Kapitel 35
Langsam neigte sich der Tag seinem Ende zu und die Sonne stand bereits als roter Feuerball tief am Horizont. Nick befand sich immer noch mit Sam am Strand. Er hatte sich irgendwann lang ausgestreckt und den Kopf in ihren Schoß gebettet. Nun genoß er das Gefühl ihrer warmen Hand, die locker auf seiner Brust lag und ihre Finger, die immer wieder selbstvergessen durch sein Haar fuhren als hätten sie noch nie etwas anderes getan.
Fasziniert und leicht schläfrig bestaunte er das Farbenspiel des Himmels. Rot- und Violetttöne vermischten sich mit dem ersten Grau der nahenden Dunkelheit und ein letzter Streifen gleißender Helligkeit versank langsam aber sicher im Meer.
Das laute Knurren von Sams Magen holte ihn schließlich in die Wirklichkeit zurück.
Klingt, als hättest du ne ganze Bärenfamilie da drin versteckt, grinste er zu ihr auf.
Sie kicherte leise. Kann schon sein. Auf jeden Fall ist der Hot-Dog schon seit ner ganzen Weile vollständig verdaut.
Also essen?
Ja ... uhm ... nein ... ich weiß nicht ... , sie lachte. Tut mir leid. Ich habe das Gefühl ich wache gerade aus einer Art Trance auf. Es ist so wunderschön hier.
Ja, das stimmt, pflichtete er ihr bei und konnte seinen Blick nicht von ihrem Gesicht abwenden, das durch die leuchtenden Farben des Sonnenuntergangs einen goldenen Schimmer angenommen hatte.
Aber wenn wir nicht bald gehen, falle ich dir vor Hunger um, gestand sie zerknirscht.
Also gut. Essen, stellte er fest und richtete sich widerwillig und mit steif gewordenen Gliedern auf. Wie kann es eigentlich sein, dass wir einen ganzen Tag in Santa Barbara verbracht haben und noch nicht einmal mit der Achterbahn gefahren sind? fragte er, während er leise ächzend aufstand, sich den Sand von den Kleidern klopfte und ihr dann die Hand entgegenstreckte um ihr aufzuhelfen.
Ehrlich gesagt reicht mir die tägliche Achterbahnfahrt zu Hause voll und ganz. Ich fand es ... sehr schön. Bei ihrem letzten Satz war Sams Stimme immer leiser geworden, so als sei sie sich bei jedem Wort unsicherer geworden, ob sie es wirklich aussprechen sollte.
Ja, das fand ich auch, nickte er mit einem warmen Lächeln.
Sie suchten ihre Schuhe zusammen und schlenderten dann Hand in Hand auf die Promenade zu, die sich inzwischen merklich geleert hatte. Immer noch waren jede Menge Menschen unterwegs, doch die Hektik und das Gedränge des Tages hatte sich zurück gezogen und einer gemütlichen, entspannten Atmosphäre platz gemacht. Vielleicht lag das aber auch an ihm selbst, überlegte Nick, zumindest schien es ihm, als würde ihn im Moment selbst die Nachricht des bevorstehenden Weltuntergangs nicht erschüttern können.
Sie behielten ihre Schuhe in den Händen und wanderten langsam über die von der Sonne noch angenehm warmen Holzbohlen.
Wo gehen wir hin? fragte Sam nach einer Weile.
Überraschung, lächelte Nick.
Du hast auch das bereits geplant? fragte sie ungläubig.
Nicks Magen krampfte sich bei ihren Worten unbehaglich zusammen, erinnerten sie ihn doch daran, dass genau genommen nicht er diesen Tag organisiert hatte, sondern Henry. Es war noch nicht einmal seine Idee gewesen hier her zu kommen und er hatte sich bis zuletzt gegen den Vorschlag gesträubt, mußte aber im Endeffekt kleinbei geben.
Nun ja ... ich dachte, wenn wir schon mal einen Tag zusammen verbringen, sollte ich nichts dem Zufall überlassen, log er und wagte es dabei nicht, sie anzusehen.
Wow. Ich bin beeindruckt Nick Carter. Und das schaffen nicht all zu viele.
Ach was, wehrte er ab und war mehr als erleichtert, als vor ihnen die hellerleuchteten Fenster des Restaurants auftauchten, in dem Henry einen Tisch für sie reserviert hatte.
Bevor sie die drei Stufen zu der ausladenden Terrasse hinaufstiegen, schlüpften sie wieder in ihre Schuhe und Nick vergewisserte sich mit einem Blick über die Schulter, dass das Kamerateam noch anwesend war.
