Kapitel 34
Samantha war heilfroh, dass die Kameramänner sich zurück gezogen hatten und sie nun nicht mehr auf jede ihrer Gesten und Worte achten mußte. Sie hatte nicht gelogen, als sie Nick versicherte, dass sie damit klar kam, dass er eine berühmte Persönlichkeit war und die Mädchen scharenweise angerannt kamen um ihn zu berühren, sich mit ihm fotografieren zu lassen oder ein wenig mit ihm zu plaudern.
Trotzdem fühlte sie sich in dieser neuen Rolle mehr als unwohl. Die Aufmerksamkeit die ihr in diesen paar Minuten entgegengebracht worden war, empfand sie als unbegründet. Wäre sie an der Menge als ganz normaler Mensch vorbei gegangen, hätte sie niemand auch nur eines Blickes gewürdigt. Selbst wenn sie sich dazu gestellt hätte, wäre den meisten ihre Anwesenheit wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Sie wußte, dass man sie gerne und ständig übersah und diesen Umstand fand sie eigentlich ganz angenehm. Das hinderte die Menschen daran zu genau hinzusehen und vielleicht ihre Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten zu entdecken.
Doch jetzt hatte sie diesen Menschen eine Plattform geliefert. Sie kannten ihr Gesicht und ihren Namen und auch wenn dies natürlich nicht sehr viel war und nichts über ihre Persönlichkeit aussagte, war ihr auch klar, dass zukünftig Meinungen und Ansichten zu ihrer Person kursieren würden, die meilenweit von der Wahrheit entfernt lagen.
Als sie diesen Gedanken weiterspann, kam sie schließlich bei Joshua und Greg an. Was würden die beiden wohl denken, wenn sie sie auf einer Inernetseite entdeckten? Wenn sie darüber lasen, was sie angeblich getan oder nicht getan hatte? Wenn Einschätzungen ihrer Persönlichkeit durch die Medien geisterten, die jeder Grundlage entbehrten?
Würde Greg dies eventuell in ihrem Sorgerechtsstreit gegen sie verwenden? Würde er sich die Lügen zu Nutze machen um sie schlecht da stehen zu lassen?
Für einen Moment wurde ihr übel und sie unterdrückte einen tiefen Seufzer. Es war jetzt sowieso nicht mehr zu ändern, also sollte sie das beste daraus machen und nicht mehr länger darüber nachdenken.
An was denkst du? drang Nicks Stimme in ihre Gedanken.
Nichts, entgegnete sie abwehrend.
Du bist eine schlechte Lügnerin.
Ich weiß, gab sie zurück und starrte weiterhin auf das Wasser hinaus. Irgendwie vermittelte ihr das stetige Auf und Ab der Wellen das Gefühl, dass die Welt noch nicht ganz aus den Fugen geraten war und wie eine Ertrinkende klammerte sie sich daran fest.
Hey ... , seine Hand umfaßte ihr Kinn und zwang sie mit sanfter Gewalt dazu, ihn anzusehen. Was ist los?
Ich habe nur gerade ... daran gedacht ... , setzte sie an, doch Nicks Finger, die inzwischen sanft mit einer ihrer lockigen Haarsträhnen spielten, verwirrte sie viel zu sehr, als das sie etwas vernünftiges hätte herausbringen können. Also drückte sie seine Hand sanft zurück in seinen Schoß und setzte noch einmal neu an.
Ich habe nur gerade an Josh und Greg gedacht. Wie ... sie es wohl aufnehmen werden. Ich meine ... ich befürchte, Greg weiß noch nicht, dass wir zusammen sind ... also ... dass wir so tun als ob meine ich ... und Joshua ... kann das sowieso noch nicht verstehen.
Du machst dir Sorgen wegen dem Prozeß, stellte Nick fest und verblüfft schaute sie zu ihm auf. So viel Einfühlungsvermögen hatte sie ihm nicht zugetraut. Langsam nickte sie.
Hm ... , machte er, dann drehte er sich wieder zum Wasser, zog die Knie an und schlang seine langen Arme darum. Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht.
T-Tatsächlich?
Ja. Er wirkte amüsiert, nicht beleidigt, dass sie ihm dies so offensichtlich nicht zugetraut hatte. Ich denke, es wäre gut, wenn ich Joshua kennen lernen würde.
Bitte? Sams Magen verwandelte sich blitzartig in eine feste, unnachgiebige Masse und sie mußte mehrmals trocken schlucken, bis sie sich wieder in der Lage sah, einen Ton heraus zu bringen.
Das geht auf keinen Fall, sagte sie mit zitternder Stimme.
