Kapitel 39

Die Schwestern hatten also beschlossen, dass Sam dringend einen entspannten Abend außerhalb des Carter Hauses benötigte, was bedeutete, dass sie sie in eine Bar in Downtown schleppten und ihr als erstes einen Margarita bestellten. Da zu dieser Zeit gerade Happy Hour war, standen vor Sam nun gleich zwei langstielige Gläser mit hochprozentigem Inhalt und Salz am Glasrand. Sam hatte einmal vorsichtig genippt und festgestellt, dass es ihr nicht schmeckte, war aber zu höflich, um irgend etwas zu sagen.
Aaron saß mit mißmutiger Miene zwischen den vier Mädchen, hatte sich ein Bier und einen Whisky Sour bestellt und somit ein ganzes Flaschen- und Glasbataillon um sich herum versammelt.
„Es tut mir leid Aaron, dass wir dich so einfach mitgeschleppt haben“ sagte Sam gerade „aber was ich euch zu sagen habe, geht auch dich etwas an.“
„Schon gut,“ winkte er ab. „Es entspricht einfach nicht meiner Wunschvorstellung den Abend mit vier Frauen zu verbringen, von denen drei meine Schwestern sind und die andere die Freundin meines Bruders.“
Sams Magen zog sich augenblicklich schmerzhaft zusammen und um dies zu überspielen nippte sie an ihrem Drink. Er schmeckte immer noch nicht besser, aber sie hatte das Gefühl, dass der Alkohol sie wenigstens ein bißchen beruhigte. Sie war nicht die Freundin seines Bruders, im Gegenteil. Im Moment war sie für Nick lediglich ein Ärgernis ohne Ende.
Sie wußte nicht, warum sie Angel mit der Aussage über Joshua konfrontiert hatte. Es war ihr in diesem Moment einfach so heraus gerutscht und im Nachhinein hatte sie festgestellt, dass sie widererwartend froh darüber war. Dieses Versteckspiel mußte endlich aufhören. Nur aus diesem Grund war sie heute Abend hier.
Vielleicht auch, um Nick aus dem Weg zu gehen, aber das gestand sie sich nur ungern ein.
„Du hast also einen Sohn,“ lenkte Leslie schließlich das Gespräch auf das eigentliche Thema. „Und warum wissen wir nichts davon?“
„Wir haben sie ja nicht gefragt,“ stellte BJ fest.
„Sie hätte aber trotzdem mal was sagen können,“ entgegnete Leslie und wirkte ein wenig beleidigt.
„Ach komm schon ... als hätten wir immer ne Ahnung, was bei dir so los ist,“ warf Aaron ein.
„Das ist ja wohl was ganz anderes,“ ereiferte sich Leslie.
„Nicht wirklich, abgesehen davon ... ,“
„Haltet endlich die Klappe und laßt Sam doch auch mal was sagen,“ fuhr Angel dazwischen und Sam warf ihr einen erstaunten Blick zu. Wann war ihre Freundin so vernünftig und erwachsen geworden?
Die Anwesenden am Tisch schwiegen tatsächlich und sahen nun erwartungsvoll zu Sam hinüber. Sie leerte ihr Glas in einem Zug, schob es zur Seite und zog das nächste zu sich heran. Ihr Körper wurde langsam aber sicher leichter als Luft und in ihrem Kopf hielt eine angenehme Sorglosigkeit Einzug.
„Ja, ich habe einen Sohn. Er heißt Joshua und ist fünf Jahre alt. Er lebt in Washington bei seinem Vater und seiner Stiefmutter und ich habe ihn seit ... keine Ahnung ... einem Jahr nicht mehr gesehen.“
Sam schluckte heftig und ihre Finger begannen automatisch damit, die kleine Papierserviette, die sie mit ihren Drinks gereicht bekommen hatte, in kleine Fetzen zu reißen.
„Scheidungskind,“ nickte Aaron. „Damit kenne ich mich aus.“
„Damit kennen wir uns alle aus,“ pflichtete ihm Angel bei.
„Ich auch,“ nickte Sam.
„Warum lebt er bei seinem Vater und nicht bei dir?“ fragte BJ, die gerade genüßlich die Olive aus ihrem Martini verspeiste und dem Kellner mit ihrem leeren Glas winkte.
