Kapitel 38

Die Mädchen hatten sich tatsächlich für diesen Abend abgesetzt. Wobei sie sich nicht aus dem Haus geschlichen hatten, sondern einfach aus der Haustür spaziert waren, eine Wolke Parfum, einen Hauch Glamour und einen ziemlich unglücklich wirkenden Aaron hinter sich herziehend. Sam hatte darauf bestanden, dass er sie begleitete und schlußendlich hatten sie ihn mehr oder weniger entführt.
Nick wußte nicht wie, aber BJ hatte es geschafft Henry einen kamerafreien Abend aus dem Kreuz zu leiern und das nicht nur für die Mädchen sondern auch für ihn und Aaron.
Nick hatte also einen ganzen, langen Abend zur freien Verfügung, aber hier im Haus niemanden, mit dem er diesen verbringen konnte. Langsam schlich er durch die stillen Zimmer, betrachtete eine Weile kopfschüttelnd Aarons Unordnung, die ihn so sehr an seine eigene erinnerte, mußte über die Kleiderberge grinsen, die sich bei allen vier Frauen auf den Betten türmten und saß schließlich umgeben von den Hunden auf dem Sofa.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal so alleine gefühlt hatte. Und genau so wie er wußte, dass er sich sehr bald nach der Rückkehr seiner Geschwister wieder wünschen würde, dass sie ihn wenigstens eine Nacht ruhig schlafen ließen, genau so sicher war er sich auch, dass es im Grunde Sams Gesellschaft war, die er vermißte.
Für einen Moment tauchte der gestrige Abend wieder vor seinem inneren Auge auf. Die Dinge, die er Samantha an den Kopf geworfen hatte, weil sie eine unsichtbare Linie überschritten hatte. Weil er sie an sich heran gelassen und sie in sein Herz geschlossen hatte und weil sie trotzdem davon ausgegangen war, dass er ihr etwa böses wollte. Er hatte sich so hilflos gefühlt. Wie sollte er ihr begreiflich machen, dass sie ihm etwas bedeutete, wenn sie ihm immer wieder die niedrigsten Beweggründe unterstellte?
Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, hatte sich hin und her gewälzt und sich schließlich eingestehen müssen, dass er zum einen komplett über das Ziel hinaus geschossen war und zum anderen maßlose Angst hatte, dass Sam nicht mehr da sein könnte, wenn er aufwachte.
Also hatte er die Augen offen gehalten, auf jedes verdächtige Geräusch gelauscht und war zum Schluß aufgestanden, weil er es nicht mehr aushielt ruhig im Bett zu liegen. Er hatte sich die Hunde geschnappt und war eine große Runde um das Haus marschiert. Und auf diesem Weg hatte sich langsam aber sicher der Gedanke in seinem Kopf materialisiert, dass er sich entschuldigen mußte. Wie er das am besten anstellen sollte, hatte er allerdings bis zum Schluß nicht herausgefunden.
Und dann sah er sie wieder vor sich, wie sie am Tisch saß und zum Stein erweichen weinte. In dieser Sekunde war ihm, als hätte ihm jemand ein Messer ins Herz gerammt. Niemand hatte das Recht, ihr so weh zu tun und als er dann schwarz auf weiß vor sich sah, dass ihr Ex-Mann dafür verantwortlich war, hatte ihn die Wut auf diesen Mann beinahe wahnsinnig gemacht.
Und dann war er ihr hinterher gegangen und als er ihre gepackten Koffer registrierte, war ihm übel geworden. Ab da verließ ihn ein wenig sein Erinnerungsvermögen. Er wußte, dass er vor ihr gekniet und versucht hatte etwas zu erklären, das er selbst nicht begriff. Aber ob er irgend etwas erreicht hatte, wußte er nicht mehr.
Seufzend zog er sein Handy aus der Hosentasche und wählte die bekannte Nummer. Nach dem dritten Klingen wurde abgenommen.
„Hey Chris, hast du Zeit Buddy?“
„Tut mir leid, ich habe gerade zwei sexy Blondinen in meinem Bett, die meine volle Aufmerksamkeit fordern,“ hörte er seinen besten Freund sagen und er mußte trotz seiner schlechten Laune lachen.
