Kapitel 41
Samantha war sich ziemlich sicher, noch nie in ihrem Leben so aufgeregt gewesen zu sein. Je näher sie der Wohnsiedlung kamen, in der Greg und Viola mit Joshua lebten, um so mehr steigerte sich das Zittern ihrer Hände und ihr Magen vollführte ununterbrochen schmerzhafte Purzelbäume. Immer wieder spielte sie in Gedanken durch, wie Joshua auf sie zu gerannt kam und sie ihn in die Arme schloss, doch wirklich daran glauben, dass dies tatsächlich passieren würde, wollte und konnte sie nicht.
Vielleicht hätte sie doch nicht vorher noch bei Greg anrufen und ihn damit warnen sollen, dass sie auf dem Weg zu ihm war. Was, wenn er Joshua nun weg schickte? Oder sie erst gar nicht ins Haus ließ? Er hatte ihr schließlich ziemlich deutlich gesagt, was er von ihrer Aktion hielt.
Wie kannst du ihm das nur antun? Hier unangemeldet und wie aus dem Nichts auftauchen, sag mal gehts dir noch gut? Wie soll er denn bitte schön damit fertig werden? Plötzlich steht seine Mutter vor ihm als sei nie etwas gewesen und entführt ihn zu einem netten Tag. Und hinterher lieferst du ihn hier wieder ab und wir können zusehen, wie wir ihn wieder runter holen.
Tief in sich war sie versucht Greg zuzustimmen. Sie hätte das alles vielleicht etwas geschickter anstellen sollen, Joshua sagen, dass sie kam und ihm begreiflich machen, dass dies nur ein kurzer Besuch war.
Doch jetzt war es für diese Art von Bedenken wohl eindeutig zu spät und sie hoffte einfach, dass sie alle möglichst unbeschadet aus diesem Tag hervorgehen würden.
Hier rechts, informierte sie Nick, der den Mietwagen mit dem Kindersitz auf der Rückbank durch das Gewirr von Washingtons Straßen lenkte, während sie den Stadtplan auf dem Schoß hielt und versuchte, den Überblick nicht zu verlieren.
Schließlich bogen sie in eine Straße ein, die von zweistöckigen Wohnhäusern mit gepflegten Vorgärten gesäumt wurde und Sam verstaute den Stadtplan im Handschuhfach.
Welche Nummer sagtest du? fragte Nick neben ihr.
23, quetschte sie hervor und starrte angespannt auf die Hausnummern, die langsam an ihr vorbeizogen.
Dann ist es wohl das hier, sagte Nick, wurde merklich langsamer und parkte schließlich den Wagen am Straßenrand.
Mit großen Augen und klopfendem Herzen sah Samantha hinüber zu dem Haus, das etwas zurückgesetzt von der Straße stand. Die Rasenfläche des Vorgartens war auch hier ordentlich gestutzt und ein mit Steinplatten ausgelegter Weg führte zu einer überdachten Eingangstür. Bunte Blumenampeln hingen von den Balken des Vordachs und ein großer Blumenkübel mit einem Oleander und einem roten Windrad darin stand direkt neben der Tür. Der anhaltende Nieselregen tauchte die gesamte Szenerie in trauriges Grau und Sam konnte sich nicht entscheiden, ob sie lieber weiterfahren oder doch aussteigen sollte.
Bereit wenn du es bist, hörte sie Nick neben sich.
Gib mir noch ne Minute, sagte sie leise.
Sie hätte so gerne einen kurzen Blick in das Haus geworfen um zu wissen, was auf sie zukam. Sich hier Joshuas und auch Gregs neuem zu Hause gegenüber zu sehen nahm sie mehr mit, als sie gedacht hatte. Dies hier war ihr Reich. Sie hatte das Haus bisher weder gesehen noch jemals betreten und sie kam sich vor wie eine Fremde, die in dieser Familienidylle nichts zu suchen hatte.
Plötzlich bewegten sich die Vorhänge an einem der Fenster und Sam meinte, ein Gesicht dahinter zu erkennen. Also gab es jetzt kein Zurück mehr.
Bereit, sagte sie also, straffte sich innerlich wie äußerlich und öffnete dann die Beifahrertür.
Sie registrierte am Rande das Schlagen von Nicks Tür und seine Schritte, die ihr über den Weg zur Haustür folgten und auch wenn sie es niemals zugegeben hätte, vermittelten ihr diese Geräusche doch ein Gefühl von Sicherheit.
Noch bevor sie das schützende Vordach erreicht hatten ging die Tür auf und Greg erschien dahinter.
