Kapitel 50

Die Modenschau war ein voller Erfolg. Zumindest kam es Nick so vor. Der Applaus wollte gar nicht enden, während er sich gelangweilt fragte, wann er endlich zu seinem ersten Bier kommen würde. Schließlich hatte wohl irgend jemand ein Einsehen mit ihm, denn die Lichter über dem Catwalk gingen aus, im Saal wurde es hell und es begann das allgemeine Geschiebe und Gedränge um nach nebenan zur Aftershow-Party zu kommen.
Sam umklammerte seine Hand ganz fest, während sie sich hinter ihm durch die Menschenmasse schob und er fragte sich nicht zum ersten Mal an diesem Abend, wie sie sich wohl inzwischen fühlte. Rein äußerlich war ihr jedenfalls weder Nervosität noch Unbehagen anzumerken.
Ganz im Gegensatz zu ihren letzten Abenden, wenn er sich in ihr Zimmer und gleich darauf zu ihr ins Bett schob und sie beinahe eine halbe Stunde benötigte um sich wenigstens einigermaßen zu entspannen.
Er hatte immer wieder versucht heraus zu bekommen, warum sie so seltsam auf ihn reagierte, doch was das betraf machte sie grundsätzlich so dicht, dass er nicht einmal durch einen winzigen Spalt in ihr Innerstes hinein schauen konnte. Er war mittlerweile davon überzeugt, dass irgendwann in ihrer Vergangenheit etwas mächtig schief gelaufen war. Und sollte sich herausstellen, dass Greg etwas damit zu tun hatte, konnte sich dieser schon einmal warm anziehen, so viel stand für Nick fest.
Es war schon seltsam. Sam war so anders als seine bisherigen Freundinnen und wenn ihm jemand vor ein paar Wochen gesagt hätte, dass er sich in eine Frau verlieben würde, die alleine bei dem Gedanken an Sex mit ihm Ausschlag bekam, hätte er ihn für verrückt erklärt. Er liebte Sex, er brauchte ihn sogar und sich jetzt dieser Eisprinzessin gegenüber zu sehen, machte ihn durchaus nervös. Er war schließlich ein Mann und es fiel ihm von Mal zu Mal schwerer, sie einfach nur im Arm zu halten und seine Hände nicht auf Wanderschaft gehen zu lassen.
Abgesehen von diesem Problem hatten sie es aber immerhin geschafft, so etwas wie Nähe aufzubauen. Er mochte es wenn er nach Hause kam und sie auf ihn wartete. Wenn er zu ihr ging, sich in ihre Arme ziehen ließ und alles, was ihn den Tag über beschäftigt und genervt hatte einfach hinter sich lassen konnte, dann fühlte er sich am richtigen Platz.
Natürlich hätte er gelogen wenn er behauptete, dass ihm das keine Angst machte. Vertrauen war Schwerstarbeit und bei Sam wußte man nie. In einem Moment war sie ausgelassen und unkompliziert und im nächsten hing wieder diese schwarze Wolke über ihr, die er einfach nicht durchdringen konnte. Er fragte sich dann beinahe verzweifelt, was mit ihr los war, wie viel Anteil er daran hatte und warum sie ihm verdammt noch mal nicht einfach vertraute.
Dass sie heute Abend an seiner Seite war und alles ohne sich zu beklagen mitmachte, war eine weitere Seite an ihr, die er sehr schätzte. Was sie sagte, war Gesetz. Es gab keine gebrochenen Versprechen, keine leeren Worte, keine Lügen, keine Show. Sie sprach das aus was sie dachte und wenn sie zu einer Sache ja sagte, verwandelte sich dies niemals in ein Nein. Das hatte er so in dieser Form auch noch nie erlebt.
Um so schmerzhafter würde es also werden, wenn sie beschloß, dass ihre Beziehung vielleicht doch nicht das richtige für sie und Joshua war und sie ihn damit wieder zurück in diese kalte Welt schickte, in der die Menschen verlernt hatten, was ein echtes Versprechen bedeutete.