„Soll ich euch Gesellschaft leisten?“
„Warte, ich frag mal ...“
Dann hörte Nick, wie Chris das Telefon etwas weiter weg hielt und mit seiner normalen Stimme fragte „habt ihr was dagegen, wenn mein Kumpel noch vorbei kommt?“ und gleich darauf antwortete er in den höchsten Flötentönen „aber nicht doch Chris du Superhengst. Mit dem werden wir auch noch fertig.“
„Geht klar,“ hörte er Chris gleich darauf wieder mit normaler Stimme ins Telefon sprechen und immer noch kichernd verabschiedete sich Nick.
Es tat gut wieder so etwas wie Normalität zu empfinden, auch wenn man Chris vielleicht nicht wirklich als normal einstufen konnte. Aber das war eine andere Geschichte.

„Komm rein Kumpel,“ empfing ihn Chris nicht einmal eine halbe Stunde später. Sein schmächtiger Körper steckte in einer ausgebeulten, schwarzen Jogginghose und einem viel zu weiten, weißen T-Shirt. Sein dunkles Haar war raspelkurzgeschnitten und seine dunklen Augen in dem kantigen Gesicht funkelten belustigt, als er Nick herein bat.
Er lebte in einem Apartment, mitten in LA. Wobei man diese Bruchbude kaum Apartment nennen konnte. Eigentlich war dies hier ein einziger, kleiner Raum, der sich zudem noch in einem Keller befand, den Chris notdürftig eingerichtet hatte und seit dem erfolglos versuchte, dem Ganzen eine bißchen wohnliche Atmosphäre zu verleihen.
Doch Nick konnte sich keinen Ort vorstellen, an dem er jetzt lieber gewesen wäre. Er durchquerte den gefliesten Wohnraum, in dem in der hinteren Ecke, durch ein Regal abgetrennt Chris’ Bett stand und ließ sich auf das durchgesessene, ehemals hellbraune Sofa fallen. Inzwischen lag die Farbe irgendwo zwischen mausgrau und schlammbraun und die blonde, nackte Schönheit, die darüber an der Wand hing, wirkte auch schon ein wenig abgegriffen..
„Bier?“ fragte Chris.
„Aber sicher doch.“
Während Chris den Kühlschrank öffnete, der direkt neben dem Sofa stand, fragte Nick „wo sind die Frauen abgeblieben?“
„Sie schlafen nebenan. Entschuldige, aber ich habe sie ziemlich ran genommen, wenn du verstehst was ich meine,“ grinste Chris und reichte Nick die bereits geöffnete Flasche.
„Das bedeutet also, sie schlafen draußen?“ kicherte Nick.
„Hab ich dir noch nichts von meinem Anbau mit den drei Schlafzimmern und dem Megabad erzählt?“ fragte Chris gespielt überrascht und ließ sich zu Nick auf die Couch fallen.
„Nein, ist mir neu,“ lachte Nick und stieß mit seinem Freund an.
„Auf die Frauen,“ sagte dieser, prostete Nick zu und setzte die Flasche an.
Schlagartig waren alle trüben Gedanken wieder da und leise murmelte Nick „ja, auf die Frauen,“ und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Bier.
„Klingt nach Weltuntergang,“ stellte Chris fest, während er aufstand, eine alte Prince Scheibe hervorkramte, sie vorsichtig aus der Hülle zog und sie auf den alten Plattenspieler legte.
„Nicht ganz, aber nahe dran,“ nickte Nick.
„Eine Frau vermute ich,“ entgegnete Chris, während er sich wieder zu ihm gesellte und die ersten Soul-Beats durch den Raum fluteten.
„Jep.“
„Wer ist sie? Kenne ich sie?“
„Ich habe dir von Sam erzählt?“
„Die Freundin deiner Schwester?“ fragte Chris überrascht. „Die ... wie sagtest du noch? ... ,“ er legte sich einen Finger ans Kinn und starrte an die Decke. „Die langweilige Kuh die nur Unfrieden stiftet?“
„Genau die,“ gab Nick zu.
„Autsch.“
„Das kannst du laut sagen.“ Nick nahm einen weiteren Schluck von seinem Bier, schlug sich mit der Faust ein paar Mal auf die Brust und ließ dann einen lauten, anhaltenden Rülpser hören.
