Kapitel 40
Nick stand am Fenster seines Hotelzimmers und starrte hinaus in den anhaltenden Nieselregen. Washington breitete sich unter ihm aus - pulsierend, geschäftig und so ganz anders als Los Angeles. Von seinem Platz aus konnte er die Kuppel des Capitols gerade noch erahnen, Straßen schlängelten sich wie die verzweigten Äste eines Baumes durch die Häuserschluchten und zu seiner Rechten breitete sich die saftige Grünfläche eines Parks aus.
Er war müde und fühlte sich dennoch aufgekratzt. Der Abend mit Chris war länger geworden, als er das eigentlich beabsichtigt hatte und der Flug war heute morgen sehr früh gegangen. Andererseits schnellte sein Puls jedes Mal in die Höhe, wenn er daran dachte, wohin sie sich in nicht einmal einer halben Stunde aufmachen würden.
Sam war den gesamten Flug über schweigsam gewesen. Sie hatte die meiste Zeit aus dem Fenster hinaus gestarrt und wirkte dabei angespannt wie ein hundert Meter Sprinter kurz vor dem Startschuß. Nick konnte sich nur ansatzweise vorstellen was sie bei dem Gedanken empfinden mußte, ihren Sohn nach so langer Zeit wieder zu sehen und auch wenn er sich für sie wahnsinnig freute so wußte er doch auch, dass sie Joshua am Ende hier zurücklassen mussten. Er fragte sich, wie sie damit wohl umgehen würde und ob sie es in ihrer derzeitigen Situation zulassen würde, dass er für sie da war.
Er seufzte verhalten. Im Moment hatte er das Gefühl in einem Schnellzug zu sitzen und sein Leben als verschwommene Landschaft am Fenster vorbeirasen zu sehen. So viel war in kürzester Zeit geschehen und das beängstigende an dieser Sache war, dass das alles nur sehr bedingt mit seinem eigentlichen Leben zu tun hatte. Wann war er an den Punkt gelangt, an dem ihm das Wohlergehen eines anderen Menschen so sehr am Herzen lag, dass er sich selbst und seine Bedürfnisse komplett hinten anstellte? Er sollte jetzt im Studio sein, er sollte sich um seine Geschwister kümmern, er sollte sich mit Freunden treffen, er sollte sich Gedanken über seine Zukunft, die Alben, die Tour, das weitere Zusammenleben mit seinen Geschwistern machen und nicht hier in Washington sitzen um Sam einen ihrer größten Wünsche zu erfüllen.
Und trotzdem fühlte es sich richtig an. Beängstigend zwar, aber nichtsdestotrotz gut und als sollte es genau so sein.
Gleichzeitig fragte er sich, was Sam am vergangenen Abend wohl seinen Geschwistern erzählt hatte. Er hatte sie ein paar Mal darauf ansprechen wollen, es dann aber doch lieber gelassen weil sie nicht so aussah, als wolle sie auch nur ein Wort mit ihm reden. Sie hatte ihm noch nicht verziehen und auch wenn sie schlußendlich mit hier her gekommen war hieß das noch lange nicht, dass zwischen ihnen alles wieder in Ordnung war. Nun ja ... so wie er sich benommen hatte war es eigentlich ein Wunder, dass sie es überhaupt noch in seiner Nähe aushielt.
Ein leises Klopfen an der Zimmertür riß ihn aus seinen Gedanken und mit einem letzten Blick hinaus auf die verregnete Stadt wandte er sich vom Fenster ab und durchmaß mit langen Schritten das Zimmer. Als er die Tür öffnete stand Sam davor. Sie hatte sich umgezogen und ihre Haare zu einem nachlässigen Pferdeschwanz gebunden. Nachdem er ihr mit einem Lächeln bedeutete einzutreten, verweilte sein Blick an ihrem süßen Hintern in der engen Jeans und ihrem schmalen Körper, der in einem engen, langärmligen, roten T-Shirt steckte. Sie hatte sich verändert, das erkannte er in diesem Moment.
Aus dem etwas langweiligen, in sich gekehrten Mädchen war eine erwachsene, hübsche Frau geworden und er fragte sich, ob dies lediglich an seiner neuen Sichtweise auf sie oder tatsächlich an Sam selbst lag.
Ich weiß nicht, ob wir das wirklich tun sollten, sagte sie, als sie schließlich nervös mitten im Zimmer stehen blieb. Vielleicht verwirrt Joshua das alles mehr, als es ihm nützt.
Nick schloß bedächtig die Zimmertür und machte ein paar Schritte auf sie zu. Wie gerne hätte er sie jetzt in den Arm genommen und ihr erklärt, dass alles gut werden würde und sie sich nicht so viel Gedanken machen sollte, statt dessen blieb er einige Meter von ihr entfernt stehen und versenkte die Hände in den Hosentaschen seiner dunklen Jeans.
