Kapitel 36

Sie waren auf dem Rückweg. Draußen war es stockdunkel und die vereinzelt vorbeiziehenden Lichter ließen Sam immer wieder müde blinzeln. Sie hatte den Kopf gegen die Seitenscheibe gelehnt und ließ es nun zu, dass sich ihre Augen langsam schlossen. Ihre Hand hielt locker den runden Anhänger ihrer neuen Kette umfangen und das inzwischen warme Metall vermittelte ihr ein ungewohntes Gefühl von Glück.
In Gedanken durchlebte sie noch einmal den vergangenen Tag. War sie am Anfang noch angespannt und unsicher in Nicks Gegenwart gewesen, so hatte sich dies mit jeder Minute die verstrich ins Gegenteil verkehrt. Sie konnte sich jedenfalls nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal in Gesellschaft eines anderen Menschen so wohl gefühlt hatte. Sie konnte kam beschreiben wie gut es sich anfühlte, wenn er sie berührte, wenn er ihr nahe war und sie mit seinen tiefblauen Augen ansah. Manchmal erschien es ihr, als seien diese so tief wie das Meer und verkörperten damit auch die gleiche Energie.
Nick konnte ruhig und gelassen sein wie das Wasser an einem warmen, windstillen Sommertag. Dazwischen flammte immer wieder diese Kraft auf, wenn es etwas stürmischer wurde und er sich für etwas begeisterte oder von seiner Musik erzählte. Genau so war sie sich aber auch bewußt, dass nicht viel dazu gehörte um in ihm einen Sturm zu entfachen und dass er dann mit der gleichen, zerstörerischen Kraft voran ging, wie die haushohen Wellen, die bei einem Orkan gegen den Strand donnerten.
Heute hatte lediglich ihr Gespräch über Joshua ihre gute Laune getrübt. Immer noch sträubte sich alles in ihr, die beiden zusammen zu bringen und sie konnte noch nicht einmal sagen, ob sie sich dabei mehr Sorgen um ihren Sohn oder um Nick machte.
Er hatte in diesem Teil ihres Lebens eigentlich nichts zu suchen. Hier, im Haus der Carters, war sie einfach nur Sam, jemand, den Nick gelernt hatte zu respektieren, dessen Geschwister sie mochten und auf deren Meinung sie scheinbar einen gewissen Wert legten. Was würde also passieren, wenn sie ihn in Gregs, Violas und Joshuas Welt mitnahm? Wenn er eine andere Seite an ihr entdeckte?
Die langweilige Hausfrau, die ihrem Ehemann nichts recht machen konnte? Die unfähige Mutter, die es noch nicht einmal fertig brachte für sich und ihren Sohn zu sorgen?
Die unscheinbare Frau, die keine Freunde hatte und Tag ein und Tag aus zu Hause saß?
Er würde ganz gewiß keinen Tag am Meer mit ihr verbringen, er würde ihr keine Geschenke machen und er würde sie ganz bestimmt nicht mehr mit Eis füttern. Er würde sich von ihr abwenden und sie schnellstens vergessen. Und wahrscheinlich würde ihm das noch nicht einmal schwer fallen, weil man jemanden wie sie nicht lieben konnte, ja, nicht einmal mochte.
Bei diesem Gedanken angekommen öffnete sie langsam wieder die Augen und starrte hinaus in die Nacht. Überrascht stellte sie fest, dass sie bereits in die Auffahrt zum Haus einbogen und leise seufzend richtete sie sich in ihrem Sitz auf.
„Wir sind ja schon da,“ murmelte sie und versuchte die letzten Reste ihrer trüben Gedanken abzuschütteln.
„Ja. Ging schneller als gedacht,“ entgegnete Nick, lenkte den Wagen die Serpentinen hinauf und bog gleich darauf in die Parkbucht ein.
Als er den Motor abgestellt hatte und sie die Stille der Nacht umfing, verspürte Sam keinerlei Lust, den Wagen zu verlassen. Am liebsten wäre sie für den Rest ihres Lebens hier drin sitzen geblieben, sich Nicks Nähe dabei überdeutlich bewußt.
Auch er machte keine Anstalten aus dem Jeep auszusteigen, also saßen sie eine Weile ruhig nebeneinander und starrten auf die Lichter der Stadt hinunter.
Das Kamerateam, das sichtlich froh zu sein schien diesen endlos langen Tag hinter sich gebracht zu haben, verschwand eilig im Haus. Wahrscheinlich wollten sie dringend die schwere Kamera los werden und die Beine hochlegen.
„Wir sollten vielleicht auch langsam rein gehen,“ brach Nick schließlich als erster das Schweigen.
„Klar,“ nickte Sam, machte aber keinerlei Anstalten sich zu bewegen.
Nick kicherte neben ihr leise. „Dazu müssen wir aber aussteigen.“
„Du zu erst,“ grinste Sam.
