Kapitel 45
Nick beobachtete, wie Samantha Joshua an der Hand über die Straße zu seinem zu Hause führte und es brach ihm beinahe das Herz. Er saß im Auto, allerdings nur, weil Sam ihn ausdrücklich darum gebeten hatte. Er hatte sich von Joshua verabschiedet und dabei versucht möglichst cool und zuversichtlich zu wirken, doch als er ihnen nun nachsah spürte er längst vergessene Tränen in seiner Kehle aufsteigen.
Gott, wie lächerlich! Er war ein erwachsener Mann, Herr Gott noch mal. Er weinte nicht und schon gar nicht wegen ... wegen ...
Er seufzte. Wenn dies kein Moment für Tränen war, dann wußte er aber auch nicht. Sam hielt sich tapfer, aber er konnte in ihren Augen die tiefe Verzweiflung lesen und er fühlte sie, als wäre es seine eigene.
Immer wieder schoben sich Bilder des vergangenen Abends in sein Bewußtsein und je mehr er sich bemühte, diese von sich zu schieben, desto deutlicher standen sie ihm vor Augen.
Das war das letzte Mal, dass er sich so dermaßen zum Idioten gemacht hatte, soviel war klar. Wie kam er überhaupt dazu ihren Verstand zu analysieren und ihr gleichzeitig die Wahrheit über seine Gefühle zu offenbaren? Hatte er inzwischen nicht gelernt, dass so etwas nichts brachte? Dass niemand die Wahrheit hören wollte, selbst wenn sie so offensichtlich vor ihm lag?
Aber nein ... er hatte sich einlullen lassen von diesem großartigen Tag, von dem Gefühl, dass sie etwas verband und dass sie etwas sehr wichtiges miteinander teilten. Für einen winzigen Moment hatte er sich gefühlt, als hätte er seine Familie wieder. Anders zwar, aber deshalb nicht weniger ... nah und intensiv. Er hatte für einen Augenblick geglaubt, dass alles gut werden würde, dass vielleicht Sam tatsächlich die Frau war, auf der er seine Zukunft aufbauen konnte. Sam, Joshua und er gegen den Rest der Welt.
Noch nie, so schien es ihm jetzt, hatte er sich so sehr geirrt.
Auf der andern Straßenseite wurde die Tür geöffnet und Greg trat heraus. Augenblicklich krampften sich Nicks Hände fest um das Lenkrad und er konnte nur mit Mühe den Impuls unterdrücken aus dem Wagen zu springen, zu ihm hinüber zu rennen und ihm seine dreckige Visage zu polieren. Greg hatte alles besessen, was Nick etwas wert war und ohne mit der Wimper zu zucken hatte er Sam zerstört. Vielleicht war es unfair ausgerechnet Greg Sams Abfuhr in die Schuhe zu schieben, aber Nick war sich ziemlich sicher, dass Greg einen nicht geringen Anteil an Sams verschobener Wahrnehmung ihrer selbst hatte.
Das fing bei ihrem geringen Selbstwertgefühl an und hörte bei ihrem kaum vorhandenen Verständnis für ihren Körper auf. Was, so fragte er sich, hatte Greg nur mit Samantha angestellt, dass sie jede Berührung sofort auf Abwehrstellung gehen ließ? Wie war er mit ihr umgegangen, wenn sie nur der Gedanken an so etwas wie Sex oder auch nur Nähe so vollkommen aus der Bahn warf?
Natürlich fand er keine Antwort auf seine vielen Fragen und diese Sam zu stellen würde wohl in diesem Leben nicht mehr passieren. Also tat er, was er immer tat: Er packte Sam und seine Gefühle für sie in eine Kiste, schob sie zu den vielen anderen in seinem Herzen und breitete ein schwarzes Tuch darüber. Zu Grabe getragen und das ein für alle Mal.
Er beobachtete, wie sie sich zu Joshua in die Hocke begab und ihn an sich drückte. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber er wußte auch so, wie schwer ihr dieser Abschied fiel. Und nicht nur ihr.
Greg mußte Joshua schließlich gewaltsam von ihr losreißen und sein lautes, verzweifeltes Geschrei zerriss Nicks Herz in tausend Fetzen. So langsam verstand er, warum Sam so viele Bedenken gehabt hatte, Joshua aus seinem eigentlichen Leben heraus zu reißen und mit ihm nur einen Tag zu verbringen. Vielleicht hatten sie tatsächlich mehr Schmerz verursacht, als sie im Endeffekt gelindert hatten.
Andererseits ... wenn er daran dachte, dass er in seiner Jugend auch nur einen Tag mit seiner Mutter oder seinem Vater auf diese Weise verbracht hätte ... vielleicht wäre alles anders gekommen. Vielleicht hätte er heute mehr Verständnis für sie und ihre Situation, für die Aggressionen und Gemeinheiten, die wie ätzende Säure über ihren Köpfen hing und alles vergiftete, was sich ihnen in den Weg stellte.