Der Abend war bereits weit fortgeschritten und Nick fühlte, wie ihn langsam aber sicher eine gewisse Müdigkeit erfaßte. Der Saal, in dem die Aftershow-Party stattfand, war immer noch gut besucht, leerte sich aber merklich. Nick stand mit Sam und seinen Geschwistern in einer Nische der Empore, die sich um die Tanzfläche herum zog. Etwa zwei Meter unter ihnen wogte die ausgelassene, tanzende Menge zu den Klängen von Bruce Springsteen, doch durch das zuckende, unstete Licht konnte er nicht viel mehr als Köpfe und Arme erkennen.
Er hörte Sams Lachen neben sich und sah lächelnd zu ihr hinüber. Seine Geschwister hatten sie den ganzen Abend mit Champagner versorgt und sie hatte ganz eindeutig einen leichten Schwips. Am liebsten hätte er sie ganz fest an sich gezogen und jeden Zentimeter ihrer erhitzten Haut geküßt. Sie wirkte so gelöst wie schon lange nicht mehr und er spürte immer wieder ihre Hand, die nach ihm tastete und ihm damit wohlige Schauer über den Rücken rieseln ließ.
Mann, Mann, Mann. Er sollte unbedingt an etwas anderes denken als an ihren nackten Körper an seinem, sonst würde er hier noch wahnsinnig werden.
In diesem Moment erklang Gloria Gaynors „I will survive“ aus den Boxen und Angel und BJ stießen gleichzeitig einen spitzen Schrei aus. Ehe er sich versah hatten sie Leslie und Sam an der Hand gepackt und zerrten sie Richtung Tanzfläche. Sam rief ihm zwar ein halbherziges „Hilf mir“ zu, doch er winkte ihr lediglich grinsend nach und beobachtete dann, wie sie von seinen Schwestern in die Mitte der Tanzfläche gezogen wurde.
„Ich werde nie verstehen,“ hörte er Aaron in sein Ohr brüllen. „Was die Weiber an diesem Song finden.“
„Keine Ahnung ... ich glaube, das ist einfach ihre Hymne, die sie uns gnadenlos ins Gesicht schreien. So nach dem Motto „es geht auch ohne euch und wehe, ihr vergeßt das“,“ entgegnete Nick.
„Als ob wir das jemals vergessen könnten,“ schnaubte Aaron und verrollte die Augen, was Nick zum Lachen brachte.
„Mach dir nichts draus,“ sagte er und legte Aaron einen Arm um die Schulter. „So ganz ohne uns geht’s auch nicht und das wissen sie ganz genau.“
„Na, dein Wort in Gottes Ohr. Ich geh jetzt jedenfalls erstmal mein Bier in die Ecke stellen.“
„Ja, mach das. Ich bleibe hier und paß auf die Sachen auf. Wenigstens dafür bin ich gut.“
„Ich fühle mit dir,“ grinste Aaron, schlug ihm noch einmal auf die Schulter und machte sich dann auf den Weg zu den Toiletten.
Nick hielt einen junge Typen an, der an ihm vorbei schlenderte und bat ihn um eine Zigarette. Als diese brannte lehnte er sich gemütlich gegen die Wand und beobachtete zwischen den aufsteigenden Rauchschwaden Sam, die zwischen seinen Schwestern tanzte und dabei genau so ausgelassen wirkte wie der Rest der Carter Familie. Sie sang laut den Text mit, warf die Arme in die Luft und landete schließlich zwischen BJ und Angel, die den Rhythmus mit einem gekonnten Hüftschwung angaben.
Er war kurz davor sich zu kneifen um sich zu vergewissern, dass dies hier die Realität und er tatsächlich mit dieser Frau zusammen war, die so verführerisch in diesem Kleid aussah, dass es in ihm ganz aufgeregt kribbelte. Sein Herzschlag beschleunigte sich und er biß sich auf die Unterlippe um ein dämliches Kichern zu unterdrücken.
„Oh nein, Carter Alarm,“ hörte er plötzlich eine dunkle, weibliche Stimme zu seiner Rechten und augenblicklich verflüchtigten sich sämtliche Gefühle des Wohlbefindens und der Entspannung. Langsam richtete er sich auf und versenkte seine freie Hand in der Hosentasche, die sich dort sofort zu einer kompakten, harten Faust ballte.
