabbelte in die Mitte, schlüpfte unter die Decke und sah zu ihm auf.
Rechts oder links? fragte sie.
Uhm
rechts, nickte er, ging um das Bett herum, löschte im Vorbeigehen das Licht und kroch gleich darauf unter die Laken.
Sam hatte sich auf die andere Seite des Bettes hinüber geschoben und lag nun still auf der Seite, den Blick auf ihn gerichtet.
Er brauchte eine Weile bis er eine einigermaßen bequeme Position gefunden hatte und versuchte dabei krampfhaft an etwas möglichst abturnendes zu denken. Spinat
oder
Käsefüße oder
sein Blick fiel auf Sam, die in diesem weißen Spitzennachthemd und ihren blonden Locken beinahe wie ein Engel aussah. Er seufzte verhalten. Das würde eine seeeehr lange Nacht werden.
Gute Nacht mein Held, flüsterte sie leise und mit einem Lächeln.
Gute Nacht mein Engel, gab er genau so leise zurück.
Ich bin kein Engel.
Darüber werde ich jetzt nicht mit dir diskutieren.
Schade.
Sam?
Hm?
Du bist immer noch betrunken.
Ich weiß, kicherte sie, was ihn schmunzeln ließ.
Gott, was machte diese Frau nur mit ihm? Von einem extremen Gefühl ins nächste. Ärger, Wut, Trauer, Entsetzen und grenzenlose Liebe. Und das alles innerhalb von einer Stunde.
Seine Augen fielen ihm immer wieder zu und er spürte, wie er langsam davon driftete. Kurz bevor er endgültig eingeschlafen war fühlte er ihre Finger, die sich vorsichtig in seine Hand schoben und er drückte sie zärtlich. Wo auch immer diese Reise enden mochte, es war jetzt auf jeden Fall zu spät um umzukehren.