Die Tür hatte sich inzwischen hinter Greg und Joshua geschlossen, doch Sam stand immer noch wie versteinert davor und starrte darauf, als könne sie sie alleine durch pure Willenskraft dazu bringen sich wieder zu öffnen und sie hinein zu lassen. Zurück in ihr früheres Leben was, wie Nick zweifelsfrei wußte, ihr größter Wunsch war. Das brauchte sie noch nicht einmal aussprechen. Er hörte es in dem, was sie über Greg sagte, spürte es darin, wie sie mit Joshua umging und bekam es sehr deutlich vor Augen geführt, wenn sie ihn mal wieder von sich stieß. Sie war noch nicht so weit diesem Leben den Rücken zu kehren und etwas Neues anzufangen. Vielleicht würde sie das auch nie sein. Und auf jeden Fall war er nicht der Richtige um ihr den Weg in dieses neue Leben zu zeigen. Dafür fehlte ihm die Geduld und das Einfühlungsvermögen und so etwas wie ... nun ja ... vielleicht ... Selbstaufgabe oder ... Hingabe. Vielleicht war sie es einfach nicht wert.
Er schnaubte kurz und schüttelte den Kopf. Sie war all das wert und noch viel mehr. Aber wahrscheinlich war er zu feige oder zu unbeherrscht oder zu undiplomatisch oder von allem ein bißchen.
Endlich schien sie sich einen Ruck zu geben, drehte sich langsam herum und kam mit kleinen, langsamen Schritten zurück zum Wagen. Sie überquerte die Straße ohne nach rechts oder links zu sehen, öffnete die Beifahrertür und schob sich auf den Sitz neben ihn. Ihre Miene war versteinert, doch sie schien keine einzige Träne geweint zu haben.
Mit ruhigen Händen schnallte sie sich an, lehnte dann den Kopf an die Seitenscheibe und schlang die Arme um sich.
Laß uns fahren, flüsterte sie.
Selbst wenn ihm in diesem Moment irgend etwas eingefallen wäre, was er hätte sage können, wäre es wahrscheinlich nicht über seine Lippen gekommen, also startete er den Wagen und fuhr langsam die Straße entlang. Der Weg zum Flughafen war gut ausgeschildert, also konnte er seine Aufmerksamkeit immer wieder zu Sam hinüber schweifen lassen, die immer noch apathisch aus dem Fenster starrte.
So langsam machte er sich ernsthafte Sorgen um sie. Wenn sie es nicht mehr schaffte, ihre Emotionen nach außen dringen zu lassen, würde sie zum Schluß so enden wie er: Verbittert und ständig in der Gefahr beim kleinsten Anlaß zu explodieren.
Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis die erste Träne ihren Weg aus ihrem Augenwinkel auf ihre Wange fand, doch dann riß der Strom nicht mehr ab. Sie weinte lautlos, so als fehle ihr selbst für ein Schluchzen die Kraft und Nick fühlte sich mehr als hilflos. Sollte er nicht irgend etwas tun? Irgend etwas sagen?
Halt an, sagte sie plötzlich.
Was ... aber ... ,
Halt an! sagte sie noch einmal mit Nachdruck.
Also wartete er eine Lücke im Verkehr ab, fuhr rechts ran und stellte gleich darauf den Motor ab. Vielleicht mußte sie sich ja übergeben oder irgend etwas in der Art.
Statt dessen tastete sie mit zitternden Fingern nach der Verriegelung des Sicherheitsgurts und wurde immer hektischer als sie es nicht schaffte, ihn schnell genug zu lösen.
Warte, ich mach das, sagte er sanft und mit einem kurzen Knopfdruck hatte er sie befreit.
Er rechnete eigentlich damit, dass sie jetzt die Tür aufreißen und davon rennen oder sonst irgend etwas unlogisches tun würde, statt dessen riß sie sich die Brille von der Nase und verstaute sie im Handschuhfach, dann klappte sie die Armlehne nach oben, die die Fahrerseite von der Beifahrerseite trennte, rutschte in ihrem Sitz so weit in seine Richtung wie es ihr möglich war und schlang ihm im nächsten Moment die Arme um den Hals.
Vollkommen verblüfft legte er ihr eine Hand auf den Rücken und tätschelte sie hilflos. Was nun?
Ihre Schultern bebten, ihr gesamter Körper schien angespannt wie eine Stahlfeder und ihr herzerweichendes Schluchzen wurde immer lauter.
Nein, er würde nicht ... er konnte doch nicht ... das war ... wieso tat sie das?
Ach zum Teufel ...
Vorsichtig schlang er seine Arme um sie und zog so lange an ihr, bis sie sich umständlich über den Schaltknüppel und rittlings auf seinen Schoß geschoben hatte.
Flüchtig schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er sie auf diese Art und Weise gerne gestern in seinem Bett gehabt hätte, aber er schämte sich im selben Moment so sehr dafür, dass er ihn ganz schnell und so weit wie möglich von sich schob.
