Kapitel 33

Nick fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Die Sonne wärmte sein Gesicht, die leichte Briese vom Meer spielte mit seinem Haar und neben ihm lief Sam, die immer wieder interessiert an einem der Marktstände oder Schaufenster stehen blieb und die Auslagen musterte. Erst jetzt wurde ihm bewußt, wie sehr er diesen Tag am Meer gebraucht hatte und wie viel Druck eigentlich auf seinen Schultern lastete: Die Arbeit an gleich zwei Alben, die Verantwortung für seine Geschwister und dann noch das Schauspiel, das er mit Sam veranstaltete. Kein Wunder, dass er unbedingt einmal raus musste.
Und wenn er ehrlich war, konnte er sich keine bessere Begleitung vorstellen.
Sam war witzig und aufmerksam und es schien ihm, als ginge sie heute das erste Mal ein bißchen aus sich heraus. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er an ihr gemeinsames Eisessen dachte. Die Idee, sie auf diese Art und Weise zu füttern war ihm ganz spontan gekommen und es hatte ihn überrascht, wie bereitwillig sie mitgemacht hatte. Seine Magenwände kribbelten, als er an ihre erwartungsvoll geöffneten Lippen dachte. Tatsächlich hatte er sich ganz schön beherrschen müssen, um sie nicht sofort und auf der Stelle tief und innig zu küssen und noch im Nachhinein beglückwünschte er sich dazu, es nicht getan zu haben. Er hätte sie damit nur verschreckt.
Erneut hielt Samantha vor der Auslage eines Geschäftes inne und als er einen Blick über ihre Schulter warf, blickte er in das Schaufenster eines Juweliers. Aufmerksam beobachtete er ihr Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelte. Ihre Augen schienen wie festgewachsen an einer Silberkette zu hängen. Der Anhänger war kreisrund mit einem Loch in der Mitte. Die eine Hälfte war matt geschliffen, die andere glänzte silbrig in der Mittagssonne. Sie war schlicht und dabei doch elegant und Nick fand, dass sie damit hervorragend zu Sam passte.
„Gefällt sie dir?“ fragte er nahe an ihrem Ohr.
„Hm,“ nickte sie abwesend, dann wandte sie sich ab und wollte weiter gehen, doch Nicks Hand, die immer noch wie selbstverständlich ihre Finger umschloss, hielt sie zurück.
„Dann laß sie uns kaufen.“
Stirnrunzelnd starrte sie zu ihm auf. „Nur weil sie mir gefällt, mußt du doch nicht gleich in den Laden stürmen.“
„Ich würde dir aber gerne eine Freude machen,“ entgegnete er, was ein sanftes Lächeln auf ihr Gesicht zauberte.
„Das ist wirklich lieb von dir, aber ich brauche sie nicht.“
„Ich kaufe dauernd Sachen, die ich eigentlich nicht brauche,“ schmunzelte Nick amüsiert.
„Das mag ja für dich zutreffen, weil du dir keine Gedanken über Geld machen mußt, aber ich für meinen Teil bleibe lieber bei der Einstellung mir nur das zuzulegen, was ich wirklich brauche. Ganz abgesehen davon waren die vielen Klamotten schon unnötig und teuer genug.“
Nick schüttelte den Kopf. „Darüber haben wir doch jetzt auch schon lange und breit diskutiert. Ich tue das gerne, okay? Das ist ...,“
„Ja, ja,“ winkte Sam ab „ich weiß. Laß uns nicht schon wieder davon anfangen und lieber weiter gehen. Und wenn du schon so sehr darauf aus bist für mich Geld auszugeben, dann kauf mir lieber einen ordentlichen Hot-Dog, ich bin nämlich am Verhungern.“
„Das ist nicht das Selbe,“ maulte Nick, ließ sich aber widerstrebend von Sam die Promenade weiter hinunter ziehen. Keine fünf Meter weiter kaufte er dann zwei riesige Hotdogs mit allem Drum und Dran und sie verzehrten sie in einträchtigem Schweigen auf einer Bank mit Blick aufs Meer.