„Dann geh doch einfach weiter Paris,“ sagte er kalt und musterte die Frau, die umringt von ihren seltsamen, oberflächlichen Freunden vor ihm stand.
„Ich wollte wenigstens Hallo sagen. Habe gehört, du hast dich nach mir mit einem grauen Mäuschen begnügt?“
„Sam hat wesentlich mehr Klasse als du,“ stieß er aufgebracht hervor und mahnte sich dabei selbst zur Ruhe. Er durfte hier auf keinen Fall ausflippen. Eine schlechte Presse war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.
„Oh. So nennt man das heutzutage also?“ gab sie mit hochgezogenen Augenbrauen zurück und kicherte dann anzüglich. „Komm schon Nick. Wir hatten doch durchaus unseren Spaß, oder etwa nicht?“ grinste sie und kam ihm gefährlich nahe.
Sein Gefühlsleben fuhr augenblicklich Karussell. Vor ihm, nicht einmal einen halben Schritt entfernt stand die Frau, die er einmal geliebt hatte, mit der er sich beinahe geprügelt hätte, die nur Lügen über ihn verbreitet und ihn eiskalt abserviert hatte. Und trotzdem schlug ihm das Herz bis zum Hals, trotzdem konnte er in ihren Augen sein Spiegelbild sehen, das eher einem mickrigen Würstchen als einem gestandenen Mann glich und trotzdem fühlte er, wie sein Körper auf sie reagierte.
„Gib dir keine Mühe Paris. Den Tag wirst du nicht mehr erleben an dem ich dir auch nur einen Schritt entgegen komme.“
„Ohhhh,“ gurrte sie, wölbte ihre schmalen Lippen zu einem ansehnlichen Schmollmund und riß gespielt unschuldig die Augen auf. „Ist der arme Nicky immer noch verletzt?“
„Der arme Nicky vergißt sich gleich, wenn du nicht ... ,“
„Hi,“ wurde er unvermittelt unterbrochen und ihm wurde schwindlig, als er Sam erblickte, die sich gerade an ihn heran schob und ihm einen Arm um die Taille schob. „Paris, richtig?“ lächelte sie und streckte dieser falschen Schlange auch noch die Hand entgegen.
„Wer will das wissen?“ fragte Paris in abfälligem Ton zurück und zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Ich bin Sam,“ sagte Samantha freundlich.
„Ohhhhh!“ Auf Paris Gesicht erschien ein breites Grinsen, dann schlug sie die Hand vor den Mund und lachte leise. „Doch nicht etwa das Mäuschen?“
„Mäuschen?“ hakte Sam irritiert nach, zog ihre Hand zurück und blickte Paris unverwandt an.
„Ach, nur so ein Insider,“ winkte diese ab. „Sieh an ... also Sam,“ sagte sie dann und warf Nick einen langen Blick zu. „Du hattest noch nie wirklich Geschmack Carter.“
„Halt die Klappe Paris, oder ... ,“
„Oder was? Wirst du wieder auf mich losgehen?“ fragte sie und ihre Augenbrauen zogen sich drohend zusammen. „Weißt du Sam, ich sollte dir vielleicht mal ein paar Takte zu deinem neuen Lover hier sagen.“
„Ach tatsächlich?“ gab Sam zurück und er spürte, wie sie sich in seinen Armen anspannte.
Er wollte Paris aufhalten, ihr beide Hände über ihren dämlichen Mund legen und sie mit einem ordentlichen Fußtritt möglichst weit weg befördern. Das was jetzt kam war zum einen ganz bestimmt nichts Gutes und zum anderen auf keinen Fall die Wahrheit. Doch die Wand in seinem Rücken und die Tische neben ihm versperrten ihm jeden Fluchtweg und seine Zunge gehorchte ihm auch nicht mehr. Also ließ er sich und Sam mit offenen Augen ins Verderben rennen.