„Nicht schlecht Alter,“ meinte Chris anerkennend.
„Danke.“
„Also weiter im Text. Die langweilige Kuh ist eigentlich gar nicht langweilig und ganz doof scheint sie auch nicht zu sein.“
„Hm,“ bestätigte Nick.
„Und das Problem?“
Nick seufzte. „Ich hab sie richtig gern.“
„Fuck.“
„Darauf trinke ich,“ lächelte Nick schwermütig und hob seine Flasche. Nach dem lauten Klong, mit dem sie anstießen, wurde Chris wieder ernst.
„So richtig gern? Ich meine ... so ... zusammenziehen-heiraten-Kinderkriegen-zusammenaltwerden-gern?“
„So in etwa,“ nickte Nick.
„Aber?“
Nick seufzte abgrundtief. „Kompliziert Kumpel. Sowas von kompliziert.“
„Weil?“
„Wo fange ich am besten an,“ sinnierte Nick. „Zu erst mochten wir uns nicht sonderlich, dann habe ich erfahren, dass sie geschieden ist und einen Sohn hat, der bei seinem Vater lebt, bei dem es ihm aber scheinbar nicht wirklich gut geht.“
„Ah, das waidwunde Reh,“ stellte Chris fest.
„Nein, nicht wirklich,“ widersprach Nick. „Sie ... wie soll ich das sagen? ... sie ist nicht so ein Jammerlappen-Mädchen, verstehst du? Sie ist ... verzweifelt, das ganz sicher, aber ... Im Moment brauche ich sie, glaube ich, mehr als sie mich.“
„Okay ...das mit dem Sohn und dem Ex und so habe ich kapiert. Aber wo ist jetzt das Problem?“
Nick seufzte erneut. „Das ist nur der Anfang. Wir haben ... also eigentlich habe ich ... den Vorschlag gemacht, dass wir vor den Kameras so tun, als wären wir ein Paar. Es ist gut für die Quote meiner Sendung und gut für ihre Sorgerechtsverhandlung ... dachte ich zumindest.“
„Aber es ist furchtbar schief gegangen,“ vermutete Chris.
„Wovon du ausgehen kannst. Ich hab’s vermasselt Chris. Aber so was von vermasselt.“
„Auf einer Skala von 1 – 10? Wobei die eins bedeutet, du hast lediglich in ihrer Gegenwart gefurzt und zehn wäre, wenn du sie gleich in der ersten Nacht betrogen hättest.“
„Eine zwölf,“ stellte Nick fest und dachte unbehaglich an die Frau im roten Kleid. War es tatsächlich erst zwei Wochen her, dass er tatsächlich darüber nachgedacht hatte, mit ihr ins Bett zu gehen?
„Ich kapier’s immer noch nicht,“ gestand Chris, während er aufstand und zwei neue Flaschen Bier aus dem Kühlschrank holte.
„Sie ist ... ,“ Nick überlegte kurz, während er das Bier von Chris entgegen nahm. „Sie ist anders. Ich kann das schlecht beschreiben. Sie ist keine, die beim ersten Date mit dir ins Bett geht, sie bleibt an meiner Seite, obwohl ich sie wie den letzten Dreck behandelt habe, sie hält meine Geschwister rund um die Uhr aus und sie mag sie, sie hat die Hunde dressiert, die erste Begegnung mit meinen Fans mit Bravour gemeistert und ich habe mich in ihrer Gegenwart einen ganzen Tag lang weder unsicher, noch fehl am Platz, noch angespannt, noch unwohl gefühlt. Reicht das?“ Er sah zu seinem Freund hinüber, der ihn über den Rand seines Flaschenhalses hinweg aufmerksam musterte.
„Das erklärt, warum du sie so sehr magst, das erklärt aber noch nicht, warum und wie du es vermasselt hast.“
„Die ganz Wahrheit, hm?“ grinste Nick schief.
„Und nichts anderes als die Wahrheit,“ grinste Chris zurück.
„Also gut ... zu erst einmal habe ich sie nach dem ersten Date direkt in ein teures Hotel geschleppt.“
„Uhhh, nicht gut,“ bemerkte Chris.