Ihr Herz setzte für zwei Schläge aus, bevor es mit aller Gewalt in ihrer Brust weiterhämmerte. Hatte er schon immer so gut ausgesehen? Sein hellbraunes Haar war kurz geschnitten und umrahmte sein kantiges Gesicht mit den leichten Grübchen in den Wangen, sein sportlicher Körper steckte in Jeans und einem dunklen T-Shirt, doch der Blick aus seinen grauen Augen war kalt und abweisend.
Hallo Greg, begrüßte sie ihn, während sie unter das Vordach ins Trockene trat.
Samantha, nickte er grimmig.
Nick, das ist Greg. Greg, Nick Carter, stellte sie die beiden einander vor und konnte dabei nur daran denken, dass sich Joshua irgendwo im Inneren dieses Hauses befand.
Die Männer nickten sich kurz zu, scheinbar war dies die einzige Art von Höflichkeit, zu der sie im Stande waren.
Ist Josh da? fragte sie und hätte sich für diesen Satz am liebsten selbst geschlagen. Er hatte da zu sein. Punkt.
Greg schwieg einen ewig scheinenden Moment, dann nickte er langsam. Ja, er ist da, aber ich bin immer noch der Meinung, dass es ihm nicht gut tut sich so unvermittelt mit dir konfrontiert zu sehen.
Er ist auch mein Sohn und ich kann ihn sehen, wann immer ich will, sagte Sam und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, womit Greg sie immer noch um einen guten Kopf überragte.
Wie schön für dich, gab er sarkastisch zurück. Das hat dich das letzte Jahr auch nicht dazu gebracht, ihn zu besuchen.
Sie spürte, wie Nick in ihrem Rücken tief Luft holte, also streckte sie die Hand ohne hinzusehen nach ihm aus und bekam sein Handgelenk zu fassen. Scheinbar reichte das, um ihn von einem unbedachten Kommentar abzuhalten.
Ich möchte ihn jetzt sehen, und nach kurzem Zögern setzte sie ein Bitte hinzu.
Sie sah, wie Greg die Zähne fest zusammen biß und sich seine Augen verengten, doch schließlich nickte er und öffnete die Tür etwas weiter.
Kommt rein.
Sie folgten Greg durch einen gefliesten Flur, von dem rechts eine geöffnete Sprossenschiebetür in eine moderne, helle Küche abging und erreichten durch einen Rundbogen das riesige Wohnzimmer. Auch hier war der Boden gefliest, doch ein dicker Teppich lag unter der Couchgarnitur, die einen offenen Kamin umstand. Daneben gewährte eine breite Fensterfront den Blick hinaus in einen weitläufigen Garten, der allerdings im Dunst des Regens verschwamm. Zu ihrer Rechten führte eine Treppe hinauf in den ersten Stock.
Er ist oben in seinem Zimmer. Viola ist bei ihm und versucht ihm gerade zu erklären, dass ... ,
MOOOOOMYYYYYY, schallte es plötzlich laut und anhaltend durch das gesamte Haus und wie ein Wirbelwind kam Joshua die Treppe förmlich heruntergeflogen, raste in unglaublicher Geschwindigkeit auf sie zu und warf sich dann in ihre ausgebreiteten Arme.
Sams Beine hatten bereits beim ersten Klang seiner so schmerzlich vermißten Kinderstimme ihren Dienst quittiert und so hockte sie nun auf den Knien auf dem kalten, harten Boden und drückte ihr Kind heftig zitternd an sich.
Mein Baby, flüsterte sie leise. Momy ist hier. Es wird alles gut.
Seine dünnen Ärmchen erdrückten sie fast, sein Gesicht presste sich an ihren Hals und sein gesamter Körper schien zu beben.
Unglaublich viele Sinneseindrücke stürmten gleichzeitig auf sie ein: Der Geruch seines, nach Kindershampoo riechenden Haares, sein dünner Körper in ihren Armen, sein Schniefen an ihrem Hals, seine Hände, die sich irgendwie in ihrem Haar verfangen hatten, seine Füße in den weichen Hausschuhen, die sich jetzt auf ihre Beine stellten um ihr noch näher sein zu können und seine Stimme, die immer wieder Momy, Momy, wie ein Mantra wiederholte.
Ich bin hier mein Schatz, sagte sie leise und wiegte ihn von einer Seite auf die andere.
Ich bin soooo froh, dass du da bist, hörte sie ihn leise sagen.
Ich bin auch froh, gab sie mit erstickter Stimme zurück.
