Kapitel 42
Nick raste auf einer wilden Achterbahn der Gefühle dahin. Äußerlich versuchte er möglichst ruhig zu bleiben, während sie hinter Greg das Haus betraten und gleich darauf der kleine Joshua die Treppe herunter gestürmt kam. Doch in ihm drin sah es ganz anderes aus.
Er hatte gewußt, dass dies ein sehr emotionaler Tag werden würde, hatte dabei aber eher an Sams Gefühle und Reaktionen gedacht. Doch sie jetzt so zu sehen, glücklich und verzweifelt zu gleich, weil sie ihren Jungen wieder im Arm hielt, beschwor längst vergessen geglaubt Bilder aus seiner Vergangenheit herauf.
Familienausflüge, sein altes Kinderzimmer, die Geburt der Zwillinge Aaron und Angel, Geborgenheit und Liebe ... das alles schien Millionen von Jahre hinter ihm zu liegen. Familie ... so etwas gab es in seiner Vorstellungskraft nicht. Zumindest nicht so, wie andere das vielleicht als normal betrachteten. Er hatte seine Geschwister, die er über alles liebte, mit denen er aber irgendwie immer im Streit lag, er hatte eine Mutter, für die er kaum mehr als Hass und Verachtung empfand und einen Vater, den er selten zu Gesicht bekam und der gerne so tat, als hätte diese seltsame Familie alles im Griff.
Und jetzt war hier eine andere Familie. Eine andere Mutter, ein anderer Vater und ein anderer, kleiner Sohn, die der gleichen, traurigen Zukunft entgegensahen.
Und damit nicht genug, kamen diese widersprüchlichen und schmerzhaften Gefühle auch noch ganz nahe an ihn heran, weil er etwas für Samantha empfand. Weil er mit ihr fühlte, weil er für sie da sein, sie beschützen, trösten und unterstützen wollte.
Er empfand grenzenlose Abneigung für Viola und war unerklärlicher Weise eifersüchtig auf Greg. Gleichzeitig haßte er ihn für das, was er dieser Familie angetan hatte und ihm war auch der Blick nicht entgangen, den Sam ihrem Ex-Mann zugeworfen hatte, als dieser so unvermittelt die Tür öffnete. Waren da noch Gefühle für diesen Mann, der sie ohne mit der Wimper zu zucken sitzen gelassen hatte? War das der Grund, warum sie sich so hartnäckig gegen ihn Nick wehrte?
In ihm wuchs ganz langsam das dringende Bedürfnis, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Er wollte in den Wagen springen und nicht mehr anhalten, bevor er nicht in seinem eigenen zu Hause angekommen war, wo er sich in seinem Zimmer verbarrikadieren konnte und niemand mehr an ihn heran kam.
Als Joshua sich schließlich in Samanthas Armen aufrichtete und Viola ein lautes, kindliches und durchaus wütendes Selber hinterher brüllte, gesellte sich allerdings ein neues Gefühl zu dem ganzen Chaos hinzu. Sein Herz weitete sich, ein Grinsen schlich sich ohne sein Zutun auf seine Lippen und am liebsten hätte er dem kleinen Fratz einen dicken Kuß auf die Wange gedrückt. Der kleine hatte aber auch so was von recht.
Josh? sagte Sam, offensichtlich um ihren Sohn von den Vorgängen in diesem Haus abzulenken. Ich möchte dir jemanden vorstellen.
Sie drehte sich zu Nick herum und lächelte einen Moment unsicher zu ihm hinüber.
Das ist Nick, sagte sie an ihren Sohn gewandt, der sich scheinbar nur mühsam auf ihn konzentrieren konnte.
Hi, sagte Nick, trat einen Schritt auf ihn zu und streckte ihm, innerlich äußerst nervös, die Hand entgegen.
Joshua versteckte daraufhin seinen gesamten Arm zwischen der Brust seiner Mutter und seiner eigenen und drehte auch noch den Kopf demonstrativ in die andere Richtung. Na das fing ja gut an.
Josh, sag wenigstens Hallo. Nick hat mich extra hierher geflogen, damit ich dich sehen kann.
Nur zögernd drehte Joshua Nick sein Gesicht wieder zu.
Geflogen? fragte er, als sei Nick auf eigenen Schwingen hier angesegelt gekommen.
Hm, nickte Nick. In einem riesigen Flugzeug. Wenn du möchtest, nehme ich dich auch mal mit.
Ehrlich? fragte Joshua mißtrauisch.
Bestimmt irgendwann, nickte Nick.
Na gut, entgegnete Joshua, als würde das alles erklären, dann zog er langsam seine Hand hervor und streckte sie Nick entgegen.
Freut mich dich kennen zu lernen, sagte Nick und ergriff die kleine Hand, die vollständig zwischen seinen großen Fingern verschwand.
Joshua zog seinen Arm zurück ohne etwas gesagt zu haben und legte den Kopf wieder auf die Schulter seiner Mutter.
Was möchtest du denn heute mit uns unternehmen? fragte Sam ihren Sohn, während sie sich möglichst unauffällig die Tränen von den Wangen wischte.
Joshua zuckte mit den Schultern.
Ich glaube, hier in der Nähe ist so ein Kinderland, sagte Nick. Bei dem schlechten Wetter da draußen ist das vielleicht nicht die schlechteste Alternative.
