Kapitel 49
Die Modenschau fand in einem der teuersten Hotels LAs statt. Als die Limousine langsam vor dem Eingangsbereich vorfuhr, herrschte bereits ein dichtes Gedränge und Nick kontrollierte noch einmal den Sitz seiner Krawatte, fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar und blickte dann zu Sam hinüber, die neben ihm saß und etwas blaß wirkte.
Er wußte leider nicht was er sagen sollte um ihr die Angst zu nehmen, außer, dass er bei ihr war und auf sie aufpaßte, aber das hatte er jetzt schon gefühlte fünf Millionen Mal zu ihr gesagt, also schwieg er und faßte statt dessen nach ihrer Hand. Ihre Blicken trafen sich und sie brachte tatsächlich so etwas wie ein Lächeln zustande, das er warm erwiderte.
Showtime, rief Aaron in diesem Moment aufgeregt und schon wurde die Wagentür aufgezogen.
Der Lärmpegel stieg sofort um ein vielfaches an. Ein roter Teppich führte von ihrem Wagen durch eine riesige Menge von Zuschauern, die hinter massiven Absperrgittern standen und vollkommen außer Rand und Band zu sein schienen. Unter dem schützenden Dach des Eingangsbereiches hatte man das Podest aufgebaut, vor der eine Armada von Journalisten und Fotografen Aufstellung genommen hatte und jeden ablichteten, der an ihnen vorbei zog. Der rettende Eingang erschien Nick in einer anderen Dimension zu liegen und er fragte sich unbehaglich, ob es Sam bis dorthin schaffen würde, ohne davon zu laufen oder neben ihm zusammen zu brechen.
Doch er hatte keine Zeit mehr, sich darüber weiterhin Gedanken zu machen. Aaron, BJ und Leslie waren bereits ausgestiegen, nun folgte er ihnen und zog Sam dabei einfach hinter sich her. Zum Schluß gesellte sich Angel zu ihnen, die Wagentüren wurden hinter ihnen geschlossen, der Fahrer ging um den Wagen herum, setzte sich wieder hinter das Steuer und fuhr langsam davon um den nachfolgenden Wagen Platz zu machen.
Alles in Ordnung? fragte Nick leise an Sam gewandt, die sich dicht an ihn gedrängt hatte und seine Hand zu zerquetschen schien.
Alles bestens, nickte sie, was eine ausgemachte Lüge war.
Ihre Augen huschten unstet hin und her und versuchten alles gleichzeitig in sich aufzunehmen: Die schreiende Menge um sie herum, die Fotografen, die ein wahres Blitzlichtgewitter auf sie abfeuerten und die junge Frau mit den Kopfhörern und dem Klemmbrett, die ihnen bedeutete, einen Moment zu warten, bis sich die Schlange an Prominenz vor ihnen wieder in Bewegung setzte.
Langsam schritten sie nebeneinander den roten Teppich hinunter, Nick setzte sein breitestes Lächeln auf und legte Sam dabei einen Arm um die Taille. Eigentlich mochte er solche Auftritte. Pure Energie schien ihn dann zu durchdringen, ausgelöst von den vielen schreienden und kreischenden Fans, die seinen Namen riefen, ihn fotografierten oder ihn lautstark um ein Autogramm baten. Doch heute konnte er den ganzen Rummel nicht wirklich genießen, weil er sich pausenlos Gedanken darüber machte, was Sam wohl in diesem Moment empfinden mochte.
Von links erhoben sich plötzlich laute Sam! Sam! Rufe und leicht verwundert versuchte er in der Menge die Quelle auszumachen. Eine Gruppe von Mädchen stand dicht gedrängt hinter der Absperrung und winkte. Sie hielten Schilder mit seinem und Sams Namen hoch, umrahmt von großen, roten Herzen und brüllten sich die Seele aus dem Leib.
Laß uns kurz zu ihnen gehen, raunte er Sam zu.