Vorsichtig löste er sich ein Stück von ihr, ließ aber seine Arme um ihren Hals geschlungen. Seine Wangen waren naß von Tränen, seine Nase lief und seine Augen waren so groß und blau, dass sich Samanthas Herz schmerzhaft zusammenzog.
Nimmst du mich jetzt mit nach Hause? fragte er und seine Augen wurden noch ein Stückchen größer.
Es kostete Sam sämtliche Beherrschung um nicht auf der Stelle in haltloses Schluchzen auszubrechen. Langsam schüttelte sie den Kopf.
Tut mir leid mein Schatz. Ich bin nur auf Besuch hier.
Neiiiin, rief er verzweifelt und presste sich wieder fest an sie.
Doch. Es tut mir leid Joshua, aber ich kann dich jetzt noch nicht mitnehmen.
Sein Schluchzen wurde lauter und Sam küßte beruhigend sein Haar und seine Wange, streichelte sanft über seinen zuckenden Rücken und blinzelte dabei ihre eigenen Tränen weg, die inzwischen haltlos über ihre Wange kullerten.
Ich habs doch gleich gesagt, hörte sie Violas leise, ärgerliche Stimme in ihrem Rücken sie bringt uns nur Ärger.
Samantha hat ein Recht darauf Joshua zu sehen, erklang sofort Nicks grimmige Stimme und ehrlich gesagt verstehe ich nicht ... ,
Nick, warnte Sam ihn, drückte Joshua an sich und stand langsam auf. Wie selbstverständlich schlang er die Beine um ihre Hüften und klammerte sich an ihr fest. Nicht jetzt und nicht hier, in Ordnung?
Er sah nicht so aus, als fände er ihren Vorschlag besonders reizvoll, doch er nickte langsam.
Hallo Viola, begrüßte Sam schließlich die Frau an Gregs Seite und es kostete sie einiges an Überwindung um dabei einigermaßen freundlich zu wirken.
Viola schien keine Lust zu verspüren ihren Gruß zu erwidern. Sie stand mit verschränkten Armen neben Greg und musterte sie mit verkniffenem Gesichtsausdruck. Sie war so schön wie eh und je, ihr dunkles Haar fiel in sanften Wellen auf ihre Schultern hinunter, ihr Augen waren immer noch so blau und klar wie ein Sommerhimmel und ihrer Figur schien das neue Familienleben auch nicht geschadet zu haben.
Ich bringe ihn euch heute Abend wieder, sagte sie an Greg gewandt, während sie immer noch ihren Sohn fest an sich drückte.
Vielleicht könnten wir ihn auch über Nacht mitnehmen, warf Nick ein und sah von Sam zu Greg hinüber.
Nie im Leben ... , setzte Viola an, doch Greg legte ihr einen Arm um die Schultern und brachte sie so zum Schwiegen, während er Samantha keine Sekunde aus den Augen ließ. Bist du telefonisch erreichbar? fragte er.
Sam nickte.
Gut. Ich packe ein paar Sachen zusammen. Morgen Mittag um zwölf hat er einen Wettkampf, also sollte er bis um zehn wieder hier sein.
Das ... geht ... in Ordnung, entgegnete Samantha total überrascht darüber, dass er ihr Joshua tatsächlich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht überließ.
Langsam trat Greg an sie heran und strich Joshua zärtlich über das Haar.
Hey Sportsfreund, sagte er sanft und in Sam zog sich alles zusammen. Wie sieht es aus, wollen wir ein paar Sachen packen?
Nein. Ich bleibe bei Momy, hörte sie Joshua undeutlich an ihrem Hals murmeln.
Ein Ausdruck von Schmerz glitt über Gregs Gesicht, der aber genau so schnell verschwand, wie er gekommen war. Gut, dann packe ich einfach Mr. Biggles und deinen Bulldozer mit ein, in Ordnung?
Ja, nickte Josh auf ihrem Arm, richtete sich dann langsam auf und wischte sich seine laufende Nase und die Tränen mit dem Ärmel seines Pullovers ab. Kommst du auch mit? fragte er schließlich hoffnungsvoll seinen Vater und Samantha brach es beinahe das Herz.
Nein, Greg schüttelte den Kopf. Dieser Tag gehört nur dir und Momy.
Noch einmal strich er seinem Sohn über den Kopf, dann wandte er sich ab und lief die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
Viola machte einen Schritt auf Samantha zu und zischte da siehst du, was du angerichtet hast. Du bist wirklich das Allerletzte.
Dann drehte sie sich herum und folgte ihrem Mann. Joshua spannte sich in ihren Armen an und brüllte Viola hinterher SELBER!!