Wieso nicht? Aufmerksam sah Nick zu ihr hinüber.
Weil er zum einen in Washington D.C. lebt, zum anderen noch ein Kind ist, das wir nicht in dieses merkwürdige Spiel mit einbeziehen werden und zu guter letzt Greg ausflippt, wenn ich dich da mit anschleppe.
Der letzte Punkt ist mir total egal, gab Nick zurück und eine steile Falte des Mißfallens erschien zwischen seinen Augen. Dieser Typ hat dich behandelt wie den letzten Dreck, also kannst du das auch. Und Washington ist gerade mal drei Flugstunden von hier entfernt, das ist also auch kein Argument. Und was den Mittelteil anbelangt ... , er zögerte gerade so lange, dass sie dazu kam Luft zu holen, doch zum Aussprechen ihrer heftigen Widerrede kam sie nicht mehr. Denkst du nicht, dass es erstens für das Gericht glaubwürdiger aussieht, wenn ich bereits eine Beziehung zu deinem Sohn aufbaue, der ja dann zukünftig irgendwie auch meiner sein wird?
Und zweitens finde ich es nur fair Josh gegenüber, wenn er mich mal zu Gesicht bekommt und nicht von allen Seiten irgendwelche Geschichten über mich zu hören kriegt, sei es nun von dir oder deinem Ex oder sonst irgendeinem Menschen der meint etwas über mich zu sagen zu haben.
Und drittens denke ich, dass ich ein Recht darauf habe den kleinen Jungen kennenzulernen, wegen dem wir das alles hier tun.
Mit offenem Mund und großen Augen starrte Sam zu Nick hinüber. Das konnte doch nicht sein ernst sein! Ihr Plan hatte sich bisher auf sie beide beschränkt - Nick und Sam, die für die gesamte restliche Welt eine Lovestory aufführten. Joshua war lediglich als Randfigur darin vorgekommen. Sie konnte unmöglich verantworten, dass er da mit hineingezogen wurde.
Nein Nick. Beim besten Willen, das geht nicht.
Denk doch wenigstens mal darüber nach, beharrte Nick. Wir werden das ohne Kameras durchziehen. Wir nehmen uns zwei Tage frei, fliegen nach D.C., statten Greg und dieser komischen Viola einen Besuch ab, nehmen Josh auf einen Ausflug mit und lernen uns ein bißchen kennen. Und du hättest endlich wieder Gelegenheit ihn zu sehen und in die Arme zu schließen.
Ein riesiger Kloß bildete sich augenblicklich in Sams Hals, als sie nur daran dachte, wie sie den kleinen Körper an sich drückte, ihre Nase in seinem weichen Kinderhaar versenkte und wie seine Stimme so nahe an ihrem Ohr und nicht durch einen Telefonhörer verzerrt klang.
Das ist nicht fair, flüsterte sie, während sie mit aller Macht versuchte die Tränen zurück zu halten.
Doch, das ist fair, sagte Nick leise und griff nach ihren eiskalten Händen. Du und Josh, ihr habt es verdient glücklich zu sein. Und ich möchte euch dabei helfen und ihn kennen lernen. Was ist daran so verkehrt?
Alles und nichts, würgte sie hervor, was Nick ein sanftes Lächeln entlockte.
Stell dir vor, was auf den Kleinen jetzt zugerollt kommt. Wäre es da nicht besser, wenn er von uns beiden darauf vorbereitet würde? Und das ohne, dass Greg oder Viola dabei sind und ohne, dass tausende von Kilometern zwischen euch liegen.
Nick hatte recht. Und alleine dieser Umstand verursachte ihr Übelkeit. Sein Vorschlag war genau so falsch wie er richtig war. Natürlich mußte sie Joshua schonend beibringen, was in naher Zukunft auf ihn zukam. Das konnte sie auf keinen Fall Greg überlassen und das konnte sie auch nicht am Telefon regeln.
Doch ihr wäre es lieber gewesen, wenn sie dabei nicht auch noch Nick im Schlepptau hatte. Das machte die ganze Sache nur noch komplizierter.
Denk darüber nach, wiederholte Nick und lächelte ihr aufmunternd zu. Ich verspreche auch, mich anständig zu benehmen. Joshua wird mich lieben.
Sam wußte nicht, was schlimmer war: Die Vorstellung, dass Joshua Nick entgegen dessen Überzeugung rundheraus ablehnen könnte, oder dass er ihn tatsächlich lieb gewann und irgendwann damit konfrontiert wurde, dass er einem Schwindel aufgesessen war.