Er wird sich freuen, glaubst du nicht? sagte er und beobachtete sie aufmerksam.
Ich weiß nicht ... ja ... doch, er wird sich sicherlich freuen, aber ... , sie verstummte und schüttelte den Kopf.
Du hast mit Greg gesprochen, vermutete Nick.
Sam nickte langsam. Er sagt, dass Josh sich gerade richtig einlebt und ich ihn mit meinem plötzlichen Besuch total aus der Bahn werfen werde und ... ,
Hey, unterbrach sie Nick mit sanfter Stimme und machte nun doch noch ein paar Schritte auf sie zu. Er registrierte, dass sie sich augenblicklich noch ein Stückchen mehr anspannte, allerdings nicht vor ihm zurückwich. Um sein Glück nicht noch weiter zu strapazieren ließ er die Hände in den Hosentaschen, kam ihr aber so nahe, dass er ganz schwach ihren Parfumduft riechen konnte. Greg muß so etwas sagen. Er möchte nicht, dass du Joshua siehst, das ist doch klar. Vielleicht wird Joshua wirklich ein bißchen verwirrt oder traurig sein wenn wir wieder fahren, aber er hat ein Recht darauf seine Mom zu sehen und mit ihr Zeit zu verbringen. Es wird ihm helfen, wenn er danach wieder gezwungen ist, ohne dich auszukommen. Alles was uns in einsamen Stunden bleibt ist die Erinnerung und wir werden dafür sorgen, dass er nur schöne Gedanken an diesen heutigen Tag hat, hm?
Blinzelnd schaute Sam zu ihm auf. Wo hast du denn den letzten Satz her?
Ist mir gerade so eingefallen, lächelte Nick etwas verlegen.
Zögernd erwiderte Sam sein Lächeln. Du kannst richtig nett sein wenn du willst.
Ich weiß, gab er zurück und spürte, wie seine Wangen anfingen zu brennen.
Sams Lächeln erlosch ganz allmählich und sie senkte kopfschüttelnd den Blick. Was tue ich hier? fragte sie beinahe flüsternd.
Du kämpfst um deinen Sohn, gab Nick genau so leise zurück.
Sie nickte langsam und dann ... schien sie kurz zu schwanken, bevor sie sich in seine Richtung neigte und ihre Stirn vorsichtig an seine Brust lehnte.
Er konnte sein Glück kaum fassen, sein Herzschlag raste in seinen Ohren und ganz vorsichtig zog er die Hände aus den Hosentaschen.
Nicht, flüsterte sie und er verharrte wie ein Idiot mit halb erhobenen Händen. Geht schon wieder, sagte sie dann, richtete sich wieder auf registrierte seine in die Luft gereckten Hände.
Vorsichtig griff sie danach und drückte sie wieder hinunter an seine Körper.
So ist das besser, nickte sie und ein Lächeln huschte dabei über ihr Gesicht.
Ich komme mir vor wie der letzte Vollidiot, gestand er.
Nun ... manchmal bist du auch einer, gab sie mit einem Grinsen zurück. Aber nicht heute.
Na, das beruhigt ungemein, entgegnete er ironisch und verrollte die Augen, was sie tatsächlich zum Lachen brachte.
Laß uns einfach ein bißchen daran arbeiten, hm?
Klingt gut.
Ja. Seltsamer Weise tut es das, nickte sie.
Für einen endlos scheinenden Moment versank er in ihren warmen, braunen Augen und er hatte dabei das erregende Gefühl, dass er es vielleicht doch nicht ganz und gar vermasselt hatte.
Wollen wir dann los? fragte er schließlich und sie nickte.
Ja, bringen wir es hinter uns.
Hey, du kannst gleich deinen Sohn in die Arme schließen, ist das vielleicht nichts?
Ihr Lächeln wurde breiter. Doch, das ist sogar sehr viel. Ich weiß nur nicht, ob mein Herz das mitmacht. Ich habe jetzt schon das Gefühl, dass ich kurz vor einem Infarkt stehe, so aufgeregt bin ich.
Das gehört dazu, sagte Nick zärtlich.
Scheint so, gab sie schulterzuckend zurück.
Er riß sich endlich von ihrem Anblick los, nahm seine Jacke vom Bett und seine Keycard von dem kleinen Sideboard und schloß dann hinter sich und Sam die Tür.
Nicht zum ersten Mal fragte er sich, wie er eigentlich mit dieser Begegnung klar kommen sollte. Er würde zum einen Sams kleinem Sohn das erste Mal gegenüber treten und er hoffte, dass er einen einigermaßen annehmbaren Eindruck hinterließ. Zum anderen waren da auch noch Greg und Viola und in diesem Fall war er sich ziemlich sicher, dass er keinen annehmbaren Eindruck hinterlassen würde. Aber das war schließlich auch ganz und gar seine Absicht.