„Ich kann ihn nicht versorgen,“ murmelte Sam leise. „Ich habe keinen Job wie ihr wißt. Ich lebe in einer kleinen Wohnung mitten in der Stadt und Gregs Unterhalt reicht gerade mal so um über die Runden zu kommen.“
„Greg ist demnach dein Ex,“ stellte Leslie fest.
„Hm,“ Sam nickte.
„Was ist schief gelaufen?“ fragte nun BJ interessiert, während die Bedienung zwei weitere Martini vor ihr abstellte.
„Tja ... was ist schief gelaufen,“ murmelte Sam. „Greg hat sich in eine andere Frau verliebt.“
„Mistkerl,“ grummelte Leslie.
„Ach, das sind sie doch irgendwie alle,“ bemerkte Angel.
„Hey! Bitte nicht vergessen, dass einer von den Mistkerlen mit euch am Tisch sitzt,“ beschwerte sich Aaron.
„Du zählst heute Abend nicht als Mann,“ grinste Leslie. „Das ist ein Weiberabend, schon vergessen?“
„Wie könnte ich? Du erinnerst mich ja immer wieder daran,“ maulte Aaron.
„Er hat dich also einfach so sitzen lassen und hat Joshua mitgenommen?“ nahm Angel den Faden wieder auf.
„Ja und nein. Er hat sich mit Viola erst einmal eine Wohnung gesucht, dann haben sie später ein Haus gekauft und er dann Joshua mitgenommen. Wir teilen uns eigentlich das Sorgerecht, aber ... nun ja ... Washington ist nicht gerade um die Ecke und Flüge sind teuer.“
„Und er hat ihn dir nicht mal so vorbei geschickt? Wenigstens in den Ferien?“ fragte BJ nach.
„Haben Dad oder Mom das getan?“ fragte Leslie bitter.
„Nein,“ stimmte sie ihr betreten zu und nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Martini.
„Ihr solltet euch nicht mit Joshua vergleichen,“ sagte Sam sanft. „Das ist eine ganz andere Geschichte, als bei euch.“
„Das ist uns schon klar,“ warf Aaron ein. „Aber Scheidungen sind immer Scheiße und wenn die Eltern dann an den Kindern herumzerren, wird es erst richtig ungemütlich.“
„Das ist mein Problem,“ nickte Sam. „Ich möchte nicht an Joshua zerren. Ich möchte, dass es ihm gut geht und er ein richtiges zu Hause hat. Wenn ich wüßte, dass es ihm bei Greg und Viola gut ginge, würde ich vielleicht gar keinen so großen Aufstand machen, aber Fakt ist ... er kommt mit ihnen nicht sonderlich klar. Er hat kaum Freunde und muß sich inzwischen ans Telefon schleichen, wenn er mich anrufen will.“
„Wie bei Mom damals,“ sagte BJ leise und kaute gedankenverloren auf ihrer Olive herum.
Sam seufzte. Sie hatte nicht vorgehabt die Carter Geschwister mit ihrer Geschichte an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern, doch es schien, als sei das eine mit dem anderen unausweichlich verknüpft.
„Und was war dann heute los? Was hat Nick angestellt?“ kam Angel nun wieder zum Kern des Gespräches zurück.
„Nick hat gar nichts angestellt,“ entgegnete Sam und hoffte, dass man ihr diese ausgemachte Lüge nicht ansah. „Ich habe heute Morgen eine Vorladung bekommen. Greg möchte das alleinige Sorgerecht und wenn das durchkommt, werde ich Josh nie wieder sehen.“
„Dann ändert sich für dich ja nicht wirklich was,“ bemerkte BJ trocken und widmete sich ihrem inzwischen dritten Martini.
„Du bist manchmal echt zum kotzen,“ giftete Angel ihre Schwester an, doch diese zuckte nur mit den Schultern und hielt den Blick starr in ihren Drink gerichtet.
