Kapitel 43

„Captain Capitols Kidsland“ umfaßte eine riesige Anlage, die etwas außerhalb der Hauptstadt lag. Der Parkplatz war an diesem Wochenende bereits gut gefüllt und überall sah Nick fröhliche Familien mit ihren Kindern auf das riesige Gebäude zuströmen, das inmitten einer ausgedehnten Parkanlage mit Erlebnisspielplatz, eigenem Spaßbad und Sportanlagen lag. Die Außenanlagen wirkten wegen des schlechten Wetters verwaist, dafür drängten sich bereits lange Schlangen vor den Kassen, die ins Innere des Kinderparadieses führten.
Sam hatte die Fahrt auf dem Rücksitz neben ihrem Sohn verbracht und Nick hatte teils amüsiert, teils interessiert dabei zugehört, wie die beiden versuchten, das vergangene Jahr irgendwie wieder aufzuholen. Manchmal kam er sich beinahe überflüssig vor, doch Sam sorgte dafür, dass Joshua sich ganz langsam an den Gedanken gewöhnte, dass Nick auch zu ihrer kleinen Gruppe gehörte und diesen Tag und vielleicht auch die nahe Zukunft mit ihnen verbringen würde.
Als sie sich schließlich an einer der langen Schlangen anstellten, hatten sich alle drei wieder einigermaßen von dem ersten Wiedersehensschock erholt und Joshua wehrte sich nicht dagegen, als Sam von ihm verlangte auch Nicks Hand festzuhalten, damit sie sich in dem Gedränge nicht verloren.
Als die leicht gestresst wirkende Kassiererin Nick die Summe für den Eintrittspreis nannte, zuckte er unmerklich zusammen. Er wollte der jungen Dame schon sagen, dass sie nicht vor hatten eine zweiwöchige Kreuzfahrt mit allem Drum und Dran zu buchen, verkniff sich aber im letzten Moment einen entsprechenden Kommentar und schob anstandslos seine Kreditkarte auf die andere Seite der Glasscheibe.
Dann betraten sie durch ein riesiges Eingangsportal, über dem ein riesiger Clown auf sie hinunter lächelte und stoisch mit einer behandschuhten Hand winkte, das Kidsland und Nick blieb für einen Moment mit offenem Mund und weitaufgerissenen Augen stehen.
Das Gebäude wirkte von innen noch viel größer als von außen. Es zog sich über mehrere Stockwerke und auf den ersten Blick sah Nick lauter Dinge, die er als Kind schon geliebt hatte. Da waren riesige, mit bunten Bällen angefüllte Becken, diverse Rutschen, die sich teilweise über drei Etagen hinweg in die Tiefe wandten, Klettergerüste, Fahrgeschäfte wie auf einem Jahrmarkt, ein riesiges Videospielecenter, Krabbelecken für Kleinkinder, jede Menge Essens- und Getränkestände und von einer Infotafel zu seiner Rechten erfuhr er, dass der gesamte dritte Stock Brettspiele in Echtgröße anbot.
Samanthas leises Schmunzeln holte ihn schließlich zurück in die Realität. Mit fragendem Gesichtsausdruck wandte er sich ihr zu.
„Ich frage mich nur gerade,“ kicherte sie leise „wer von euch beiden das größere Kind ist.“ Dabei deutete sie mit dem Kopf auf Joshua hinunter, der immer noch seine Hand vertrauensvoll in seine gelegt hatte und ebenfalls mit offenem Mund und großen Augen in die Gegend starrte.
Nick mußte gegen seinen Willen lächeln. „Ich befürchte, wir schenken uns da nicht wirklich viel.“
„Das sehe ich genau so,“ nickte Sam.
„Okay Josh. Wo sollen wir anfangen?“ fragte Nick schließlich.
Joshua warf ihm einen kurzen Blick zu, wandte sich dann wieder dem Geschehen vor sich zu und deutete dann entschieden auf die Autoscooter. „Da!“ sagte er und marschierte ohne weitere Verzögerung los.
„Immerhin weiß er was er will,“ lachte Nick leise, während er sich von dem kleinen Mann durch die Halle ziehen lies.
„Da kenne ich noch so einen,“ grinste Sam und sie wirkte dabei das erste Mal an diesem Tag entspannt und rundum glücklich.