Als Sam schließlich fünf Papierservietten verbraucht hatte um sich einigermaßen von den Ketchup- und Mayonaiseresten zu säubern, entschuldigte sie sich mit dem Hinweis, sie würde sich in diesem Gewühl mal nach einer Toilette umsehen und Nick solle ja nicht weg laufen.
Kaum hatte er sie in dem Gedränge auf der Promenade aus den Augen verloren, stand er auf und hastete zurück zu dem Schmuckgeschäft. Vielleicht war sie der Meinung, die Kette nicht zu brauchen, aber er wollte sie unbedingt haben. Damit würde sie leben müssen.
Als er wieder aus dem Laden trat, schärfte er dem Kamerateam ein, was sie erwartete, wenn sie Sam auch nur ein Sterbenswörtchen über seinen Einkauf verrieten und die drei Männer beeilten sich, ihm ihr Stillschweigen zu versichern.
Als Sam schließlich nach einer Ewigkeit zu ihm zurück kehrte, saß er wieder auf der Bank als sei er nie weg gewesen und die längliche Schatulle steckte in der Gesäßtasche seiner Jeans. Er hatte sein T-Shirt darüber gezogen, damit sie sie nicht gleich entdeckte und er freute sich schon jetzt auf ihr Gesicht, wenn er sie ihr später überreichen würde.
Satt und zufrieden setzten sie ihren Weg schließlich fort. Doch sehr weit kamen sie nicht.
„Nick?? Nick Carter!“ hörte er eine weibliche Stimme hinter sich. Es hatte ihn sowieso schon gewundert, dass er noch nicht erkannt worden war, doch nun war die Schonfrist eindeutig vorbei. Unbehaglich fragte er sich, wie Sam wohl darauf reagieren würde. Erfreut würde sie jedenfalls nicht sein, dessen war er sich sicher.
Gleich darauf sah er sich drei braungebrannten Mädchen in engen, bunten Bikinis gegenüber und er setzte gewohnheitsmäßig sein Fan-Lächeln auf. Im selben Moment spürte er, wie Sam ihm ihre Hand entzog und als er aufsah, hatte sie sich bereits zu einem der nächstgelegenen Geschäfte zurück gezogen und betrachtete interessiert die Auslagen.
„Können wir ein Foto haben?“
„Wann kommt denn das neue Album?“
„Hast du was von AJ gehört? Wie geht es ihm?“
Die Fragen prasselten in schneller Folge auf ihn ein, während er nacheinander einen Arm um die Schultern der Mädchen legte und sich mit ihnen fotografieren ließ.
„Klar ... im Frühjahr wahrscheinlich ... nein, aber es geht ihm sicherlich gut ... ,“ und so weiter und so fort.
Durch den Mut der drei Mädchen angesteckt, kamen nun noch mehr Fans auf ihn zu. Er schrieb Autogramme, lächelte in diverse Kameras und warf ab und an einen Blick zu Sam hinüber, die sich mittlerweile gegen die Hauswand gelehnt hatte und ihn beobachtete.
Irgendwann fiel einem der Mädchen scheinbar auf, dass er nicht ganz bei der Sache war.
„Ist ... uhm ... sie ... deine neue Freundin?“ fragte sie etwas schüchtern und deutete zu Sam hinüber.
„Ähm ... ja,“ nickte er zögernd. „Und ehrlich gesagt wollten wir unseren freien Tag genießen. Also ... wenn ihr nichts dagegen habt ... wir müssen dann langsam weiter.“
„Sicher,“ nickte das Mädchen sofort, hob im selben Atemzug ihre Kamera und schoß ein Foto von Sam, die erschrocken zusammenzuckte und sich angespannt aufrichtete.
„Sam?“ rief Nick ihr zu und streckte die Hand in ihre Richtung aus. „Laß uns weiter gehen.“
Sie nickte langsam, kam dann zögernd auf ihn zu und ergriff seine Hand.
„Sam?“ fragte eines der Mädchen lächelnd, während sie ihr die Hand entgegen streckte. „Freut mich dich kennen zu lernen.“
„Gleichfalls,“ nickte Sam und ergriff die ihr dargebotene Hand, doch ihr Lächeln wirkte dabei mehr als angespannt.
„Habt noch einen schönen Tag,“ verabschiedete Nick sich schließlich.
