Kapitel 46
Als Nick den Wagen vor seinem Haus in LA parkte kam es Sam bereits so vor, als liege der Tag mit ihrem Sohn weit hinter ihr. Sie konnte sich zwar noch sämtliche Details in Erinnerung rufen, spürte immer noch seinen kleinen Kinderkörper in ihren Armen, aber er war inzwischen wieder so weit von ihr entfernt, als lebte er auf dem Mond. Unerreichbar wie ein Geist.
Nick zog den Schlüssel aus dem Zündschloß und blickte zu ihr hinüber.
Da sind wir wieder, seufzte er.
Ja, nickte Sam. Und weiß du, was das komischste daran ist?
Nick schüttelte den Kopf.
Dass ich mich tatsächlich freue wieder hier zu sein und deine Geschwister zu sehen.
Das ist nicht komisch, dass ist vollkommen verrückt, grinste Nick.
Vielleicht, lächelte sie und zuckte mit den Schultern.
Wir schaffen das, sagte Nick leise und legte ihr zögernd eine Hand auf die Schulter.
Ja, nickte Sam, auch wenn sie nicht wirklich davon überzeugt war.
Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussah, sie wußte nicht, wie es nach dieser Serie weiter gehen sollte, sie hatte Angst vor der Verhandlung, vor dem, was Greg dabei mit ihr anstellen würde und dass sie dann Joshua tatsächlich für immer verlieren könnte. Und sie hatte Angst davor, mit Nick einen riesigen Fehler zu begehen und bald feststellen zu müssen, dass sie wieder alleine und gedemütigt im Regen stand.
Andererseits hatte es sich so unglaublich gut angefühlt ihn zu küssen und sich von ihm trösten zu lassen, dass sie alle Bedenken beiseite geschoben hatte. Sie fühlte sich, als hätte sie der Wirbelsturm nun doch noch erfaßt und alles, was sie daran hinderte orientierungslos davon gerissen zu werden, waren Nicks starke Arme. Sie hoffte nur, dass er nicht irgendwann zu der Überzeugung kam sie loszulassen oder selbst von den Füßen geweht wurde. Denn dann wäre sie tatsächlich rettungslos verloren.
Also sollen wir rein gehen? fragte Nick schließlich, nachdem sie scheinbar etliche Minuten schweigend vor sich hingestarrt hatte.
Sicher, nickte sie.
Sie öffneten die Autotüren und stiegen aus. Nick holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum und gemeinsam gingen sie auf die Eingangstür zu.
Als Nick den Schlüssel aus der Hosentasche zog bemerkte er mit angespanntem Gesichtsausdruck seltsamer Weise habe ich beinahe Angst vor dem, was uns da drin erwartet.
Was meinst du?
Kannst du dir vorstellen, was die vier ein ganzes Wochenende alleine angestellt haben?
Ich glaube, das lasse ich besser bleiben, grinste Sam.
Ja, besser ist das, grinste Nick zurück. Ist es nicht schrecklich, dass ich ihnen zutraue, das gesamte Haus verwüstet zu haben?
Naja ... ein bißchen vielleicht, gestand Sam. Andererseits ... liegt das durchaus im Bereich des Möglichen.
Eben, nickte er.
Dann lachte er leise und schüttelte den Kopf. Was für eine Chaotenfamilie, ehrlich.
Die beste, die du finden konntest, lächelte Sam sanft.
Ja, nickte er und beugte sich dann unvermittelt zu ihr hinunter.
Sam zuckte erschrocken zurück, so dass Nick einen Moment inne hielt und mit fragend in die Höhe gezogenen Augenbrauen auf sie hinunter sah.
Uhm ... nichts ... es ist nichts ... nur ... , sie schüttelte den Kopf, nahm ihren gesamten Mut zusammen, stellte sich auf die Zehenspitzen und legte ihm vorsichtig eine Hand in den Nacken. Sanft zog sie sein Gesicht zu sich heran.
Verzeih mir, ich übe noch, flüsterte sie.
Ich gebe dir gerne so viele Nachhilfestunden wie du willst, grinste Nick zärtlich.
Seine weichen Lippen verschlossen ihren Mund, bevor sie etwas darauf erwidern konnte und überrascht bemerkte sie, wie sehr sie sich den ganzen Tag genau danach gesehnt hatte. Sie fühlte sich ihm dabei so nahe und auch irgendwie geliebt. Alles andere wurde in diesem Moment unwichtig.
Die Haustür, die unvermittelt und mit Schwung aufgerissen wurde, ließ sie erschrocken auseinanderfahren.
Wußte ich es doch! grinste BJ triumphierend und rief dann über ihre Schulter hinweg ins Haus hinein. Sie stehen vor der Tür und knutschen. Wie ich es gesagt habe.
Hallo BJ. Es ist auch schön dich wieder zu sehen, sagte Nick mit mißbilligend gerunzelter Stirn.
Na, das will ich doch hoffen, lachte BJ und gleich darauf schlang sie Nick ihre Arme um den Hals.
Sam stand lächelnd daneben und beobachtete Nicks Gesichtsausdruck, der von Mißbilligung zu Überraschung und dann zu echter Freude wechselte. Er hatte seine Familie auch vermißt, da konnte er sagen was er wollte.
Und Sam lebt auch noch, womit ich nicht so wirklich gerechnet hatte, scherzte BJ, während sie in deren festen Umarmung verschwand.
