Kapitel 47

Sam lag bereits im Bett, eine kleine Nachttischlampe erhellte notdürftig das Zimmer und ein Buch lag aufgeschlagen auf ihrer Brust. Sie hatte allerdings bisher kein einziges Wort darin gelesen, zu viel ging ihr durch den Kopf. Sie dachte an Joshua, und wie es ihm wohl im Moment ging, sie durchlebte noch einmal den Tag mit Nick und seinen Geschwistern, das Gelächter, die aufgeregten Gespräche und Nicks Zärtlichkeiten, die sie dabei jede Sekunde begleitet hatten und versuchte das Gefühl des Alleinseins in den hintersten Winkel ihres Herzens zu schieben. Sie war nicht allein. Nicht wirklich zumindest. Sie wußte, dass die Carter Geschwister noch immer im Wohnzimmer saßen, sich unterhielten, ein bißchen feierten und einfach den seltenen Umstand genossen, alle zusammen zu sein.
Sam hatte sich irgendwann mit dem Hinweis verabschiedet, dass sie müde sei, aber um ehrlich zu sein brauchte sie dringend ein bißchen Ruhe um ihre Gedanken zu ordnen und außerdem wollte sie den fünf Gelegenheit geben, ohne einen Außenstehenden zusammen zu sein. Sie konnten jede Minute davon mehr als gut gebrauchen und augenscheinlich schienen sie diese auch tatsächlich zu genießen.
Als es schließlich leise an ihrer Zimmertür klopfte, war sie demnach etwas überrascht, brachte aber ein einigermaßen neutrales „Herein“ zustande.
Gleich darauf schob sich Nick in ihr Zimmer. Er trug nur ein T-Shirt und Boxershorts und Sams Herz begann hektisch in ihrer Brust zu klopfen.
„Ist in deinem Bett noch Platz für mich?“ lächelte er.
„Ich ... uhm ... ja, schon ... aber ... ähm ... ,“
„Keine Panik,“ beschwichtigte Nick sie, während er um das Bett herum ging, sich gleich darauf wie selbstverständlich zu ihr unter die Bettdecke schob und Sam ganz flau im Magen wurde. „Ich habe keine unsittlichen Übergriffe geplant.“
„Wie beruhigend,“ gab Sam ironisch zurück und rückte ein Stück weiter in Richtung Bettkante, so weit wie möglich von Nick weg.
Doch dieser schien dies gar nicht richtig wahr zu nehmen. Er ächzte und stöhnte, schlang die Decke um sich und ließ Sam damit nur noch einen winzigen Fetzen davon übrig, kuschelte sich in die Kissen und lag dann schließlich ganz still neben ihr.
Sam wagte kaum zu atmen. Der letzte Rest Decke, der ihr geblieben war, bedeckte nur notdürftig ihre nackten Schultern und ihre Beine in dem kurzen Nachthemd lagen ungeschützt und ebenfalls nackt auf dem Bett. Wenn Nick jetzt ...
„Falls dir kalt sein sollte ... ich könnte dich wärmen,“ hörte sie ihn leise sagen.
„Mir ist nicht kalt,“ gab sie sofort zurück, auch wenn sich ihre Füße bereits wie zwei Eisklötze anfühlten.
„Aha,“ war alles was er dazu zu sagen hatte.
Schweigend lagen sie nebeneinander, Nick auf der Seite und den Blick eindringlich auf Sam gerichtete, sie selbst auf dem Rücken, während ihr Blick starr einen imaginären Punkt an der Decke fixierte.
„Ich wette, wenn ich dich jetzt berühren würde, wärst du schneller aus dem Bett als ich gucken kann,“ bemerkte er.
Sie presste die Lippen noch etwas fester zusammen und schwieg. Was hätte sie darauf auch sagen sollen? Ja, du hast recht? Keine gute Idee.
„Sam?“
„Hm?“
„Warum ist das so?“
„Warum ist was so?“ fragte sie zurück und wandte widerwillig den Kopf in seine Richtung.
„Warum hast du Angst vor mir?“
„Ich habe keine Angst vor dir!“ begehrte sie auf.
Sein Arm wand sich unter der Decke hervor und streckte sich in ihre Richtung aus, was Sam sofort von ihm abrücken ließ. Ihr linker Fuß rutschte aus dem Bett und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf und es hätte nicht viel gefehlt und sie wäre kopfüber aus dem Bett gefallen.