Muß das sein? fragte sie genau so leise zurück.
Nur ganz kurz, ja? bettelte er.
Von mir aus, gab sie schließlich schulterzuckend nach.
Er wußte nicht so genau warum es ihm so wichtig war mit Sam an seiner Hand auf die wartenden Fans zuzugehen. Vielleicht wollte er ihnen die Gelegenheit geben, Sam aus der Nähe zu sehen und kennen zu lernen, damit sie sich selbst davon überzeugen konnten, was für eine tolle Frau er da gefunden hatte. Vielleicht hofft er auch, dass die Tatsache, dass Sam entgegen seinem sonstigen Frauengeschmack eher bodenständig und normal war, bei den Mädchen gut ankommen würde.
Mit einem Lächeln trat er auf die wogende Menge zu, schüttelte Hände, schrieb Autogramme und beantwortete Fragen zu seiner Beziehung.
Ja, sie waren glücklich.
Ja, er hatte noch nie eine wie sie kennen gelernt.
Ja, sie sah einfach wunderschön in diesem Kleid aus.
Sam ließ dies alles mit einem stillen Lächeln über sich ergehen. Sie blieb anstandslos an seiner Seite, ließ sich unzählige Male fotografieren und vermittelte selbst ihm beinahe den Eindruck, als hätte sie keine Probleme mit dieser Aufmerksamkeit, die ihr so unvermittelt und in geballter Form entgegenschlug.
Nicks Geschwister gesellten sich nach einer Weile zu ihnen und er war gezwungen, Sams Hand loszulassen um sich mit ihnen ablichten zu lassen. Er ließ Sam dabei kaum eine Sekunde aus den Augen, registrierte, wie sie schützend die Arme um sich schlang und mit ihrem eingefrorenen Lächeln einen Schritt zur Seite trat. Schnell beendete er deshalb das Bad in der Menge, trat auf sie zu und legte ihr einen Arm um die Schulter.
Alles klar? fragte er.
Klar, nickte sie, doch ihr Lächeln wirkte inzwischen mehr als angestrengt.
Wir haben es gleich geschafft, versuchte er sie aufzumuntern und schob sie hinter seinen Geschwistern weiter den roten Teppich hinunter.
Gleich darauf hatten sie das Podest für die Fotografen erreicht. Anweisungen wurden ihnen aus mehreren Kehlen gleichzeitig zugerufen: Sie wollten Bilder von ihm mit seinen Geschwistern, mit Sam, nur mit Aaron, von ihm alleine und so weiter und so fort. Zum Schluß standen sie zu sechst nebeneinander, Sam eingequetscht zwischen ihm und Aaron und er spürte ihr Zittern, während er sie noch etwas enger an sie zog.
Lächeln, presste er zwischen seinem besten Zahnpastalächeln hindurch.
Das tue ich schon die ganze Zeit, zischte sie zurück und er fühlte, wie sich ihre Finger schmerzhaft in seine Seite bohrten.
Schließlich hatten sie auch das geschafft und seltsam erleichtert wandte er sich dem Eingangsportal zu. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schief gehen.
Kurz bevor sie allerdings aus dem Hexenkessel hinein in die schützende Eingangshalle treten konnten, wurden sie von einer jungen Frau mit einem Mikrofon in der Hand gestoppt.
Nick Carter, ein kurzes Interview mit ihnen und ihren Geschwistern für Channel 6? fragte sie lächelnd, während sie ihm in einer viel zu vertraulichen Geste die Hand auf den Arm legte.
Gerne, nickte er, während Sam in seinen Armen zu erstarren schien.
Seine Geschwister umringten sie, die Scheinwerfer über einer Kamera wurden eingeschaltet und tauchten die Szenerie in gleißendes Licht.
Hier ist Sue Whitfield, live vom roten Teppich der Modenschau von Gerry Mantile, begann die junge Frau. Bei mir ist die Carter Familie, deren Fernsehshow House of Carters von vielen mit Spannung erwartet wird. Nick, was für ein Gefühl ist es, seine Geschwister wieder um sich herum versammelt zu haben?