„Gar nicht gut,“ pflichtete Nick ihm bei. „Dann bin ich spät in der Nacht und mit einem Glas Wein im Gesicht, von dem ich dir nicht erzählen werde, wie es da hin gekommen ist, bei ihr aufgetaucht. Und sie war ... großartig. Glaube ich zumindest.
Als nächstes verbringen wir einen Tag in Santa Barbara, den Henry organisiert hat. Ich weiß auch nicht ... dieser Tag am Meer ... mit ihr ... er hat alles verändert, verstehst du?“
„Ich versuche es mir vorzustellen,“ nickte Chris.
„Jedenfalls ... als wir zurück kamen, hat sie herausgefunden, dass dieser Ausflug nicht meine Idee war und dass sie zudem mal wieder gegen ihren Willen in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Sie hat mich ... nun ja ... ziemlich doof von der Seite angemacht ... ,“
„Was so viel heißt wie, sie hat dir die Wahrheit schonungslos unter die Nase gerieben.“
„Ja, leider,“ gestand Nick zerknirscht. „Und ich habe sie angebrüllt und sie dafür ausgelacht, dass sie wirklich gedacht hat, ich hätte sie gern.“
„Oh ... ,“ machte Chris, nippte langsam an seinem Bier und fügte dann hinzu „ich denke, ich verstehe jetzt was du mit „vermasselt“ meinst.“
Sie schwiegen eine Weile, während Nick vor sich hin starrte und die ganze Zeit Sams wutverzerrtes und später zutiefst enttäuschtes Gesicht vor sich sah.
„Und jetzt?“ fragte Chris weiter.
„Wenn ich das so genau wüßte,“ seufzte Nick. „Sie ist noch da, aber das habe ich auch nur Angel zu verdanken. Sam ist heute mit den anderen vier in die Stadt gefahren um ihnen von ihrem Sohn zu erzählen und ich habe keinen blassen Schimmer, ob sie ihnen den Rest über mich auch noch erzählen wird. Falls dem so sein sollte, war es wirklich toll dich gekannt zu haben.“
Chris lachte neben ihm leise. „Gleichfalls Kumpel.“
Verzweifelt fuhr sich Nick durch das Haar und schüttelte dann den Kopf „echt, ich habe keine Ahnung, wie ich das immer hin kriege. Von einer Katastrophe in die nächste und das auch noch mit offenen Augen.“
„Du liebst die Gefahr Nick. Das ist die ungeschminkte Wahrheit. Und diesmal scheinst du dir einen Wolf im Schafspelz ausgesucht zu haben.“
„Nein,“ widersprach Nick. „Ich bin der Wolf. Mit großen Klauen und Reißzähnen. Zumindest für sie.“
„Na komm,“ Chris stupste ihn mit der Schulter an. „Wenn einer lammfromm ist, dann ja wohl du. Ein bißchen hitzig vielleicht, aber im Grunde doch ein anständiger Kerl. Und wenn sie das nicht sieht ... ,“
„Ich habe ihr wohl noch keine Gelegenheit dazu gegeben.“
„Na, dann weißt du ja, was du zu tun ist.“
„Wenn sie mich jetzt noch läßt.“
„Wenn sie deinem Charme widerstehen kann, wäre sie die erste und ich verleihe ihr höchstpersönlich einen Orden!“ scherzte Chris gutmütig.
„Das ist vielleicht sogar der Kern des Problems,“ stellte Nick fest. „Bei ihr muß ich mich anstrengen und ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll.“
„Wenn ich das richtig verstanden habe, lief euer Tag in Santa Barbara doch ganz gut. Und wenn sie dich nicht auch ein bißchen gern hätte, wäre sie schon längst über alle Berge. Vertrau mir. Du brauchst nur ein bißchen Geduld und das ist leider ... ,“
„ ... nicht meine Stärke,“ vollendete Nick den Satz.
„Prost,“ nickte Chris und streckte ihm die Flasche entgegen.
Am liebsten hätte er seinen Freund in diesem Moment einen dicken, fetten Schmatzer ins Gesicht gedrückt, aber da selbst ihre Freundschaft das nicht überleben würde, begnügte er sich ebenfalls mit einem „Prost“ und einem kurzen Seitenhieb mit dem Ellenbogen. Gott, es tat gut wahre Freunde zu haben.

Kapitel 39