„Uhm ... schon klar,“ sagte er nachsichtig und verstaute seine Hand wieder unter der Decke.
Aufgebracht setzte sich Sam auf, schwang ihren verbliebenen Fuß auch noch über die Bettkante und blieb dann fröstelnd mit dem Rücken zu Nick sitzen.
„Läufst du jetzt wieder davon?“ hörte sie ihn leise fragen.
„Ich denke darüber nach,“ gestand sie.
Sein lautes Seufzen antwortete ihr. „Warum erzählst du mir nicht einfach, was passiert ist?“
„Was soll denn passiert sein?“
„Ich habe keine Ahnung, aber normal ist das jedenfalls nicht.“
„Was ist nicht normal?“ fragte sie zurück und drehte sich zu ihm herum. „Dass ich nicht sofort mit jedem ins Bett steige? Dass ich nicht darauf stehe sofort und ohne nachzudenken mit jemandem Sex zu haben?“
„Nein,“ er schüttelte den Kopf. „Es ist nicht normal, dass du schon alleine bei dem Gedanken daran an die Decke gehst und es nicht normal, dass du vor mir davon läufst, obwohl ich noch überhaupt nichts gemacht habe und es auch nicht vorhabe.“
„Ach komm schon, da seid ihr Männer doch alle gleich. Ein warmer Frauenkörper in eurer Nähe und schon hört ihr auf zu denken ... falls ihr das jemals wirklich getan habt.“
„Oh, na vielen Dank,“ schnaubte Nick und sie konnte ihm ansehen, wie viel Beherrschung es ihn kostete, auf diese unverschämte Behauptung nicht sofort entsprechend zu reagieren.
Sam schüttelte den Kopf und wandte sich wieder von ihm ab. Was tat sie hier eigentlich? Hatte sie sich nicht dazu entschieden, Nick eine Chance zu geben und ihm zu vertrauen? Hatte sie sich nicht erst heute Morgen auf seinem Schoß an ihn geschmiegt und das Gefühl genossen, sich in seinen Armen sicher zu fühlen? Warum, verdammt noch mal, konnte sie jetzt nicht ähnlich empfinden?
Bilder aus ihrer Vergangenheit tauchten vor ihrem geistigen Auge auf und es erschreckte sie zutiefst, wie viel Macht sie immer noch über sie hatten. Schnell schob sie sie beiseite, in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses, wo es dunkel und viel zu schaurig war, um sich bewußt dort hin zu begeben.
„Sam,“ hörte sie Nick erneut. „Bitte. Komm zurück ins Bett. Ich schwöre dir, ich werde ganz brav sein. Ich will ... dich einfach nur im Arm halten. Ist das so schlimm?“
Sie zuckte mit den Schultern, weil sie nicht wußte, was sie darauf sagen sollte. Logisch betrachtet war es gar nicht schlimm in seinen Armen zu liegen. Ein Teil in ihr sehnte sich sogar danach. Nach dem Gefühl des Beschütztseins und der Wärme, die ihr Nick vermittelte.
Doch sie war im Moment nicht in der Lage logisch zu denken. Ihr Herzschlag wurde mit jeder Sekunde schneller, ihre Kehle war wie zugeschnürt und alles in ihr schrie geradezu danach die Beine in die Hand zu nehmen und so schnell wie möglich das Weite zu suchen.
Sie hörte, wie er sich hinter ihr bewegte. Augenblicklich spannte sich ihr gesamter Körper an und ihre Hände krampften sich um die Bettkante.
„Ich bin kein Monster,“ hörte sie ihn leise sagen und seine Stimme war ihr beunruhigend nahe.
„Das habe ich auch nie behauptet,“ gab sie zurück und ärgerte sich über das Zittern in ihrer Stimme.
„Aber so wie du auf mich reagierst, legt das diesen Verdacht durchaus nahe.“
Erneut hörte sie ein Rascheln der Laken und denn spürte sie plötzlich seine Hand, die sich unendlich langsam und vorsichtig auf ihre Schulter legte. Sofort begann diese Stelle lichterloh zu brennen und Sam biß die Zähne zusammen.
