Kapitel 48

Samantha stand in ihrem Zimmer vor dem bodenlangen Spiegel ihrer Kleiderschranktür und begutachtete sich kritisch von allen Seiten. Heute war der große Tag - die Modenschau von Gerry Mantile - und sie hatte noch genau so wenig Lust dort hin zu gehen, wie zu dem Zeitpunkt, als sie Nick wenig diplomatisch über diesen Termin in Kenntnis setzte.
Ihr war damals schon klar gewesen, dass sie mit dort hin mußte. Vielleicht war sie auch deshalb so aus der Haut gefahren. Alleine der Gedanke an eine große Menschenmenge, Fotografen, Journalisten und die Wichtigtuer, die sich dort ganz sicher versammeln würden, verursachten ihr Übelkeit.
„Feigling,“ sagte sie zu ihrem Spiegelbild, während sie bereits zum zehnten Mal ihren Hintern begutachtete, der in dem roten Kleid viel zu groß wirkte.
Sie hatte lange nach dem richtigen Outfit für den heutigen Abend gesucht, war alleine in die Stadt gefahren und hatte es von ihrem eigenen Geld bezahlt. Und auch wenn sich jetzt ein riesiges Loch in ihrer Kasse auftat, so war sie doch froh darüber, dass sie ausnahmsweise mal nicht Nick auf der Tasche lag.
Also war sie irgendwann in diese Boutique marschiert, hatte die freundliche Verkäuferin, die sofort auf sie zugestürzt kam, darüber informiert, für welchen Anlaß sie ein Outfit suchte und hatte dann Kleid um Kleid in der winzigen Umkleidekabine anprobiert. Leider fand nicht ein einziges ihre Zustimmung und sie war kurz vorm Verzweifeln, als die Verkäuferin schließlich mit diesem Kleid angekommen war. Sie reichte es ihr mit dem Satz „vielleicht ist ihnen das ein bißchen zu auffällig, aber es würde ihnen sicherlich richtig gut stehen“ in die Kabine und innerlich stimmte Sam ihr zumindest in dem ersten Punkt uneingeschränkt zu.
Zum einen war das Kleid rot, zwar dunkel wie guter Wein, aber es bedeutete trotzdem, dass sie nicht gerade unauffällig in einer Menge aus schwarzen Anzügen verschwinden konnte. Zum anderen verliefen schwarzabgesetzte Schlitze an beiden Seiten vom Saum bis hinauf zu ihren Oberschenkeln und sie war beinahe errötet, als sie ein paar Schritte durch den Verkaufsraum lief und feststellte, wie viel dabei von ihren Beinen zu sehen war. Der obere Teil war im Gegensatz dazu eher schlicht und elegant: Spaghettiträger, ein runder, tiefer Ausschnitt und hinten nicht all zu tief geschnitten.
Sie hatte sich das Kleid zurücklegen lassen und danach noch drei weitere Stunden auf der Suche nach dem perfekten Outfit verbracht, bis sie schlußendlich wieder in der Boutique landete und das Kleid einfach kaufte. Sie kam sich dabei ungeheuer cool und spontan vor und mußte noch im Nachhinein über sich selbst lachen. Sie war weder das eine noch das andere, aber dieses Kleid hatte es ihr nun einmal angetan und ausnahmsweise war es ihr so was von egal, dass die ganze Aktion für ihre Maßstäbe mehr als unvernünftig anmutete. Sie hatte sich dazu von Angel ein paar rote, hochhackige Schuhe geliehen, sie trug die Kette, die Nick ihr geschenkt hatte und Leslie hatte noch ein paar Ohrringe beigesteuert.
Sich jetzt also so fix und fertig im Spiegel zu betrachten, mit aufgestecktem Haar, dezentem Makeup und in eben diesem Kleid und den Schuhen, brachte ihre Magenwände zum Flattern und ihr Herz schlug ein paar Takte schneller. Das war nicht Sam, die ihr da aus dem Spiegel entgegen lächelte. Das war eine wilde, sexy Ausgabe von dem unscheinbaren Wesen, das sie eigentlich war und sie fragte sich beklommen, warum sie sich ausgerechnet eine solch auffällige Maskerade für diesen Abend ausgesucht hatte.
Bevor sie allerdings eine Antwort auf diese Frage finden konnte, klopfte es leise an der Tür und gleich darauf kam Nick ins Zimmer spaziert. Er trug einen schwarzen Anzug und ein dunkelrotes Hemd, in der Hand hielt er eine ebenfalls schwarze Krawatte und seine Haare waren noch leicht feucht vom Duschen.
„Sam, könntest du mir hier mal mit ... ,“ setzte er an, dann blieb er plötzlich wie vom Donner gerührt stehen und starrte sie aus großen Augen an.
„ ... mit der Krawatte helfen,“ vollendete sie lächelnd seinen Satz, durchquerte das Zimmer und entwand ihm vorsichtig das Stück Stoff, das er in seinen verkrampften Händen hielt.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang ihm die Krawatte um den Nacken, stellte den Kragen seines Hemdes auf und machte sich dann daran sie zu binden. Nick hatte immer noch keinen Ton gesagt und starrte mit hängenden Schultern auf sie hinunter.
„Hat es dir die Sprache verschlagen?“ fragte sie lächelnd, während ihre Hände sicher arbeiteten.
„Hm,“ nickte er langsam.
„Ist das gut oder schlecht?“ fragte sie weiter.
„Gut,“ nickte er erneut.
„Dann bin ich beruhigt.“
Sie arbeitete schweigend weiter, dann zog sie schließlich den Knoten zu und klappte den Kragen wieder hinunter.