„Moment! Nur noch ein Foto,“ rief eines der Mädchen.
Es klickte zwei Mal, dann winkte Nick zum Abschied und zog Sam hinter sich her durch den Pulk.
„Was war denn das?“ fragte Sam, als sie außer Hörweite waren.
„Ach. Nur der alltägliche Wahnsinn,“ bemerkte Nick.
Der Tag kam ihm plötzlich gar nicht mehr so strahlend vor. Die Katze war aus dem Sack. Innerhalb von wenigen Stunden würde sich der Umstand, dass er eine neue Freundin hatte, im Internet verbreiten. Bald würde die Presse davon Wind bekommen und das machte die ganze Situation nicht gerade leichter.
„Geht das jeden Tag so?“ fragte Sam weiter.
„Mal so mal so,“ gab Nick schulterzuckend zurück. „Hier sind viele Menschen, da ist es wohl normal, dass irgendwann jemand auf mich zukommt.“
„Und nur die hübschen Mädchen,“ grinste Sam.
„Hm,“ gab er unbestimmt zurück.
Die nächsten Schritte schwiegen sie, dann fragte Sam plötzlich „alles in Ordnung?“
„Klar,“ nickte Nick und versuchte zu lächeln.
„Du wirkst aber nicht so.“
„Es ist nur ... ,“ er schüttelte den Kopf. „Jetzt ist es offiziell, weißt du?“
„Was ist offiziell?“
„Das mit uns.“
Abrupt blieb sie stehen und starrte ihn aus großen Augen an.
„Wie meinst du das?“
„Du weißt nicht viel über Popstars und ihre Fans, hm?“ bemerkte Nick gutmütig.
„Nein, das muß wohl bisher an mir vorbei gegangen sein,“ gab Sam zu.
Nick seufzte. „Laß uns zum Strand runter gehen. Könnte sein, dass du dich setzen mußt.“
„Wie aufbauend,“ gab Sam ironisch zurück, folgte ihm aber anstandslos einige Holzstufen hinunter, die direkt auf den weichen, warmen Sandstrand führten.
In der Nähe der heranrollenden Wellen ließen sie sich im Sand nieder, zogen ihre Schuhe aus und sahen dann eine Weile schweigend hinaus auf das Wasser. Das Kamerateam nahm ein Stück von ihnen entfernt Aufstellung und ließ gnadenlos die Kamera laufen.
Die Geräusche um sie herum waren hier angenehm gedämpft. Sie hatten das Stimmengewirr der Promenade genau so zurück gelassen, wie die verschiedenen Essensgerüche und die Enge der Menschenmasse. Hier beherrschte das Rauschen der Wellen die Luft und die salzige Briese, die ihnen um die Nase wehte, machte Nick auf eine angenehme Art friedlich..
„Also?“ fragte Sam schließlich.
„Nun ja ... wo soll ich anfangen?“ begann er zögernd. „Das sind eben meine Fans. Sie hören meine Musik, sie hängen sich mein Gesicht an die Wand und sie ... wissen meistens viel zu viel,“ ein wehmütiges Grinsen huschte dabei über sein Gesicht. „Ich liebe meine Fans. Sie unterstützen mich und meine Musik wo es nur geht. Ohne sie wäre ich nichts. Aber manchmal ... nun ja ...,“ er zuckte mit den Schultern und überlegte, wie er Sam die Situation am besten erklären sollte. „Stell es dir als eine Art Netzwerk vor. Sie haben Fotos gemacht. Von mir und auch von dir. Sie werden irgendwann nach Hause fahren, sie auf ihren PC hochladen und sie in Foren oder auf Homepages online stellen. Dann kann sie jeder auf der ganzen Welt sehen. Somit ... sind wir jetzt hochoffiziell und noch vor dem Start der Serie ein Paar.“
Er sah zu ihr hinüber. Ihr Gesicht war ausdruckslos und starr auf das Wasser gerichtet. Er konnte nicht erkennen was sie dachte und dieser Umstand machte ihn etwas nervös.
„Das ist unheimlich,“ sagte sie schließlich und drehte den Kopf in seine Richtung.
„Ich weiß,“ nickte er.