„Komm’ schon,“ sagte Nick sanft. „Nur ein bißchen kuscheln. Da ist überhaupt nichts dabei.“
Sie spürte, wie der Druck auf ihre Schulter stärker wurde und Nicks Hand sie ganz langsam nach hinten zog. Wie in Zeitlupe lösten sich ihre Finger von der Bettkante, ihre Bauchdecke war so hart und angespannt, dass es weh tat, trotzdem kippte ihr Körper ganz langsam nach hinten auf das Bett. Sie zog die Beine an und drehte sich auf die Seite. Nicks Arme schienen überall zu sein. Er hob die Decke an und wickelte sie beide darin ein, dann zog er sie noch etwas dichter an sich, eine Arm um ihre Schulter geschlungen, den anderen locker über ihre Taille gelegt.
Schließlich lagen sie beide wieder ganz still, Sam angespannt wie ein Flitzebogen, Nick ruhig und bewegungslos wie ein Stein.
„Okay ... das hätten wir schon mal geschafft,“ hörte sie ihn flüstern.
Sie wollte ihm sagen, dass sie überhaupt nichts „geschafft“ hatten, dass sie sich mehr als unwohl fühlte und dass sie am liebsten geweint und geschrieen hätte, weil ihre Gefühle über ihren Verstand gesiegt hatten und sie sich dabei mehr als hilflos fühlte, aber kein Wort kam über ihre Lippen.
„Atmen,“ riet ihr Nick. „Einfach weiter atmen, dann geht’s vielleicht besser.“
Zischend entwich die Luft, die sie bis eben angehalten hatte ohne es zu merken.
„So ist es gut,“ lobte er sie.
„Als wäre ich ein Rennpferd, das man vor dem Start beruhigen müßte,“ brachte Sam hervor, was Nick kichern ließ.
„Naja ... ganz so hätte ich es vielleicht nicht ausgedrückt.“
„Und jetzt?“ fragte Sam nach.
„Jetzt? Jetzt bleiben wir einfach hier so liegen bis wir einschlafen.“
„Einfach so?“
„Einfach so,“ bestätigte Nick und sie spürte, wie er nickte.
„Das ist seltsam.“
„Vielleicht,“ gab er schulterzuckend zurück.
Dann spürte sie, wie er ganz vorsichtig und sanft begann, ihren Rücken zu streicheln.
„Ist dir das unangenehm?“ hörte sie ihn fragen und sie wäre am liebsten im Boden versunken. So dämlich wie sie stellten sich noch nicht einmal unerfahrene Teenager an.
„Nein,“ log sie deshalb.
„Lügnerin,“ hörte sie ihn schmunzeln.
„Ich bemühe mich,“ gab sie lediglich zurück.
„Ja, das merke ich.“
Ihre Mundwinkel zuckten und aus den Tiefen ihres Bauches stieg ein Kichern auf.
„Das kann man echt keinem erzählen,“ murmelte sie mehr zu sich selbst.
„Darum möchte ich dich auch bitten,“ hörte sie Nick leise lachen „ich habe nämlich einen Ruf zu verlieren, weißt du?“
„Welchen Ruf denn?“
„Herzensbrecher Nummer eins. Noch nicht mitgekriegt?“
„Oh, dass du im Herzen brechen ganz weit vorne bist war mir klar,“ gestand Sam.
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Wie dann?“
„Naja ... meistens brauchte es nicht viel um ... die Frauen rum zu kriegen. Manchmal mußten sie sogar mich rumkriegen.“
„Du Armer,“ gab Sam gespielt mitleidig zurück.
„Ja, ich hatte es nicht gerade leicht,“ sinnierte Nick und sie fühlte, wie seine Hand, die ihren Rücken streichelte, inne hielt.
„Ist nicht sehr schön nur als schnelle Nummer gesehen zu werden, oder?“ meinte Sam leise.
„Nein,“ gab er genau so leise zurück.
„Na, da hast du ja jetzt mit mir das große Los gezogen,“ entgegnete Sam ironisch.
„Ja ... ja, das ist tatsächlich so.“
„Du bist echt nicht normal.“
„Ich weiß,“ hörte sie ihn leise lachen.
Wieder schwiegen sie und Sam stellte überrascht fest, dass sich ihr Unbehagen fast vollständig verflüchtigt hatte. Sie seufzte leise, was Nick dazu veranlaßte, seine Arme noch etwas fester um sie zu schlingen. Wie konnte etwas, das sich so gut anfühlte gleichzeitig so beängstigend sein?

Kapitel 48