„So. Fertig,“ verkündete sie und sah lächelnd zu ihm auf.
„Danke,“ sagte er leise, dann legten sich seine Hände auf ihre Taille und zogen sie zu sich heran. „Meine Güte. Du siehst einfach klasse aus. Wirklich.“
„Dankeschön,“ lächelte sie etwas verlegen.
Vorsichtig beugte er sich zu ihr hinunter und küßte sie sanft auf den Mund.
„Wir könnten eigentlich auch hier bleiben und uns einen gemütlichen Abend machen,“ murmelte er an ihrer Schulter, während seine Hände sanft über ihren Rücken streichelten.
„Und ich muß die ganze Zeit vor dir auf und ab laufen oder wie?“ kicherte sie.
„So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt,“ lachte er.
„Keine Chance Carter.“
„Ich weiß,“ seufzte er, dann rückte er ein Stück von ihr ab und grinste breit. „Meine Schwestern werden vor Neid platzen.“
„Du unterschätzt sie. Sie werden ebenfalls großartig aussehen und mich komplett in den Schatten stellen.“
„Niemand kann dich in den Schatten stellen,“ sagte er leise aber mit Nachdruck.
„Es macht mich nervös wenn du so nett bist,“ gestand Sam und trat einen Schritt von ihm zurück. „Das bedeutete bisher nämlich nie etwas Gutes.“
„Es wird langsam Zeit, dass wir mit alten Traditionen brechen,“ grinste Nick. „Wir sollten versuchen einfach mal so nett zu einander zu sein. Ich wette wir schaffen es uns danach nur in fünfzig Prozent der Fälle zu streiten.“
Sam mußte gegen ihren Willen lachen. „Du bist wirklich unmöglich.“
„Ich weiß. Aber genau das findest du doch so anziehend und erotisch an mir,“ gab Nick mit dunkler, rauchiger Stimme zurück und zog Sam mit einem Grinsen wieder an sich.
„Klar. Nur deshalb und ganz besonders erotisch,“ schnaubte Sam.
„Eben, sag ich doch.“
„Nick? Sam? Kommt ihr?“ schallte es in diesem Moment aus dem Flur. „Die Limo ist da.“
„Limousine?“ fragte Sam mit hochgezogenen Brauen.
„Für dich nur das beste Baby,“ grinste Nick, hielt ihr seinen Arm hin und Sam hakte sich lächelnd unter.
„Erwähnte ich schon, dass mir das Angst macht?“
„Ja, des öfteren. Ich habe beschlossen, das einfach zu überhören.“
„So wie immer also,“ schmunzelte Sam nur halb im Spaß und trat dann neben Nick hinaus in den Gang.
Die anderen Carter Geschwister waren inzwischen alle versammelt und umringt von Kameras, die den heutigen Abend Gott sei Dank nicht mit ihnen verbringen würden. Der Sender hatte für das Großereignis bereits Kameras und Journalisten entsandt und so war man überein gekommen, dass es extra für die Carter Familie keiner weiterer Kameras bedurfte. Sam war mehr als erleichtert darüber, gewährte ihnen dies doch zumindest den Ansatz von Privatsphäre.
Die Mädchen trugen Kleider, die Sams in keinster Weise nachstanden, trotzdem hatte sie das Gefühl, dass sie ihres nicht mit dieser Präsenz und Gelassenheit ausfüllen konnte. Aaron trug ebenfalls einen schwarzen Anzug und wirkte darin seltsam erwachsen.
„Nun guckt euch dieses Traumpaar an,“ sagte Leslie versonnen, als sie Nick und Sam entdeckte.
„Wow! Sam, das Kleid ist der Hammer,“ rief Angel und trat einen Schritt näher. „Wo hast du das her? Welcher Designer?“
„Designer? Ähm ... keine Ahnung. Ich war in irgendeiner Boutique und ... ,“
„Das darfst du auf gar keinen Fall sagen,“ rief BJ entsetzt.
„Sagen?“ Sams Verwirrung steigerte sich mit jeder Sekunde.
„Na, wenn sie dich interviewen,“ erklärte BJ nachsichtig. „Sag einfach ... uhm ... das ist von einem Nachwuchsdesigner. Wenn du Glück hast fragen sie nicht nach dem Namen.“
„Interviewen? Niemand wird mich interviewen!“ stellte Sam klar.
„Aber ...,“ setzte Angel an, doch Nick unterbrach sie.
„Lasst uns einfach gehen. Sonst kommen wir noch zu spät.“
„Klar,“ nickte Angel sofort, die das Ablenkungsmanöver ihres Bruders scheinbar durchschaut hatte, denn sie schob Sam vor sich her hinaus in die warme, kalifornische Nacht.
„Nick?“ flüsterte Sam, was ihn dazu veranlaßte sich etwas zu ihr hinunter zu beugen.
„Was?“ fragte er leise.
„Kannst du dafür sorgen, dass mir niemand ein Mikrofon unter die Nase hält? Ich befürchte, dann sterbe ich.“
„Ich werde mein bestes geben. Keine Angst. Ich bin die ganze Zeit bei dir, dir kann gar nichts passieren.“
Sie glaubte ihm kein Wort, trotzdem beruhigte sie alleine der Klang seiner Stimme und die Gewißheit, die darin mitschwang. Als sie hinter Angel in die schwarze Limousine kletterte fühlte sie sich, als befände sie sich im freien Fall und alles, was sie an diesem Abend tun konnte war, auf den harten Aufschlag zu warten. Und der würde ganz sicher kommen, das war für sie so sicher wie das Amen in der Kirche.

Kapitel 49