Ist okay, hörte er sich flüstern, während seine Hände immer wieder sanft über ihren Rücken streichelten. Es geht ihm sicherlich gut. Wir kriegen das schon hin. Wir ... , und so weiter und so fort. Er hatte keine Ahnung was er da eigentlich sagte und vor allem warum und wieso, er wußte nur, dass er im Moment mit Titanen gekämpft hätte um sie zu beschützen.
Sie weinte scheinbar so lange, bis keinerlei Flüssigkeit mehr in ihr war - zumindest kam es ihm so vor und selbst danach rückte sie keinen Zentimeter von ihm ab. Sie hielt ihr Gesicht an seine Schulter gepresst, ihre Arme lagen um seinen Nacken und ihre Finger hatte sich beinahe schmerzhaft in seine Schultern gekrampft.
Seine Hände hörten auf sie zu streicheln, statt dessen schlang er die Arme ganz fest um ihren immer noch leicht bebenden Körper und er versenkte sein Gesicht in ihrem Haar. So verharrten sie eine halbe Ewigkeit, bis sie sich ganz langsam und nur zögerlich in seinen Armen zu entspannen begann. Der Druck auf seine Schultern ließ nach, ihre Körper fiel in sich zusammen und lehnte sich damit weich und nachgiebig an seinen und sie drehte ihren Kopf, bis ihr Gesicht an seinem Hals verschwand.
Es tut mir leid, hörte er sie krächzen.
Das muß dir doch nicht ... , setzte er an, doch sie schüttelte den Kopf.
Es tut mir leid, wie ich dich gestern behandelt habe. Es tut mir leid, dass ich immer wieder vor dir davon laufe. Es tut mir leid, dass ich für Josh so eine schlechte Mutter bin und für Greg eine schlechte Ehefrau war. Es tut mir leid, dass ich so bin wie ich bin und es tut mir leid, dass du trotzdem ... hier bist.
Er seufzte nachsichtig und ließ seine Finger wieder kleine Kreise auf ihrem Rücken malen.
Wir sind, wer wir sind und uns zu ändern ist das schwerste, was wir tun können. Sieh mich an. Ich bin alles andere als perfekt. Aber ich ... und ich meine ... das klingt jetzt so was von schizophren aber ... ich bin froh, dass ich jetzt hier bin, dass du auf meinem Schoß sitzt und ... ich dich im Arm halten kann.
War ja klar, hörte er ihre Stimme und irgendwie klang sie so, als würde sie lächeln.
Hey, du darfst auch von mir keine Wunder erwarten.
Ganz langsam richtete sie sich in seinen Armen auf und vorsichtig schob er ihr mit beiden Händen die widerspenstigen Locken aus dem Gesicht. Sie sah furchtbar aus. Verweint und mutlos und verzweifelt und irgendwie ... wundervoll.
Wenn ich verspreche, mich ein bißchen zusammen zu reißen ... , sagte sie leise könntest du dann eventuell in Erwägung ziehen, mich nicht sofort nach unserer Ankunft zu Hause hinaus zu werfen und vielleicht ... na ja ... unseren Plan ... weiterführen .... und dabei ... ähm ... versuchen ... dem Ganzen vielleicht ... etwas mehr Realitätsnähe zu verleihen?
Ich würde alles für dich tun, allerdings habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht so ganz verstanden auf was du hinaus willst, gab er zu.
Es war ihr sichtlich unangenehm. Sie senkte den Blick und biß sich auf die Unterlippe. Ich habe dich auch gern, weißt du? Und ich würde ... gerne ... daran arbeiten. Ich ... ich weiß, dass ich ... ich habs nicht so mit körperlicher Nähe, okay? Also ... wirst du auch in Zukunft darauf verzichten müssen, über mich herzufallen. Von daher ... vielleicht verlange ich unmögliches, aber ... ,
Nein, unterbrach er sie. Oder vielleicht doch, ich weiß es nicht so genau. Jedenfalls könnte ich mich nicht erinnern, dass ich jemals mit einem Mädchen zusammen war und das eher einen ... uhm ... platonischen Charakter hatte. Aber ... ich würde es durchaus versuchen.
Wirklich? fragte sie und wirkte so überrascht, wie er sich die ganze Zeit schon fühlte.
Wirklich, nickte er.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ein Lächeln, dass seinen Magen zum Hüpfen brachte und seinen Herzschlag verdoppelte.
Langsam beugte sie sich zu ihm hinunter. Ihre Lippen schmeckten nach salzigen Tränen und nach mehr. Nach viel mehr. Aber er versuchte diesen Gedanken nicht zu Ende zu denken. Eins nach dem anderen. Im Moment war das hier so etwas wie ... ein Waffenstillstand und was dieser bringen würde, würde sich erst in der Zukunft zeigen. So viel auf jeden Fall zu dem Thema zu Grabe getragen.