„Nö,“ entgegnete er und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
Wieder schwiegen sie, wobei Sam dies nicht als unangenehm empfand. Sie hatten heute so viel geredet, dass sie es jetzt genoß einfach nur hier zu sitzen und ihre Gedanken schweifen zu lassen.
„Das war wirklich ein schöner Tag,“ hörte sie Nick sagen und als sie zu ihm hinüber blickte, starrte er gedankenverloren und mit einem Lächeln auf den Lippen hinaus in die dunkle Nacht. „Ich freue mich schon auf die Modenschau. Gerry Mantile ist ja schließlich dafür bekannt, tolle Partys zu geben.“
„Gerry Mantile?“ fragte Sam überrascht. „Der Gerry Mantile?“
„Uhm ... ja ... ,“ entgegnete Nick und ein schuldbewußter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, den Sam im ersten Moment nicht deuten konnte.
„Ihr seid zu seiner Modenschau eingeladen?“ fragte Sam deshalb unbehaglich weiter.
„Uhm ... das ist nicht ganz korrekt ... wir alle sind ... also ... eingeladen.“
„Was bedeutet „wir alle“ ?“ hakte Sam nach, obwohl sie im Grunde schon wußte was jetzt kam.
„Nun ja ... also ... du sollst auch mitkommen.“ Nick wagte scheinbar nicht, sie anzusehen und sie konnte sich auch sehr gut vorstellen warum.
„Ich werde nicht mit da hin gehen,“ sagte sie fest. Alleine bei dem Gedanken daran, sich zwischen diesen ganzen wichtigen Menschen und denen, die es gerne sein wollten, zu bewegen wurde ihr übel.
„Ich befürchte, du wirst leider nicht drum rum kommen,“ gab Nick leise zu.
„Wieso nicht?“
„Henry hat ... also ... er ist der Meinung, dass es langsam Zeit wird, unsere Beziehung offiziell zu machen.“
„Haben wir das heute nicht schon am Strand erledigt?“ fragte sie nach und spürte, wie ihr Herz ein paar Takte schneller zu schlagen begann und sich ihre Hände unbewußt zu Fäusten ballten. Schon wieder wurde über ihren Kopf hinweg über ihr Leben bestimmt und wieder einmal hatte Nick dies gewußt und nicht verhindert.
„Das ist etwas anderes,“ er schien sich nun doch entschlossen zu haben, ihr offen gegenüber zu treten, denn er riß seine Augen von dem Ausblick vor sich los, drehte sich etwas in seinem Sitz und sah Sam nun direkt an. „Wenn ein paar Fans Fotos machen, ist das eine Sache, wenn wir aber vor die versammelte Presse treten und uns ablichten lassen, hat das viel mehr Gewicht.“
Fassungslos starrte sie ihn an und plötzlich raste ein Verdacht durch ihren Kopf, der sie ganz schwindlig machte.
„Wessen Idee war dieser heutige Tag?“ fragte sie leise.
Nick brauchte eigentlich nichts mehr zu sagen. Seine Ohren wurden augenblicklich knallrot und er wich ihrem durchdringenden Blick aus.
„Die deines Produzenten, richtig?“ setzte sie hinterher, da offensichtlich war, dass Nick nicht auf ihre Frage antworten wollte.
Er nickte langsam und betrachtet dabei interessiert das Ablagefach zwischen ihnen. Doch diese eine Geste schmerzte mehr, als alles, was er hätte sagen können. Also hatte dieser ganze Tag heute auch zu ihrem Schwindel gehört. Alles was er gesagt und getan hatte, war eine Lüge gewesen. Das Eisessen, ihre Gespräche am Strand, das Essen, die Kette ... sie schluckte hart und nickte dann langsam.
„Alles klar,“ stieß sie hervor, öffnete dann die Wagentür und stieg hastig aus.
„Sam warte,“ rief er, noch bevor er die Wagentür richtig geöffnet hatte, doch sie war bereits auf dem Weg zur Haustür. Sie wollte nur noch weg von ihm. Wie hatte sie so blöd sein und auch nur eine Sekunde glauben können, dass er sie tatsächlich ein bißchen gern hatte? Wieso hatte sie geglaubt, dass er es ernst meinte als er ihr zu Anfang sagte, dass er diesen Tag genießen wollte, ohne an irgendwelche Verpflichtungen zu denken?
„Sam, bitte,“ hörte sie ihn, Sekundenbruchteile bevor er sie sanft am Arm faßte und sie damit zwang stehen zu bleiben.
„Laß mich,“ schleuderte sie ihm entgegen und versuchte sich aus seiner Umklammerung zu befreien.