Das klingt doch gut, sagte Sam in dem Bemühen ihren Sohn ebenfalls dafür zu begeistern.
Von mir aus, sagte dieser und richtete sich schließlich in ihren Armen auf. Darf ich dann mit dem Karussell fahren?
Klar darfst du das, vorausgesetzt es gibt da eins, sagte Sam und lächelte ihren Sohn aufmunternd an.
Dad hat mir verboten damit zu fahren, flüsterte er verschwörerisch.
Wieso? hakte Sam nach.
Er hat gesagt, ich bin dafür noch zu klein.
Hm ... wir sehen es uns mal an, in Ordnung?
Und dann darf ich damit fahren! entgegnete Joshua strahlend und Sams Lächeln wurde breiter.
Wir werden sehen. Und jetzt werde ich dich herunter lassen. Du bist so groß und schwer geworden, dass ich gleich zusammenbreche.
Joshua kicherte und ließ sich dann anstandslos von Sam auf den Boden stellen.
Plötzlich kam er Nick noch zerbrechlicher vor. Er reichte Sam gerade mal bis zur Hüfte und schmiegte sich auch gleich vertrauensvoll wieder an sie, so als hätte er Angst, sie könne sich in Luft auflösen, wenn er sie auch nur einen Moment aus den Augen ließ.
Greg und Viola kamen in diesem Moment die Treppe hinunter. Greg trug eine große Reisetasche und Viola einen winzigen, gelben Koffer mit einem Spongebob Aufkleber darauf.
So, das dürfte alles sein, sagte Greg und stellte die Tasche demonstrativ vor Nicks Füßen ab.
Hier hast du deine Spielsachen, sagte Viola, während sie Joshua den kleinen Koffer hinhielt. Sie schaffte es dabei nicht, auch nur ansatzweise freundlich zu wirken, gerade so, als gebe sie Joshua die Schuld an der momentanen Situation.
Danke, sagte dieser höflich und nahm den Koffer an sich. Ist da Mr. Biggles drin? fragte er seinen Vater.
Dieser nickte. Ja. Alles eingepackt.
Gut, nickte Josh, dann faßte er seine Mutter an der Hand und marschierte direkt auf die Tür zu.
Hey, lachte diese. Wie wäre es mit Schuhen und einer Jacke? Und du solltest dich außerdem von deinem Dad und Viola verabschieden.
Tschüß, warf er also lediglich über die Schulter zurück, nahm dann einen blauen Regenmantel von einem Haken im Flur, kickte seine Hausschuhe von den Füßen und setzte sich dann auf den Boden, während er ein Paar weißer Turnschuhe zu sich heranzog.
Warte, ich helfe dir, sagte Sam und ging vor ihm in die Hocke.
Nick bückte sich und hob die Reisetasche an.
Sie sind dieser Sänger, stimmts? fragte Viola plötzlich und am liebsten hätte er sie ignoriert. Statt dessen sah er zu ihr hinüber und nickte.
Ich mag ihre Musik.
Danke, erwiderte er abweisend.
Passen sie auf Josh auf, ja? sagte Greg plötzlich und versenkte die Hände in den Hosentaschen.
Er ist bei seiner Mutter, da geht es ihm gut, gab Nick unwirsch zurück.
Greg antwortete lediglich mit einem kurzen, abfälligen Schnauben und Nick war kurz davor sich zu vergessen und auf ihn loszugehen. Doch Viola unterbrach ihn im letzten Moment. Meinen sie, wir könnten für ihr nächstes Konzert ...,
Viola! ging Greg entsetzt dazwischen, bevor sie Nick tatsächlich um Tickets für sein nächstes Konzert anbetteln konnte.
Ich meine doch bloß ... , gab Viola schmollend zurück.
Ich werde sehen, was ich machen kann, entgegnete Nick und wußte selbst nicht, warum er das jetzt gesagt hatte. Er würde lieber irgendeinem Penner von der Straße auf die Gästeliste setzen, als diese unmögliche Person zu seinem Konzert einzuladen.
Siehst du? wandte sich Viola triumphierend an ihren Mann.
Ja, ja, winkte dieser kopfschüttelnd ab.
Nick, kommst du? rief Samantha Gott sei Dank in diesem Moment aus dem Flur und Nick beeilte sich zu ihr zu kommen.
Laß uns von hier verschwinden, murmelte er so leise, so dass nur sie es hören konnte. Ich bekomme Platzangst.
Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln, griff nach seiner Hand und drehte sich dann zu Greg herum.
Wir bringen ihn morgen um zehn wieder, in Ordnung?
Greg nickte, starrte dabei allerdings auf Joshua hinunter.
Machs gut Kumpel, sagte er.
Du auch Dad, gab Joshua zurück, zog dann die Tür auf und marschierte mit seinem kleinen Spongebob-Koffer in der Hand hinaus in den Regen.
Samantha folgte ihm und zog dabei Nick mit sich, der noch einmal einen Blick zurück warf. Greg und Viola standen wie zwei verirrte Kinder im Flur und hielten sich an den Händen. Beinahe hätte er so etwas wie Mitleid mit ihnen empfunden, doch dann schloß sich die Tür hinter ihm und er war froh, endlich aus diesem Haus heraus zu sein.