„Im Grunde hat sie ja recht,“ sagte Sam beschwichtigend. „Es ist einfach nur ... er nimmt mir damit jede Möglichkeit, mein Leben irgendwann wieder einigermaßen auf die Reihe zu bekommen. Ich möchte einen Job finden und dann Josh zu mir holen. Zumindest ... zeitweise. Ich könnte mich wohl schon ... irgendwie ... damit abfinden, dass er eine Zeit lang bei ihm und eine Zeit lang bei mir ist, aber so wie es im Moment läuft ist es wie Gift, das uns langsam aber sicher an den Rande einer Katastrophe drängt.“
„Und wie paßt Nick da rein?“ fragte Aaron und starrte Sam herausfordernd an.
„Was willst du damit sagen Aaron?“ fragte Angel mißtrauisch.
„Ich will damit gar nichts sagen,“ entgegnete dieser. „Ich möchte nur wissen, welche Rolle er in diesem ganzen Szenario spielt. Wußte er, dass du einen Sohn hast, als ihr ... na ja ... zusammen gekommen seid? Ist ihm bewußt, dass er in der Sache genau so mit drin hängt? Ich meine ... was besseres konnte dir ja kaum passieren, oder?“
„Aaron Carter!“ fuhr Angel auf. „Ich hoffe für dich, du unterstellst Sam nicht das was ich glaube, dass du ihr unterstellst.“
„Ich unterstelle Sam gar nichts,“ fuhr Aaron auf und saß dabei inzwischen kerzengerade auf seinem Stuhl.
„Hey,“ ging Sam dazwischen. „Regt euch wieder ab, okay? Nick wußte von Joshua. Ich habe es ihm nach ... na ja ... meinem Ausraster in dem Restaurant erzählt.“
„Was war da eigentlich los?“ warf Leslie ein.
Sam seufzte. An diesem Abend hatte ihr Leben angefangen ganz langsam aus den Fugen zu geraten. Es war vorher ganz sicher nicht perfekt gewesen, aber in dem Moment, als sie Nick als unbekannte Gleichung darin aufgenommen hatte, waren die Schwierigkeiten sozusagen vor ihren Augen explodiert.
„Greg hatte mich angerufen und ordentlich herunter geputzt, weil plötzlich ein Kamerateam vor seiner Tür stand um „Hintergrundmaterial“ über mich zu sammeln.“
„Ach du Scheiße,“ entfuhr es BJ.
„Jep,“ nickte Sam. „Genau das war auch mein erster Gedanke.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das böse Wort mit „sch“ überhaupt denken kannst,“ grinste Aaron breit.
„Glaub mir, ich kann noch ganz andere Sache,“ grinste Sam zurück.
„Und du hast gedacht, Nick hätte seine Finger mit im Spiel?“ fragte Leslie weiter.
Sam nickte.
„Und, hat er?“ fragte BJ.
„Sag mal,“ fuhr Angel auf. „Dich haben sie bei der Geburt doch vertauscht, oder? Du kannst unmöglich zu unserer Familie gehören.“
„Komm schon ... so abwegig ist das alles nicht,“ verteidigte sich BJ. „Wenn Nick gewußt hätte, dass Sam einen Sohn hat ... warum sollte er das nicht in der Serie verwenden?“
„Da hat sie recht,“ stimmte ihr Aaron zu.
„Danke,“ lächelte BJ dankbar.
„Ihr habt sie nicht mehr alle. Nick ist manchmal gemein und verrückt und er kann ein richtiges Arschloch sein, aber er würde niemals Sams Sohn mit da rein ziehen,“ ereiferte sich Angel.
„Hat er auch nicht,“ versuchte Sam damit das Thema zum Abschluß zu bringen. „Wir haben ab da vor den Kameras so getan, als gebe es Joshua nicht.“
„Was denkt er darüber?“ fragte Leslie weiter.
„Er ist ganz wild darauf ihn kennen zu lernen,“ gab Sam unbehaglich zurück.
„Ja, das paßt,“ nickte Leslie.
„Aber dir paßt es nicht?“ vermutete Angel mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ich weiß nicht so genau,“ gab Sam zurück und fühlte, wie das Eis unter ihren Füßen merklich dünner wurde. Sie wollte seinen Geschwistern nicht erzählen, was bei ihr und Nick wirklich los war, dass sie nur so taten als ob, dass sie sich an seiner Seite manchmal so unsicher und ängstlich fühlte, dass sie nie wußte woran sie bei ihm war und dass er ihr gestern eine ganze Menge Gemeinheiten an den Kopf geworfen hatte. Das ging niemanden außer sie beide etwas an.