„Bitte. Jetzt mach doch nicht so einen Aufstand. Ich ... ,“
„Aufstand? AUFSTAND? Verdammt Nick. Du hast mich die ganze Zeit angelogen.“
„Das ist nicht wahr,“ verteidigte er sich, doch sie glaubte ihm kein Wort. „Nur weil Henry die Idee hatte, habe ich doch nicht ... ,“
„Und was war das, als ich dich gefragt habe, ob du das Restaurant auch geplant hast? Nur um es dir noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Du hast gesagt „wenn wir schon mal einen Tag zusammen verbringen, überlasse ich nichts dem Zufall.“. War es nicht so?“
„Ja, aber ... ,“
„Und wahrscheinlich war das noch nicht einmal gelogen. Dieses ganze nette Getue und ... und ... überhaupt.“
Sie konnte förmlich dabei zusehen, wie die Wut in ihm hochkochte und langsam aber sicher von jeder Faser seines Körpers Besitz ergriff. Gut, dann hatte er wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon, wie sie sich gerade fühlte.
„Jetzt halt aber mal die Luft an,“ giftete er schließlich. „Ich habe dich nicht hintergangen oder so. Gut, ich hätte dir das mit Henry und dem Tag und der Modenschau sagen sollen, aber du weißt doch genau so gut wie ich, was wir hier abziehen, oder? Ein Spiel. Nichts weiter. Und warum sollten wir uns dabei nicht amüsieren dürfen?“
„Oh, amüsieren nennst du das? Nettigkeit heucheln? Geschenke machen, nur weil dein Produzent dir das sagt? Aber die Achterbahn hast du leider verpaßt. Tut mir leid,“ schleuderte sie ihm entgegen.
„Na und? So wie ich das sehe, profitierst du von diesem Tag genau so sehr wie ich.“
„Na da bin ich aber mal gespannt!“ Wütend funkelte sie ihn an, während sie nur mühsam die Tränen der Wut und Enttäuschung zurück halten konnte.
„Hier geht es auch um deinen Sohn, schon vergessen?“
„Um Josh? Nein Nick. Hier geht es einzig und alleine um dich. Ich bin Josh noch keinen Schritt näher als vorher, während die Einschaltquoten dieser beschissenen, überaus romantischen Folge deiner dämlichen Serie in die Höhe klettern werden.“
„Keinen Schritt näher?“ ereiferte sich Nick wutentbrannt. „Du hast wohl vergessen, dass wir darüber gesprochen haben, dass ... ,“
„Ohhh jaaaa. Im Töne spucken bist du immer ganz groß, nicht wahr?“ gab Sam ungerührt zurück.
„Sag mal ... hast du sie noch alle?“
Sie wollte verletzen. Sie wollte ihn schlagen, kratzen, beißen, treten, weil er sie angelogen und ihr Gefühle vorgespielt hatte, wo keine waren und weil er sie wie eine Idiotin da stehen ließ. Deshalb preschte sie ohne Rücksicht auf Verluste vorwärts.
„Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, aber Mr. Carter denkt doch immer nur an sich. Das weiß doch jeder. Lippenbekenntnisse Nick, zu mehr bist du nicht fähig.“
Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, er presste die Lippen so fest aufeinander, dass nur noch zwei kleine, weiße Striche zu sehen waren und seine Hände öffneten und schlossen sich in schnellem Rhythmus.
„Das Ticket nach Washington wird morgen gebucht und du kannst deinen Anwalt anrufen, dass er einen Verhandlungstermin festsetzt. Wir werden zu dieser beschissenen Modenschau gehen und so aussehen, als hätten wir uns furchtbar lieb und dann – hoffentlich – können wir jeder wieder unsere eigenen Wege gehen. Ich für meinen Teil halte das für einen fairen Deal.“
„Seit wann bist du fair?“ gab sie spitz zurück, entwand ihm endlich ihren Arm und stürmte Richtung Haustür.
„Was hast du denn erwartete?“ rief er ihr hinterher und versetzt ihr dann mit seinem letzten Satz auch noch den Todesstoß. „Hast du wirklich geglaubt, ich hätte dich gern?“
Sie schaffte es gerade noch mit zitternden Fingern die Tür zu öffnen und hindurch zu schlüpfen, dann kullerten die ersten Tränen über ihre Wangen.
Die Hunde begrüßten sie laut bellend und sprangen aufgeregt um sie herum, doch sie würdigte sie heute keines Blickes. Alles was sie wollte, war in ihrem Zimmer zu verschwinden und zu sterben.
Sie hatte ihre Tür beinahe erreicht, als Aaron und BJ aus dem Wohnzimmer gelaufen kamen.
„Hey! Hattet ihr einen schönen ... ,“ setzte Aaron an, doch Sam unterbrach ihn. „Ja super,“ giftete sie, dann verschwand sie in ihrem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
Gleich darauf hörte sie, wie Nick das Haus betrat.
„Was ist denn mit euch los?“ hörte sie BJ fragen.
„Nichts,“ gab Nick unwirsch zurück und gleich darauf verriet ihr das laute Schlagen der Tür, dass er sich ebenfalls in seinem Zimmer verbarrikadiert hatte.
Ihre Knie begannen zu zittern und knickten einfach unter ihr ein. Langsam rutschte sie an der Tür hinunter, vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte hemmungslos, während Nicks Stimme in ihrem Kopf widerhallte.
Hast du wirklich geglaubt, ich hätte dich gern?

Kapitel 37