Ein Kellner führte sie durch ein Gewirr von Tischen, die bis auf den letzten Platz besetzt zu sein schienen, in den hinteren, ruhigeren Teil der Terrasse. Ihr Tisch befand sich direkt an der Brüstung, über die hinweg man auf den Strand und das dahinterliegende Meer blicken konnte, ein Windlicht flackerte in der Mitte des Tisches, große Holzkübel mit hohem Schilfgras trennte die einzelnen Tische voneinander ab und gewährten damit eine gewisse Privatsphäre.
Der Kellner rückte Sam den Stuhl zurecht und ließ sie dann mit den Speisekarten erst einmal alleine.
Nick beobachtete Sam verstohlen. Sie hatte die Karte zwar an sich genommen, doch sie starrte geistesabwesend und offensichtlich fasziniert hinaus auf das Wasser.
Ich glaube, sagte sie schließlich, während sie sich scheinbar widerwillig von dem Panorama löste ich könnte vom Meer niemals genug bekommen.
Das kann ich sehr gut verstehen, gab Nick zurück und schlug seine Speisekarte auf. Wenn es nach mir ginge, würde ich den Rest meines Lebens auf dem Wasser verbringen.
Wir könnten uns ein Hausboot kaufen, grinste Sam. Eine Woche wohnst du dort und eine Woche Josh und ich.
Und bevor er die Worte aufhalten konnte rutschte ihm ein Und warum wohnen wir nicht zusammen da? heraus.
Etwas irritiert sah sie zu ihm hinüber und er verfluchte sich innerlich. Was redete er da?
Ich glaube nicht, dass das gut gehen würde. Mal abgesehen davon, dass unsere jeweiligen Partner, wenn es denn irgendwann mal wieder welche geben sollte, damit garantiert nicht einverstanden wären.
Stimmt, nickte er schnell und tat dann so, als interessiere ihn im Moment nichts mehr als sein knurrender Magen und wie er diesen zu besänftigen gedachte. Innerlich schlug er sich mehrmals gegen die Stirn, schüttelte über sich selbst den Kopf und schimpfte sich einen Idioten.
Das ist nur ein Spiel verdammt noch mal. Wann begreifst du das endlich?
Sie einigten sich auf Fisch und einen leichten Weißwein und nachdem der Kellner ihre Bestellung entgegengenommen und mit den Speisekarten in der Hand wieder verschwunden war, tastete Nick vorsichtig nach der Schmuckschatulle in seiner Hosentasche. Aus den Augenwinkeln sah er, wie das Kamerateam, das an einem der Nebentische Platz genommen hatte, sich bereit machte. Gott sei Dank reichte das Licht der Dämmerung aus, um sie vor dem gleißenden Scheinwerferlicht zu bewahren.
Ich habe übrigens noch etwas für dich, sagte Nick mit einem breiten Grinsen und schob das schwarze Kästchen über den Tisch zu Sam hinüber.
Verdutzt huschte ihr Blick von ihm zu der Schatulle und wieder zurück zu ihm.
Aber ... ich meine ... du hast doch schon so viel ... also ... ,
Klappe und aufmachen, schmunzelte er und deutete auffordernd auf das Kästchen hinunter.
Seufzend ergab sie sich in ihr Schicksal und er sah erfreut, dass ihre Finger kaum merklich zitternden, als sie das Kästchen an sich nahm und es langsam aufklappte. Innen war die Schatulle mit rotem Samt ausgekleidet. Der runde Anhänger schimmerte sanft im Abendlicht, während Sam mit einem leisen Lächeln darauf hinunter blickte.
Ich hätte es wissen sollen, sagte sie schließlich kopfschüttelnd.
Es tut mir leid, aber ich konnte einfach nicht anders.
Es tut dir nicht leid, korrigierte ihn Sam schmunzelnd.
Vielleicht ein kleines bißchen, grinste Nick.
Hm. Immer noch hing ihr Blick an dem Schmuckstück und er konnte im Moment nicht sagen, welche Reaktion von ihr als nächstes auf ihn zukommen würde.
Vielleicht würde sie es gar nicht annehmen, weil sie es ja nicht brauchte, wie sie ihm bereits erklärt hatte. Oder sie würde böse auf ihn werden, weil er sich ihrem Wunsch so eindeutig widersetzt hatte. Oder ...
Er erschrak, als sich plötzlich eine Träne aus ihrem Augenwinkel löste und ganz langsam über ihre Wange hinunter rollte.
Was ... ? setzte er an, doch sie schüttelte abwehrend den Kopf.
Tut mir leid ... das ist wirklich ... ein ... ganz tolles ... G-Geschenk ... , quetschte sie hervor.