Sie hatten so ziemlich alles ausprobiert, was das Kidsland zu bieten hatte. Sie waren Runde um Runde mit den Autoscootern gefahren und Nick hatte Joshua dabei beigebracht, wie man am besten rückwärts fuhr, was diesen scheinbar mächtig beeindruckt hatte. Sie waren unzählige Male gerutscht, hatten mit Wasserpistolen auf Bälle geschossen, Unmengen an Zuckerwatte und Eis verdrückt, Sam war mit Joshua wie versprochen mit dem Karussell gefahren, das im Greg eigentlich verboten hatte und sie hatten beinahe zwei Stunden damit verbracht Mensch ärgere Dich nicht zu spielen, wobei die Spielfiguren fast so groß wie Joshua selbst waren und es mehr als niedlich aussah, wie er zwischen den roten, blauen und grünen Figuren herum lief und sie jeweils um die gewürfelte Punktzahl verrückte.
Schließlich standen sie wieder in der Eingangshalle und Nick fühlte sich langsam aber sicher ziemlich geschafft.
„Wie wäre es mit einer kurzen Pause?“ fragte er hoffnungsvoll in die Runde.
„Pause klingt großartig,“ stimmte ihm Sam sofort zu, die ebenfalls müde wirkte.
„Und was ist mit den Bällen?“ fragte Joshua und deutete zu einem abgetrennten Bereich hinüber, in dem unzählige Kinder in einer bunten Fülle von Plastikbällen tobten.
„Wir könnten nachher ... ,“ setzte Sam an.
„Wie wäre es, wenn du uns schon mal einen Tisch suchst und zwei riesige Burger mit ner Limo orderst?“ fragte Nick dazwischen. „Der Champ und ich stürzen uns noch kurz in das Bällchenbad und kommen dann gleich nach.“
Sie wußte nicht, was sie von dem Vorschlag halten sollte, das sah er ihr ganz deutlich an. Wobei er leider nicht sagen konnte, ob es an dem mangelnden Vertrauen in seine Aufpasserqualitäten lag oder daran, dass sie Joshua nicht alleine lassen wollte.
„Darf ich Momy?“ fragte Joshua sofort und setzte seinen treuherzigsten Kinderblick auf.
„Uhm ... sicher,“ sagte sie dann zögernd. „Kommt ihr beiden auch klar?“
Die Frage war ganz eindeutig an Nick gerichtet, doch statt dessen antworte Joshua „klar Mom. Nick paßt ganz bestimmt auf mich auf. Oder?“
Er hob den Blick und lächelte ihn an und Nick fühlte sich auf einmal ganz komisch und irgendwie so leicht wie eine Wattewolke.
„Aber sicher,“ nickte er.
„Na dann ... ich warte also ... ,“ sie schaute sich kurz um „da hinten in „Captain Capitols Burgerparadies“ auf euch ... was ich persönlich für einen ziemlich schwachsinnigen Namen halte,“ grinste sie.
„Okay Mom,“ rief Joshua aufgeregt, stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte ihr seine Ärmchen entgegen.
Lächelnd beugte sie sich zu ihm hinunter und drückte ihm einen Kuß auf den Mund. „Viel Spaß.“
„Okay Mom,“ ahmte Nick Joshua nach und streckte ihr die Arme entgegen, was sie zum Lachen brachte.
Etwas zögerlich schlang sie die Arme um seine Taille und als er sie noch ein Stück näher zu sich heran zog klopfte sein Herz schnell und heftig in seiner Brust. Dies war keine Show. Und er hoffte, dass ihr das auch klar war.
Der Kuß dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, doch als sie sich wieder von ihm löste glaubte er, der glücklichste Mensch auf der Welt zu sein.
„Viel Spaß,“ wünschte sie auch ihm, dann drehte sie sich langsam um und strebte dem Diner zu.
„Na dann mal los Champ,“ sagte Nick und schob Joshua vor sich her auf das Ballbad zu.
„Nick?“ fragte dieser, während sie sich langsam durch die Menschenmassen schoben.
„Ja?“
„Hast du meine Momy lieb?“
Nick blieb stehen und schaute auf den kleinen Kerl hinunter, der mit großen Augen zu ihm aufsah.
„Hm ... ,“ er wiegte den Kopf kurz hin und her, dann beugte er sich zu ihm hinunter, faßte ihn unter den Achseln und hob ihn hoch. Als Joshua sicher auf seinem Arm saß setzte er seinen Weg fort, während er zögernd weiterredete. „Ja, ich habe deine Mom sehr lieb. Aber bei uns Erwachsenen ist das nicht immer so einfach.“
„Warum?“
Nick seufzte. „Wenn ich das so genau wüßte Kumpel.“
„Mein Daddy hat meine Momy auch mal lieb gehabt, aber jetzt nicht mehr.“
„Ich weiß,“ nickte Nick. „Aber sie haben beide dich lieb und das ist das, worauf es ankommt.“
„Ich glaube, Momy ist manchmal sehr traurig.“
„Wir alle sind manchmal traurig Josh, das gehört zum Leben dazu. Man darf nur nicht vergessen, manchmal auch glücklich zu sein.“
„Bist du glücklich?“
„Ich?“ fragte Nick amüsiert. „Im Moment? Sehr glücklich.“
„Wirklich?“ fragte Joshua interessiert und schlang einen Arm um Nicks Hals.
„Ja. Und du?“
„Ich auch,“ grinste der kleine Junge.
„Na, sind wir zwei Glückspilze oder was?“
„Was ist ein Glückspilz?“
„Das werde ich dir gleich zeigen,“ grinste Nick.
Sie hatten inzwischen den Spielbereich erreicht. Mit zwei kurzen Handgriffen streifte er Joshua die Schuhe von den Füßen, entledigte sich dann seiner eigenen und trat dann geduckt, immer noch mit Joshua auf dem Arm durch die niedrige Eingangstür.
„Bereit zum Fliegen Glückspilz?“ fragte Nick an Joshua gewannt, dieser nickte mit glühenden Wangen und gleich darauf flog er in hohem Bogen und mit einem glücklichen Jauchzen auf den Lippen durch die Luft und landete sanft in einem riesigen Berg aus bunten Bällen.
„Aaaaachtuuuuung,“ brüllte Nick, dann sprang er mit einem Hechtsprung hinterher.
Gleich darauf hockte Joshua glücklich grinsend auf seiner Brust. „Wir sind Glückspilze,“ verkündete er.
„Sag ich doch,“ entgegnete Nick und kitzelte ihn dann so lange, bis sie beide außer Atem und mit hochrotem Kopf in den Bällen versanken.

Kapitel 44