Es ist toll, strahlte er. Normaler Weise sind wir über das ganze Land verstreut und können uns daher selten sehen. Aber im Rahmen der Serie wohnen wir nun alle zusammen und versuchen das Beste daraus zu machen.
Kommt es dabei nicht auch mal zu Streitereien? fragte sie weiter und erntete dafür von den Geschwistern ein kollektives Gekicher.
Nick ist der Oberboß, informierte sie Angel. Und ab und an müssen wir ihm dann mal sagen, wo es lang geht.
Oder umgekehrt, grinste er.
Wie klappt das Zusammenleben denn bisher? fragte die junge Frau weiter und hielt Aaron das Mikrofon unter die Nase.
Es ist nicht immer einfach, gestand dieser. Aber wie Nick schon sagte, wir versuchen alle unser bestes zu geben. Wir haben jede Menge Spaß, lernen uns ganz neu kennen und genießen einfach die Zeit, die wir miteinander haben.
Samantha, mit ihnen ist ja nun auch eine Außenstehende in das Haus eingezogen. Wie fühlen sie sich denn in diesem, vermutlich etwas chaotischen Haushalt?
Das Mikrofon wanderte zu Sam hinüber und Nick fühlte, wie sich ihr gesamter Körper augenblicklich verkrampfte.
Ähm ... ziemlich gut eigentlich, quetschte Sam hervor und war dabei so leise, dass die Moderatorin sich ein Stück in ihre Richtung beugen mußte, um sie verstehen zu können.
Sam hat uns sozusagen der Himmel geschickt, sprang Nick ein. Sie ist oft genug unser ruhender Pol, wenn es mal wieder hoch her geht.
Und sie haben zudem noch ihr Herz an sie verloren, lächelte die junge Frau.
Das auch, ja, nickte Nick und schenkte Sam ein warmes Lächeln.
Ist dies während den Dreharbeiten passiert oder schon davor? fragte die Frau weiter.
Wir haben uns erst im Haus kennen gelernt, gab Nick bereitwillig Auskunft. Und am Anfang konnten wir uns eigentlich nicht ausstehen.
Warum haben sie es sich dann doch noch anders überlegt?
Das Mikrofon wanderte wieder zu Sam hinüber und Nick wartete mit angehaltenem Atem auf ihre Antwort.
Nun ja ... , entgegnete Sam zögernd und suchte scheinbar krampfhaft nach den richtigen Worten. Er ist eben ... ein toller Mann. Es braucht nur manchmal ein bißchen, um das zu erkennen.
Ihr Kleid ist übrigens umwerfend, lächelte die Moderatorin. Verraten sie uns, von wem es stammt?
Sams Blick schoß zu BJ hinüber, die ihr unauffällig zuzwinkerte.
Ein Nachwuchsdesigner, stieß Sam hervor.
Und ... , setzte die Moderatorin an, doch Nick unterbrach sie.
Vielen Dank Sue, aber wir müssen jetzt langsam weiter.
Sicher, nickte diese sofort. Möchten sie unseren Zuschauern vielleicht noch etwas sagen?
Das Mikrofon wanderte wieder zu ihm hinüber und er schenkte der Kamera sein breitestes Grinsen, während er sagte schaltet am 2. Oktober unbedingt E! ein. Sein Zeigefinger deutete direkt in die Kamera. Da läuft nämlich House of Carters und das würde ich an eurer Stelle nicht verpassen wollen.
Er lächelte noch einmal breit, nickte dann Sue Whitfield ein letztes Mal zu und schob dann seine Geschwister vor sich her auf den rettenden Eingang zu. Er fand, dass das Interview gar nicht so schlecht gelaufen war und laut Sam war er ein toller Mann. Was konnte ihm da also heute noch passieren?