„Und ... nun ja ...,“ sie stockte kurz und er sah, wie sich ihre Wangen mit einer leichten Röte überzogen. „Was ... glaubst du ... werden sie ... über mich sagen?“
„Nicht die Wahrheit, so viel ist sicher,“ gab er offen zu.
„Hm,“ nickte Sam und wandte den Blick wieder von ihm ab. „Sag mir bitte noch einmal, warum ich das alles hier tue,“ bat sie schließlich.
„Weil du deinen Sohn wieder haben willst,“ sagte Nick leise und legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter, ließ sie weiter über ihren Nacken hinüber auf die andere Schulter gleiten und zog sie dann sanft an sich.
„Stimmt,“ murmelte sie, während sie ihren Kopf an seine Schulter sinken ließ.
Erneut verfielen sie in Schweigen.
„Ändert das etwas?“ fragte Nick schließlich.
„Woran?“
„An unserem Plan.“
Sie überlegte nicht einmal eine Sekunde. „Nein.“
„Das ist gut.“
Sie richtete sich in seinen Armen auf und sah mit einem Lächeln auf ihn hinunter. „Hast du gedacht ich würde die Beine in die Hand nehmen und davon laufen?“
„So etwas in der Art, ja,“ gab er zu.
„Hm ... weißt du ... es gehört ja nun mal zu dir. Irgendwie. Ich muß es nicht mögen und es wäre mir recht, wenn ich demnächst nicht mehr für irgendwelche Fotos posieren müßte, da ich absolut unfotogen und nicht darauf scharf bin, dass mein Konterfei in den Weiten des Internets herumgeistert. Trotzdem ... ,“ sie zuckte mit den Schultern. „Es ändert dich nicht.“
„Es hat mich bereits verändert,“ sagte er leise.
„Ich weiß,“ nickte sie und das warme Lächeln, das sie ihm dabei schenkte, machte ihn ganz schwindelig.
Er hatte sie vollkommen falsch eingeschätzt, sich wie alle anderen auch von ihrem eher durchschnittlichen Äußeren blenden lassen. Sie war nicht langweilig, sie war nicht zögerlich, sie war nicht ängstlich. Abgesehen vielleicht, wenn es um Gefühle und körperliche Nähe ging, aber das war eine andere Geschichte.
Sie war eine starke Persönlichkeit und sie stand mit beiden Beinen im Leben. Das war etwas, was er in dieser ausgeprägten Form noch nie an einer seiner Freundinnen erlebt hatte.
Seltsamer Weise zog ihn gerade diese Eigenschaft magisch an. Sie hatte sich eben weder übertrieben in den Vordergrund gedrängt, noch hatte sie sich geziert, als er sie zu sich gerufen hatte. Sie hatte ihm lediglich den Raum gegeben selbst zu entscheiden, ob er sie bereits jetzt in diesen Teil seines Lebens lassen wollte und mit neugewonnenem Respekt sah er sie an.
„Du bist wirklich erstaunlich, weißt du das?“ sagte er mit belegter Stimme.
„Ich werde dich bei Gelegenheit daran erinnern,“ gab sie breit grinsend zurück und entlockte ihm damit ein leises Schmunzeln.
„Bleibt ihr noch eine Weile hier?“ hörten sie plötzlich die Stimme eines Kameramanns.
„Ich denke schon. Wieso?“ fragte Nick.
„Wir würden gerne etwas essen und das schwere Teil für einen Moment abstellen, wenn es recht ist.“
„Es ist sogar sehr recht,“ antwortete Sam an Nicks Stelle.
„Passt ihr einen Moment auf die Sachen auf? Wir sind gleich wieder da.“
„Klar,“ nickte Nick und befriedigt sah er den drei Männern nach, wie sie den Strand überquerten und die Stufen zur Promenade hinauf stiegen.
Wieder wesentlich entspannter wandte er sein Gesicht der Sonne zu und beobachtete eine Möwe, die hoch über ihnen in der Luft segelte. Fast fühlte er sich ein wenig wie sie: frei und sorglos und mit dem richtigen Landeplatz an seiner Seite, wenn der Sturm nahte.

Kapitel 34