„Nick kann gut mit Kindern,“ stellte Angel fest.
„Das mag ja sein,“ gab Sam zu. „Aber ... da sind auch noch Greg und Viola und das Fernsehen und überhaupt. Das macht alles so furchtbar kompliziert.“
„Wenn du jetzt mit Nick zusammen bist,“ warf BJ urplötzlich ein. „Dann kann dir das doch bei der Sorgerechtsverhandlung nur nützlich sein, oder?“
Sam nickte unbehaglich.
Der gesamte Tisch versank in ein unangenehmes Schweigen und Sam hatte das Gefühl, dass keiner der vier sich traute, sie direkt anzusehen.
„Bitte sagt mir nicht, dass ihr jetzt denkt, ich wäre nur deshalb mit ihm zusammen,“ sagte Sam schließlich, weil die unausgesprochenen Worte der Carter Geschwister wie eine dunkle Wolke über ihr hingen. Das schlimme daran war allerdings, dass sie damit nicht sehr weit von der Wahrheit entfernt lagen.
„Der Gedanke hat schon was,“ nickte Aaron schließlich.
„Nick ist doch nicht doof,“ gab Angel zu bedenken.
„Na, ich weiß nicht ... ,“ grinste BJ breit und Leslie begann zu kichern.
„Nick und ich ... wir stehen noch ganz am Anfang unserer Beziehung,“ erklärte Sam. „Es ist alles ziemlich schwierig. Die Kameras den ganzen Tag, die Sache mit Josh und Greg und ... nun ja ... er ist ja nun auch nicht wirklich ein einfacher Charakter.
„Nee, das ganz bestimmt nicht,“ nickt BJ zustimmend.
„Ich wollte einfach nur, dass ihr wißt, was wirklich los ist und ... ich möchte euch bitten ... die Sache mit Joshua für euch zu behalten, wenn das geht. Ich will auf keinen Fall, dass er irgendwie in dieser Serie auftaucht.“
„Ehrensache,“ nickte Angel ernst.
„Und ihr?“ fragte Sam, weil sie glaubte sich besser zu fühlen, wenn die anderen drei ihr das Versprechen gaben, den Mund zu halten.
„Ich kann schweigen wie ein Grab,“ sagte Aaron „aber für meine Schwestern lege ich die Hand nicht ins Feuer.“
„Vielen Dank,“ beschwerte sich BJ und verpaßte Aaron einen nicht gerade sanften Schlag auf den Oberarm.
„Siehst du,“ sagte er an Sam gewandt und zeigte dabei anklagend zu BJ hinüber „sie hat sie nicht mehr alle.“
„Ich kann genau so meine Klappe halten wie du oder Angel,“ beschwerte sich BJ.
„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe ... oder in diesem Fall eher nicht sehe,“ grinste Aaron.
„Und du?“ wandte sich Sam nun an Leslie.
„Es ist dieser Familie sowieso egal was ich sage oder denke. Von daher ... mit wem sollte ich mich darüber austauschen? Keine Sorge, ich werde nichts sagen.“
„Über den ersten Teil müssen wir noch einmal genauer reden, für den zweiten sage ich mal ... vielen Dank,“ lächelte Sam, was Leslie warm erwiderte.
„Nick und ich fliegen morgen nach Washington um Joshua zu besuchen,“ sagte Sam schließlich und spürte, wie sich ihr Magen augenblicklich verknotete. Wann hatte sie diese Entscheidung eigentlich getroffen? Hatte sie nicht ihre Sachen packen und gehen wollen?
„Echt?“ rief Angel erfreut.
„Dann sag Joshua mal schöne Grüße und dass er jetzt einen ganzen Haufen durchgeknallter Tanten und einen tollen Onkel dazu bekommen hat,“ grinste Aaron.
Wie auf Kommando trafen Aaron daraufhin zwei zusammengeknüllte Servietten und ein Streichholzbriefchen für diese unverschämte Bemerkung am Kopf und Sam konnte gar nicht anders als leise vor sich hin zu lachen.
Diese Familie war unmöglich, aber auch irgendwie liebenswert.

Kapitel 40