Gerade noch so, gestand Sam und hoffte, dass es sich nicht so ehrlich anhörte, wie sie es meinte.
Hinter BJ tauchte die erste Kamera auf und Sam unterdrückte nur mit Mühe ein genervtes Augenrollen. Sie war wieder zu Hause und das schloß wohl leider die ständige Beobachtung mit ein.
Jetzt kommt erstmal rein, sagte BJ, während sie sich von Sam löste. Ihr werdet Augen machen.
Das macht mir Angst, gestand Nick trocken, folgte seiner Schwester aber anstandslos in den Flur hinein.
Aus den Tiefen des Hauses kamen trippelnde Schritte näher und gleich drauf raste das erste Fellknäuel auf sie zu, gefolgt von den restlichen Carter Geschwistern und den anderen vier Hunden.
Sofort wurde es ohrenbetäubend laut. Die Hunde bellten, die Geschwister begrüßten sie lautstark, Sam wurde gedrückt und geküßt, ihr Gepäck wurde ihr aus den Händen gerissen und gleich darauf fand sie sich an Nicks Seite wieder, während sie von unzähligen Hände in ihrem Rücken vorwärts geschoben wurde.
Wir haben uns echt Mühe gegeben, hörte sie Angel in ihrem Rücken plappern.
Bis auf Aaron, der hat sich gedrückt, aber das ist ja ... , setzte Leslie an.
Habe ich gar nicht, beschwerte sich Aaron sofort.
Oh doch hast du. Wir haben ... ,
Und außerdem ... ,
Wenn ich gewußt hätte, dass ... ,
Halt die Klappe, Spinner.
Aber ... ,
STOP! brüllte Nick in diesem Moment, blieb mitten im Flur stehen und fuhr zu seinen Geschwistern herum. Bitte, setzte er dann etwas leiser hinzu. Gebt uns wenigstens zehn Minuten um hier auch gedanklich wieder anzukommen. Danach könnt ihr euch so lange streiten wie ihr wollt.
Mach keinen Versprechungen, die du nicht halten kannst, kicherte Angel.
Nick seufzte, doch auf seinem Gesicht lag ein sanftes Lächeln.
Okay, okay. Wir sind schon ruhig, versprach BJ mit erhobenen Händen. Aber jetzt geht endlich ins Wohnzimmer, bevor wir hier noch platzen.
Macht dir das auch Angst? fragte Nick an Sam gewandt.
Oh ja. Gewaltige Angst, grinste sie.
Na, das beruhigt mich, lachte er, legte ihr einen Arm um die Taille und führte sie den Flur hinunter und durch den Durchgang ins Wohnzimmer. Kaum hatten sie einen Schritt über die Schwelle gemacht, erstarrten sie beide.
Das habt ihr nicht wirklich ... , setzte Nick an, während Sam zu keinem klaren Gedanken fähig war.
Über dem Rundbogen, der in die Küche führte, hing ein riesiges Plakat auf dem in bunten, übergroßen Buchstaben die Worte Willkommen zurück im Chaos prangte. Bunte Luftballons und Luftschlangen ringelten sich darum herum. Auf dem Eßtisch standen ein riesiger Schokoladenkuchen, drei Flaschen Sekt und Gläser, außerdem Schüsseln mit Gummibärchen und Chips. Dahinter hatten zwei weitere Kamerateams Aufstellung genommen und trübten damit in Sams Augen das Bild ein wenig.
Aaron ging an ihnen vorbei und hastete zur Stereoanlage hinüber, während Sam Leslie in ihrem Rücken flüstern hörte scheiße, wir haben die Musik vergessen.
Gleich darauf wurde der Raum von wummernden Bässen durchflutet, was Sam erschrocken zusammen zucken ließ, während Nicks Griff um ihre Taille noch etwas fester wurde. Vielleicht hatte er Angst, sie würde im nächsten Moment herum fahren und davon laufen. Doch nichts lag ihr in diesem Moment ferner.
Aaron schaffte es die Lautstärke auf ein erträgliches Maß herunter zu drehen und gleich darauf sahen sich Nick und Sam vier leuchtenden und überaus gespannten Gesichtern gegenüber.
Wow! brachte Nick heraus.
Das habt ihr einfach ... toll ... gemacht, stotterte Sam.
Ich glaub es einfach nicht, bemerkte Nick kopfschüttelnd. Ehrlich ... ich hatte alles erwartet, aber das nicht.
Du hast gedacht, wir hätten das Haus verwüstet, stellte Angel fest.
So etwas in der Art? gestand Nick.
Um ehrlich zu sein, waren wir nicht weit davon entfernt, grinste Aaron und erntete dafür von BJ und Angel einen kurzen Hieb mit dem Ellenbogen.
Wie auch immer. Das ist einfach großartig, sagte Sam, die sich wieder etwas gefangen hatte, löste sich von Nick und trat auf die Geschwister zu. Ich bin unglaublich stolz auf euch. Und damit zog sie jeden einzelnen in eine feste Umarmung.
Als sie bei Angel angekommen war hörte sie sie in ihrem Ohr flüstern. Wie ist es gelaufen? Mit Josh alles klar?
Soweit schon, denke ich, entgegnete Sam ebenso leise und spürte, wie ihre gute Laune drohte, sich zu verflüchtigen.
Das ist gut, lächelte Angel.
Lasst uns endlich den Champagner aufmachen, rief BJ in diesem Moment und ausnahmsweise hatte niemand etwas dagegen.