Aber ... , versuchte er es erneut und faßte über den Tisch hinweg nach ihrer Hand, die sie ihm allerdings sofort wieder entzog.
Es ist nur ... , sie schüttelte erneut den Kopf, klappte das Kästchen vorsichtig zu und kramte dann in ihrer Hosentasche nach einem Taschentuch.
Es ist nur ... ? hakte er sanft nach.
Es ist nur ... das ist ... ich meine ... , endlich hatte sie ein Taschentuch gefunden und während sie sich verstohlen die Nase putzte und sich dabei von ihm abwandte, wurde er beinahe wahnsinnig weil er nicht wußte, was er jetzt schon wieder falsch gemacht hatte.
Frauen! Nie konnte man es ihnen recht machen. Da hatte er gedacht, er mache ihr eine Freude und statt dessen brachte er sie zum weinen. Das sollte ihm bitteschön mal jemand erklären.
Als sie sich ihm schließlich wieder zuwandte, waren ihre Augen trocken aber gerötet und auch ihrer Nase sah man an, dass sie vor ein paar Sekunden noch geweint hatte. Doch sie schien sich wieder gefangen zu haben und Nick atmete innerlich erleichtert auf.
Weißt du, sagte sie leise während ihre Hände nervös mit dem Schmuckkästchen spielten und sie sich dabei nicht traute ihn anzusehen. Ich glaube, das war heute der schönste Tag meines Lebens. Ich meine ... ich ... kenne das gar nicht. Wir haben so viele schöne Dinge erlebt und haben am Strand gelegen und ... mit einander geredet und ... sind jetzt hier in diesem wunderschönen Restaurant und ... , sie deutete in einer hilflosen Geste auf die Schatulle hinunter ... jetzt hast du mir auch noch diese wunderschöne Kette geschenkt und ich weiß einfach nicht ... , sie schüttelte den Kopf, atmete einmal tief durch und hob dann langsam den Blick. Danke. Wirklich ... vielen, vielen Dank. Ich werde ... ich kann das nie wieder gut machen. Es war einfach ... ein ... rundum gelungener Tag und das, obwohl wir doch eigentlich ... , sie verstummte, weil sie sich scheinbar gerade des Umstands bewußt wurde, dass sie trotz der behaglichen Atmosphäre nicht alleine waren.
Ich verstehe ... , nickte Nick schnell, auch wenn sich ihm gerade bei ihrem letzten, halbfertigen Satz die Kehle zuschnürte.
Also nochmals ... vielen, vielen Dank, stieß sie noch einmal hervor, dann öffnete sie das Schmuckkästchen erneut. Ich glaube, jetzt gehts wieder, sagte sie und sah dann erneut zu ihm hinüber. Tut mir leid. Irgendwie war ich wohl ... uhm ... etwas überwältigt.
Sein Lächeln fühlte sich wie das Strahlen eines warmen Kaminfeuers an. Er wollte am liebsten über den Tisch springen, sie an sich ziehen, sie tief und innig küssen und nie wieder loslassen.
Stattdessen stand er langsam auf, ging um den Tisch herum und nahm die Kette von ihrem Samtbett. Mit den Händen hob sie ihr Haar an und er legte ihr vorsichtig die Kette um. Nachdem er eine Weile mit dem Verschluß zu kämpfen hatte, hatte er es schließlich geschafft ihn zu schließen und ohne darüber nachzudenken gab er einem inneren Impuls nach, beugte sich zu ihr hinunter und küßte zärtlich ihren warmen, weichen Nacken.
Er fühlte, wie sie erschauerte, dann ließ sie abrupt ihr Haar sinken und rückte resolut mit ihrem Stuhl ein Stück näher an den Tisch heran.
Trotzdem mußte Nick lächeln. Das hier war wahrscheinlich das verrückteste und chaotischste, was er jemals mit einer Frau veranstaltet hatte, aber wenn es nach ihm ging, konnte es ruhig noch eine Weile so weiter gehen. Irgend etwas lag in der Luft. Eine Veränderung in ihm und ihrem Spiel. Er wußte nur nicht so genau, ob sich das auch auf Sam bezog. Manchmal war er sich fast sicher, dass sie diese Veränderung auch spürte und dann war er wieder fest davon überzeugt, dass sie tatsächlich nur ihrem Sohn zuliebe mitmachte.
Wie auch immer ... die Kette hatte sie glücklich gemacht und auch wenn er nicht vorgehabt hatte, sie zum Weinen zu bringen, so war dieses Schmuckstück doch eine seiner wenigen, sinnvollen Investitionen der letzten Zeit gewesen. Und das war im Moment erst einmal alles was zählte.