„Nick ist wie ein kleines, verzogenes Kind. Wenn er seinen Willen nicht bekommt fängt er an rum zu schreien und zu toben und alles was sich ihm dann in den Weg stellt hat von vornherein verloren. Ich weiß wovon ich rede, schließlich hat er mir ein blaues Auge verpaßt. Er ist nicht ehrlich, nicht gutherzig, nicht nett. Er ist ein riesiges Arschloch. Und ein untreues noch dazu. Und ich würde dir wirklich raten ... ,“
„So, und jetzt hörst du mir mal zu,“ fuhr Sam plötzlich auf, löste sich von ihm und trat einen Schritt auf Paris zu. Nick konnte es zwar kaum glauben, aber diese machte tatsächlich einen Schritt rückwärts und starrte Sam mit großen Augen an.
„Jeder wie er es verdient, schon mal davon gehört? So wie ich das sehe bist du hier das einzige Arschloch und ein untreues noch dazu, natürlich nur, wenn man dem Klatsch und Tratsch glauben darf. Du hast kein Recht über mich oder ihn zu urteilen. Und ich würde dir jetzt wirklich raten deinen abgemagerten Hintern von hier fort zu bewegen, bevor ICH mich vergesse und dir noch ein blaues Auge verpasse!“
Paris wirkte vollkommen verblüfft, dann begannen ihre Mundwinkel plötzlich zu zucken und gleich darauf brach sie in schallendes Gelächter aus. „Ach du meine Güte,“ japste sie schließlich „Nicky hat sich ne Heilige an Land gezogen, ich fasse es nicht.“
In diesem Moment schob sich ein offensichtlich schwer angetrunkener Typ an Paris heran, schlang ihr besitzergreifend die Arme um die Taille und drückte ihr einen feuchten, schmatzenden Kuß auf die Wange. „Komm schon Baby. Laß uns gehen. Hier ist doch nichts los,“ nuschelte er.
„Gleich Darling. Erst muß ich mir die Kleine hier noch vornehmen.“
„Nein. Wir gehen. Jetzt!“ kam es unnachgiebig zurück.
„Jetzt warte doch noch zwei Minuten. Ist das etwa zuviel verlangt?“ fuhr Paris auf und versuchte den schwankenden Mann irgendwie loszuwerden, der sich mittlerweile schwer auf sie stützte.
„Komm Sam, laß uns gehen,“ sagte Nick in diesem Moment, der bereits seine Zigarette ausgedrückt und die Taschen und Jacken seiner Schwestern an sich genommen hatte, und faßte nach ihrer Hand.
Sie sah zu ihm auf und lächelte ihn warm an. „Darf ich sie nicht mehr fertig machen?“
„Das nächste Mal vielleicht,“ grinste er.
„Hey du Flittchen,“ fuhr Paris auf, die immer noch dabei war sich von ihrem betrunkenen Freund zu befreien. „Wage es ja nicht, mir den Rücken zuzukehren.“
„Schon geschehen,“ grinste Sam und zog Nick dann einfach mit sich.
Sie umrundeten die Tanzfläche und hielten dabei nach Aaron, BJ, Leslie und Angel Ausschau, während in Nicks Kopf die Gedanken rasten, ohne dass er sie wirklich fassen konnte.
„Alles in Ordnung?“ drang schließlich Sams Stimme zu ihm durch und er bemerkte, dass sie am Rande der Tanzfläche stehen geblieben waren.
„So ziemlich,“ nickte er. „Du warst übrigens klasse. Ich entdecke ganz neue Qualitäten an dir.“
„Manche Menschen haben es einfach nicht verdient, dass man nett zu ihnen ist,“ gab sie schulterzuckend zurück.
„Ja, das habe ich gemerkt,“ lächelte er.
Sie zuckte erneut mit den Schultern, stellte sich dann auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuß auf die Lippen.
„Und wehe sie behält auch nur mit einer ihrer Anschuldigungen recht,“ flüsterte sie leise „dann zeige ich dir gerne, wozu ich sonst noch fähig bin.“
„Keine Sorge. Das würde ich mir niemals erlauben,“ gab er mit einem schiefen Grinsen zurück und wußte dabei nicht genau, ob sie immer noch scherzten, oder bereits die nächste Ebene erreicht hatten.
Wie sehr hatten Paris’ Anschuldigungen Sams Bedenken noch verstärkt? Das hätte er zu gern gewußt. Doch hier und jetzt war dafür nicht der richtige Ort. Vielleicht gab es diesen auch gar nicht, das konnte er nicht so genau sagen.

Kapitel 51